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    FUSSBALL

    Der Japaner, der in Schweinfurt hängen blieb

    Glücklich in der Kugellagerstadt: Als 18-Jähriger macht sich Yu Shimamura auf, um in Deutschland Profi zu werden. Er stolpert, rafft sich immer wieder auf – und findet Halt in Franken.
    Eigentlich ein richtiger Franke: Yu Shimamura liebt hiesige Spezialitäten und genießt das Treiben in der Stadt – wenn er nicht auf dem Platz steht.
    Eigentlich ein richtiger Franke: Yu Shimamura liebt hiesige Spezialitäten und genießt das Treiben in der Stadt – wenn er nicht auf dem Platz steht. Foto: Dominik Großpietsch

    Ein Tag im März 1995. Am Frankfurter Flughafen steht ein kleiner Japaner. Mit einem Koffer, einer Adresse und einem Brief, aber ohne Deutschkenntnisse. Er will Deutschland erobern – als Fußballprofi.

    Wenig später schnappt sich ein Mann seinen Koffer und bringt den fest entschlossenen 18-Jährigen zu der Jugendherberge, von der er nur die Anschrift kennt. Tags darauf geht's weiter. Zum großen FC Bayern München. Der Japaner, der es wissen will, heißt Yu Shimamura. Sein Erspartes ist weg. Ängste? Nein. Vorfreude beherrscht ihn.

    Es gibt nur ein klitzekleines Problem. Yu – so rufen sie ihn alle – merkt es schnell, als er dem Platzwart in der Bayern-Geschäftsstelle den Brief in die Hand drückt, den der bis dato erfolgreiche College-Fußballer extra in Japan übersetzen lassen hatte.

    In Deutschland ist noch Winterpause – kein Training. Der Traum vom FC Bayern, den Yu nur aus den samstäglichen Fußball-Sendungen im japanischen Fernsehen kennt, ist geplatzt.

    Shimamura kämpft sich durch

    Zurück zu den Eltern nach Tokyo? Nein. Schließlich gab's auch kein Angebot aus der noch jungen japanischen Profi-Liga. Nach Italien? Will er nicht. Da kickt nämlich zu dieser Zeit die japanische Stürmer-Legende Kazuyoshi Miura. Ein Mann, der später gefühlt jedes Jahr einen Rekord knacken wird – auch den als ältester Profi und Profi-Torschütze. Das weiß Yu aber noch nicht.

    Er zieht weiter nach Stuttgart. Zum VfB. Dort darf er mit der A-Jugend und der zweiten Mannschaft trainieren. Nachwuchs-Coach Wolfgang Geiger ist begeistert. Dieser Japaner kann's am Ball – und hängt sich bedingungslos rein.

    Ein Highlight mit Gerd Müller

    Doch es reicht einfach nicht. Bundesliga? Weit weg. Die Schwaben vermitteln ihn zum TuS Ergenzingen. Yu blüht auf, trifft in 24 Spielen für den damaligen Landesligisten satte 24 Mal. Aufstieg. Der kleine Japaner hat es schon ins die Verbandsliga geschafft.

    Es folgt ein ganz besonderes Geschenk: Weil der damalige TuS-Stadionsprecher Bayern-Fan ist und FCB-Chefscout Wolfgang Dremmler kennt, darf Yu noch einmal nach München: Probetraining bei der zweiten Mannschaft – am 20. Geburtstag. In voller Bayern-Montur. Mit Gerd Müller.

    Yu nippt an seinem Kaffee. Fast ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen, doch in seinen Augen lodert noch immer das Feuer des Jugend-Yus.

    "Ich glaube, der Ball dreht sich besser, weil ich kleine Füße habe."
    Yu Shimamura über seine Freistoßkünste

    „Das war ein absolutes Highlight. Ich hätte mit Gerd Müller ein Foto machen müssen. Doch das hab ich vor lauter Aufregung einfach vergessen.“ Er stellt die Tasse wieder ab. An diesem freundlichen Februar-Nachmittag sitzt Yu im Ur-Schweinfurter Café Vorndran.

    Warum? Nun gut, die Bayern meldeten sich nicht mehr, obwohl sie es dem Goalgetter versprochen hatten. Er blieb in Schwaben, ging zu den Stuttgarter Kickers, verkaufte in der Geschäftsstelle blau-weiße Trikots. Und wurde Profi. In der Regionalliga Süd, der damals dritthöchsten Liga. Doch dann fragte ihn der frühere Kickers-Coach Hans-Jürgen Boysen, der 2002 Trainer beim FC 05 Schweinfurt wurde, ob er mit in die Kugellagerstadt gehen würde.

    Er ging. Und blieb hängen. In Schweinfurt, einer im Vergleich zu Tokyo dann doch eher schnuckeligen Industriestadt. „Es ist ganz einfach toll hier.“ Yu – mittlerweile 42 – FC-05-Publikumsliebling, Kreisklassen-Spielertrainer und Industrie-Angestellter, strahlt.

    Aus dem jungen Japaner ohne Deutschkenntnisse ist ein fröhlicher Mann geworden, der sich stets über neue Kontakte freut, kocht und gern Essen geht. Fränkisch. „Mit der Leberknödelsuppe fang ich an. Dann geht's weiter mit Schnitzel oder Braten.“ In 05er-Kreisen wird ihm gar die Vorliebe für's Schäufele nachgesagt. Bier und Wein mag er sowieso.

    „Yuuuuuuuuuuuuuuuu!“-Rufe auf der Gegengerade

    „Wenn man aus Schweinfurt rausfährt, ist man sofort an der Mainschleife, in Bamberg oder Würzburg. Und wenn man in Schweinfurt bleibt, kommt man zu Fuß ganz schnell überall hin. Toll. Ich mag das.“

    Fußballerisch mag er's auch in Franken. Für den FC 05 war er mit einer kurzen Unterbrechung bis 2009 am Ball, half dann noch seinem Kumpel Martin Schneider ein halbes Jahr bei der DJK auf der anderen Straßenseite aus, ehe er dann am Jahnsplatz anheuerte.

    Zum ersten Mal seit seiner Jugendtrainer-Zeit bei den Nullfünfern war Yu nun Chefanweiser. Natürlich ließ es sich der Freistoß-Spezialist nicht nehmen, auch beim TV Jahn die Bälle in Richtung Tor zu schnippeln. Die hatten bei den Grün-Weißen immer für frenetische „Yuuuuuuuuuuuuuuuu!“-Rufe auf der Gegengerade gesorgt. „Hab ja schließlich immer Extraschichten in Ergenzingen geschoben.“ Der Japaner lacht. „Naja, ich glaube, der Ball dreht sich besser, weil ich kleine Füße habe.“

    Kolinger       -  Tor: Yu Shimamura (hinten) und Dubravko Kolinger jubeln 2003 über einen Treffer gegen Wehen.
    Tor: Yu Shimamura (hinten) und Dubravko Kolinger jubeln 2003 über einen Treffer gegen Wehen. Foto: Wetterich

    Ein Mal im Jahr geht's nach Japan 

    Nach einer erfolgreichen Zeit mitsamt des Kreisliga-Aufstiegs im Stadtteil Deutschhof – und einer berufsbedingten Pause – ging Yu zum TSV/FT Schonungen, der zurzeit in der Kreisklasse Schweinfurt 4 den sechsten Platz belegt. „Diese Arbeit ist einfach toll. Mir macht es unglaublich viel Freude, Spielertrainer zu sein. Beim TV Jahn hatte ich eine wundervolle Zeit und auch in Schonungen gefällt es mir so gut, dass ich verlängert habe.“

    Moment. Arbeit? Für den Fußballverrückten ist das pure Freude. Wobei er sich auch in der Stoßdämpfer-Fertigung eines großen Automobil-Zulieferers wohlfühlt – seit über einem Jahrzehnt. Der frühere Gymnasiast, der ohne Berufsausbildung nach Europa gekommen war, wurde seinerzeit von Werner Landgraf, dem damaligen Coach der FC-Reserve, vermittelt.

    Und auch dort blieb der Japaner hängen, der ein Mal im Jahr nach Tokyo fliegt, Familie und Freunde besucht – und asiatische Spezialitäten mitbringt. Er trinkt den Kaffee aus. „Die sind hier irgendwie nicht ganz so gut.“ Aber kein Grund, nicht in Schweinfurt hängen zu bleiben.

     

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