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    HANDBALL: ZWEITE BUNDESLIGA, MÄNNER

    Die unendliche Geschichte

    So seh'n Derbysieger aus: Rimpars Handballer feiern wie bisher immer in Coburg. Foto: Heiko Becker (HMB Media/ Heiko Becker)

    Drehbuchautoren? Würden sich vermutlich keine Serie ausdenken, in der am Ende jeder Episode die grünen Männchen die berauschten Sieger und die gelben Männchen die bedröppelten Verlierer sind. Psychologen? Fänden den Fall sicher interessant. Und die Beteiligten selbst – also jene, die Saison für Saison, in teils wechselnden Besetzungen, die fast unglaublich erscheinende, weil scheinbar unendliche Geschichte dieses Handball-Frankenderbys fortschreiben? Die einen, die der DJK Rimpar Wölfe, feiern sich bisher in der Endlosschleife. Und die anderen, die des HSC 2000 Coburg, sind gefangen in der ewigen Wiederholung des immer gleichen schlechten Films.

    „Ich könnte sagen, es ist wie verhext“, sagte HSC-Trainer Jan Gorr nach dem 17:22 (9:11) seines Teams am Samstag nach 60 intensiven und umkämpften Minuten voller Emotionen und Taktik vor der würdigen Derbykulisse von 2528 Zuschauern. Er schien die neuerliche Niederlage selbst nicht ganz fassen zu können. „Ich glaube, das war die zehnte Partie, die wir gegen Rimpar nicht gewonnen haben, wenn diese Zahl stimmt.“

    Gorr mit Galgenhumor

    Sie stimmt. Tatsächlich landeten die Unter- gegen die Oberfranken im zehnten Vergleich den siebten Sieg bei drei Remis. Und das, obwohl aufgrund der Ausfälle der etatmäßigen Kreisläufer „nicht viel mehr als die Serie im Vorfeld für uns gesprochen hat“, wie der sichtlich stolze DJK-Coach Matthias Obinger auf der Pressekonferenz meinte. Gorr quittierte die selbst auferlegte Außenseiterrolle des Tabellensiebten gegen den drittplatzierten Bundesliga-Absteiger mit ironischem Lächeln und flüchtete sich in „Galgenhumor“ – „obwohl es tief drinnen anders aussieht und weh tut“. „Eigentlich“, fuhr Gorr fort, „war alles wie immer: Rimpar reist als mega Underdog an, zum Schluss ist Brustmann der Held, und wir stehen wieder ohne Punkte da. Aber ich möchte das an Fakten festmachen.“

    Vier Fakten waren letztlich entscheidend. Die Gastgeber stellten zwar eine gute Abwehr, die Gäste aber eine noch bessere. Besser, weil noch etwas kompakter und aggressiver. Für Obinger war sie „der Schlüssel zum Erfolg“: „Wenn man die Heimmannschaft bei 17 Toren hält, sagt das viel über den Charakter des Spiels aus.“ Freilich auch über einen zweiten Fakt: die Chancenverwertung Coburgs. „Der große Unterschied war, dass wir kein Kapital aus unserer Deckungsleistung schlagen konnten“, analysierte Gorr. „Wir haben viele gut herausgespielte Bälle nicht im Tor untergebracht.“ Das wiederum lag auch an Max Brustmann. Wie immer im Derby lief der DJK-Keeper zu Hochform auf, parierte unter anderem zwei Siebenmeter von Liga-Toptorschütze Florian Billek sowie mehrere Konter und freie Würfe vom Kreis. Und nannte hinterher selbst einen dritten entscheidenden Faktor, den man wohl psychologischen Vorteil nennt: „Uns entfesselt dieses Spiel irgendwie, und die Coburger sind ein bisschen gehemmt gegen uns, weil sie auch im Kopf haben, dass sie uns noch nie geschlagen haben.“

    Brustmann nun war einer der altbekannten Protagonisten im Drehbuch dieses Derbys, das diesmal auch eine neue Rolle bereithielt: die des Überraschungsakteurs. Sie gebührte Philipp Meyer. Der 21-jährige Perspektivspieler, der in der Bayernliga-Reserve aus dem Rückraum die meisten Tore wirft, wird von Obinger zum Kreisläufer umgeschult – und gefiel als solcher vorne wie hinten richtig gut. Viel Lob bekam er von seinem Trainer und den Teamkameraden. „Was Philipp heute gerissen hat – Hut ab!“, sagte etwa Sebastian Kraus.

    Ach ja, Kraus. Auch er hatte in seinem und Stefan Schmitts letztem Derby vor dem Karriereende wieder eine Hauptrolle. Die gleiche wie im Hinspiel. Die des Rotsünders. Während er in Würzburg in der 38. Minute des Feldes verwiesen worden war, musste er es in Coburg nach 18 Minuten verlassen – er hatte Stefan Lex im Gesicht gefoult. „Vertretbar“, nannte der Linksaußen die Rote Karte.

    Doch auch sein Ausfall schweißte den Rest nur noch mehr zusammen. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Wölfe eine Drei-Tore-Führung erarbeitet (7:4). Im Angriff setzte der mit sechs Treffern erfolgreichste Werfer Benedikt Brielmeier im linken Rückraum die Akzente, in der Abwehr störten vor allem Schmitt, Meyer und Max Bauer wirkungsvoll die Kreise des schwedischen HSC-Regisseurs Tobias Varvne und des litauischen Rückraumhünen Romas Kirvelavicius. Näher als auf ein Tor kamen die Vestestädter ab da nie mehr heran. Auf alle Aufgaben hatten die Wölfe auch nach der Pause eine Antwort. Nicht zuletzt deswegen, weil sie taktisch bestens auf den Gegner eingestellt waren, und die Taktik der vierte entscheidende Erfolgsfaktor war.

    Zwei grüne Wände

    Als Gorr nach 47 Minuten und einem 3:0-Lauf Rimpars beim Stand von 15:19 eine Auszeit nahm, feuerten die Grün-Weißen ihre 250 mitgereisten Fans an, sie weiter zum Sieg zu tragen. Vor der grünen Wand auf den Rängen stellten sie ihre eigene Wand auf dem Spielfeld. Gemeinsam waren sie auch im zehnten fränkischen Vergleich unüberwindbar. Und gemeinsam feierten sie nach dem Abpfiff noch lange und laut.

    Ob Rimpar der Angstgegner Coburgs sei, wurde Gorr noch gefragt. „Ich glaube, dass diese Definition in diesem Duell entstanden ist“, antwortete er. „Doch die Dekade ist jetzt voll, und ich will dieses Kapitel schließen. Nächstes Jahr drehen wir den Spieß um“, kündigte der HSC-Coach kampfeslustig ein Ende der unendlichen Geschichte an.


    Die Statistik des Spiels

    Coburg: Krechel (1.-60.), Titze (n.e.), Foluszny (n.e.) – Hagelin, Spross 2, Kelm, Weber 3, Lex 2, Kellner, Billek 3/1, Riehn 1, Knauer 2, Varvne 4, Kirveliavicius.

    Rimpar: Brustmann (1.- 60.), Wieser (n.e.) – Kraus, Schmitt, Schömig, Böhm, Karle (n.e.), Schmidt 3, Kaufmann 1, Mohr (n.e.), Meyer 3, Bauer 1, Brielmeier 6, Herth 5/2, Sauer 1.

    Spielfilm: 2:2 (5.), 3:6 (16.), 6:7 (19.), 6:9 (22.), 7:10 (25.), 9:11 (HZ), 10:13 (33.), 12:13 (35.), 15:16 (43.), 15:19 (47.), 17:19 (53.), 17:21 (59.), 17:22 (Endstand).

    Siebenmeter: 1/3 : 2/2.

    Zeitstrafen: 2:4.

    Rot: Kraus (Rimpar, 18., grobes Foul).

    Schiedsrichter: Dauben/Rohmer (Köln).

    Zuschauer: 2528.

     

    Wolf des Tages:  Philipp Meyer #27 

    Der bei den Rhein-Neckar Löwen ausgebildete Nachwuchsspieler wandelte die Last des Drucks, den verletzten Patrick Gempp (Meniskus) und den vom HC Erlangen nicht freigegebenen Sergej Gorpishin über weite Strecken am Kreis und im Abwehrinnenblock ersetzten zu müssen, in Lust an der Verantwortung um. „Ich hab versucht, das Bestmögliche aus der Situation zu machen und ich glaube, es hat ganz gut funktioniert“, sagte der dreifache Torschütze bescheiden.

     

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