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    Fußball: Dritte Liga

    Schiele im Interview: Warum das Kickers-Spiel wilder wird

    Trainer-Interview vor Schwarzwald-Kulisse: Kickers-Chefcoach Michael Schiele auf der Dachterrasse des Mannschaftshotels in Lautenbach. Foto: Frank Kranewitter

    Zweimal in Folge hat Trainer Michael Schiele Fußball-Drittligist Würzburger Kickersim Endklassement auf Platz fünf geführt. Nun muss der 41-jährige Vater zweier Söhne einen Umbruch im Team moderieren. Beim Treffen im Mannschaftshotel im Schwarzwald wirkt der Fußballlehrer locker und voller Vorfreude auf die kommende Saison.

    Frage: Während der Tage im Schwarzwaldwurden nicht nur die körperlichen Grundlagen für die Saison gelegt, sondern auch viel im taktischen Bereich gearbeitet. Ist das Trainingslager eigentlich für die Beine oder für den Kopf anstrengender?

    Michael Schiele: Schwierig zu sagen. Die Spieler müssen sehr viel aufnehmen, hören in den Besprechungen immer wieder, was von ihnen gefordert wird. Aber auch die Intensität der Übungen ist sehr hoch. Man trainiert mehr als während der Saison. Wir hatten in diesem Sommer auch etwas länger Pause. Deshalb haben wir nur knapp über vier Wochen Vorbereitung. Wir hatten zuvor eine sehr lange Saison mit einem nicht so großen Kader. Da war die Regeneration wichtig. Die Jungs sind aber fit, haben gut gearbeitet. Insgesamt ist die Vorbereitung auf diese lange Saison ein Prozess, der am ersten Spieltag noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Wir befinden uns jedoch auf einem guten Weg.

    Die Kickers haben wichtige Spieler im Sommer verlassen. Sie stehen vor einem Neuanfang. Sorgt das bei Ihnen für Frust oder neue Aufbruchsstimmung?

    Schiele: Es sind Säulen herausgebrochen. Viele von Ihnen waren zwei Jahre da. Diese Spieler wussten, wie wir spielen wollen und wie ich ticke. Und ich wusste auch, wie ich diese Spieler anpacken musste. Jetzt stecken wir alle in einem neuen Findungsprozess. Dadurch gibt es aber auch eine neue Chance für die neuen Spieler und für alle, die hier nicht so sehr zum Zug gekommen sind.

    Auch eine neue Chance für Sie als Trainer?

    Schiele: Es gibt sicher auch andere, erfahrenere Spieler, die ich gerne einmal trainieren würde. Aber ich bin mit unserem hungrigen Kader völlig zufrieden. Die Jungs, die jetzt hier sind, haben Qualität und wollen sich entwickeln. Sie wissen, dass wir in Würzburg gute Arbeit und andere Spieler hier den nächsten Schritt gemacht haben. Es wollen tatsächlich sehr viele Spieler zu uns kommen. Mehr als die, die wir verpflichtet haben. Natürlich ist es für mich auch eine Herausforderung, die vielen neuen Spieler kennenzulernen, auf sie einzugehen. Darauf freue ich mich.

    Schauen Sie, um ihre Schützlinge kennenzulernen, auch manchmal auf Instagram nach, was Ihre Spieler da so treiben?

    Schiele: Ich bin weniger in Sozialen Medien unterwegs. Ab und an bekomme ich einmal etwas zugespielt. Aber ich denke, dass die Jungs schon wissen, was geht und was nicht. Wenn da einer über die Stränge schlagen sollte, würde ich das schon mitkriegen.

    Wie gehen Sie selbst damit um, dass im Fußballgeschäft die Selbstdarstellung immer wichtiger wird?

    Schiele: Jeder muss wissen, was er da von sich preisgeben will und was nicht. Ich habe sicherlich nicht all die Zugänge. Ich kann gut damit umgehen, wie es derzeit ist. Ich selbst brauche das nicht.

    Denken Sie inzwischen öfter darüber nach, wie sie nach außen wirken?

    Schiele: Nein. Ich hoffe, dass ich auch heute noch genauso authentisch bin wie vor ein paar Jahren. Ich bin sowieso nicht der Typ, der immer im Vordergrund stehen muss. So bin ich auch erzogen worden.

    In diesem Sommer gab es, angestoßen von Bundesliga-Trainern wie Dieter Hecking oder Nico Kovac, eine Diskussion über den Umgang mit Trainern. Wie haben Sie diese empfunden. Werden Trainer heute anders behandelt als früher?

    Schiele: Auf jeden Fall. Man weiß, wenn man sich für diesen Job entscheidet, auf was man sich einlässt. Aber wenn man sieht, dass in es in der vergangenen Drittliga-Saison fast so viele Trainerwechsel wie Vereine gegeben hat, ist das keine gute Entwicklung. In dieser Masse ist das schon sehr hart. Man denkt ja auch daran, dass man auch selbst einmal in einer misslichen Lage sein könnte und wünscht sich in schwierigen Phasen auch Rückendeckung, die ich bei den Kickers bislang immer gespürt habe.

    Wie sieht Ihre eigene Zukunftsplanung aus? Haben Sie sich noch persönliche Ziele gesteckt?

    Schiele: Natürlich habe ich persönliche Ziele. Ich will mich immer weiter entwickeln. Ich bin jetzt zwei Jahre bei den Kickers und bin da top, top, top zufrieden. Es macht mir nach wie vor großen Spaß mit den Führungskräften, mit Daniel Sauer als Vorstandsvorsitzendem, aber auch mit Thorsten Fischer als Aufsichtsratschef und Sebastian Herkert als weiterem Mitglied des Aufsichtsrats. Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv, wir können uns auch einmal die Meinung sagen. Ich habe bei den Kickers die Chance als Cheftrainer bekommen. Das war damals ein riesiger Vertrauensbeweis. Wenn ich sehe, dass wir zweimal Fünfter geworden sind, glaube ich, dass das ein gutes Resultat ist. Vor der letzten Saison hätte ich damit auch nicht unbedingt gerechnet. Und wir sind im DFB-Pokal-Wettbewerb dabei. Jetzt haben wir eine neue Situation, eine veränderte Mannschaft. Wenn wir am Ende der kommenden Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen würden, würde ich das, Stand heute, unterschreiben. Wir wollen langfristig etwas aufbauen.

    Ist Ihnen dabei vor allem das Ergebnis wichtig. Oder geht es Ihnen auch um das schöne Spiel?

    Schiele: Natürlich ist Fußball ein Ergebnissport. Ich weiß doch auch, dass wir schlecht spielen können, wenn wir gewinnen. Dann wird einen kaum jemand ansprechen: ‚Was habt Ihr für einen Scheiß gespielt!‘ Aber man kann super spielen und 1:2 verlieren und plötzlich heißt es, da würde die Leidenschaft fehlen. So etwas nervt mich. Denn ich glaube, die Leidenschaft hat im letzten Jahr bei uns in keinem Spiel gefehlt. Es gibt in der Dritten Liga einige Klubs, die sind gezwungen, sehr ergebnisorientiert zu spielen, da sie schon aus finanziellen Gründen gezwungen sind, ganz oben zu stehen. Druck hat aber jeder Verein. Bei uns geht es auch um die individuelle Entwicklung der Spieler, um die Entwicklung einer Philosophie, um die langfristige Entwicklung der Mannschaft. Wenn wir das, umso schneller umso besser, umsetzen, kommen die Ergebnisse von alleine. Denn es gibt sicher Mannschaften, die nun am Saisonbeginn auf eine größere individuelle Qualität und Erfahrung zurückgreifen können. Das können wir aber als Team mit unserer Geschlossenheit ausgleichen und unsere Qualität Schritt für Schritt weiter steigern.

    Das Trainerteam hat sich in diesem Sommer gewandelt. Mit Lamine Cisse und Dennis Schmidt haben zwei Co-Trainer den Klub verlassen. Ihr neuer Assistent Rainer Zietsch besitzt einen enormen Erfahrungsschatz. Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

    Schiele: Mit Rainer ist ein Top-Mann zu uns aufgerückt, der als Spieler sehr viele Erst- und Zweitligapartien  absolviert und schon mit vielen Trainern zusammengearbeitet hat. Er hat auch als Coach schon sämtliche Bereiche abgedeckt, als Leiter des Nürnberger Nachwuchsleistungszentrums, als Jugendtrainer und auch als Trainer im Männerbereich. Mit so erfahrenen Mann tauscht man sich natürlich ganz anders aus.

    Kann es nicht auch schwierig werden, wenn zwei starke Persönlichkeiten als Cheftrainer und Assistent aufeinanderprallen?

    Schiele: Rainer ist ein absolut loyaler Typ. Ich kenne ihn nicht erst seitdem er vor einem Jahr in Würzburg im Nachwuchsleistungszentrum angefangen hat. Es ist nicht so, dass wir ständig Kontakt hatten. Aber wir kennen uns schon von den Eignungstests für den Fußballlehrer-Lehrgang, von Lehrgängen und auch in den Stadien haben wir uns immer wieder getroffen. Wir haben uns da schon häufiger ausgetauscht. Und im vergangenen Jahr hat man vor seiner Verpflichtung von Vereinsseite auch mit mir gesprochen. Ich war sofort begeistert davon, dass die Kickers einen solchen Top-Mann ins Boot holen konnten. Und ich bin jetzt sehr froh, dass er das Angebot, zu uns in den Stab zu wechseln, angenommen hat.

    Wie sieht die Aufgabenteilung zwischen Ihnen aus?

    Schiele: Wir tauschen uns sehr oft aus. Klar muss ich am Schluss den Kopf hinhalten. Deshalb liegt die letzte Entscheidung bei mir. Aber Rainer kann uns mit seiner Erfahrung natürlich sehr viel weiterhelfen. So hat er jetzt auf dem Trainingsplatz auch mit dem Team an Standards gearbeitet.

    Der Fußball ist durch Videoanalysen und sehr viele Daten gläsern geworden. Geheimnisse gibt es auch in der Dritten Liga kaum noch. Wie berechenbar ist das Spiel heute?

    Schiele: Ein Stück weit ist es berechenbar. Das stimmt! Wir wissen, was der Gegner macht. Der Gegner weiß das von uns. Ich will aber schon dahin kommen, dass wir nicht nur ein Spielsystem beherrschen, sondern auch mal überraschen können, durch System- oder Positionswechsel. Natürlich ist der Fußball gläserner geworden, wir können viele Zahlen nutzen, auch um Spielern etwas zu zeigen. Aber deshalb sind wir keine Daten-Junkies. In zu vielen Daten kann man sich auch verirren. Entscheidend ist immer noch, wie die Sache auf dem Platz aussieht.

    Fußball ist also doch keine Mathematik, wie Ottmar Hitzfeld es einmal formulierte?

    Schiele: Also ich habe jedenfalls noch keine Formel über irgendwelche Phasen gelegt. Aber ich lasse das mal so stehen …

    Wie haben Sie die Sommerpause verbracht? Konnten Sie einmal abschalten?

    Schiele: In den ersten beiden Wochen nach Saisonende war noch sehr viel zu tun. Dann bin ich zumindest ein paar Tage mal in Urlaub gefahren. Da habe ich das Handy dann zur Seite gelegt. Aber irgendwann hat es mich dann auch selbst gepackt. Man will ja immer wissen, was passiert. Ich habe viele Telefonate geführt. Trotzdem war es wichtig, mal runter zu kommen und Zeit mit der Familie, mit meinen beiden Söhnen zu verbringen. Leider war diese Zeit dann schnell vorbei.

    Ihre Familie wohnt weiter auf der Schwäbischen Alb …

    Schiele: Ja, aber es gefällt ihnen zum Glück auch sehr gut in Würzburg. Wenn sie bei mir sind, ist das immer so ein kleiner Urlaub. Ich bin froh, dass das so funktioniert. Ich wusste, worauf ich mich als Cheftrainer einlasse. Man will ja auch als Cheftrainer in alle Sachen involviert sein. Will Absprachen treffen, vor Ort sein. Da muss die Familie mitspielen. Da passt bei mir zum Glück sehr gut.

    Bei den Einheiten im Schwarzwald ging es häufig um Taktik. Kickers-Trainer Michael Schiele (vorne) untebrach die Übungen immer wieder, um Details zu erklären. Foto: Frank Kranewitter

    Was haben Sie sich denn vor der neuen Saison vorgenommen? Was sind Ihre Ziele?

    Schiele: Schön wäre schon einmal, wenn wir besser in die Saison starten als in den letzten beiden Jahren. Das ist schon ein Ziel von mir. Auch dass die Mannschaft einen erfrischenden Fußball spielt, der die Leute begeistert. Zum jetzigen Zeitpunkt wären wir mit einem einstelligen Tabellenplatz zufrieden. Aber wenn diese junge Mannschaft in einen Lauf kommt, dann ist vielleicht auch noch mehr drin. Und auch in den DFB-Pokal wollen wir gerne wieder einziehen. Das ist im bayerischen Toto-Pokal-Wettbewerb mit vielen Dritt- und starken Regionalligisten nicht einfach. Da kann man auch ausscheiden. Aber es ist trotzdem unser Ziel, den DFB-Pokal-Wettbewerb zu erreichen.

    Gibt es auch eine bestimmte Art Fußball für die die Kickers in der nächsten Saison stehen wollen? Wird sich die Spielweise verändern?

    Schiele: Natürlich werden wir uns ein Stück weit verändern. Mit den jungen Spielern wird das Spiel vielleicht etwas wilder und schneller. Es wird auch unsere Aufgabe sein, die nötige Ruhe reinzubringen. Ein anderer Punkt ist, dass wir uns bei Standardsituationen verbessern wollen, das ist auch ein Ergebnis unserer Analyse am Ende der vergangenen Saison.

    Gibt es ein Team, einen Stil, der sie zuletzt beeindruckt hat. Ein Fußball, der sie inspiriert?

    Schiele: Wenn ich Liverpool sehe, finde ich das schon sehr beeindruckend. Da kommen Dynamik, Schnelligkeit und Kompromisslosigkeit in der Defensive zusammen. Jeder arbeitet für den anderen. Schnelligkeit und Präzision zusammenzubringen, ist die große Herausforderung. Das wollen wir hier als Trainerteam schaffen.

    In diesem Sommer mussten sie zwölf neue Akteure ins Team integrieren? Eine besondere Herausforderung?

    Schiele: Das ist sicher eine Sache, die sich nicht in sechs Tagen Trainingslager erledigen lässt. Was das soziale Gefüge angeht, mache ich mir keine Gedanken. Es ist eine sehr homogene Mannschaft, da sind auch die älteren Spiele gefragt. Aber das funktioniert bei uns gut. Alle fühlen sich wohl, der Teamgedanke steht ganz oben.

    Derzeit sind zwei Testspieler beim Team. Welche Baustellen sind noch offen?

    Schiele: Einen klassischen Linksverteidiger haben wir noch nicht im Kader, weshalb wir danach weiterhin Ausschaut halten. Wir wollen die Testspieler nicht nur ein paar Tage sehen, sondern uns über längere Zeit einen Eindruck machen. Ich hätte aber auch keine Angst, wenn wir mit dem aktuellen Kader in die Saison starten. Denn aus dem aktuellen Team können auch einige Akteure auf dieser Position agieren.

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