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    TISCHTENNIS:

    Nicht die sportlichste Lösung

    Der TSV Brendlorenzen (hier Dominik Hüllmantel) steigt nach Abbruch der Saison als aktueller Tabellenführer der Landesliga Nordnordwest in die Verbandsliga auf. Das Bild entstand vor der Corona-Krise.
    Der TSV Brendlorenzen (hier Dominik Hüllmantel) steigt nach Abbruch der Saison als aktueller Tabellenführer der Landesliga Nordnordwest in die Verbandsliga auf. Das Bild entstand vor der Corona-Krise. Foto: Anand Anders

    Vor einem Jahr hätte man es für einen Aprilscherz gehalten und darüber geschmunzelt. Diesmal ist alles anders. Am 1. April hat der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) mitgeteilt, dass der Mannschaftsspielbetrieb der Saison 2019/20 aufgrund der Corona-Pandemie „mit sofortiger Wirkung“ beendet ist. Das gilt für die untersten Kreisklassen bis hinauf zur Bundesliga, inclusive Pokal- und Relegationsspiele. Eine Ausnahme bildet die TTBL, die von der TTBL Sport GmbH eigenständig organisiert und verwaltet wird.

    Der Beschluss wurde in einer Telefonkonferenz des DTTB und seiner 18 Landesverbände gefasst. Was bedeutet das sportlich? Die Tabellen zum Zeitpunkt des Aussetzens der Spielzeit (13. März) werden als Abschlusstabellen gewertet. „Die Mannschaften auf den Auf- und Abstiegsplätzen steigen auf bzw. ab. Der DTTB und die Landesverbände entscheiden individuell, wie Mannschaften berücksichtigt werden, die sich auf den Relegationsplätzen befinden“, heißt es weiter. In dieser Hinsicht haben das Präsidium und der Vorstand Sport des Bayerischen Tischtennis-Verbandes (BTTV) bereits entschieden: „Alle Relegationsplatz-Inhaber verbleiben in der jeweiligen Liga.“ An den Vorgaben und Terminen für die neue Runde 2020/2021 indes werde „zum jetzigen Zeitpunkt“ festgehalten.

    Herkules-Aufgabe

    Heike Ahlert, Vizepräsidentin Leistungssport des DTTB, hatte die Sitzung geleitet und festgestellt: „Für diese Krisensituation konnte es keine einfache Lösung geben, die allen gerecht wird.“ Auch in zwei weiteren Punkten seien sich alle Gesprächsteilnehmer einig gewesen: Die Fortsetzung des Spielbetriebs wird in absehbarer Zeit nicht möglich sein. Und die Vereine sollten so schnell wie möglich Planungssicherheit für die jetzige und die kommende Spielzeit haben.

    DTTB-Präsident Michael Geiger lobte die erfolgreiche Umsetzung der von allen Seiten gewünschten bundeseinheitlichen Lösung. „Ein Trainer würde stolz sagen: ,Das war eine geschlossene Mannschaftsleistung.‘ In dieser Krisensituation haben alle an einem Strang gezogen – von der Entwicklung vieler Vorschläge für den Spielbetrieb in dieser Saison bis zur jetzigen Entscheidung. Es war eine Herkules-Aufgabe unter Hochdruck, die alle Beteiligten bestmöglich gelöst haben.“

    Heiko Menzel, Fachwart Sport für den Bezirk Unterfranken-Nord, zeigte sich weniger vom Abbruch der Saison überrascht, als vielmehr darüber, dass „zum Erstaunen der aktuelle Stand als Abschlusstabelle herangezogen wurde“. Menzel: „Erstaunlich deshalb, weil zu diesem Zeitpunkt viele Mannschaften eine unterschiedliche Anzahl an Spielen bestritten hat und es zu ganz abstrusen Konstellationen kommt.“ Und er nennt dieses Beispiel: „Schau' dir mal die Oberliga Bayern an. Da steht der TV Etwashausen nach Minuspunkten auf dem zweiten Platz, hat allerdings zwei Spiele weniger als Bayern München II und ist somit aktuell Dritter. Nun steigen zwei Mannschaften in die Regionalliga auf und Etwashausen schaut in die Röhre.“

    Gerechtigkeit schwer zu erzielen

    Menzel weiter: „Bayern hat sich meines Wissens für eine andere Lösung stark gemacht. Diese fand anscheinend keine Mehrheit. Laut Rechtsberatern des DTTB wurde sich für die Lösung entschieden, die in der jetzigen Situation hinsichtlich der Wettspielordnung am rechtssichersten erscheint.“ Als Fachwart wartet Menzel nun, ob vom Verband weitere oder zusätzliche Informationen oder Regelungen kommen. „Dann werden wir das so umsetzen wie es beschlossen wurde. Einige Vereine werden Nachteile haben, andere bevorzugt durch diese Regelung. Gerechtigkeit ist in so einer Situation nur schwer zu erzielen.“ Menzel bezweifelt, ob „diese Regelung von den Vereinen nachvollzogen wird. Man hat sich für die rechtssicherste, aber nicht für die sportlichste Lösung entschieden.“

    Menzel glaubt, dass die „Akzeptanz der Vereine vermutlich deutlich höher gewesen wäre, wenn man die Tabelle nach Abschluss der Vorrunde als Maßstab genommen hätte. Auf der anderen Seite wären dann Spiele nicht berücksichtigt worden, die bereits absolviert wurden. So oder so eine schwierige Entscheidung, aber mit Sicherheit eine, mit der die wenigsten gerechnet hatten.“ Menzel findet es aber gut, dass frühzeitig eine Entscheidung getroffen wurde, die „den Vereinen eine Planungssicherheit für die kommende Runde gibt“. Auf Bezirksebene würde er sich mehr Spielraum wünschen, um einzelnen Härtefällen gerecht zu werden. „Ob allerdings noch nachgelegt wird, wage ich zu bezweifeln.“

    Dass die Corona-Krise vor allem die höherklassigen Mannschaften finanziell schwer zusetzen wird, davon geht Menzel fest aus. „Es gibt schon jetzt Vereine, die sich aus Bundesligen zurückziehen oder niedriger melden müssen, da ihnen die Sponsoren wegbrechen. Das kann in Bayern ab der Verbandsebene auch dazu führen, dass Mannschaften nicht mehr in der Liga melden können, in der sie eigentlich spielen (wollen).“

    In sportlicher Hinsicht führte die abgebrochene Saison für Heiko Menzel und seinen Verein TSV Brendlorenzen, der heuer 100 Jahre alt wird, zum größten Erfolg in der Geschichte der Tischtennis-Abteilung. Der Höhenflug wurde mit dem 1. Platz in der Landesliga Nordnordwest und nun mit dem Aufstieg in die Verbandsliga belohnt. Der Zweikampf mit Eschau (ein Punkt weniger) um den Meistertitel hätte am allerletzten Spieltag mit dem „Endspiel“ in Brendlorenzen seinen sportlichen Höhepunkt finden sollen.

    Von Peter Hüllmantel

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