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    HANDBALL: 2. BUNDESLIGA

    Patrick Schmidt: "Ich war als Kind ein Hosenscheißer"

    Weihnachtsinterview vor dem Heimdouble: Der Kapitän der Rimparer Wölfe spricht über das Fest, Familie und Vorbilder, Emotionen und Ambitionen, Höhe- und Tiefpunkte 2019.
    Handball ist Mittelpunkt seines Lebens: Patrick Schmidt, Kapitän des Zweitligisten DJK Rimpar Wölfe.  Foto: Natalie Gress

    Großer NBA- und Fußballfan, verheirateter Kaninchen-Papa von Lotta und Leo - das ist über Patrick Schmidt (27) privat bekannt. Beruflich hat der Kapitän des Handball-Zweitligisten DJK Rimpar Wölfe (10./16:16) den Bachelor in Internationalem Management in der Tasche und studiert jetzt im zweiten Master-Semester Kommunikationsmanagement an der IST-Hochschule in Düsseldorf. Mit den Wölfen freut sich der frühere Juniorennationalspieler auf das Weihnachtsdouble an diesem Sonntag gegen den TV Emsdetten (17./11:21) und am zweiten Weihnachtsfeiertag (beide 17 Uhr, s.Oliver Arena) gegen den TuS N-Lübbecke (6./19:13). Vorab trafen wir "Publikumsliebling Paddi" zu einem Gespräch in einem Würzburger Café und lernten persönliche Seiten an ihm kennen. 

    Als Spielmacher ist Patrick Schmidt auch torgefärlich – und träumt davon, vielleicht noch einmal in der ersten Liga zu spielen gegen Gegner wie MT Melsungen, wie im diesjährigen DHB-Pokalwettbewerb.  Foto: Marco Wolf
    FRAGE: Patrick, Sie sind leidenschaftlicher und leiderprobter Fan des 1. FC Nürnberg...

    Patrick Schmidt: ...über den Club sprechen wir besser nicht. Lieber über was Schönes. (lacht)

    Gut. Sprechen wir über Weihnachten. Wo und wie feiern Sie?

    Schmidt: Heiligabend verbringe ich traditionell zu Hause in Ansbach. Am späten Vormittag treffe ich mich erst mit alten Freunden auf dem Weihnachtsmarkt, danach in einer Handballerkneipe. Am Nachmittag kommt dann bei meinen Eltern die ganze Familie zusammen, Oma und Opa, meine Schwester mit ihrem Mann und den Kindern. Ich bin Patenonkel der beiden und werde nach der Bescherung und dem Essen – es gibt Bockwurst mit Kartoffelsalat – mit ihnen spielen. Yannes ist jetzt eins, Carlotta drei. Sie ist schon so mutig im Vergleich zu mir als Kind!

    Wie meinen Sie das?

    Schmidt: Letzte Woche hat Carlotta bei mir und meiner Frau in Rimpar übernachtet. Wir haben einen Kinoabend auf der Coach gemacht, Kinderfilme geschaut und Popcorn gegessen. Ich hätte mich das in dem Alter nie alleine getraut. Ich war als Kind ein Hosenscheißer. (lacht) Wenn ich weg von zu Hause war, hatte ich immer Heimweh. Mit acht mussten mich meine Eltern noch vom Zelten abholen. 

    2010 trug Patrick Schmidt (Mitte) als Nachwuchsspieler des Leistungszentrums noch das Trikot des TV Großwallstadt und spielte mit derBayernliga-Mannschaft beim TSV Lohr (am Ball Alexander Schmidt). Foto: Yvonne Vogeltanz
    Trotzdem sind Sie mit 14 ins Internat des TV Großwallstadt gezogen.

    Schmidt: Als ich zum ersten Mal einen Flyer vom Nachwuchsleistungszentrum in den Händen hatte, hab ich zu meinen Eltern gesagt: 'Da will ich hin!' Als ich dann tatsächlich angenommen wurde und weg von meiner Familie, Freunden und der Schule musste, hab ich natürlich Rotz und Wasser geheult. Aber dann hat es mir gleich gefallen. Und auch nicht geschadet. Wenn du mit 14 schon alleine Wäsche waschen musst, dann wirst du auch früh selbstständig. 

    Was sagt dieser mutige Schritt als Jugendlicher über den Stellenwert von Handball in Ihrem Leben aus?

    Schmidt: Sehr viel! Bis heute ist Handball Mittelpunkt meines Lebens. Ich hab mit drei in Ansbach bei den Minis angefangen und war schon als kleiner Junge bei jedem Regionalligaspiel von Papa dabei. Wenn wir uns zusammen die Handball-Bundesliga im Fernsehen auf DSF angeschaut haben, durfte ich extra länger aufbleiben. Später in der Schule gab es dann diese "Meine Freunde"-Bücher. Andere Kinder haben darin als Berufswunsch Feuerwehrmann oder Polizist angegeben, ich hab immer professioneller Handballer hingeschrieben.

    Pascal Hens war Patrick Schmidts Vorbild – als Handballer und Frisurenmodel.  Foto: Oliver Berg, dpa
    Hatten Sie ein Vorbild?

    Schmidt: Erst Pascal Hens, dann Momir Ilic. Von Pommes (Spitzname von Hens, Anm. d. Red.) hatte ich lange ein Poster im Kinderzimmer hängen und später auch so eine Frisur wie er – nur, dass mein Irokesenschnitt nicht blondgefärbt war. Zu Weihnachten hab ich mal ein Trikot von ihm geschenkt bekommen. Als er in Hamburg war, hab ich mit Großwallstadt sogar einmal gegen ihn gespielt. 

    Vor ein paar Jahren haben Sie davon geträumt, selbst noch mal in die erste Liga zurückzukehren.

    Schmidt: Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass der Gedanke daran nicht immer noch reizvoll ist. Es gab auch die Möglichkeit die Wölfe zu verlassen, ich gehe damit nicht hausieren, aber es gab auch Gründe, warum ich Angebote bisher nicht angenommen habe. Jetzt bin ich 27, wenn mein Vertrag in Rimpar ausläuft, werde ich 29 sein. Grundsätzlich könnte ich mir schon vorstellen, noch mal woanders zu spielen, aber vielleicht bin ich dann auch zu alt. 

    "Für jeden von uns sollte es der Anspruch sein – ich sag' es jetzt mal überspitzt – nicht im Mittelfeld rumzudümpeln."
    Patrick Schmidt
    Mit Rimpar sieht es aktuell auch eher nicht nach Aufstieg aus.

    Schmidt: Der Verein muss sich genauso wie ich fragen, ob die Träume oder Visionen, die er mal hatte, noch realistisch sind und ob hier noch was nach vorne gehen kann. Für jeden von uns sollte es der Anspruch sein – ich sag' es jetzt mal überspitzt – nicht im Mittelfeld rumzudümpeln.

    Vergangene Saison stand am Ende Platz neun, aktuell Rang zehn. Wie würden Sie das Sportjahr 2019 mit den Wölfen zusammenfassen?

    Schmidt: Vielleicht als Jahr der Serien. Letzte Saison haben wir nach dem Abstiegskampf in der Hinrunde ab Mitte Dezember bis Ende April zwölf aus 15 Spielen nicht mehr verloren – bis zur nächsten Negativserie am Schluss der Rückrunde. Diese Saison haben wir stark angefangen – und dann stark nachgelassen. 

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    Warum eigentlich?

    Schmidt: Es heißt ja immer, wir haben einen schlechten Angriff.

    Den Zahlen nach den zweitschwächsten der Liga.

    Schmidt: Weil wir wenige Tore werfen, ja. Aber das liegt auch daran, dass wir uns oft das Leben selbst schwer machen, zum Beispiel hundertprozentige Chancen auslassen. Zugegeben: Wir hatten zuletzt ein paar wirklich schlechte Spiele, rufen zu selten unser Leistungsmaximum ab. Das trennt uns von Spitzenmannschaften, die konstant ihren Stiefel durchziehen. Aber fast der gleiche Kader hat vor drei Jahren um den Aufstieg gespielt. Daher sehe ich kein grundsätzliches Angriffsdefizit, das auf zu wenig individuelle Qualität oder einen Mangel an taktischen Möglichkeiten zurückzuführen wäre.  

    Also Kopfsache? Oder ein psychologisches Problem?

    Schmidt: Jedenfalls keines, das besser wird, wenn es ständig Thema ist. (grinst)

    Patrick Schmidt soll und will der emotionale Anführer der Rimparer Wölfe sein. Foto: Silvia Gralla
    Und wie lässt es sich beheben?

    Schmidt: Der Schlüssel zu allem ist Emotion. Kampf, Leidenschaft, Leistungswille.

    Aber auch daran hat es gerade zuletzt in Coburg erheblich gefehlt.

    Schmidt: Dieses Derby war echt hart, sicher einer der Tiefpunkte 2019. Wie wir uns ergeben haben! Das hat mir wehgetan. Aber wir haben die Ursachen intern aufgearbeitet, dabei soll es jetzt auch bleiben.

    "Der Schlüssel zu allem ist Emotion. Kampf, Leidenschaft, Leistungswille."
    Patrick Schmidt
    Sie sollen und wollen der emotionale Anführer sein. Was ist die Herausforderung dieser Rolle?

    Schmidt: Ich will die Mannschaft mitreißen, aber jeder Spieler muss auch mitgerissen werden wollen. Und jeder muss auch selbst lernen, sich nach Fehlern wieder aufzurichten und statt zu hadern wieder hungrig zu werden, vielleicht doch noch das entscheidende Tor zu werfen. Einfacher ist es natürlich, wenn man den Funken nicht auslösen braucht, sondern er aus dem Spielfluss heraus entsteht, auf alle überspringt und dadurch die Euphorie entfacht, auf die wir angewiesen sind, um Spiele zu gewinnen. 

    Was waren für Sie die Höhepunkte 2019?

    Schmidt: Letzte Saison der Heimsieg gegen Balingen, das war so eine Überraschung gegen einen "großen Gegner", wie ich sie mir für 2020 mal wieder wünsche. Auch der gegen Großwallstadt vor voller Hütte war ein absolutes Highlight. Diese Saison war schön, in der Schwalbe Arena in Gummersbach zu spielen und der Spaß, mit dem wir gestartet sind.

    Mit Spaß in die Saison gestartet: (von links) Benjamin Herth, Philipp Meyer, Patrick Schmidt und Fin Backs (alle DJK Rimpar Wölfe). Foto: foto2press/Frank Scheuring

    Wie beurteilen Sie Ihre persönliche Entwicklung in diesem Jahr?

    Schmidt: Ich bin Teil der Mannschaft und hatte mit ihr meine Höhen und Tiefen. Ich habe oft das Gefühl, andere messen mich vor allem an den Toren, die ich im Fast-Aufstiegsjahr im linken Rückraum geworfen habe. Darauf werde ich immer noch angesprochen.

    Damals waren Sie auch einer der Toptorschützen der Liga. 

    Schmidt: Ja, aber als Spielmacher ist meine Rolle eine andere. Dazu zählen auch Assists, gute Kreuzungen, eine gute Übersicht. Viele Zuschauer sehen nur die Zahlen, die nach dem Spiel in einer Statistik stehen. Oft bilden die aber nicht ab, aus welcher gelungenen Aktionen heraus zum Beispiel ein Tor entstanden ist. Aber das ist eben die Entwicklung: Wie der Basketball wird auch der Handball in der Auswertung immer statistischer.

    "Ich habe oft das Gefühl, andere messen mich vor allem an den Toren, die ich im Fast-Aufstiegsjahr im linken Rückraum geworfen habe."
    Patrick Schmidt
    Empfinden Sie Statistik als Effekthascherei?

    Schmidt: Zum Teil schon. Transparenz ist sinnvoll, aber durch die Konzentration aufs Detail geht manchmal der Blick aufs große Ganze verloren. Doch auch die Sozialen Medien leben nun mal von Schlaglichtern: der beste Torschütze, die meisten Paraden, der härteste Wurf.  

    Zurück zu Weihnachten. Überraschen Sie Ihre Fans und unsere Leser und verraten Sie uns etwas über sich, was wenige wissen?

    Schmidt: Ich koche gerne, bevorzugt mit dem Thermomix. (lacht)

    Wen kochen Sie in den Weihnachtsspielen mit den Wölfen eher ab: Emsdetten oder Nettelstedt-Lübbecke?

    Schmidt: Der Statistik nach eher Emsdetten. Aber der Tabellenstand ist trügerisch. Emsdetten kämpft gegen den Abstieg und hat zuletzt gegen Aue gewonnen, letztes Jahr auch bei uns in Würzburg. Trotzdem ist ein Sieg Pflicht. In Nettelstedt haben wir zum Auftakt ein Unentschieden geholt, aber die hatten jetzt einen ganz guten Lauf. Wir planen, beide Heimspiele zu gewinnen und uns mit vier Punkten zu bescheren.

    Vor einem Jahr verloren Patrick Schmidt und die Rimparer Wölfe ihr Heimspiel gegen den TV Emsdetten und ihren ehemaligen zweiten Towart Konstantin Madert (links). Diesmal ist ein Sieg gegen den Tabellenvorletzten Pflicht. Foto: Frank Scheuring

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