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    HANDBALL: BUNDESLIGA

    Carsten Lichtlein von "Heckmeck" um Rekordzahl genervt

    Carsten Lichtlein, Torwart des HC Erlangen, wird wohl noch in diesem Jahr Rekordspieler der Handball-Bundesliga mit den meisten Einsätzen werden. Foto: Sportfoto Zink / Oliver Gold, via www.imago-images.de

    Carsten Lichtlein ist genervt. Nicht vom Rummel um ihn wegen seines bevorstehenden Rekords als Spieler in der Handball-Bundesliga (HBL) mit den meisten Einsätzen, sondern "vom Heckmeck um die herumgeisternden Zahlen". Unter den Statistikern herrscht plötzlich Uneinigkeit darüber, wann Lichtlein die bisherige Bestmarke seines früheren Torwart-Kollegen Jan Holpert knackt. "Letztes Jahr hieß es mal, ich brauche 613 Spiele. Dieses Jahr haben dann alle von 619 gesprochen, und auf einmal ist seit kurzem von 626 die Rede." Der 38-jährige Würzburger kann das Kuddelmuddel nicht nachvollziehen. Und Achtung, es kommt noch verwirrender.

    Eigentlich war Lichtlein - wie einige Medien - davon ausgegangen, dass er am vergangenen Sonntag beim Heimspiel seines HC Erlangen gegen die Rhein Neckar Löwen in seinem 618. Bundesliga-Spiel mit Holpert gleichgezogen ist und den bisherigen Rekordhalter an diesem Donnerstag in der Auswärtspartie bei MT Melsungen überholen wird - vorausgesetzt, er kommt zu seinem 619. Einsatz. Doch kurz vorher hat die HBL die Zahl von Holpert nach oben korrigiert. Fragen und Antworten.

    Welche Zählweisen von Einsätzen gibt es grundsätzlich?

    Zum einen gibt es die Möglichkeit, einen Einsatz bereits dann als solchen zu werten, wenn ein Spieler auf dem Spielberichtsbogen aufgeführt wird - unabhängig davon, ob er auch eingesetzt wurde. So zählt die HBL nach Festlegung der internationale Verbände EHF und IHF. Hintergrund: Bei den ständigen Wechseln im Handball ist es schwierig, einen Überblick zu behalten, wer womöglich für ein paar Sekunden auf dem Feld stand. 

    Zum anderen besteht die Möglichkeit, tatsächliche Einsätze zu werten. Saß ein Spieler während einer Partie nur auf der Bank, wird er in der Statistik mit dem Hinweis "n.e." (nicht eingesetzt) versehen. Auf dem offiziellen Spielberichtsbogen taucht der Vermerk nicht auf. So zählt laut Chefredakteur Olaf Bruchmann seit der Bundesliga-Gründung im Jahr 1966 das seit 1954 existierende und in Deutschland führende Handball-Fachmagazin "Handballwoche".

    Beide Zählweisen sind berechtigt - sofern sie konsequent und bei allen Bundesliga-Spielern einheitlich angewandt und nicht vermischt werden. 

    Welche Zahlen wurden bisher verwendet und kommuniziert?

    Erst seit 7. Oktober dieses Jahres führt die HBL auf ihrer Webseite eine Liste ihrer Rekordspieler. Angeführt wird sie von Holpert, dem dort 625 Einsätze qua Spielberichtsbögen zugerechnet werden. In anderen Quellen wie der Wikipedia-Seite der HBL und der Fachpresse waren bisher - und sind zum Teil noch - 618 Einsätze für Holpert vermerkt. "Die Wikipedia-Seite ist eine redaktionelle Seite, die nicht von uns gepflegt wird und für die wir nicht die Verantwortung tragen", erklärt HBL-Mediendirektor Oliver Lücke gegenüber dieser Redaktion. Den Eintrag hat die Liga am 14. Oktober aber ändern lassen und Holperts Einsätze auf 625 angepasst, ebenso wie auf dessen Wikipedia-Seite.

    Was war für die HBL Auslöser, Jan Holperts Rekord zu überprüfen und nach oben zu korrigieren?

    "In Vorbereitung auf den zu erwartenden historischen Rekord" habe man die Anzahl der Spiele von Holpert und Lichtlein "anhand gleicher Kriterien überprüft", heißt es von Seiten der HBL. Dabei sei festgestellt worden, dass sieben Spiele, bei denen Holpert zwar nicht im Tor, aber auf den Spielberichtsbogen stand, unterschlagen worden seien.

    Jan Torwart, als er noch Torwart des Handball-Bundesligist SG Flensburg-Handewitt war (bis 2007). Foto: DPA

    Diese Gleichheit wird vom Chefredakteur der "Handballwoche" angezweifelt. "Laut unserer Statistik müsste die HBL nach ihrer Zählweise dann auch bei Carsten Lichtlein auf vier Einsätze mehr kommen, in denen er zwar nicht gespielt hat, aber auf dem Bogen aufgeführt war", sagt Bruchmann. Wonach Lichtlein vor dem Spiel in Melsungen bei 622 Einsätzen stünde. Stimmt das, sprich würde die HBL im Fall von Holpert anders in dem von Lichtlein zählen - und vermutlich auch im Fall der nachfolgenden Top-Ten-Spieler. Dann würde die Liga Äpfel mit Birnen vergleichen. Das Problem ist: Aus erfassungsgeschichtlichen Gründen kann das wohl kein Mensch mehr verifizieren.    

     Auf Grundlage welcher Daten kann die HBL die bisherigen Zahlen nachprüfen?

    Seit 2006 werden die Spielberichtsbögen elektronisch erfasst. Laut HBL liegen die Bögen aus den Jahren davor in Papierform vor. "Diese wurden seit Gründung der HBL 2003 hier archiviert, zuvor vom DHB", so Lücke. Ergo: Holperts 1986 beim TSV Milbertshofen begonnene und von 1993 bis 2007 bei der SG Flensburg-Handewitt fortgeführte Bundesliga-Karriere fällt bis auf die letzten beiden Jahre ins Papierzeitalter. Die Korrektur, so schrieb ein HBL-Redakteur dieser Redaktion auf Anfrage, sei nach "Durchsicht aller Spielberichtsbögen" erfolgt.

    Hat demnach also jemand Hunderte von Bögen aus 20 Holpert- und fünf Lichtlein-Jahren gesichtet? Und sind wirklich alle Bögen aller Bundesligisten aus der papiernen Vergangenheit lückenlos irgendwo archiviert? Wie vollständig auch das "umfassende Datenpaket, das bis zur Ligagründung 1966 zurückreicht" und das die HBL laut Lücke "bei einem spezialisierten Dienstleister eingekauft" hat mit Daten, die "aus verschiedenen Quellen" stammen, "aber auch aus dem Archiv des deutschen Handballbundes", ist ebenso nicht zu beurteilen.

    Laut Bruchmann hat die Liga auch bei der "Handballwoche" Daten eingekauft. Allerdings beruhen diese ja auf der anderen Zählweise, womit die dann fragwürdige statistische Vermischung stattgefunden hätte.

    Um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben: Es geistert noch eine weitere Zahl zu Holperts Rekord herum: Im 2016 anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Handball-Bundesliga" von der HBL herausgegebenen Buch wird er mit 643 Einsätzen aufgelistet. Lücke vermutet einen "Übertragungsfehler" und verweist auf weitere Fehler in einer anderen Chronik: "Davon können wir uns nicht freimachen."

    Was bedeutet das Chaos nun für Lichtleins Rekord?

    "Mir persönlich ist es egal, welche Zahl nun die richtige ist", stellt Lichtlein klar. Er findet es "eher traurig als zum Lachen, dass offenbar nicht so richtig klar ist, wie und ob bei allen gleich gezählt wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in der Basketball- oder gar Fußball-Bundesliga passiert wäre." Der ehemalige Nationaltorwart möchte einfach nur wissen, in welchem Spiel er den Rekord nun mutmaßlich knackt, sofern er bis dahin durchgehend zum (Spielberichtsbogen)-Einsatz kommt. Die HBL, nach der sich auch der HC Erlangen richtet, sagt: Am 19. Dezember im Spiel bei Hannover-Burgdorf. Vorausgesetzt, es taucht nicht noch eine Zahl auf.

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