• aktualisiert:

    FUßBALL: DRITTE LIGA

    Gibt es bei den Kickers doch kein Sturm-Problem?

    Drin das Ding: Kickers-Angreifer Orhan Ademi erzielt das Tor zum 1:1, Erfurts Keeper Philipp Klewin hat keine Chance. Foto: Frank Scheuring, Foto2ppress

    Am letzten Spieltag einer Fußballsaison werden bisweilen Emotionen kübelweise ausgegossen in den Stadien des Landes. Da werden Erfolge bejubelt und Abstiege beweint. Da werden Karrieren beendet und verdiente Spieler verabschiedet. Das ist alles normal. Und doch war das, was sich beim 3:1 (1:1)-Sieg des FC Würzburger Kickers beim FC Rot-Weiß Erfurt im Steigerwaldstadion am Rand der Thüringischen Landeshauptstadt abspielte, besonders, ja einzigartig.

    Heruntergepurzelt ist Rot-Weiß Erfurt von der nationalen Fußballbühne. Nach zehn Jahren in der Dritten Liga, als letztes verbliebenes Gründungsmitglied dieser Spielklasse, das nie auf- oder abgestiegen ist. Dort, wo am 25. Juli 2008 gegen Dynamo Dresden das erste Eröffnungsspiel der neugegründeten Dritten Liga stattfand, war 3578 Tage und 380 Spiele später Schluss: Abstieg, Insolvenz, Regionalliga. Aber es gab keine Pfiffe, keine Beschimpfungen, keine Krawalle. Es war ein feierlicher Abschied. Noch eine Viertelstunde nach Spielschluss schallte der laute Gesang von der Tribüne, wurden Tausende Schals in die Luft gereckt. Und das, obwohl die Erfurter, bei denen Ex-Kickers-Stürmer Christopher Bieber in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, gerade die sechste Niederlage in Serie kassiert hatten. Sie konnten am Ende schlichtweg nicht mithalten. „Rot-Weiß lebt“ hatten die Anhänger als Motto für den Tag gewählt und ließen sich bei ihrem Vorhaben, die 90 vorerst letzten Drittliga-Minuten zu genießen, von rein gar nichts abbringen. Dass die Kickers das Resultat eigentlich höher hätten gestalten müssen – geschenkt! Es herrschte Gänsehaut-Atmosphäre.

    Das erste Testspiel

    Dieses Spiel war ohne Zweifel ein emotionales Ereignis – für die Erfurter. Und für die Kickers ein gelungener Abschluss einer Saison der Extreme. Auf Platz fünf sind die Rothosen nun ins Ziel gekommen. Müßig darüber zu philosophieren, ob mehr drin gewesen wäre. Der Blick geht nicht mehr zurück. Die Zukunft hat, das machte Trainer Michael Schiele schon mit seiner Aufstellung klar, mit dem Spiel in Erfurt begonnen. Keiner der abwandernden Spieler kam am letzten Spieltag noch einmal zum Einsatz, auch Kapitän Sebastian Neumann nicht. Die Partie war das erste Testspiel für die kommende Saison.

    Und dabei gab's tatsächlich ein paar erstaunliche Erkenntnisse. Dass die Kickers ein Problem im Angriff haben, war in den letzten Wochen unter Anhängern und Beobachtern nämlich ein feststehender Fakt gewesen. Wer nun am Ende der Saison die blanke Statistik betrachtet, der kann schon wegen der Zahlen ins Grübeln kommen. Zwölf Tore und sieben Torvorlagen stehen bei Orhan Ademi auf dem Konto. Und auch Dominic Baumann hat zuletzt mit zwei Treffern in drei Spielen bewiesen, dass er durchaus weiß, wo das Tor steht. In Erfurt trafen beide und legten jeweils einen Treffer vor. „Wir haben gezeigt, dass wir gut harmonieren“, so Baumann: „Derzeit belohnen wir uns auch mit Toren für die guten Leistungen.“

    Haben die Kickers vielleicht gar kein Sturmproblem? Trainer Schiele, der Ademi auch an schlechteren Tagen gegen Kritik verteidigte und bei dem der Schweizer stets gesetzt war, durfte sich in seiner Einschätzung bestätigt fühlen. „Man erkennt seine Klasse“, lobte der Kickers-Coach seinen Torjäger, ohne dessen Tore, das betonte Schiele auch, der Aufwärtstrend unter seiner Leitung nicht möglich gewesen wäre.

    Auffallende Abwehrlücken

    Gegen das gewiss nicht drittligawürdig verteidigende Schlusslicht Erfurt fielen freilich auch Schwächen im Offensivspiel weniger auf. Die Kickers fanden immer wieder Lücken, veranstalteten zeitweise ein regelrechtes Scheibenschießen. Es hätten mehr als drei Treffer sein können. Doch das störte Schiele kaum. Schon eher, dass es ohne Neumann der Kickers-Defensive spürbar an Souveränität und Geschlossenheit fehlte. Die Kickers werden in der Sommerpause mit Sicherheit versuchen, den Abgang des Spielführers mit einer Neuverpflichtung für die Abwehr zu kompensieren.

    Die Rothosen haben die Fühler in viele Richtungen ausgestreckt. Ob es nun Akteure von Zweitligisten sind, die nicht zum Zuge kamen, oder Regionalliga-Akteure, die sich für höhere Aufgaben empfohlen haben. Am Ende soll wohl für jeden Mannschaftsteil noch mindestens ein Spieler kommen.

    In Erfurt kehrt man indes die Scherben zusammen. Das Schicksal des Drittliga-Gründungsmitglieds war für Viele auch ein Anlass, über die Struktur der Liga nachzudenken, in der es vermeintlich schwer ist ordentlich zu wirtschaften. Am Ende aber hat auch die Dritte Liga eine Strahlkraft: Nun wollen sie in Thüringens Landeshauptstadt nämlich alles daran setzen, möglichst rasch zurückzukehren in die Spielklasse, die sie so gut kennen, wie kein anderer Verein.

    Die Statistik des Spiels

    Rot-Weiß Erfurt – Würzburger Kickers 1:3 (1:1)

    Erfurt: Klewin – Laurito (73. Kraulich), Chantzopoulos, Sarr – Odak, Biankadi, Rüdiger, Kwame – Brückner (68. Ludwig) – Huth, Lauberbach (68. Bieber). Würzburg: Drewes – Syhre, Hansen, Schuppan – Nikolaou – Göbel, Skarlatidis (60. Ünlücifci), Bytyqi (67. F. Kaufmann), Mast – Ademi (85. Breunig), Baumann

    Schiedsrichter: Bläser (Niederzier). Zuschauer: 5465. Tore: 1:0 E. Huth (4.), 1:1 Ademi (22.), 1:2 Skarlatidis (54.), 1:3 Baumann (85.). Gelb: Laurito (6) / Hansen (2), Nikolaou (10).

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!