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    Fußball: Zweite Bundesliga

    Die Kickers in der Negativspirale

    Fussball, 2. Bundesliga, 1. FC Union Berlin - FC Würzburger Kickers
    Trost für einen alten Unioner: „Ritter Keule“ das Maskottchen des Berliner Zweitligisten nimmt Kickers-Torhüter Robert Wulnikowski, einst selbst für die Köpenicker aktiv, nach der Partie in den Arm. Foto: foto2press, Scheuring

    Der Frust war Clemens Schoppenhauer nach der 0:2-Niederlage des FC Würzburger Kickers beim neuen Tabellenzweiten der Zweiten Fußball-Bundesliga Union Berlin deutlich anzusehen. Den Blick nach unten gerichtet suchte er nach Worten. Es ging um die vielen Gegentore nach Standardsituationen, um die völlig ungefährlichen Würzburger Angriffsbemühungen mit einem Mann mehr in der zweiten Halbzeit. Es fielen Sätze wie: „Das muss man abstellen, sonst gewinnt man keine Spiele.“ Kurz darauf kam der Kapitän und gab die Losung aus: „Wir müssen jetzt weiter hart arbeiten, um gemeinsam herauszukommen aus der Negativspirale“, forderte Kickers-Spielführer Sebastian Neumann. Aussagen aus der Zitatenkiste des Abstiegskampfs sind das.
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    Acht Punkte sind es noch Vorsprung auf den 16. Platz, der gleichbedeutend ist mit den Relegationsspielen gegen den Drittliga-Dritten. Aber nach sechs Partien im Jahr 2017 ohne Dreier und mit gerade einmal zwei mageren Pünktchen wachsen die Sorgen ganz langsam, aber eben stetig mit jedem sieglosen Spieltag. „Ich habe nie etwas anderes gesagt: Für uns geht es darum, möglichst schnell die Punkte für den Klassenerhalt zu sammeln“, stellte Trainer Bernd Hollerbach klar.

    Unions "unheimliche Qualität"

    Nun ist Berlin-Köpenick derzeit nicht unbedingt der Ort, an dem Zweitliga-Zähler einfach einzusammeln sind. Nur eines der letzten 22 Heimspiele hat Union verloren. Rund um den Klub herrscht derzeit eine wahrhaft mitreißende Begeisterung. Und Trainer Jens Keller hat, wie Hollerbach feststellte, „auch in der Breite unheimlich Qualität im Kader“. Ein Beispiel ist der österreichische Abwehrmann Emanuel Pogatetz, den Keller nach der Gelb-Roten Karte gegen seinen Schützling Roberto Puncec (44.) in der zweiten Halbzeit aufs Feld beorderte, um hinten dicht zu machen. Pogatetz, gestählt durch zahlreiche Einsätze in der ersten Bundesliga und der englischen Premiere League, gewann anschließend 100 Prozent aller Zweikämpfe. Es gab für die Kickers schlicht kein Vorbeikommen. Union traf nach Sebastian Polters 1:0 (21.) in der 82. Minute noch durch Dmir Kreilach zum 2:0-Endstand.
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    "Würzburg kann mit dem Ball nicht viel anfangen"

    Sich einzig auf die Stärke des Gegners zu berufen, wäre freilich eine viel zu leichte Ausrede für die Kickers. Schließlich darf auf dem Weg zum Klassenerhalt gerne auch einmal ein unerwartetes Erfolgserlebnis her. Irgendwann, irgendwo müssen die Würzburger ja frisches Selbstvertrauen sammeln. Und dafür wäre am Freitag, bei einer ganzen Halbzeit in Überzahl, doch mal eine Gelegenheit gewesen. Dass die Kickers tatsächlich in den zweiten 45 Minuten keine einzige Chance mehr hatten, ein Tor zu erzielen, darf durchaus als Alarmsignal gewertet werden. Union-Verteidiger Toni Leistner brachte das Kickers-Problem auf den Punkt: „Es ist bekannt“, sagte er nach der Partie, „dass Würzburg mit dem Ball nicht viel anfangen kann.“ Verteidigen und kontern, meinte Leistner, das könnten die Würzburger. Aber ein Spiel gestalten? Nein, das können die Kickers in der derzeitigen Verfassung ganz offensichtlich nicht. Es ist ein leidiges Thema.

    Alle Hoffnung auf Besserung nun auf die baldige Genesung von Top-Vorbereiter Nejmeddin Daghfous zu setzen, wäre wohl auch vermessen. Das würde den an einer hartnäckigen Fußprellung leidenden 30-jährigen Deutsch-Tunesier gewiss überfordern. Dass in der Offensive derzeit die Alternativen fehlen, ist aber unverkennbar. Mit den eingewechselten Felix Müller und Valdet Rama wollte Hollerbach in Berlin für mehr Druck über die Flügel sorgen. „Da waren wir nicht effektiv“, räumte der Trainer am Ende ein.
    Kickers-TV: PK nach dem 0:2 in Berlin

    Enttäuschende Neuzugänge

    Die Probleme in seinem Kader werden immer deutlicher sichtbar. Den Kickers-Coach hatten schon gleich nach dem Aufstieg im vergangenen Sommer Sorgen geplagt, wie er sein Team auf die Schnelle fit für die zweite Liga machen könnte. Dabei hatte er bei seinen Neuverpflichtungen rückblickend nicht immer ein gutes Händchen: Anastasios Lagos vom griechischen Spitzenklub Panathinaikos Athen verpflichtet, hat in der Rückrunde noch kein einziges Spiel bestritten. Patrick Weihrauch, als großer Hoffnungsträger aus der Reserve des FC Bayern gekommen, spielte am Samstag mit der zweiten Mannschaft der Kickers in der Bayernliga gegen Eichstätt. Stürmer Marco Königs, in der Vorsaison in der Dritten Liga 16-facher Torschütze für Fortuna Köln, hat auch nach 21 Einsätzen in dieser Spielzeit noch keinen Treffer erzielt.

    Rechtsverteidiger Sascha Traut hat die Kickers bereits wieder in Richtung Dritte Liga (VfR Aalen) verlassen.

    Gefühlter Abstiegskampf

    Mit schmalem Budget mitzuschwimmen in dieser bestens besetzten Spielklasse ist eben schon alleine eine kleine Meisterleistung. Nicht umsonst erinnerte Hollerbach auch am Freitag daran, „dass der Klassenerhalt für unseren Verein wieder ein kleiner Meilenstein wäre“. Die Leistung aus der Hinrunde, die 27 Punkte, die die Kickers da bereits sammelten, erscheinen in diesem Licht umso erstaunlicher. Die dadurch geweckten Erwartungen einzufangen, ist nicht einfach. Hollerbach aber macht sich nur wenig aus der öffentlichen Meinung. Der Coach sieht seine Rolle in guten wie in schlechten Zeiten als Ruhepol, als einer, der sich von Stimmungen nicht beeindrucken lässt. So auch dieser Tage. Am kommenden Samstag (13 Uhr) geht es gegen Dynamo Dresden. Womöglich fühlt es sich am Dallenberg dann zum ersten Mal ein bisschen nach Abstiegskampf an. Dabei hat der für die Kickers schon am ersten Spieltag begonnen.

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