• aktualisiert:

    TISCHTENNIS: TTBL

    Spitzensport in der Provinz

    Die Mannschaft des TSV Bad Königshofen für die Saison 2018/19 in der Tischtennis-Bundesliga TTBL: Kilian Ort (von links)... Foto: TSV Bad Königshofen/Ingrid Schmitt

    Der Tischtennis-Bundesligist TSV Bad Königshofen hat seine erste Lehrsaison mit Bravour und einigen Paukenschlägen bestanden. Die Euphorie in der Badestadt ist nach wie vor riesengroß, seit Wochen ist Tischtennis das Gesprächsthema. Folgt jetzt die Gesellenprüfung im zweiten Jahr mit dem Klassenerhalt? Nach Stand der Informationen seitens der Tischtennis-Bundesliga TTBL soll es nach dieser Runde einen Absteiger geben.

    An diesem Sonntag (Aufschlag: 15 Uhr) geht es wieder los in der Shakehands-Arena, wird es wieder mucksmäuschenstill und ohrenbetäubend laut binnen Sekunden: erstes Heimspiel seit dem 18. März, damals gegen den deutschen Meister Borussia Düsseldorf vor 1260 Zuschauern. Viele Zuschauer werden wieder kommen, um Spitzensport in der Provinz hautnah mitzuerleben, rasante Ballwechsel, knisternde Spannung, Emotionen von euphorisch bis deprimiert. Und gleich das Nordbayern-Osthessen-Derby gegen den Zweiten nach dem letzten Spieltag der vergangenen Saison, TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell. Bereits am Freitag (19 Uhr) muss der TSV in Grenzau antreten.

    Keine Routine

    Nein, Routine ist das noch lange nicht beim TSV Bad Königshofen, dass man zum zweiten Mal für das erste Heimspiel in der TTBL rüstet. Die Vorbereitungen laufen seit Wochen. Gearbeitet wird an der Logistik, an der Technik: im sportlichen Bereich die Mannschaft, in der Shakehands-Arena eine große Helferschar. Bisher ging und funktionierte alles nach dem Schema: „Machst du mit, mach ich auch mit, wann hast du Zeit?“ Nun wurde mit Udo Braungart eine dritte Spitze neben Manager Andy Albert und Abteilungsleiter Josef Ort installiert. Mit dem Ziel, die beiden Protagonisten etwas zu entlasten, „von der zweiten Mannschaft abwärts“, aber auch, um den von der TTBL vorgeschrieben Strukturen gerecht werden zu können.

    Die Mannschaft hat, wenn man so will, als Vorhut schon mal begonnen und kräftig die Werbetrommel in eigener Sache gerührt. Sie stieß am ersten Spieltag vor zwei Wochen beim Auswärtsspiel in Bremen den Bock um, der ihr von diesem Gegner in der vergangenen Saison gleich drei Mal in den Weg gestellt worden war, mit drei immer knapper gewordenen Niederlagen als Folge. Sieht man es nur ergebnisorientiert, haben Kilian Ort, Mizuki Oikawa und Bence Majoros den SV Werder Bremen mit 3:0 und 9:2 Sätzen von der Platte gefegt. Und Bremen ist keine Laufkundschaft, sondern einer der sechs Favoriten auf die Play-offs der besten vier Teams der Hauptrunde. Wobei die Vorstellungen von Albert, Ort & Co. jedweden direkten Schluss daraus zu ziehen, verbieten. Klassenerhalt heißt das erklärte Ziel.

    Kader entwickeln und verbessern

    „Wir werden wieder der krasse Außenseiter sein und daran hat sich auch nach Bremen nichts geändert“, hält Albert den Ball betont flach und begründet: „Wir haben mit Darko Jorgic einen der besten Spieler der Liga, den Garanten für unsere fünf Siege in unserer ersten TTBL-Saison, an Saarbrücken abgeben müssen. Und wir mussten zusehen, wie Woche für Woche neue Meldungen getickert wurden, wer alles wen alles verpflichtet hat. Mit unseren Ressourcen, und die sprudeln in unserer Region nun mal nicht so wie in Düsseldorf, Ochsenhausen, Saarbrücken, Grünwettersbach bei Karlsruhe oder Fulda, konnten wir da nicht mithalten.“ Vielmehr baute man darauf, dass sich die verbliebenen Kilian Ort, Mizuki Oikawa und Filip Zeljko ja auch weiter entwickeln und verbessern, und auf den Perlentaucher mit dem Näschen für Talente, Andy Albert. Und auf das Coaching von Trainer-Fuchs Koji Itagaki.

    Was Alberts Näschen betrifft: Er hat in den vier Jahren zweite Liga und dem einen Jahr Bundesliga immer Spieler nach Bad Königshofen geholt, die bis dahin keiner kannte bzw. denen andere mit mehr finanziellen Möglichkeiten nicht das zutrauten, was sie dann lieferten. Gleichwertige deutsche Spieler sind mit dem Budget nicht zu haben. Diesmal holte Albert als Jorgic-Ersatz den jungen Ungarn Bence Majoros vom Zweitligisten Borussia Dortmund zum TSV. Beim Sieg in Bremen machte der 21-Jährige in seinem ersten Bundesligaspiel schon mal den Deckel drauf auf die 2:0-Führung durch Ort und Oikawa, zeigte gute Nerven und Mentalität, schlug den Rumänen Hunor Szöcs. „Er ist ein typischer Teamplayer, ist froh, bei uns spielen zu dürfen, und gibt alles für die Mannschaft“, lobte ihn sein Mentor Albert. Majoros ist seit neun Jahren der erste Ungar in der Bundesliga. Und Koji Itagakis Beitrag zu diesem Sieg ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er ist ein exzellenter Video-Analytiker, studiert Tag und Nacht die Gegner seiner Mannschaft und stellt danach die Positionen und Taktik seiner Spieler zusammen, wobei der Gegner natürlich auch spekuliert.

    Bei 2:2 entscheidet ein Doppel

    So ist in der Tat möglich, dass, wenn drei gegen drei spielen, bei anderer Aufstellung auch statt eines 3:0 ein 3:2 oder gar eine Niederlage herauskommen kann. Hinzu kommt in dieser Saison, dass der fünfte Punkt, der über den Sieg beim Stand von 2:2 entscheidet, nicht mehr wie bisher durch das Einzel A2 gegen B2 entschieden wird, sondern durch ein Doppel, an dem der Einser nicht teilnehmen darf, weil er sonst drei Mal an die Platte dürfte. Taktischen Finessen und Spekulationen sind also Tür und Tor geöffnet. Zudem sind sie noch gar nicht verlässlich ausprobiert.

    Beim TSV Bad Königshofen wird man sehen müssen, ob der Kampf um die Wiedereinführung des Doppels, die der TSV ja indirekt zu einer Bedingung für das Wagnis Bundesliga gemacht hatte, richtig war. Gewiss hatten die Bad Königshöfer jahrelang die besten Doppel der zweiten Liga. Da waren aber auch noch die beiden Tschechen Vyborny und Klasek dabei. Doch Kilian Ort, der amtierende deutsche Vizemeister im Einzel, war im Vorjahr Dritter im Doppel, Bence Majoros ist ungarischer Meister im Doppel. Eventuell könnte sich die Weiterverpflichtung von Filip Zeljko als Ersatzmann bezahlt machen. Er war im Doppel zusammen mit Yoshimura ein verlässlicher Punktelieferant. Dass er allerdings den vermutlichen Einser beim TSV Bad Königshofen, Mizuki Oikawa, gleichwertig ersetzen kann, ist nicht zu erwarten. Der inzwischen 21-jährige Japaner steht nämlich nur in zehn der 20 Spiele zur Verfügung, weil er in seiner Heimat ein Studium aufgenommen hat.

    Probleme auf den Positionen vier bis sechs

    Auch der junge Ägypter Mahmoud Helmy (19) bringt nur Erfahrung aus der zweiten dänischen Liga mit, ist eher für die zweite Mannschaft in der Oberliga vorgesehen. Eine TTBL-Lizenz für ihn wurde beantragt. Bliebe noch als Ersatzmann der Abwehrspezialist Koudai Hiraya, der in keiner Liga der Welt und keine Turniere spielt, aber schon zwei Mal eingesprungen ist. Vergleicht man die Besetzung der Positionen vier bis sechs, ist der TSV Bad Königshofen in der TTBL vermutlich mit am schlechtesten aufgestellt. Die meisten anderen Vereine haben vier, fünf und sogar sechs fast gleichwertige Spieler im Kader, können somit von Spiel zu Spiel je nach Gegner auswählen. Die Düsseldorfer haben sogar mit den Schweden Karlsson/Källberg ein eingespieltes Doppel und können auf beide in den Einzeln verzichten.

    Das Stammtrio der Bad Königshöfer, das wissen alle Gegner und können sich darauf einstellen, heißt Oikawa/Ort/Majoros. Trainer Itagaki kann nur mit diesen drei Spielern taktieren und jonglieren, was andere mit fünf oder sechs können. Wenn man also nicht in größere Schwierigkeiten geraten will, darf nichts passieren: keine Verletzung, keine Krankheit, kein Unfall, kein Bundeswehrlehrgang. Und die jeweils zur Verfügung stehenden Ersatzleute müssen über sich hinauswachsen, wenn sie einspringen müssen. In der Addition der Weltranglistenpunkte der ersten drei Spieler der Vereinsrangliste ist der TSV Bad Königshofen Vorletzter vor dem Aufsteiger TTC indeland Jülich. Eigentlich ist Klassenerhalt ja auch das Ziel, so Andy Albert: „Der Klassenerhalt, der auch zu schaffen ist, wenn uns wieder fünf oder sechs Siege wie im letzten Jahr gelingen.“ Man hat Lunte gerochen: „Es ist doch schön, im Teich der Großen mit zu fischen, als einziger bayerischer Bundesligaverein Weltklassesport in die Region zu holen.“

    TSV Bad Königshofen

    Abgänge

    Darko Jorgic (1. FC Saarbrücken TT)

    Zugänge

    Bence Majoros (Borussia Dortmund), Mahmoud Helmy (B75 Hirtshals)

    Spielerkader

    Mizuki Oikawa (Japaner, 21 Jahre, Weltrangliste August: 76), Kilian Ort (Deutscher, 22 Jahre, Weltrangliste August: 212), Bence Majoros (Ungar, 21Jahre, Weltrangliste August: 103), Filip Zeljko (Kroate, 21 Jahre, ohne Weltranglistenplatz), Koudai Hiraya (Japaner, 28 Jahre, ohne Weltranglistenplatz), Mahmoud Helmy (Ägypter, 20 Jahre, Weltrangliste August: 508)

    Trainer

    Koji Itagaki (Japaner, 47 Jahre, beim TSV seit 2016)

    Meistertipp

    Borussia Düsseldorf

    Saisonziel

    Klassenerhalt durch fünf bis sechs Siege

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!