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    Fußball: Bundesliga

    Marcel Reif: Warum die Geisterspiele wichtig sind

    Der Sportjournalist und Fußballkommentator über die Fortsetzung der Bundesligasaison, das Signal für die Gesellschaft und die Zukunft des deutschen Volkssports.
    Marcel Reif meint, die Fortsetzung der Fußball-Bundesligasaison sei alternativlos.
    Marcel Reif meint, die Fortsetzung der Fußball-Bundesligasaison sei alternativlos. Foto: Natalie Gress

    Marcel Reif, 70, war jahrzehntelang meinungsstarker und bemerkenswert sprachgewandter - und deshalb auch umstrittenster - deutscher Fußball-Kommentator. Er arbeitet für einen Schweizer Pay-TV-Sender, und er ist gerne eingeladener Gast in zahlreichen Talkshows im deutschen Fernsehen. Ein Gespräch über die Fortsetzung der Bundesliga-Saison mit Geisterspielen und über die Zukunft des deutschen Volkssports.

    Spiele ohne Zuschauer - da blutet einem Fußballfan doch das Herz . . .

    Marcel Reif: Kein Mensch will das haben. Aber es ist alternativlos. Es bringt nix, Dinge zu diskutieren, die man nicht ändern kann. Wie bei allem in dieser Corona-Zeit: Es ist alles eine Frage der Abwägung. Niemand hat aktuell die absolute Wahrheit. Allerdings sprechen in diesem Fall entschieden mehr Argumente dafür weiterzumachen.

    Die Alternative wäre, darauf zu verzichten.

    Reif: Dann allerdings kannst du den Profifußball in Deutschland, wie wir ihn kannten, in großen Teilen vergessen. Das ist eine belastbare Rechnung, die die DFL aufgemacht hat: 13 von 36 Erst- und Zweitligisten würden das nicht überleben. Wenn man das will: Bitte sehr! Es gibt ja auch noch diese andere Diskussion: Der Fußball muss sich reformieren und so normalisieren. Ja - nur wenn man das nach dem Motto macht, Operation gelungen, Patient tot: Dann kann ich keinen Sinn darin finden.

    Kritiker sagen: Extrawürste für Millionäre - welches gesellschaftliche Signal sendet das denn aus?

    Reif: Da werden viele Sachen durcheinander geworfen. Das ist ungehörig. Dazu ist die Sache dann doch zu wichtig. Der Profifußball ist ein Industriezweig, und daraus macht er auch keinen Hehl. Und er hat die Voraussetzungen geschaffen, weitermachen zu können. Von der medizinischen und wissenschaftlichen Seite her, Arbeitsrechtler, die Versicherer, die die Fußballer absichern, die Gesundheitsämter - die mussten alle zustimmen. Und es ist ein Konzept entwickelt worden, das die Risiken der Fortführung beherrschbar erscheinen lässt. Niemand hat die absolute Weisheit bei Corona derzeit. Ich akzeptiere deshalb auch jeden, der sagt, das scheint mir zu riskant zu sein. Allerdings sehe ich keine Sonderbehandlung für den Berufszweig Berufsfußballspieler. All das, was da mit reinschwingt, die Millionarios, die mit Protzautos durch die Gegend fahren . . .

    . . . und Goldsteaks essen . . .

    Reif: . . . das ist ja alles richtig und auch zum Kotzen, wenn Sie das so von mir hören wollen. Aber das hat mit der Entscheidung weiterzumachen, nichts zu tun. Es ist zu billig, das durcheinander zu werfen. Damit kann ich nichts anfangen.

    "Die Ultras sind ein wichtiger, aber ein deutlich geringerer Teil der Menschen, die im Stadion sind."
    Marcel Reif, Fußballkommentator

    Also "Brot und Spiele". Aber wenn doch schon die Ultras, also diejenigen Fans, die immer zu jedem Spiel rennen, um ihren Verein zu unterstützen, sagen, sie wollen keine Geisterspiele: Entfernt sich der Volkssport Fußball dann jetzt nicht endgültig von seinen Wurzeln?

    Reif: Sie unterstellen nun den Ultras eine Bedeutung, die sie nicht haben. Die Ultras sind ein wichtiger, aber ein deutlich geringerer Teil der Menschen, die im Stadion sind. Es gibt Umfragen, die sagen, dass 70 bis 75 Prozent aller Deutschen Fußball sehen wollen, also die anderen Fans. Es kann nicht sein, dass die Ultras die Deutungsherrschaft für sich alleine beanspruchen. Es kann nicht sein, dass eine Minderheit, und zwar eine klare Minderheit, dem Rest vorschreibt, wie Dinge zu sehen sind. Wenn die Ultras das nicht wollen, dann können sie gerne wegbleiben und müssen nicht hinschauen.

    Fußball als Placebo fürs Volk . . .

    Reif: Die Deutschen sind doch kein Volk von Schwachsinnigen. Sie haben bewiesen, wie faszinierend diszipliniert sie diese Corona-Krise bisher gemeistert haben. Ich sage Ihnen: Die Menschen muss ich nun belohnen. Menschen, die seit Wochen zu Hause sitzen, denen muss ich irgendwann auch mal was fürs Gemüt und für die Seele geben. Nicht nur Brot. Nicht nur Angst um den Job und um Familienangehörige. Jeder Mensch braucht Ablenkung, weil er sonst psychisch krank wird, und diese Folgeerkrankungen sind noch viel zu wenig besprochen worden. Für zwei, drei Stunden sich mal mit was anderem wieder zu beschäftigen, dem ach so furchtbar umstrittenen Videobeweis oder der Auslegung der Handregel und all dem eigentlich herrlich unerheblichen Zeug, und erst dann wieder mit dem Ernst der Lage umzugehen - das halte ich für das Gebot der Stunde. Alles, was sich wissenschaftlich, medizinisch und ethisch verantworten lässt und als beherrschbares Risiko angesehen werden kann, muss an Lockerungen kommen. Wenn nicht, wird diese Gesellschaft auch psychisch krank. Ich sage nicht, dass sie am Fußball gesunden wird. Um Gottes Willen! Aber Fußball als Ablenkung mal für ein paar Stunden, das halte ich für gesellschaftlich durchaus relevant.

    Marcel Reif vor Jahren bei der Arbeit.
    Marcel Reif vor Jahren bei der Arbeit. Foto: Premiere_World

    Auch auf die Gefahr hin, dass Leute mit Sky-Abo bald Fußball-Corona-Parties mit Freunden feiern und sich bei den Spielen Hunderte vor dem Stadion treffen?

    Reif: Ja, weil es auch in einem freien Land Regeln gibt. Und wer sich nicht daran hält, macht sich strafbar. Sie können auch nicht sagen, ich fahre jetzt mal fröhlich über eine rote Ampel, weil mir gerade mal danach ist: Das ist ein Rechtsbruch. Ich sage doch nicht, dass das alles risikofrei ist und 100-prozentig gutgeht. Aber alles, was man dafür tun konnte im Vorfeld, hat man getan. Und das sage nicht ich allein, sondern Fachleute. Wenn jemand dieses zugegebenermaßen sensible und komplizierte Konstrukt bewusst zerstören will, wenn wir also zulassen, dass irgendwelche Kaputtmacher das Kommando übernehmen, wäre Corona noch schlimmer als ich bisher dachte. Aber die positiven Corona-Zahlen sind ja nicht vom Himmel gefallen und auch nicht von Politikern angeordnet worden, sondern die gibt es, weil sich die Menschen in allergrößter Mehrheit entsprechend den Regeln und Empfehlungen verhalten haben.

    Was wäre denn so schlimm daran, wenn diese hyperkommerzalisierte Blase Profifußball sich nun einmal ein bisschen gesundschrumpfen würde, wenn plötzlich weniger Geld in Umlauf ist?

    Reif: Gar nichts. Aber das Geld ist doch da! Das ist doch niemandem geklaut worden. Das ist doch das Vertrackte an der ganzen Geschichte: Man kann sich noch nicht einmal wirklich moralisch entrüsten! In München hat man über Jahrzehnte prima gewirtschaftet und sich über zig Mal Champions-League-Teilnahme ein Polster geschaffen. Die Kataris in Paris, die Emirate in Manchester, amerikanische Milliardäre in Liverpool, Fiat in Turin - die haben doch das Geld. Nur: Der Profifußball an sich ist obszön geworden. Ablösesummen, Beraterhonorare, Spielergehälter. Das ist in den Irrsinn abgedriftet. Die Großen werden das überleben. Meine These ist, und das werde ich noch erleben: Die großen Klubs werden in absehbarer Zeit in ihrer eigenen Superliga spielen, abgekoppelt von den nationalen Ligen.

    Kylian Mbappe ist einer der begehrtesten und teuersten Fußballer auf diesem Planeten.
    Kylian Mbappe ist einer der begehrtesten und teuersten Fußballer auf diesem Planeten. Foto: VALERY HACHE

    Für Fußball-Romantiker ein Greuel . . .

    Reif: Klar, aber die Großen werden weiter am Rad drehen wie vor Corona. Ich prophezeie Ihnen, dass Real Madrid, wenn es den jungen Mbappé aus Paris tatsächlich haben will, auch 200 Millionen Euro Ablöse zahlen wird. Trotz Corona. Das ist das, wenn Sie so wollen, so Abartige an der ganzen Geschichte - nur damit muss man sich abfinden. Das, was Sie als Blase bezeichnen, wird im oberen Sektor weiter funktionieren. Hat aber mit dem Fußball der Ultras oder mit der reinen Lehre nichts mehr zu tun. Das ist Unterhaltungsindustrie auf einem anderen Planeten. Darunter wird sich vieles verändern.

    Und wann bricht die stetig weiter aufgehende Schere endgültig auseinander?

    Reif: Ich mit meinen jetzt 70 Jahren werde es noch erleben, dass eine Superliga der Großen sich abspaltet, ohne Ultras . . .

    . . . für die VIPs in den Logen und jenen, die zu Hause vorm Fernseher sitzen und das Abo haben . . .

    Reif: . . . und für die, die ins Stadion gehen, um "nur" Fußball gucken zu wollen. Wie Theater, Oper, Show - und zwar die beste der Welt. Denn: Ein Mbappé oder ein Neymar, egal, was sie verdienen oder ob sie goldene Steaks essen - sie spielen den besten Fußball der Welt. Und werden entsprechend verdienen - wie Showstars, weil sie solche sind.

    "Auf Dauer macht es doch keinen Sinn, den FC Bayern und Paderborn in einer Liga gegeneinander antreten zu lassen."
    Marcel Reif, Fußball-Romantiker

    Und das kann man auch als Fußball-Liebhaber wie Sie emotionslos zur Kenntnis nehmen, wenn der großartige Volkssport so verraten und verkauft wird?

    Reif: Wird er ja nicht, gar nicht. Die einen spielen da oben Entertainment-Fußball. Und die anderen, von Würzburg über Ingolstadt bis zu Mönchengladbach und Frankfurt, spielen den Fußball, wie wir ihn bisher kannten. Und dann haben auch die Fans ihren Klub wieder. Auf Dauer macht es doch keinen Sinn, den FC Bayern und Paderborn in einer Liga gegeneinander antreten zu lassen.

    Es hat ja schon begonnen, dass nationale Ligen langweilig werden . . .

    Reif: Ich kann Ihnen sagen, wer in Deutschland Meister wird, wer in Frankreich, in Spanien haben wir zwei Kandidaten, in England im Moment auch nur einen. Und in Italien wird Juventus Meister, wenn es denn will. Das hat mit Wettbewerb nichts zu tun. Also: Manche Vereine haben sich in den letzten Jahren - durch Champions-League-Gelder oder andere Einnahmen - soweit abgehoben vom nationalen Rest, und heute spielen sie in ihren Ligen in einer Art Schaulaufen. Die anderen haben die Bude voll und singen: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus". Aber das gelingt immer weniger. Weil Geld Tore schießt. Und die anderen die Spieler nicht haben, um die Tore zu schießen, um den Bayern die Lederhosen auszuziehen. Klar, natürlich gewinnst du dann mal ein Spiel - aber in der Regel wissen wir doch, wie's ausgeht.

    Marcel Reif ist davon überzeugt, dass es bald eine europäische Superliga geben wird.
    Marcel Reif ist davon überzeugt, dass es bald eine europäische Superliga geben wird. Foto: Getty Images

    Deswegen ist der DFB-Pokal so nett, weil es da bis heute immer wieder Überraschungen gibt . . .

    Reif: Na klar! Und jeder, der versucht, daran etwas zu ändern, ist für mich Fußball-Romantiker ein schlimmer Finger. Es gab ja mal die Idee, die Top-Klubs sollen erst in der zweiten oder dritten Runde einsteigen . . . Nein! Das flickt den Fußball doch noch ein bisschen zusammen: Wenn die nationalen Größen in der ersten Runde irgendwo hinfahren müssen, wo in der Kabinenecke noch ein bisschen Schimmel hängt, sag' ich jetzt mal überromantisch. Das sollten wir uns erhalten. Aber beim Rest wird die Karawane weiterziehen.

    Und Sie freuen sich auch darauf, endlich wieder Fußball sehen und in einem Stadion kommentieren zu dürfen!

    Reif: Ich sage Ihnen als Fußball-Fan: Ich habe Samstagnachmittag so ab 15 Uhr schlechtere Laune. Fragen Sie meine Frau! Und die sagt: Ich weiß, was mit Dir los ist: Du rennst diesem Quatsch seit 65 Jahren hinterher. Und hast immer noch nicht genug davon. Was hätte ich gerne mal wieder Standard-Schwächen. Elfer-Diskussionen und und und. Endlich mal was anderes als morgens mit der Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts anzufangen, sich das Mittagsmagazin (85 Prozent Corona) anzuschauen, am Abend die Nachrichtensendungen (95 Prozent Corona), dann zwei Talkshows zu Corona (100 Prozent Corona) und zum Einschlafen als Horrorfilm live die Pressekonferenz von Donald Trump (110 Prozent Corona). So kann man nicht leben! So werden wir verrückt. Ein Samstagnachmittag mit Fußball ist mir hundertmal lieber als einer ohne. Dafür bin ich bereit, mich weiterhin an alle Regeln zu halten und nur aus dem Haus zu gehen, wenn ich muss.

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