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    Segelfliegen

    Lautlos aufsteigen in die Bundesliga

    Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Im Wettkampf kommt es aber vor allem auf ein möglich hohes Tempo an. Foto: Aeroclub

    Nach 80930 Kilometern steht fest: Der Aeroclub Schweinfurt ist Zweitligist. Zweite Bundesliga. Im Segelfliegen? Ja, im Segelfliegen. Wer besonders schnell fliegen kann, der steigt auf. So einfach ist das. Die 23 rasanten Piloten vom Sennfelder Flugplatz gewinnen 2018 den Online-Contest-Wettbewerb (OLC) in der Qualifikationsliga mit großem Vorsprung und segeln jetzt in der zweithöchsten deutschen Klasse - in der sie aktuell Vierter im 30er-Feld sind, ein Aufstiegsplatz zur 1. Bundesliga.

    Der schnellste Schweinfurter: Patrick Ladewig (links) ist aktuell der stärkste Wettkampf-Pilot im Schweinfurter Aeroclub. Auch ein Schneller ist Jens Elflein (rechts). Foto: Michael Bauer

    Online-Contest, das hört sich virtuell an, ist es aber nicht. Die Herrschaften fliegen real und das Internetportal dient der Aufzeichnung. Für die Wettkampf-Sportler gibt's das Programm OLC League, der Ligenbetrieb besteht aus der 1. und 2. Bundesliga, der Qualifikationsliga und der Landesliga. Geflogen werden ab dem dritten April-Wochenende jedes Jahr 19 Wettkämpfe, gewertet werden stets die drei Besten eines Wochenendes.

    Piloten von Luxus-Flugzeugen haben keinen Vorteil

    Der Aeroclub Schweinfurt ist seit Anfang an dabei, also seit genau 20 Jahren. Peter Wiggen, der Pressesprecher des 1950 gegründeten Vereins, legt großen Wert darauf, dass "keine Piloten eingekauft werden, da sind nur unsere Leute am Start". Und es gebe auch kein Wettrüsten bei der Hardware, den Flugzeugen: "Es gibt die einfachen Flieger, aber auch die Super-Luxus-Modelle, die wir Orchideen nennen." Einen Vorteil habe man mit diesen locker 250000 Euro teuren Teilen nicht, denn es gibt ein relativierendes Punktesystem. Das mache es auch für weniger finanzkräftige Segelflieger erschwinglich, zumal sich oft mehrere eines der Club-Flugzeuge teilen.

    Von oben gleich noch ein ganzes Stück schöner: Schweinfurt vom Segelflieger aus gesehen. Foto: Michael Bauer

    Geflogen wird stets ab dem Heimatflughafen, wo auch wieder gelandet werden muss. Die in die Wettkampf-Wertung gelangenden Passagen werden aber nach der Thermik ausgewählt und können durchaus 100 Kilometer oder mehr entfernt liegen. Sehr beliebt ist bei den Schweinfurtern der Luftraum über dem Thüringer Wald. Auf vier zu fliegenden Strecken-Schenkeln geht es dann darum binnen einer Wertungszeit von zweieinhalb Stunden maximale Geschwindigkeit zu erreichen. Das können bis zu 200 Stundenkilometer sein.

    "Cumuluswolken zeigen die Thermik an, die kleinen Häufchen sind unser Wegweiser."
    Patrick Ladewig erklärt, warum blauer Himmel gar nicht so gut ist

    Meist schnellster Schweinfurter ist Patrick Ladewig. Und der ist auch der Wetter-Tüftler im Club. "Wir brauchen Sonne, aber komplett blauer Himmel ist nicht gut", spricht er zunächst in Rätseln und klärt dann auf: "Cumuluswolken zeigen die Thermik an, die kleinen Häufchen sind unser Wegweiser. Bei blauem Himmel fliegen wir quasi blind."

    Ein letzter Check: Jens Elflein schaut sich nochmal die Einklink-Vorrichtung für das Schleppseil an, Patrick Ladewig hat das Cockpit bereits kontrolliert. Foto: Michael Bauer

    Ladewig ist bestes Beispiel, dass Segelfliegen keineswegs ein elitärer Sport ist. Er ist aktuell in der IT-Branche arbeitssuchend und kann sich dank der clubeigenen Flugzeuge sowie erschwinglicher Mitgliedsbeiträge das Hobby leisten, das lediglich in einer Hinsicht aufwändig ist: Es verschlingt sehr viel Zeit, an Wettkampf-Flugtagen sitzen die Piloten sechs bis acht Stunden in der engen Kanzel, deren große Glaskuppel bei Sonne satt für mächtig Hitze und Schweiß sorgt.

    Bei deutschen Meisterschaften gibt's auch mal Tote

    Bei deutschen Meisterschaften, die im Gegensatz zu den Ligen an einem einzigen Wochenende ausgeflogen werden, sei das freilich etwas anders mit der Chanchengleichheit, so Ladewig: "Da hast du mit kleinen Fliegern keine Chance, da kommen die Experten mit den richtig teuren Geräten." Und dort passiere auch viel öfter etwas, bis hin zu tödlichen Abstürzen. Denn es sind viele Piloten auf kleinstem Raum unterwegs, gegenseitiges touchieren ist nicht ausgeschlossen.

    Nach oben geht's für die lautlosen Gleiter freilich mit einer lärmenden Motor-Maschine. Foto: Aeroclub

    Das Wettbewerbsfliegen, bei dem die Piloten von ihren aufs ganze Bundesgebiet verteilten Standorten aus eher in die lautlose Einsamkeit starten, sei indes nicht gefährlicher als Fußballspielen. Blaue Flecken bei einer unsanften Landung, viel mehr passiere da nicht. Deswegen beschreibt Ladewig das Ganze auch als eine Mischung aus Sport ("es geht um Leistung und Werte"), Genuss ("abends im Sonnenuntergang nach Hause gleiten") und Abenteuer ("neue Gebiete erschließen") - nicht aber als "abenteuerlich".

    Weng Platz dank sehr viel Technik: Im Cockpit eines Segelflugzeugs kann's ganz schön eng werden. Foto: Michael Bauer

    Vom Drohnen bauen zum selber fliegen

    Zu seinem Sport ist der 29-Jährige übers Modellfliegen gekommen. "Ich habe Drohnen gebaut mit Kamera dran. Ich wollte Schweinfurt von oben sehen. Dann sind die Dinger immer kostspieliger geworden, da dachte ich mir: Kannst auch selbst fliegen." Ab 14 Jahren erlaubt der Gesetzgeber, Flugschülern selbst zu fliegen. Ab 16 Jahren können sie die Lizenz erwerben, die es erlaubt, sich selbstverantwortlich auch weiter weg von Heimatflugplatz zu bewegen. "Der erste Alleinflug ist ein Erlebnis, das keiner vergisst", sagt Peter Wiggen, der im Aeroclub seit 53 Jahren fliegt, Fluglehrer ist, den OLC-Wettkampf aber meidet: "Ich genieße lieber, statt Stress zu haben."

    Alles im Lot: Redakteur Michael Bauer fliegt auch mal mit - und genießt sie Aussicht über Schweinfurt. Foto: Michael Bauer

    Vom Genuss durfte sich auch der Autor dieser Zeilen überzeugen. Der Ausblick und das Gefühl endloser Freiheit ist mit nichts zu vergleichen. Gleichwohl es gerade bei den engen Thermik-Kreiseln kein Nachteil ist, zu wissen, wo diese kleinen Papiertüten im Cockpit versteckt sind. Also, nur für den Notfall.

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