• aktualisiert:

    OSTHEIM

    Der Fokus ist neu geschärft

    Manuel Stöckert hat sich ein neues Ziel gesetzt. Er will sich im Marathon für die EM in Berlin qualifizieren. Foto: The Filmgroup/Johannes Ruppel

    Die Zeit bleibt stehen. Es ist ja eben das Ziel, möglichst schnell im Ziel zu sein. Der Blick hoch auf die Streckenuhr, der Druck auf den Stoppknopf des eigenen Zeitmessers am Handgelenk. Routine für einen Läufer, Routine für Manuel Stöckert. Die Zeit, sie scheint auch stehen geblieben in der CD-Sammlung seines Trainers Eberhard Helm. Jennifer Rush legt der Allgemeinarzt aus Ostheim schon mal auf, wenn er seinen Schützling im Training begleitet. „Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt“, sagt Manuel Stöckert, der sich ansonsten bei den seinen Einheiten von „Rock-, House- oder Dance-Musik antreiben lässt. Sie lenkt mich ab, den Lauftakt gebe aber ich selbst vor“, ergänzt er und lacht.

    Der 29-Jährige hat die Freude wiedergefunden am Sport, der seiner seit der frühen Kindheit ist. Das Jahr 2016, es hätte seines werden können. Doch dann platzten nacheinander seine Träume. Die Qualifikation für den Olympischen Marathon in Rio de Janeiro: verpasst.

    Das Halbmarathon-Rennen bei den Europameisterschaften in Amsterdam, für das er sich qualifiziert hatte, weil die Zeit beim Rennen in Berlin nach 63:56 Minuten – „damit gehöre ich in letzten 25 Jahren zu den Top 30 in Deutschland“, so Stöckert – stehen geblieben war: verpasst. Letzteres wegen eines akuten Blinddarmdurchbruchs im Mai. „Ich war wie im Schockzustand“, sagt er. Als sei er im vollen Tempo gegen eine Wand gedonnert. So fühlte sich die Woche im Krankenhaus an, wo sie bei seiner Einlieferung zunächst dachten, er sei Alkoholiker. „Weil bei einem Leistungssportler die Leber und die Nieren anders funktionieren.“

    Wie aus der Bahn geworfen fühlte sich der Sportler des SC Ostheim und bemerkte eine mentale Blockade bei sich. Er konnte die entscheidende Frage für einen Leistungssportler nicht mehr beantworten: die nach dem Sinn. So konzentriert er auch in sich hineinhorchte: er hörte nichts, was nach einer Antwort klang. Neun Monate lang. Manuel Stöckert zog sich zurück, sportlich wie privat. Dass er oft zuerst gefragt wurde, ob und wie es mit dem Sport weitergehe, dann erst, wie es um sein Wohlbefinden stehe, nervte ihn und entfremdete ihn von seinem bisherigen Leben.

    Sogar den Kontakt mit Eberhard Helm vermied er, den er doch stets als „Taufpaten, Trainer und einen meiner besten Freunde“ charakterisiert.

    Stöckert legte sich einen Hund zu, einen Labrador mit einem leichten Weimaraner-Einschlag. „Er hat einen sehr guten Charakter, spielt mit Katzen und mit den Enten im Gartenteich. Herkules ist mit das Beste, was mir je passiert ist“, sagt er. Verantwortung zu tragen ließ Stöckert reifen. Bald stellte sich heraus, dass Herkules Bluter ist, zweimal kam er nach Verletzungen nur knapp mit dem Leben davon. Die bangen Momente schweißten Tier und Mensch eng zusammen. Mit einem unverhofften Nebeneffekt. Manuel Stöckert schaffte es heraus aus seinem persönlichen Tunnel, der seinen Blickwinkel immer auf den Sport verengt hatte. „Herkules hat mir geholfen, wieder glücklich zu sein.“

    Und den Fokus wieder neu zu schärfen. Tausendmal hatte sich Stöckert gefragt, was er eigentlich noch schaffen wolle, nach all seinen nationalen und internationalen Titeln. Nach einem dreiviertel Jahr, in dem die Zeit wie stehen geblieben erschienen war, kannte er endlich die Antwort: „Ich kann nicht aufhören. Es geht noch mehr.“

    Seit März flitzt Manuel Stöckert wieder kreuz und quer durch den Landkreis Rhön-Grabfeld, dessen welliges Profil sich „perfekt“ zum Training eigne, weil es den Aufbau der Oberschenkelmuskulatur unterstütze. Auch die Bahn der Leichtathletikanlage in der Franz-Marschall-Straße in Bad Neustadt zählt zu seinem Laufrevier. Für das Krafttraining hat er Aquajogging für sich entdeckt: „Der Widerstand des Wassers ist achthundert Mal höher als der der Luft.“ Alles ist ausgerichtet nach leistungssportlichen Maßstäben. „Ich bin jeden Abend platt“, sagt Manuel Stöckert. Dessen Pensum ist enorm, egal wie man es aufschlüsselt: bis zu 18 Einheiten pro Woche, bis zu 28 Stunden Training pro Woche, bis zu 180 Kilometer pro Woche.

    Äußere Einflüsse spielen bei der Gestaltung der Einheiten keine Rolle. Das ist es, was einen Spitzensportler von ambitionierten Hobbysportlern unterscheidet. Pausieren gilt nicht, der Plan muss umgesetzt werden: „Man betreibt Leistungssport bei Wind und Wetter, egal ob es schneit, ob es kalt ist, ob es regnet oder ob es stürmt. Mein Ehrgeiz lässt das Wetter gut aussehen.“ Dazu kommen bis zu 30 Stunden Polizeidienst pro Woche, die der Polizeiobermeister Stöckert beim Operativen Ergänzungsdienst in Schweinfurt leistet.

    Verantwortlich für seinen Trainingsplan ist Eberhard Helm. Nachdem die Entscheidung, weiterzumachen, getroffen war, stand für Stöckert die Rückkehr zu seinem Mentor außer Frage. „Ich war 19 Jahre bei meinem Trainer und nie verletzt. Eine Änderung war für mich nie ein Thema. Ich brauche ihn.“ Und sei es, um Kontrapunkte zu setzen. Um dem ungeduldigen Stöckert Langmut zu lehren. Um ihm mit kleinen Provokationen zu zeigen, dass er sich von äußeren Einflüssen nicht aus der Ruhe bringen lassen darf. Zum Beispiel, wenn Helm im Wagen eben Jennifer Rush aufdreht und „ich ausflippen könnte. ,Bleib doch ruhig', sagt er dann zu mir.

    “ Wettkämpfe werden nicht zuletzt im Kopf gewonnen. Manuel Stöckert weiß das natürlich. Aber auch, dass ihn sein Ehrgeiz in der Vergangenheit ab und an ausgebremst hat. „Wenn es am einfachsten war, habe ich mir oft besonders schwer getan“, weiß er.

    „Ich brauche ein Ziel, um hart trainieren zu können“, sagt Stöckert. Deshalb haben Helm und er sich kürzlich zusammengesetzt und die kurzfristigen und langfristigen Ziele definiert. „Nächstes Jahr ist die Europameisterschaft in Berlin. Da den Marathon zu laufen, mit meiner Familie und den Freunden an der Strecke, wäre cool.“ Auf dieses Rennen hin richten Helm und Stöckert das Training aus. St. Moritz, Kenia, Portugal, Flagstaff. Stöckert wird wieder viel Zeit in Trainingslagern verbringen müssen, damit im Frühjahr bei einem Qualifikationsrennen die Zeit für ihn ein paar Sekunden früher stehen bleibt. Derzeit geht viel Zeit dafür drauf, Gleichgesinnte zusammenzutrommeln und Sponsoren für die Kosten von 6000 bis 8000 Euro zu akquirieren. Noch nicht festgelegt hat sich Stöckert, wo er im Frühjahr die Qualifikation für Berlin laufen will. Nach all dem, was er überstanden hat und mit all den Erfahrungen, die er gesammelt hat, ist er sich sicher, sie schaffen zu können: „Ich weiß, was auf mich zukommt, und ich weiß, was ich machen muss.“

    Und dann ist da ja noch der Traum von Olympia, den Stöckert schon einmal formuliert hatte. Er spricht ihn wieder aus, seine Endstation Sehnsucht steht nun in Tokio, wo 2020 die Spiele ausgetragen werden. Und Manuel Stöckert die Ewigkeit des Moments erleben möchte, wenn für ihn im olympischen Marathonrennen im Ziel die Zeit stehen bleibt.

    Die Verantwortung für Labrador-Mischling Herkules zu tragen, macht Manuel Stöckert stark. Foto: The Filmgroup/Johannes Ruppel
    Bis zu 20 Paar Laufschuhe verbraucht Manuel Stöckert pro Jahr. Foto: The Filmgroup/Johannes Ruppel
    Die Rhön mit ihrem welligen Profil eignet sich ideal für das Training. Foto: The Filmgroup/Johannes Ruppel

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!