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    AMERICAN FOOTBALL: TRAININGSCAMP

    Ein NFL-Profi als Football-Botschafter

    24-7 American Football School mit Lerentee McCray
    So trainieren NFL-Profis: Lerentee McCray (vorne rechts) demonstriert mit einem schwarzen Kunststoffreifen wirksames Tackling. Foto: Heiko Becker

    Die Sonne scheint häufig an Floridas Stränden. Sie scheint dieser Tage auch oft am Würzburger Hubland, das historisch für immer mit den US-Amerikanern verbandelt sein wird. An diesem Februar-Samstag weht dort eine kalte, steife Brise. Lerentee McCray macht das nichts aus. Er ist warm angezogen, ein Vollbart schützt sein Gesicht. McCray hat es geschafft; er spielt in der stärksten Liga der Welt seines Sports: in der National Football League (NFL). Für die Jacksonville Jaguars, Bundesstaat Florida.

    Die Saison ist vor einigen Wochen mit dem Super Bowl wie immer ohne die Jaguars zu Ende gegangen; nun steht McCray im eisigen Wind auf dem weitläufigen Sportgelände der Uni Würzburg. Der 28-Jährige deutet auf die Buchstaben, die er zuvor selbst auf eine Schreibtafel gekraxelt hat und erklärt. Auf seinem dicken Oberarm prangen die US-Flagge und das NFL-Logo wie bei einem Offizier die Dienstgrade.

    Thomas Rauch hört aufmerksam zu. Der frühere deutsche Football-Nationalspieler wird wenig später erzählen, dass ihm McCray einen in Amerika mittlerweile weit verbreiteten Taktikwechsel nähergebracht hat. Demnach steht die mittlere Defensive nicht mehr wie früher in der Formation 4-3 vor der gegnerischen Offensive, sondern im 3-4. Das bedeutet, dass die andere Mannschaft mittig zunächst drei Schränke überwinden muss – und dann nochmals vier. „Das Spiel ist dadurch deutlich schneller geworden“, weiß Rauch, der McCray an den Lippen klebt.

    Gleich geht es los, das diesjährige, American Football Skills Camp. Gastgeber Martin Hanselmann, Trainer des hiesigen Regionalligisten Würzburg Panthers, begrüßt die 140 überwiegend jungen Sportler aus ganz Süddeutschland sowie die knapp 30 Coaches. Das Aufwärmen übernimmt der bodenständig gebliebene Stargast am Hubland: Lerentee McCray. Vor drei Jahren gewann er mit den Denver Broncos den 50. Super Bowl.

    Der US-Amerikaner hat keine einfache Jugend hinter sich. Geboren im strandfernen Gainesville, Florida, musste er sich mit vier Jahren von seinem jamaikanischen Vater verabschieden. Claude Richardson hatte die Wahl: Gefängnis in Amerika oder Rückkehr ins Heimatland. Er wählte letzteres; so oder so musste McCrays Mutter ihre drei Kinder fortan allein großziehen. Lerentees älterer Bruder brachte ihn schließlich zum American Football – und wurde später wegen Raubüberfalls mit Waffen zu 29 Jahren Haft verurteilt. Nun trug McCray, der auch einen jüngeren Bruder hat, zu Hause noch mehr Verantwortung.

    Knackiges NFL-Stretchen

    Auf dem Kunstrasen lässt der zweifache Familienvater unterdessen die in drei Reihen aufgebauten Footballer spüren, was knackiges NFL-Stretchen bedeutet. McCray ist sich für nichts zu schade: Er legt sich auf den Boden, macht jede einzelne Übung bis zum Anschlag mit und zählt auf Deutsch hoch. Das Land und die Sprache sind ihm nicht fremd. McCray hat eine deutsche Frau, die aus Wiesbaden stammt und am Nachmittag auch noch ans Hubland kommen wird. „Eigentlich ist sie meine perfekte Sprachtrainerin. Trotzdem spreche ich kein gutes Deutsch“, gesteht McCray – auf Englisch.

    Soeben hat er die anwesenden Linebacker ordentlich gefordert. Es ist seine Position. Die Linebackers stehen für die Zahl „4“ in der 3-4-Formation. Sie schuften im Herzen der Verteidigung – hinter der Defensive Line und vor den Defensive Backs. Linebackers müssen sowohl gegen das Laufspiel als auch gegen das Passspiel verteidigen. Sie sollten groß sein – und 100 Kilo aufwärts wiegen, dabei überwiegend Muskelkraft vorweisen können. McCray hat Idealmaße. Größe: 1,90 m. Gewicht: um die 110 kg.

    Der Football-Profi demonstriert anhand eines schwarzen Rades aus Turnmattenstoff, auf was es ankommt; kräftig packt er es ganz unten in der Nähe des Bodens – genau an der Stelle, wo sonst die Wade des Gegenspielers liegt. „So könnt ihr euren Kontrahenten tackeln.“ Der rennt natürlich wie ein Berserker. Also bekommt das Rad von McCray einen Schwung mit und die Linebacker sollen zunächst rückwärts nach hinten laufen, um sich dann mit vollem Karacho dem rollenden Reifen zu nähern und ihn dann ganz unten zu schnappen. Ein wenig erinnert das Treiben an eine Moorhuhnjagd.

    Ungefähr die Hälfte der neun Linebacker rutscht beim Wechsel vom rückwärts laufen nach vorne auf dem Untergrund weg. McCray unterbricht – und zeigt, wie es richtig geht. „Beim Abstoßen müsst ihr einen Ausfallschritt mit einem Querfuß machen.“ Einfache Stellschrauben, wirkungsvolle Drehung. Es sind solche Tipps, die sich auch Christian Sattes, 30, Defensive Back, und Lukas Thanhäuser, 24, Offense Line, von diesem Camp erhoffen.

    Die beiden Footballer der Würzburg Panthers gehören unter den Teilnehmern fast schon zu den Senioren. Sie haben bereits an unzähligen solcher Aktionen teilgenommen. „Hier trifft man mal auf andere Gegenspieler als beim normalen Training“, sagt Sattes. Und Thanhäuser: „Durch das gute Coaching erfährt man noch viele Feinheiten.“ Vormittags versammelt jeder Trainer die Spieler einer bestimmten Position um sich und arbeitet individuell mit der Kleingruppe. Am Nachmittag stehen dann komplette Spielzüge auf dem Programm.

    In Deutschland eine Randsportart

    Auch Olaf Hoos ist vom American Football fasziniert, obwohl er den Sport nicht selbst ausübt. Der Professor ist Leiter des Sportzentrums an der Uni Würzburg. Das Gelände hat Hoos für das Camp gerne zur Verfügung gestellt. „Der Football ist für uns wissenschaftlich sehr interessant. Jeder Spieler hat eine ganze spezifische Aufgabe. Sobald der Spielzug startet, geht es kurzzeitig extrem dynamisch zu und alles greift ineinander“, sagt Hoos. Hierzulande sei Football leider eine Randsportart. Untersuchungen hätten ergeben, dass die athletischen Werte der hiesigen Spitzen-Footballer um circa 30 bis 50 Prozent unter denen der NFL-Profis liege.

    Wer sich Lerentee McCray so ansieht, der glaubt das gerne.

    24-7 American Football School mit Lerentee McCray
    „So könnt ihr euren Kontrahenten tackeln.“ – Lerentee McCray zeigt, wo man beim Gegenspieler hinlangen muss. Foto: Heiko Becker

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