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    Würzburg

    Rechte Gewalt: Wieso Kickers-Kapitän Schuppan besorgt ist

    Fußball-Profi Sebastian Schuppan über Deutschland und die Wahl-Erfolge der AfD. Und er erklärt, warum er sein Facebook-Profil gelöscht hat und sich nun wie befreit fühlt.
    Kickers-Kapitän Sebastian Schuppan macht sich nicht nur Gedanken über den Fußball, sondern setzt sich nicht nur in seinem Podcast "Rasengeflüster" regelmäßig auch mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander. Foto: Thomas Obermeier

    Seit Sommer 2017 steht Sebastian Schuppan beim Fußball-Drittligisten Würzburger Kickers unter Vertrag. Der 33-jährige Kapitän und Innenverteidiger kennt Ost und West sehr gut. Er ist in Brandenburg geboren und kam über die Stationen Energie Cottbus, SC Paderborn, Dynamo Dresden und Armina Bielefeld nach Unterfranken. Im Podcast "Rasengeflüster" diskutiert er seit über einem Jahr jeden Montag zusammen mit dem Dresdner Radiojournalisten Jens Umbreit über den Fußball und den Sport, aber auch über andere gesellschaftlich relevante Themen wie Politik und Gesundheit. Dabei nimmt Schuppan kein Blatt vor den Mund – wie in diesem Interview. Vor der Landtagswahl am Sonntag in Thüringen spricht der Profi über seine Besorgnis über den Erfolg der AfD, Soziale Medien, das Mauerfall-Jubiläum und die Vorzüge des Freistaates Bayern.

    Bei der Landtagswahl vor wenigen Wochen in Brandenburg wurde in Ihrer Heimat Senftenberg die AfD deutlich stärkste Partei. Wie nehmen Sie das wahr?

    Sebastian Schuppan: Wir sind alle bestürzt über die hohe Prozentzahl, die die AfD dort geholt hat. Das ist besorgniserregend. Klar haben wir das in der Familie diskutiert, meine Eltern leben noch in der Nähe von Senftenberg. Ich glaube, die Ergebnisse in Brandenburg und Sachsen spiegeln die Enttäuschung und die Perspektivlosigkeit von einem Großteil der Menschen dort wider. Viele haben aus Protest AfD gewählt, ich halte das für ein ernstes Problem.

    Die AfD ist in ein Vakuum gestoßen?

    Schuppan: Die AfD hat viele unzufriedene Leute abgeholt, und davon scheint es im Moment nun mal viele im Osten zu geben, vor allem im ländlichen Bereich. Wer jung und ehrgeizig ist, hohe Ziele hat, verlässt zumindest den dörflichen Bereich und geht in die großen Städte, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Oft bleiben diejenigen zurück, die mit den vorhandenen Möglichkeiten weniger gut umgehen können und mit den aktuellen politischen Entwicklungen total unzufrieden sind. Das sind aber nicht nur die perspektivlosen Menschen, sondern das ist die Arbeiterschicht. Vor allem diese Menschen fühlten sich von der Flüchtlingspolitik überrollt und können damit schlecht umgehen. In den alten Bundesländern gab es schon immer mehr Migranten, deswegen sind die Leute das gewohnt. Im Osten braucht es etwas mehr Zeit. Die Politik hat es versäumt, die Menschen in dieser Hinsicht mitzunehmen. Ich schätze einen Großteil davon als Protestwähler ein. Da wo die AfD wirklich Gehör findet, schafft sie es mit simplen und menschenverachtenden Parolen. Sie schürt damit nur Hass und Gewalt, will die Menschen verunsichern und spalten.

    Was wäre eine Lösung?

    Schuppan: Ich maße mir da nicht an, eine Antwort zu haben. Ich finde, die etablierten Parteien haben ein Problem mit der Glaubwürdigkeit und machen es vor allem ihrem Nachwuchs schwer. Das ist ein kleiner Teufelskreis. Die perspektivvollen jungen Leute in der Politik werden ausgebremst von den Verantwortlichen. Die halten sich für wichtig, obwohl es an der Zeit wäre, Platz zu machen für neue Köpfe und neue Gedanken.

    Sebastian Schuppan, Kapitän der Würzburger Kickers.  Foto: Thomas Obermeier

    Am Wochenende steht nun die Wahl in Thüringen an. Besorgen Sie die Prognosen? Die AfD liegt hinter der Linken gleichauf mit der CDU.

    Schuppan: Ja. Ich glaube, wir sind an einem gefährlichen Punkt. Die Probleme von rechts werden immer noch viel zu klein geredet. Die AfD und ihre Begleiterscheinungen sind ja kein Problem mehr, sondern eine ausgewachsene Krise. Wenn es so weit ist, dass ein Viertel die AfD wählt, sind wir an einem Punkt, an dem wir schleunigst etwas ändern müssen. Ich hoffe einfach, dass die Protestwähler zurückkehren, die den etablierten Politikern nur sagen wollen: ,Macht was anders, ändert euch und eure Herangehensweise‘. Es ist der falsche Weg, rechts zu wählen. Ich höre so oft, dass wir aus der Vergangenheit lernen müssen. Jetzt müssen wir das zeigen. 

    Wie schockiert waren Sie nach dem Anschlag von Halle?

    Schuppan: Sehr. Dass so etwas hier wieder möglich ist, sollte erneut ein Alarmsignal sein. Ich kann es nicht oft genug betonen: Jeder muss sich über das gemeinsame Zusammenleben Gedanken machen, jeder muss seine Sache dazu tun.

    Jeder muss bei sich selbst anfangen?

    Schuppan: Jeder. Es gibt viele Situationen, wo man Flagge zeigen und für demokratische Werte einstehen und seine Stimme erheben kann, ohne sich in ein Risiko zu begeben. Ich weiß, dass viele gerne etwas tun würden, aber Angst davor haben, dass sie alleine dastehen und nicht unterstützt werden. Dass die Rückendeckung der breiten Masse fehlt. Das ist falsch. Jeder sollte in seinem Bereich etwas dazu beitragen.

    Haben Sie im vergangenen Jahr bei der Landtagswahl in Bayern gewählt?

    Schuppan: Ja, natürlich. Ich glaube, dass es schlimm ist, nicht wählen zu gehen. Wenn man die größten Nörgler fragt, was sie gewählt haben, dann sagen sie: ,Nichts, das bringt eh nichts.‘ Das ist falsch. Wenn jeder so denken würde, wäre es das Ende der Demokratie.

    30 Jahre sind seit dem Fall der Mauer zwischen Ost und West vergangen. Sie sind 1986 geboren. Wie bewerten Sie das Zusammenleben in Deutschland heute?

    Schuppan: Es gibt leider noch immer ein viel zu großes Klischeedenken. Es werden zu viele Vergleiche angestellt, sowohl von Ost- wie von Westseite. Es führt zu nichts, wenn man übereinander spricht statt miteinander. Ich habe nahezu mein ganzes Fußballerleben in den alten Bundesländern verbracht und festgestellt: Überall ist es lebenswert. Wir sind Deutschland – und nicht Ost oder West. Weil viele aber nicht rauskommen aus ihrem engen Umfeld, entwickeln sich leider immer noch diese Vorurteile. Wer sich nicht mit Menschen auseinandersetzt, erfährt nicht, wie sie wirklich sind. Deshalb treten wir in Sachen Gemeinschaft in Deutschland auch nach 30 Jahren noch etwas auf der Stelle.

    So kennen ihn die Fußballfans: Kickers-Kapitän Sebastian Schuppan setzt sich im Spiel gegen Jena gegen Kilian Pagliuca durch. Hinten Teamkollege Hendrik Hansen. Foto: foto2press/Frank Scheuring

    Wie kann man das Zusammenleben fördern?

    Schuppan: Auch das fängt beim Einzelnen an. Sich selbst nicht als Ossi oder Wessi sehen, sondern als Deutscher und offen sein für Neues. Ich glaube, dass es ganz viele Schnittmengen gibt und eigentlich ganz wenig Konfliktpotenzial. Aber diese ständigen Vorurteile, dieses Denken von vorgestern, das behindert das Zusammenwachsen.

    Sie befassen sich intensiv mit Sozialen Medien. Welche Rolle spielen die modernen Kommunikationswerkzeuge? Fluch oder Segen?

    Schuppan: Beides. Es ist schön, seine Erfahrungen schnell und weltweit mitteilen zu können. Genau darin liegt aber auch der Fluch: Es gibt fast keine Intimsphäre mehr, und, sind wir ehrlich, für manche Gespräche hinter verschlossenen Türen wäre es gut, sie würden nicht öffentlich werden. Wir leiden an einem totalen Informationsüberfluss und haben Probleme, alles zu verarbeiten.

    Sie selbst haben sich vor einigen Jahren von Facebook abgemeldet. Weshalb?

    Schuppan: Weil mich das Nachhalten meiner Posts zu viel Energie gekostet hat. Es war für mich eine absolute Befreiung, als ich mein Profil dort gelöscht habe. Seitdem geht es mir viel besser. Wenn ich Social Media mache, dann richtig. Dann will ich interagieren, sonst macht das für mich keinen Sinn. Ich sehe das ja immer wieder von Kollegen, die posten mal was und lassen es dann so stehen. Klar, bei Stars mit vier Millionen Followern wird es schwierig zu interagieren, ich hatte das leichter. Aber wenn du nicht mal versuchst, ins Gespräch zu kommen, macht es für mich keinen Sinn. Das ist für mich nicht die Interpretation von Social Media.

    Sie fokussieren sich nun auf Twitter . . .

    Schuppan (lacht): Ja, ich habe das Gefühl, dass dort die wenigsten Idioten unterwegs sind. Im Ernst: Um mich mit meinen Freunden auszutauschen, nutze ich Instagram. Twitter ist sozusagen mein öffentlicher Kanal, auf dem ich über Sport schreibe, aber auch über politische oder gesellschaftliche Themen. Man kann das ja nicht trennen. Es gibt in Amerika immer wieder große Diskussionen, in die sich Sportler mit der Begründung einschalten: I’m more than an athlet. Ich halte das für richtig, denn Sportler können wichtige Multiplikatoren und Vorbilder sein.

    Der Sport als Teil der Gesellschaft ist ein aktuelles Thema. Das zeigt hierzulande die Debatte um die Likes der Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can für ein Bild ihrer türkischen Kollegen, die nach einem Sieg eine Salut-Pose für die türkischen Soldaten im Syrienkrieg gemacht haben.

    Schuppan: Ich kann mir schon vorstellen, dass man beim Durchscrollen einfach mal auf ‚Like‘ drückt, weil man dachte, das sei eine Jubelszene. Bei Gündogan fällt das ein wenig schwerer zu glauben, weil es nach der Aktion mit dem Erdogan-Bild vor der WM im vergangenen Jahr bereits das zweite Mal war. Andererseits: Kaan Ayhan von Fortuna Düsseldorf wurde in seinem eigenen Land ordentlich dafür kritisiert, weil er nach seinem Tor gegen Frankreich die Pose nicht mit gemacht hat. Ich fand das mutig und gut von ihm. Aber da werden die Spieler auch in Positionen gebracht, die schwierig sind. Es darf jedenfalls nicht dazu kommen, dass der Sport missbraucht wird. Mannschaften leben oft vor, was man sich von einer Gesellschaft wünschen würde: Menschen verschiedenster Denkweisen und Nationalitäten spielen zusammen. Ja, das geht, und es geht wunderbar.

    Sie sind etablierter Fußballprofi und Kapitän eines Drittligisten, spüren Sie eine besondere Verantwortung, sich in Debatten einzuschalten?

    Schuppan: Ich weiß, dass es selbst in Würzburg, wo der Profifußball noch relativ jung ist, viele junge Menschen gibt, die drauf achten, was wir machen und die uns als Vorbild sehen. Ich bin mir dessen bewusst und glaube, dass es wichtig ist, sich ab und an zu relevanten Themen zu äußern. Ich mache das trotzdem wohl dosiert und will nicht zum Marktschreier werden. Meine Hauptaufgabe und meine große Liebe ist und bleibt der Sport. Ich versuche, mich darüber auszudrücken.

    Sebastian Schuppan (links) im Gespräch mit Main-Post-Redakteur Achim Muth. Foto: Thomas Obermeier

    In ihrem Podcast "Rasengeflüster", den Sie zusammen mit dem Dresdner Journalisten Jens Umbreit betreiben, zeigen Sie, dass ihre Gedankenwelt nicht an der Eckfahne endet. Es ist ungewöhnlich, dass sich ein Fußballprofi so regelmäßig und ausführlich zu Themen äußert, die über den Sport hinausgehen.

    Schuppan: Ja, aber Podcasts sind eine große Leidenschaft von mir. Ich höre sie selbst schon, seit es sie gibt. Es ist ein gutes Medium, weil man sehr viel tiefer gehen kann als in Stellungnahmen oder Interviews nach einem Spiel, in denen man manchmal nur 30 Sekunden für eine Antwort hat. Bei einem Podcast kann man sich Zeit nehmen, man kann sich vorher Gedanken zu einem Thema machen. Deshalb versuchen wir da auch immer wieder, gesellschaftlich relevante Themen anzusprechen. Wie gesagt, Fußball und der Sport sind Teile der Gesellschaft, deswegen darf man sie nicht komplett isoliert betrachten.

    Sebastian Schuppan (rechts) und Jens Umbreit auf einem Selfiefoto. Foto: Privat

    Wie kam es zum "Rasengeflüster"?

    Schuppan: Ich hatte schon länger vor, so etwas zu machen. Aber wie das so ist, mir haben die zündenden Ideen und der Mut gefehlt, es alleine zu machen. Irgendwann hat sich Jens aus alter Verbundenheit gemeldet. Er ist wie ich großer Fan des US-Sports. In den USA gibt es so viel mehr Formate als bei uns. Er hat mir seine Idee vorgestellt, und das war für mich der richtige Einstieg.

    Wie erfolgreich ist das Format?

    Schuppan: Das kann ich nicht sagen. Acht von zehn Menschen wissen gar nicht, was ein Podcast überhaupt ist. Viele denken auch, das kostet etwas, weil auf dem Button ‚abonnieren‘ steht. Dabei ist das völlig kostenfrei. Man kann unsere Gespräche anhören wann man will und wo man will. Es macht uns einfach sehr viel Spaß.

    Wie finden Sie es, nun in Bayern zu leben?

    Schuppan: Es ist ein tolles Bundesland, um Kinder großzuziehen. Die staatliche Unterstützung ist toll. Wenn ich das den Leuten in der Heimat erzähle, fragen sie immer: ,Wow, wie geht das?‘

    Ein Beispiel?

    Schuppan: Man bekommt in Bayern zum Beispiel als Eltern eines ein- oder zweijährigen Kinders ein Familiengeld von 250 Euro pro Monat. Ich meine, welches Bundesland macht das? Man fühlt sich hier schon geborgen – auch beim Thema Sicherheit. Das hat für mich auch wegen der Kinder eine hohe Priorität. Ich habe mich hier noch nie unsicher gefühlt. Nur das Schulsystem soll knackig sein. Unsere Tochter kommt nächstes Jahr in die Schule und viele Eltern sagen uns, dass es in Bayern von Anfang an richtig zur Sache geht. Aber die Tatsache, dass wir uns vorstellen können, hierzubleiben, spricht für Bayern.

    Der kostenlose Podcast "Rasengeflüster" von Sebastian Schuppan und Jens Umbreit ist zu finden auf Twitter (@rasengeflüster) oder im Internet unter: https://rasengefluester.de

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