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    HAMBURG

    Bernd Hollerbachs Lebenstraum endet nach 49 Tagen

    Bernd Hollerbach muss den Hamburger SV verlassen. Foto: dpa

    Die Bilder glichen sich aufs Haar. Weil die jüngsten Wochen erneut ihre Spuren hinterlassen hatten. Deutlich sichtbare Spuren. Wie im Frühjahr vergangenen Jahres, als er seinen Hut bei den Würzburger Kickers genommen hatte, wirkte Bernd Hollerbach auch nun in Hamburg zuletzt sehr angeschlagen. Irgendwie leer.

    Und auch ausgebrannt. Hatte man Hollerbach schon einmal ein wenig länger und regelmäßig begleitet, so fiel vor allem auf: Sein früher häufig mal schelmischer, bisweilen auch angriffslustiger Blick wich zuletzt einem eher blutleeren, mitunter ratlos wirkenden Vor-sich-hinstarren. Vor allem, wenn er erklären sollte, wie der HSV noch zu retten sein soll vor dem erstmaligen Abstieg aus der Fußball-Bundesliga.

    Aber das ist auch kein Wunder, wenn man innerhalb von zehn Monaten die zweite derartige Tracht Prügel einstecken muss, die einem erbarmungslos brutalen Tritt ins Gemächt gleichkommt. Zumindest einem gnadenlos grausamen Schlag in die Magengrube. Der gelernte Metzger Bernd Hollerbach hat nun verdammt viel zu verdauen.

    Es waren gerade einmal 49 Tage. Sieben Spiele. Am 50. Arbeitstag war Hollerbach seinen absoluten Traumjob wieder los. Der Hamburger SV warf am Montagvormittag seinen Trainer, den er am 22. Januar diesen Jahres noch als Heilsbringer vorgestellt hatte, hinaus. Und teilte das dem 48-jährigen gebürtigen Würzburger, der seine Jugend in Rimpar verbrachte, nicht etwa in einem persönlichen Vier-Augen-Gespräch mit. Nein, Finanzvorstand Frank Wettstein sagte Hollerbach am Telefon, dass er seine Bündel packen kann.

    24 Spiele ohne Sieg

    Drei von 21 möglichen Punkten. Kein einziger Sieg. Drei Törchen in sieben Partien – das ist Hollerbachs Bilanz als Cheftrainer des HSV. Seit 13 Spielen konnte der Vorletzte, der schon sieben Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz hat, nicht mehr gewinnen. Hollerbachs persönliche Bilanz sieht noch wesentlich düsterer aus: Vereinsübergreifend wartet er seit 24 Ligaspielen auf einen Sieg, weil er mit den Kickers in der 17 Partien langen Rückrunde der zweiten Liga keine einzige gewinnen konnte, was den direkten Abstieg zur Folge hatte. Ein trauriger Negativrekord.

    Die in den acht noch ausstehenden Saisonspielen theoretisch noch immer mögliche Rettung des Bundesliga-Dinos HSV soll nun Nachwuchstrainer Christian Titz (46) vollbringen, der bisher die U-21-Mannschaft coachte. „Wir haben die sportliche Gesamtlage nach der 0:6-Niederlage in München intensiv analysiert und diskutiert. Am Ende sind wir zur Überzeugung gelangt, dass wir im Hinblick auf unsere Chancen im Kampf um den Klassenerhalt handeln mussten“, sagte Wettstein. Ein Salto rückwärts in der offiziellen Sprachregelung.

    Schon vor der Schlappe in München war die Rettung auch öffentlich praktisch ausgeschlossen worden. Danach hatte vor allem der Aufsichtsrat auf eine Trennung von Hollerbach gedrängt. Ratsvorsitzender Bernd Hoffmann, der unlängst auch zum Vorsitzenden des Gesamtvereins gewählt worden war, hatte vergangenen Donnerstag bereits Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Jens Todt entlassen.

    Der hochverschuldete HSV, der Bruchhagen, Todt, Hollerbach-Vorgänger Markus Gisdol und nun auch den Rimparer, der einen Vertrag bis 2019 unterschrieben hatte, weiter bezahlen muss, holte sich am Montag auch gleich einen neuen Mann auf die Gehaltsliste: Der ehemalige HSV-Spieler Thomas von Heesen wurde als Berater des Vorstands engagiert, als eine Art Kurzzeit-Manager und Ersatz für Ex-Sportchef Todt.

    Hollerbachs sportliches Schicksal erscheint noch betrüblicher, erinnert man sich an den Dezember 2016. Vor gerade einmal eineinviertel Jahren, spätestens, als die Würzburger Kickers den späteren Meister VfB Stuttgart am 18. Dezember mit 3:0 abgefiedelt und am vierten Advent eine so nie erwartbare Zweitliga-Hinrunde abgeschlossen hatten, galt Hollerbach als neuer Stern am Trainerhimmel des Profifußballs. Innerhalb von zwei Jahren hatte er seinen Zweitlieblingsverein von der Regional- in die zweite Bundesliga gehievt. Ein Kunststück, das zuvor nur dem finanziell auf Rosen gebetteten Retortenverein RB Leipzig gelungen war.

    Die Kickers und vor allem Bernd Hollerbach, der Vater dieses außergewöhnlichen Erfolgs, waren in ganz Deutschland in aller Munde: keine Zeitung, die nicht das ziemlich ausgelutschte Bild vom „Wunder von Bernd“ hervorkramte. Keine Sportsendung, die nicht dem rasanten Aufstieg des Klubs aus der Fußballprovinz Fernsehminuten gönnte. Das Internet quoll über vor lauter Hollerbach-Geschichten.

    Vom nicht nur in seiner Heimat umjubelten, vom Boulevard gehegten und von anderen Vereinen angeblich umworbenen Shootingstar in gut einem Jahr zum zuletzt bei manchem bestimmt Mitleid erregenden Übungsleiter, dem die Erfolglosigkeit an der Trainingshose klebt wie Gülle am Schuh – einen ähnlich rasanten Absturz vor den Augen der Öffentlichkeit hat zuletzt allenfalls der ehemalige SPD-Vorsitzende Martin Schulz verkraften müssen.

    Als „ein bisschen tragisch“ bezeichnet der Würzburger Paul Hupp die Entwicklung von Hollerbach. Die beiden sind befreundet. Hupp war Hollerbachs Trainer, als die Kickers 1990 in der Bayernliga kickten und der damals gerade 21 gewordene Rimparer in der Winterpause zum FC St. Pauli in die Bundesliga wechselte. „Ich leide mit wie ein älterer Bruder“, meint Hupp, der seinem Spezl natürlich bereits angeboten hat, „sich das von der Seele zu reden. Das zerfrisst einen“, weiß Hupp, „da ist drüber reden ganz wichtig.“

    Natürlich kennt Hollerbach die Gesetze des genauso schillernden wie unbarmherzigen Profigeschäfts. „Er wusste genau, worauf er sich einließ, er kannte ja die schwierige Situation“, meint Hupp. Dennoch: „Bernd musste das machen.“

    Wahrscheinlich musste Hollerbach das tatsächlich. Der HSV, bei dem er die längste Zeit als Profi verbracht und seine größten Erfolge gefeiert hatte, war immer schon sein Herzensklub. „Ich trage die Raute im Herzen“, sagte er einmal, in Anspielung auf das HSV-Wappen. Sein Ziel war immer, als Trainer in die Bundesliga zurückzukehren. Sein Lebenstraum der Posten beim HSV.

    Bestimmt ist es nicht leicht zu verarbeiten, wenn ein Lebenstraum nach nur 49 Tagen ausgeträumt ist.

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