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    Basketball: Bundesliga

    Nowitzki, Preise und die Problemfälle

    Marvin Willoughby spielte einst in Würzburg Profi-Basketball. In seiner Heimatstadt Hamburg machte er sich durch Sozialarbeit einen Namen - und empfängt nun den Ex-Klub.
    Ziemlich gute Freunde: Dirk Nowitzki (links) im August 2003 mit seinem damaligen Nationalmannschaftskollegen Marvin Willoughby.
    Ziemlich gute Freunde: Dirk Nowitzki (links) im August 2003 mit seinem damaligen Nationalmannschaftskollegen Marvin Willoughby. Foto: Peter Roggenthin

    Eine Geschichte, die wohl sehr treffend beschreibt, welchen Dienst Marvin Willoughby seiner Heimatstadt leistete, erzählt er nach einer guten Stunde, gegen Ende des Gesprächs: Ein älteres Paar besuchte eine Partie des Bundesliga-Aufsteigers Hamburg Towers. Nach der (verloren gegangenen) Begegenung suchten der Mann und die Frau Willoughby und bedankten sich bei ihm. Seit 40 Jahren leben sie in der Fast-Zwei-Millionen-Stadt Hamburg - doch im Stadtteil Wilhemsburg, wo die Towers beheimatet sind und auch ihre Heimspiele austragen, waren sie noch nie gewesen. Er war ein weißer Fleck auf ihrem Stadtplan - Willoughby sagt: "Sie erklärten, ich hätte ihnen ein Stück Hamburg geschenkt." Ohne dieses Basketballspiel wäre das Paar vermutlich bis heute nicht in dem Viertel gewesen. 

    Dazu muss man wissen, dass Wilhelmsburg so etwas wie die Bronx von Hamburg ist. Problemviertel. Beladen auch mit zahlreichen Vorurteilen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund. Mehr Gewalt als etwa in Blankenese. Die familiären Verhältnisse sind oft schwierig. Was wie das Waten in Klischees klingt, ist in dem Stadtteil südlich der Elbe gelebter Alltag. Willoughby ist in Wilhelmsburg aufgewachsen. Und nach seiner Reise durch die weite Basketballwelt dorthin zurückgekehrt. Er sagt, noch heute rümpften Menschen aus der Innenstadt die Nase, wenn sie erfahren, einer kommt aus Wilhelmsburg.

    Preise und Urkunden en masse

    Willoughby, Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters, spielte früher auch mal Fußball und Schach, und er betrieb Kampfsport. Inzwischen könnte er nicht nur sein Büro in der Geschäftsstelle der Towers am Kurt-Emmerich-Platz auf dem ehemaligen Gelände der Internationalen Gartenschau (2013) , sondern bestimmt auch sein Wohnzimmer mit Urkunden tapazieren, die er überreicht bekam für seine Integrationsarbeit. Und sie aufhängen neben dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, den er 2015 von der damaligen Arbeitsministerin Andrea Nahles ausgehändigt bekam. "Ich hatte mir nie vorgenommen, Sozialarbeiter zu werden und mache das auch nicht, um Preise zu gewinnen. Ich habe einfach gemacht, was mir Spaß macht. Schon immer", sagt der Mann, der in Würzburg auch mal ein paar Semester als Jura-Student eingeschrieben war. " Aber es war schnell klar, dass das Studium nicht vereinbar sein würde mit seiner sportlichen Karriere damals.

    Marvin Willoughby im Dress der Würzburger und bei einem Gespräch mit einem Schiedsrichter.
    Marvin Willoughby im Dress der Würzburger und bei einem Gespräch mit einem Schiedsrichter. Foto: Fabian Frühwirth

    Vor 14 Jahren gründete Willoughby den Verein "Sport ohne Grenzen". Es war als Projekt angedacht, in dem Sportsozialarbeit auch in Kooperationen mit Schulen und Basketball-Camps angeboten werden. Das Spiel zwischen den zwei hoch hängenden Körben hatte seit jeher ein Nischendasein gefristet in der zweitgrößten Stadt dieser Republik, die am Rothenbaum eher elitärers Tennis bot und hinter der Reeperbahn in St. Pauli malochenden Fußball sowie im Altonaer Volkspark einen Europapokalsieger und mehrfachen deutschen Meister in Deutschlands populärster Sportart.

    Marvin Willoughby im Mai 2019 nach dem Bundesliga-Aufstieg der Hamburg Towers.
    Marvin Willoughby im Mai 2019 nach dem Bundesliga-Aufstieg der Hamburg Towers. Foto: Witters

    "Du kannst hier machen , was du willst. Und bekommst die Chance, auch Fehler zu machen. Das ist mein Angebot." Das ist das Motto und auch die Lebenseinstellung von Holger Geschwindner, deutsche Basketball-Ikone und später vor allem bekannt geworden als Mentor, Ziehvater, Freund, Manager und Förderer von Dirk Nowitzki. Willoughby, 35-facher Nationalspieler und EM-Teilnehmer 2001, der seine Profikarriere wegen einer Knöchelverletzung und nach drei Operationen 2006 beenden musste - "die schwierigste Zeit in meinem Leben" -, spielte von 1998 bis 2002 bei der DJK s.Oliver Würzburg und war Mannschaftskollege des besten Basketballers, den Deutschland jemals hatte und der in den USA dann zu einer Legende wurde. Sie wurden damals die "Jungen Wilden" getauft, Demond Greene und Robert Garrett komplettierten das Würzburger Quartett.

    Auch Willoughby wurde von Geschwindner gefördert damals: Als "eine ganz wichtige Person in meinem Leben" bezeichnet der Hamburger den Förderer, der Hilfestellung stets nicht nur sportlich anbot, sondern eben auch eine Art Lebenshilfe. "Es geschah viel auf Augenhöhe", sagt Willoughby, es sei Geschwindner auch immer darauf angekommen, die Persönlickeit seiner Schützlinge zu bilden, viele Fragen habe er gerne mit einer Gegenfrage beantwortet.

    Geschwindners Leitmotiv hat sich der Mann, der am 31. Januar 42 wird, auf die Fahnen geschrieben. Mit ein paar Mitstreitern gründete Willoughby 2009 dann die Piraten und schickte Basketball-Jugendmannschaften ins Rennen. Sein Ziel war immer, in seiner Heimatstadt eine Mannschaft auf die Beine zu stellen, die sich dauerhaft in der Basketball-Bundesliga etabliert. 2014 gingen die von Willoughby mitgegründeten Hamburg Towers erstmals in der zweiten Bundesliga auf Körbejagd - vergangenes Frühjahr sind sie in Deutschlands Premiumklasse aufgestiegen. Willoughby ist Sportdirektor und Geschäftsführer und das Gesicht des Klubs, der am Samstagabend (20.30 Uhr) s.Oliver Würzburg zum Abschluss der Hinrunde empfängt.

    Willoughby erinnert sich gerne an seine Zeit in der Domstadt - auch wenn es anfangs ein "Kulturschock" für den Teenager war, der zuvor für den Zweitligisten SC Rist Wedel vor den Toren Hamburgs gespielt hatte. Weil er durch den Bundeswehr-Grundwehrdienst in Külsheim nicht dazugekommen war, seinen Wohnsitz umzumelden, bekam er bei einer Polizeikontrolle gleich eine Anzeige. "Da dachte ich mir als Hamburger Jung': Willkommen in Bayern." Willoughby lacht herzlich, als er die Anekdote erzählt.

    Nowitzki kannte er von den Jugend-Nationlmannschaften, und der lud ihn ein, doch mal vorbeizuschauen nach dem Abi. Willoughby nahm die Einladung an, Nowitzki holte ihn am Bahnhof mit seinem Golf ab - "in einem Orlando-Magic-Trikot und in Schlappen" -, und nach einem Gespräch mit Geschwindner fragte er nur: "Wo soll ich unterschreiben?"

    Marvin Willoughby beim Gespräch in der Geschäftsstelle der Hamburg Towers.
    Marvin Willoughby beim Gespräch in der Geschäftsstelle der Hamburg Towers. Foto: Thomas Brandstetter

    "Der Sport hat mir alles gegeben", sagt der Mann aus dem Problemviertel, "auch Selbstbewusstsein, Geld, ich habe die Welt gesehen." Auch daraus speist sich seine Motivation, etwas weiter- und Chancen zu geben. Er hat Rassismus und Diskriminierung am eigenen Leib erfahren - "und das merkt man teilweise auch heute noch, na klar. Aber davon lasse ich mich nicht aufhalten". Sein Sozialprojekt, auf dem die Towers letztlich fußen, wird - trotz der Herausforderung Profisport - weiter vorangetrieben und ausgebaut. Mit über 50 Schulen hat "Sport ohne Grenzen" Arbeitsgemeinschaften, zahlreiche Kita-Projekte kommen hinzu. "Wir erreichen jede Woche über 1000 Kinder durch Sport", sagt Willoughby. Der nächste Plan: ein Mehrsparten-Sportverein im Viertel, für dessen Heimstätte gerade 16 Millionen Euro investiert werden. "Entwicklungsarbeit für die Stadt" nennt der zweifache Familienvater das.

    Und wenn man dann nach diesem auch spaßigen, oft sehr ernsthaften und stets interessanten Gespräch all das Gehörte und auch das Zwischen-den-Zeilen-Gesagte etwas sacken lässt, kann man leicht auf die Idee kommen: Es scheint, als habe Marvin Willoughby inzwischen eine Art Lebensaufgabe gefunden.

    Die Mannschaftskollegen Willoughby und Wucherer
    Hamburg gegen Würzburg - das ist auch das Duell zwischen Marvin Willoughby und Denis Wucherer. Der Geschäftsführer der Hamburg Towers und deren sportlicher Leiter sowie der Trainer von s.Oliver Würzburg waren 2001 kurzzeitig in Würzburg und länger in der Nationalmannschaft Teamkollegen. Willoughby wollte Wucherer bei der Gründung der Towers gerne als Trainer haben, der entschied sich aber für den Job in Gießen. Spricht man Willoughby heute auf den Ex-Kollegen an, bekommt man eine lange Lobeshymne zu hören. Wucherer erinnert sich ebenfalls gerne an gemeinsame Zeiten und zollt Willoughby für dessen Leistung in Hamburg sehr großen Respekt. All das ist am Samstag ab 20.30 Uhr Nebensache, wenn die Towers als Drittletzter (drei Siege) der Basketball-Bundesliga gegen den Siebten aus Würzburg (neun Siege) den ersten Heimerfolg in dieser Saison einfahren wollen. Wucherer warnt davor, dass es ein Spaziergang wird, weil die Hamburger "sicher viel daran setzen werden, den Knoten zu Hause endlich platzen zu lassen". Drei Wochen Pause hatten die Baskets jetzt. Es geht darum, wieder in den Rhythmus zu kommen, weshalb unter der Woche ein Testspiel gegen das ProA-Team aus Nürnberg anstand - "um den Rost rauszulaufen", wie Wucherer sagt. Bei so einem Spiel (bei dem es keinen Endstand gab, da die Klubs vier einzelne Viertel spielten) gehe es um "die Wettkampfsituation, das kannst du in keinem Training simulieren". Seine Jungs sollten bereit sein, "mit Leidenschaft an den Start zu gehen", damit sich am Ende "die spielerische Qualität durchsetzt". Wucherer meinte die seiner Mannschaft. (tbr)

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