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    FUßBALL: REGIONALLIGA BAYERN

    Eine Niederlage als Mutmacher

    Beide gar nicht so unzufrieden: Der TSV-Trainer Josef Francic (links) und der FC 05-Trainer Timo Wenzel beim Bier und Fachsimpeln nach der Pressekonferenz. Foto: Rudi Dümpert

    Die Vokabel „Respekt“ machte die Runde im Oval des Willy-Sachs-Stadions am Montagabend beim Unterfranken-Derby, am ersten Spieltag der Regionalliga Bayern. Der unter Profi-Bedingungen arbeitende Meisterschaftsfavorit FC Schweinfurt 05 empfing die Amateure aus Aubstadt, die den Werktag bis dahin verbracht hatten wie jeden anderen auch: Bei der Arbeit, in der Schicht, an der Uni oder in der Schule. Dennoch stürmte viel Neues auf sie herein, noch ehe es aus den Katakomben hinaus ins mit 3394 Zuschauern gut besetzte Stadion ging.

    Nur 18 Kaderplätze

    31 Fußballer standen vor Kurzem noch auf der Kaderliste des TSV. Drei, die drei Neuzugänge André Koob, Christopher Bieber und Marcel Volkmuth, fallen Langzeit-verletzt aus. Von den anderen 28 durften zehn, die sich auch fünf Wochen lang durch die Vorbereitung geschunden hatten, noch nicht einmal in die Nähe der Außenlinie, geschweige denn auf die Bank. „Wir regeln das“, bestimmt das Logo der BFV-Schiedsrichter. Die dürfen laut Regularien der Regionalliga nur 18 Spieler auf dem Spielbericht zulassen und damit sieben für die Bank. Von den 18 dürfen zudem vier nicht älter als 23 sein.

    Julian Grell, der Gratwandler zwischen Stand-by-Fußballer und Assistenztrainer, war überzeugt, dass er „keine besondere Aufregung bei den Spielern festgestellt“ habe, sondern „eine positive Stimmung und die Vorfreude darauf, dass es endlich los geht.“ Um halb fünf ging das Gros der Mannschaft zum Nudel-Essen in ein Schweinfurter Lokal. Um halb sieben trafen sich alle in der Stadt und fuhren gemeinsam mit dem Bus hinaus zum Stadion in der Niederwerrner Straße. Wer und wer nicht zu jenen 18 gehört, hatten die Spieler einen Tag vorher erfahren. „Keine leichte Aufgabe“, betonte TSV-Trainer Josef Francic. „Das tut weh, nicht nur den Spielern.“ Die Start-Aufstellung gab es in der Kabine sehr zeitnah zum Spiel, während sich draußen schon das Oval füllte. Nur einer der zehn Neuzugänge, Ben Müller, war aufgeboten. Ist Francic eher konservativ im Sinn von „an Bewährtem festhalten“ oder treu im Zusammenhang mit „vertrauen“ oder einfach nach bestem Wissen und Gewissen handelnd? Was er später als Wechselspieler nachzuschieben hatte, belebte das Angriffsspiel auf alle Fälle sichtlich.

    Zu viel Respekt gezeigt

    Auf dem Bratwurstduft-überfluteten Innenhof hinter der Haupttribüne trafen sich Fußballfans und -fachleute zum Smalltalk und tauschten Prognosen aus. Ein Gewimmel wie zu Zweitliga-Zeiten. Punkt 20.15 Uhr pfiff Schiedsrichter Markus Pflaum die Partie an. Die Aubstädter sammelten von Beginn an die ersten Respekt-Punkte, spielten nach vorne, boten, wie sie versprochen hatten, dem Favoriten die Stirn. „Dann haben wir aber in der ersten Halbzeit vorne etwas zu viel Respekt gezeigt“, kritisierte Francic, „während wir hinten ja fast nichts zuließen.“ Das „Fast“, ein sagenhafter Freistoß-Kick von Sascha Korb, brachte aber den Pausenrückstand. Die drei Trainer Francic, Dinudis und Grell beratschlagten ungewöhnlich lange in der Pause draußen auf dem Rasen, ehe sie drinnen in der Kabine die Taktik für die zweite Halbzeit ausgaben: „Mutiger nach vorne und zunehmend mehr Risiko gehen, um die Wende zu zwingen.“ Ein absolut unnötiger Ballverlust bei der Spieleröffnung führte dagegen zum 0:2-Rückstand, der die Aubstädter aber umso mehr provozierte, jetzt alles zu riskieren. Dann jene unerklärliche gelb-rote Karte für Jens Trunk für zu frühes Ausführen eines Freistoßes. Er wollte vom Schiri gehört haben, „der Ball ist frei“, als der sagte „ich gebe den Ball frei“, erklärte Francic.

    Benkenstein trifft erneut

    In Unterzahl zwei Tore hinten gegen die Profis: Aussichtslos? Doch Aubstadt machte den Anschlusstreffer durch Julius Benkenstein, bei eben diesem noch einmal ausgeführten Freistoß, mit dem Kopf, wie sonst. Der „Jule“ ist der Mann für geschichtsträchtige Tore des TSV Aubstadt. Im Oktober 2012 hatte er, mit dem Kopf, das Tor zum 1:1 an selber Stelle erzielt, das den einzigen Punkt für Aubstadt in nunmehr zehn Spielen ergab. Diesmal trug sich Julius Benkenstein als Schütze des ersten Regionalliga-Tors des TSV Aubstadt ein. „Es wäre mir lieber gewesen, ein anderer hätte es gemacht und wir hätten wieder einen Punkt geholt.“

    Stimmen zum Spiel

    Markus Wolf (Präsident FC Schweinfurt 05): „Das war eine schwere Geburt. Wir waren erst die spielbestimmende Mannschaft. Von dem Anschlusstreffer musste wir uns aber erst erholen, haben den Sieg dann aber sicher heim gebracht. Nicht nur wegen der heutigen Kulisse: Aubstadt ist auf jeden Fall eine Bereicherung für die Regionalliga und vor allem für uns in der Region. Ein Derby ist immer etwas ganz Wichtiges. Sie haben sehr ambitioniert und flott gespielt. Ich hoffe und wünsche Aubstadt alles Gute, dass sie ihre Ziele erreichen.“

    Josef Francic (Trainer TSV Aubstadt, in den Spielerkreis hinein): „In der ersten Halbzeit waren wir hinten schon richtig gut, vorne aber noch zu ängstlich. In der zweiten haben wir die Zähne und mehr Biss gezeigt. Ihr habt beim 2:0 gesehen, wie in der Regionalliga Fehler bestraft werden. Was ihr in der letzten Viertelstunde gezeigt habt, spricht für unseren Charakter. Wir müssen vor niemandem Angst haben und haben auch keine. Wer einen Meisterschaftsfavoriten so in Bedrängnis bringt, ist auch für diese Liga gut. Das gibt uns Motivation und Mut für das Heimspiel gegen Heimstetten am Samstag, unsere Heimstärke auszupacken und drei Punkte zu holen.“ In der anschließenden Pressekonferenz beglückwünschte Francic seinem Trainerkollegen Timo Wenzel zum Sieg: „Ich glaube, dass der FC 05 verdient gewonnen hat. Er war insgesamt die gefährlichere und auch von der Spielanlage her die bessere Mannschaft. Ich bin nur über die erste Halbzeit etwas enttäuscht, weil wir schnelleren und besseren Fußball spielen können. Vielleicht hätten wir uns heute in Aubstadt leichter getan. Hier war bei einigen Offensivkräften doch eine Verkrampfung zu spüren. Die Zweikämpfe sind noch mal deutlich härter als in der Bayernliga. Daran mussten wir uns erst mal gewöhnen. Dann haben wir aber gezeigt, was so ein Bayernliga-Meister an Qualität drauf hat.“

    Timo Wenzel (Trainer FC Schweinfurt 05): „In meinen Augen hat Aubstadt ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht. Deshalb Hut ab, was ihr auf die Beine stellt. Natürlich wünsche ich euch alles Gute für die Saison. Im Vorfeld haben viele davon geredet, ihr werdet 4:0 oder 5:0 gewinnen, es würde ein einfaches Spiel gegen Aubstadt werden. Das ist alles Käse. Wir hatten alles, Aubstadt nichts zu verlieren. Trotzdem hat meine Mannschaft Einstellung, Mentalität und Laufbereitschaft gezeigt. Insgesamt bin ich unheimlich froh, dass wir die drei Punkte geholt haben, egal wie. Wir haben eine sehr hohe Erwartungshaltung zu erfüllen und deshalb war es ein unheimlich schweres Spiel für uns. Wir haben eine komplett neue Mannschaft und es muss sich alles erst einfinden. Ich wünsche mir weiterhin so viel Unterstützung von den Fans wie heute.“

    Julius Benkenstein (Torschütze des TSV Aubstadt): „Anscheinend mache ich meine Tore nur in wichtigen Spielen. Ich bin aber mehr enttäuscht als zufrieden, weil man gesehen hat, was wir hinten raus noch geschafft haben. Am Anfang waren wir viel zu zaghaft und nervös, auch durch die Kulisse vielleicht. Wir haben schon etwas gebraucht, um in Tritt zu kommen. Wenn man einem Favoriten am Ende noch so zusetzt, wenn man sieht, wie sie Krämpfe bekamen und wir rannten wie die Götter, da weiß ich nicht, wer die Amateure und wer die Profis sind. Es hat halt leider nicht gereicht.“

    Ben Müller (Einziger Aubstädter Neuzugang in der Startelf): „Wir haben auch in der ersten Halbzeit alles versucht, sind aber in den Zweikämpfen viel hinterher gelaufen, haben den Ball zu schnell verloren und zu unruhig gespielt. In der zweiten Hälfte haben wir alles raus gehauen, es hat halt nicht mehr gereicht. Das ist schon schwer, nach einem 0:2 zurück zu kommen. Jetzt müssen die Punkte am Samstag her.“

    Julian Grell (Co-Trainer TSV Aubstadt): „Ich glaube, es ist nachzuvollziehen, dass wir am Anfang etwas nervös waren. In der zweiten Halbzeit haben wir speziell am Anfang und besonders am Ende mit viel mehr Mut gespielt. Das 2:0 hat uns aber das Genick gebrochen. Bei 1:0 ist immer noch eher etwas möglich. Wir haben von daher heute einerseits Lehrgeld bezahlt, haben aber dann gezeigt, dass wir doch irgendwo eine Berechtigung haben, in dieser Liga zu spielen und sogar eine gute Rolle zu spielen. Speziell die letzte Viertelstunde sollte uns Auftrieb geben und daran glauben lassen, dass wir es am Samstag etwas positiver gestalten.“

    Kevin Möhring (Aubstadt-Fan aus Stressenhausen/Thüringen): „Ich gehe seit mehreren Jahren, auch wegen der Thüringer Patrick Kirsten und Julius Benkenstein, zum TSV Aubstadt. Das heute war natürlich das absolute Highlight für mich. Nur, ich hätte heute anders aufgestellt. Sie waren am Anfang zu defensiv. Ich hätte mir eher das offene Visier wie in den letzten Testspielen gewünscht, um damit den Gegner etwas mehr überraschen zu können. Dieses Ergebnis habe ich vorher getippt. Man hat im Pokal letzte Saison schon gesehen, dass Aubstadt mithalten kann. Heute waren sie noch näher dran. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die 05er nicht der Gradmesser für die Saison sind. Am Samstag gilt es gegen Heimstetten drei Punkte zu holen und am Dienstag noch mal gegen Schalding, dann sieht die Welt schon etwas besser aus.“

    Julius Benkenstein (links) erzielte das erste Tor des TSV Aubstadt in der Regionalliga. Foto: Rudi Dümpert
    Die Spieler des TSV Aubstadt bedanken sich nach dem Spiel bei ihren Anhängern für die Unterstützung. Foto: Rudi Dümpert

    Von Rudi Dümpert

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