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    SCHWEINFURT

    Missbrauchskandal beschäftigt Vereine

    Der Missbrauchsskandal im englischen Fußball bestimmt nach wie vor die Schlagzeilen. Die Wucht der Enthüllungen von ehemaligen Profispielern, die in ihrer Jugend fast täglich von einem Trainer missbraucht wurden, gehen derzeit an keinem Sportverein spurlos vorbei. Jeder, der in diesem sensiblen Bereich tätig ist, weiß, dass sexuelle Gewalt nie ganz ausgeschlossen werden kann. Das sagen selbst jene Vereine, die sich schon weit vor diesem Skandal mit den Folgen eines möglichen sexuellen Missbrauchs in ihren Reihen auseinandergesetzt haben, und vorbildlich um Prävention bemüht sind.

    „So etwas gibt es bei uns nicht“, gehört laut Sportsoziologin Bettina Rulofs von der Sportuni Köln noch immer zu den häufigsten Aussagen von Vereinsverantwortlichen in Deutschland. Doch genau dieses hartnäckige Verschließen der Augen berge Gefahren. Von sexueller Gewalt betroffene Kinder müssen laut dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Röhrich, schon jetzt bis zu sieben Mal einen Erwachsenen ansprechen, bis ihnen geglaubt und geholfen wird.

    Auch in Unterfranken ist das nicht anders. Allerdings, so gibt man seitens verschiedener Vereinsmitglieder gegenüber dieser Redaktion offen zu, rede man über dieses Thema auch nicht gerne öffentlich. Schon die Namensnennung, ganz gleich, wie der Verein zum Thema stehe, komme in diesem Zusammenhang nicht gut an. Steht also die Vereinsehre vor dem Schutz von Kindern? Auch das, so sagt einer der Verantwortlichen in Würzburg, könne hier und da durchaus der Fall sein.

    Erweitertes Führungszeugnis

    Doch seit Anfang 2014 gelten verschärfte Regeln des Kinderschutzgesetzes. Alle freien Träger der Jugendarbeit – dazu zählen auch alle Vereine – sind verpflichtet, mit dem Jugendamt entsprechende Vereinbarungen abzuschließen. Zu den gesetzlichen Vorgaben zählt auch das Vorlegen eines erweiterten Führungszeugnisses von Betreuern und Trainern. „Das kann man kostenlos bei der Gemeinde beantragen“, weiß Markus Ebert, Vorsitzender des SV/DJK Unterspiesheim (Lkr. Schweinfurt). Der Verein hat sich aufgrund der neuen Reglungen vor zwei Jahren intensiv mit dem Thema Schutz vor sexuellen Übergriffen und sexualisierter Atmosphäre auseinandergesetzt.

    „Wir hatten eine sehr gute Informationsveranstaltung, aus der alle Betreuer und Trainer wirklich etwas mitgenommen haben“, sagt er auf Anfrage dieser Redaktion. „Ich denke in diesen Tagen wieder ganz verstärkt an alles, das der Jugendreferatsleiter uns gesagt hat.“ Manchmal seien es vermeintlich profane Dinge, die aber in der Praxis ungemein wichtig seien. „Für einen Ausflug habe ich jetzt auf zwei zusätzliche Betreuerinnen für die Mädels in der Gruppe bestanden.“ Und seit dem englischen Skandal schaue er wieder viel achtsamer auf alles und jeden im eigenen Verein.

    „Die Kollegen aus anderen Vereinen sagen das auch. Und jeder kennt das doch. Da lässt man im Alltag mal Dinge schleifen, die aber immens wichtig sind. Ich werde jetzt zum Beispiel alle neuen Betreuer wieder speziell briefen.“ Auch die großen Verbände hätten Vorgaben und Empfehlungen erarbeitet, die aber eben auch konsequent beachtet und umgesetzt werden müssten. Deshalb, so Ebert, sei es auch so wichtig, dass über das Thema in den Medien berichtet werde. Das sei wie ein Weckruf für die Vereine.

    Natürlich, so Ebert, könne kein Sportverein ganz ausschließen, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sexuelle Gewalt stattfinde. Pädophile, die sich gezielt Sportvereine aussuchen, erkenne man ja schließlich nicht auf den ersten Blick. Expertinnen wie Bettina Rulofs bestätigen das. Umso wichtiger sei es, immer wieder genauer hinzuschauen, erste Anzeichen ernstzunehmen und nicht in die bequeme Gerüchteecke abzuschieben.

    Krisenleitfaden der DJK-Vereine

    In einem Krisenleitfaden der DJK ist unter anderem zu finden: „Ruhe bewahren. Glaube dem Kind oder Jugendlichen und nimm seine Äußerungen ernst.“ Es sei wichtig, zuzuhören und Hilfe anzubieten, und nie Entscheidungen über den Kopf des betroffenen Kindes hinweg zu fällen. Man sollte den Fall auch nicht werten, sondern sich Hilfe bei einer Fachberatungsstelle holen. Wichtig sei es, nicht gegen den Willen des Kindes die Eltern zu informieren, und vor allem nicht den mutmaßlichen Täter zu informieren. Zudem solle man sicherstellen, dass das Kind sich nicht ausgrenzt oder bestraft fühlt – etwa durch Heimschicken oder Trainingsausschluss.

    Während die meisten Vereine eine Vertrauensperson als Ansprechpartner nennen, hat man sich bei der DJK Unterspiesheim geeinigt, dass der gesamte Vorstand zur Verfügung steht. „Damit kann man die Person seines Vertrauens auswählen“, sagt Ebert.

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