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    Würzburg

    Serie: Stirbt der Fußball auf dem Land?

    Es steht nicht gut um den Fußball auf dem Land. Der Bezirksvorsitzende Jürgen Pfau kennt die Sorgen und Nöte der Klubs. Ein Gespräch über Wandel, Wettbewerb und etwas Wahrsagerei.
    Die Fußballplätze auf dem Land waren einst beliebte Spielwiesen für Jung und Alt. Was ist von dieser Idylle noch übrig? Foto: Anand Anders

    Jürgen Pfau ist ein Kind des Fußballs. Er stand im Tor des TSV Heidenfeld, pfiff als Schiedsrichter Spiele bis zur Bezirksoberliga, führte von 2009 an als Spielleiter den Kreis Schweinfurt – und ist seit 2013 Vorsitzender des Bezirks Unterfranken. Der 44-jährige Frankenwinheimer steht damit für die "zweite Karriere" nach dem Ende der aktiven Fußballer-Laufbahn – ein Weg, den heute nur noch wenige einschlagen und der seiner Meinung nach mitverantwortlich ist für die Probleme, die der Fußballsport hat. Ein Gespräch über den rapiden Strukturwandel des Fußballs, die nötigen Schlüsse daraus und einen gar nicht so trüben Blick in die Zukunft.

    Vor drei Wochen ist der unterfränkische Ehrenbezirksvorsitzende Rolf Eppelein gestorben. Welches Vermächtnis hinterlässt er dem Fußball in Unterfranken?

    Jürgen Pfau: Er hat Trends erkannt und sie aufgenommen. Wir haben in seiner Amtszeit wichtige Strukturreformen umgesetzt, haben Kreise und Schiedsrichtergruppen angepasst und sind heute in der Breite wie in der Spitze gut aufgestellt. Und: Wir waren die Ersten in Bayern, die ihre Bezirksgeschäftsstelle erneuert und mit moderner Infrastruktur versehen haben. Mit unserem Funktionärsteam kümmern wir uns heute um etwa 800 Vereine in Unterfranken.

    Die Rolle des Reformers wird Rolf Eppelein keiner absprechen. Die einen loben Mut und Weitsicht, andere sagen, er sei – um in der Fußballersprache zu bleiben – mit dem Rasenmäher über die Lande gefahren.

    Pfau: Der Rasenmäher ist sicher kein passendes Bild. Mancherorts brauchte es – wie meist bei Veränderungen – Überzeugungsarbeit. Es ergibt einfach keinen Sinn, nur der Gewohnheit halber an Strukturen festzuhalten. Man muss sich heute so aufstellen, dass man in etwa vergleichbare Größen hat und nicht hier eine sehr kleine und dort eine ganz große Einheit.

    Haben Sie ein Beispiel?

    Pfau: In unserem Ligen-System darf es nicht so sein, dass man einen dicken Kopf hat, den das Skelett kaum tragen kann. Was wir brauchen, ist eine breite Basis, die sich nach oben verschlankt – wie bei einer Pyramide. Da gab es vereinzelt Widerstände, wenn eine Mannschaft plötzlich in einer anderen Liga mit anderen Gegnern antreten musste. Für andere Vereine ist es dadurch deutlich gerechter geworden.

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    Zwischen Ihnen und Rolf Eppelein liegen anderthalb Generationen. Wie hat sich der Fußball in diesen 35 Jahren verändert?

    Pfau: Erstens: Er ist – wie die ganze Welt – digitaler geworden. Prozesse ändern sich immer schneller. Früher haben Sie Nachrichten per Brief verschickt – zwei, drei Tage später war er beim Adressaten. Und wenn es schneller gehen sollte, hatte man noch das Telefon. Jetzt kann ich binnen Sekunden riesige Datensätze transferieren. Diese Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft fordert auch die Sportvereine und letztlich uns, den Verband. Sie weckt Erwartungen bei den Nutzern, denen man sich stellen muss.

    Und zweitens?

    Pfau: Der Fußball genießt – vor allem unter Jugendlichen auf dem Land – nicht mehr die alleinige Aufmerksamkeit. Er steht heute im Wettbewerb mit vielen anderen Angeboten. Und man ist auch nicht mehr so bereit, sich im Freien aufzuhalten und Sport zu treiben. Die Vereine haben zwar noch ihre Mitglieder, aber diese Zahl täuscht darüber hinweg, wer sich wirklich aktiv einbringt. Und wenn Leute aktiv sind – man kann das gut an den Ehrenamtlichen beobachten –, stehen sie den Vereinen deutlich kürzer zur Verfügung als früher.

    Die klassische Karriere, in der Vorstände 30 Jahre im Amt blieben . . .

    Pfau: . . . gibt es immer seltener. Früher fingen Kinder zwar später an, Fußball zu spielen, sie blieben den Vereinen aber länger erhalten. Sie wechselten von den Junioren zu den Aktiven und machten dann im Verein weiter: als Betreuer, als Schiedsrichter, als Kassier – oder eben als Vorsitzender. Das waren die 30- bis 50-Jährigen, die den Vereinen heute massiv wegbrechen.

    Jürgen Pfau ist seit 2013 Vorsitzender des Fußball-Bezirks Unterfranken. Er sieht sich selbst als "Kümmerer" für die Sorgen und Nöte der Klubs. Foto: HMB Media / Oliver Müller
    Die zweite Karriere machen viele nicht mehr.

    Pfau: Genau diese Leute müssen wir binden. Das sind die klassischen Vorbilder für unsere Jugend.

    Es gab in den 70er Jahren den Hit "Fußball ist unser Leben, König Fußball regiert die Welt". Inwieweit gilt dieser Refrain noch, vor allem auf dem Land?

    Pfau: Er trifft die Sache nicht mehr zu 100 Prozent, aber er gilt nach wie vor. Keine andere Sportart schafft es derzeit am Fußball vorbei. Aber Unterfranken leidet in den meisten Landkreisen – da muss man ja bloß in den Entwicklungsatlas der Staatsregierung schauen – unter Geburtenrückgang und Wegzügen. Diese Leute fehlen natürlich auch den Vereinen. Gleichzeitig konzentrieren sich die Klubs oft auf die Buben und verkennen das Potenzial kickender Mädchen. Darauf wollen wir vom Verband aufmerksam machen in diesem Jahr, da wir 50 Jahre Frauen- und Mädchenfußball im DFB feiern.

    Gibt es denn außer dem demographischen Wandel noch andere Gründe für den Bedeutungsverlust des Fußballs?

    Pfau: In Unterfranken laufen die Kurven fast parallel. Wenn ich die Zahlen in Oberbayern sehe, dann sind es dort andere Faktoren. Diese Region boomt ja, und trotzdem steigen die Zahlen nicht im gleichen Maß. Da liegt es sicherlich daran, dass die Vereine nicht die Kapazität haben, alle Leute aufzunehmen, und die Konkurrenz zum Fußball noch größer ist als bei uns.

    Es gibt eine groß angelegte Studie des DFB zu den Gründen, warum Kinder das Fußballspielen aufgeben. Genannt sind: fehlender Spaß, mangelndes Interesse, Unzufriedenheit mit Trainern und Mannschaft, keine Zeit. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

    Pfau: Das gibt die Lage gut wieder. Das Thema Spaß darf man nicht unterschätzen, gerade beim Nachwuchs sollte zunächst nicht der Leistungsgedanke an erster Stelle stehen. Da geht der Auftrag auch an uns: Wie können wir als Verband dafür sorgen, dass die Freude am Spiel nicht zu kurz kommt? Funino ist so ein Projekt. Es geht um mehr Ballkontakte, mehr Dribblings, mehr Tore, nicht nur darum, dass die besten zwei, drei Spieler sich den Ball zuschieben. Das eigentliche Kicken, was früher das Bolzen auf der Straße war, soll gefördert werden. Auch diese Reservate sind ja seltener geworden.

    Sie sind fast Ihr ganzes Leben dem Fußball verbunden: als Spieler, Schiedsrichter oder Funktionär. Mit welchem Gefühl gehen Sie heute auf den Fußballplatz?

    Pfau: Mit gutem. Ich sehe mich als Kümmerer für den Fußball. Dort, wo Vereine Hilfe benötigen, möchte ich sie ihnen gewähren. Das bedingt aber, dass man vordenkt, Trends aufgreift und ihnen mit Lösungsvorschlägen begegnet. Mein Ansatz ist es, dass in jedem Ort mit einem Verein weiter Fußball gespielt werden kann. Die Zeiten sind härter geworden, klar. Aber wie schwierig waren die Zeiten, als in vielen unserer Vereine das Fußballspielen erst losging? Das waren die Phasen nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg, als die Vereine mit deutlich weniger Möglichkeiten auskommen mussten.

    Aber, Herr Pfau, die Zeiten nach dem Krieg waren Aufbruchsjahre. Heute herrscht in nicht wenigen Klubs Endzeitstimmung.

    Pfau: Ich will gar nicht abstreiten, dass manchem Verein die Aktiven ausgehen. Oft sind es die Ehrenamtlichen, die ihnen fehlen, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Das ist also heutzutage fast die größere Herausforderung: Wie schaffen wir es, dass das Ehrenamt attraktiv bleibt und nicht als Plackerei gesehen wird?

    Sagen Sie es uns.

    Pfau: Wir müssen das, was da geleistet wird, mehr anerkennen. Und da ist auch der Staat gefordert. Ich freue mich, dass die Bundesregierung sich dazu bekannt hat, das Ehrenamt zu stärken, dass sie Freibeträge erhöhen und Hürden abbauen will. Man darf nicht übersehen: Viele Vereine leisten regelrechte Sozialarbeit. Eltern geben ihre Kinder bei ihnen ab und erwarten für ein paar Euro Jahresbeitrag auch noch, dass die dort erzogen werden. Das ist in Ordnung, aber dann müssen die Vereine auch unterstützt werden. Wenn sich einer über Jahre jede Woche engagiert, wieso sollte ihm das später nicht Vorteile bei seiner Rente bringen?

    Wie gewinnt man wieder mehr Jugendliche für den Fußballsport? Auch dafür gibt es Ideen beim Verband. Foto: fotokostic
    Die Idee klingt gut, hilft aber nicht direkt bei den akuten Problemen. Sie sagten, Ihre Vision sei die eigenständige Fußball-Mannschaft in jedem Ort. Sie sehen Spielgemeinschaften als Ultima Ratio. Die Realität ist, wie wir alle wissen, eine andere. Es gibt immer mehr davon, teils mit bis zu fünf Partnern. Was machen diese Zweckbündnisse mit Vereinen?

    Pfau: Man kommt sich zunächst einmal näher. Aber klar, Spielgemeinschaften sind Segen und Fluch für die Vereine. Segen, weil sie den Spielbetrieb erst einmal erhalten. Fluch, weil dieser Zustand trügerisch ist. Man musste sich zuvor mehr um den einzelnen bemühen und hat jetzt auf einmal wieder mehr Aktive. Da besteht die Gefahr, dass wieder jedes Jahr zwei, drei Spieler wegbrechen, und ruckzuck geht dieser Prozess von vorne los. Ideal wäre es, wenn so eine Spielgemeinschaft nicht auf Dauer angelegt wäre, sondern nur als Überbrückungshilfe, bis man wieder eigenständig sein kann.

    Der Fußball stand einmal für die Fähigkeit, alle wesentlichen Kräfte in dieser Gesellschaft einbinden zu können. Besitzt er diese integrative Stärke noch?

    Pfau: Ja. Da sehe ich keine Verluste. Fußball ist für jeden spiel- und erlebbar. Wir haben in unserer Region keine ideologisch geprägten Klubs, in dem Spieler – aus welchen Gründen auch immer – ausgegrenzt würden. Wir sind eine offene Gesellschaft, der Fußball bringt sie alle zusammen. Das hat man 2015 bei der Flüchtlingskrise gesehen. Da gab es aus den Vereinen heraus tolle Reaktionen – der Sport war für viele betroffenen Menschen der erste Schritt in ein neues Leben. Die Vereine leisten gegen marginale Mitgliedsbeiträge großartige Arbeit.

    Welchen Beitrag kann der Verband beim Aufbruch in die Moderne leisten? Müssen Sie – gerade was Termingestaltung, Ligenstrukturen oder Spielformen angeht – nicht noch viel radikaler denken als bisher?

    Pfau: Mein Gedanke, um attraktiver zu werden: Lasst uns mehr in Richtung von Play-offs gehen, bei der etwa am Saisonende in einer eigenen kleinen Runde um die entscheidenden Plätze hinter dem Meister gespielt wird. Da ließe sich viel Spannung halten, wenn bis zum Schluss alles offen ist. Und man sieht es an der Relegation, die nach wie vor sehr reizvoll ist: Da kommen mit Abstand die meisten Leute. 

    Wenn Sie in 30 Jahren Ihr Amt als Bezirksvorsitzender in jüngere Hände legen, wo wird der Fußball stehen?

    Pfau: In 30 Jahren wäre ich 74. Da weiß ich noch nicht, was ich machen werde. Aber im Ernst: Ich glaube, die Technik wird sich noch deutlich weiterentwickelt haben. Wir werden überall Kameras haben, mehr bewegte Bilder und auch mehr technische Unterstützung für die Schiedsrichter. Wir werden mehr mediale Nutzer haben – Stichwort: E-Soccer. Ich sehe das nicht als Risiko, sondern als Chance, dass Jugendliche wieder mehr Bezug zum Fußball haben.

    Und sie auch auf den Platz zurückkehren? Denn darum geht es ja.

    Pfau: Die Zahl der Spieler wird die nächsten Jahre noch leicht zurückgehen oder stagnieren, danach wird sie sich konsolidieren. Den Fußball gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Jetzt erleben wir wieder mal eine rückläufige Entwicklung, da die Gesellschaft einen Wandel durchschreitet. Aber die breite Basis wird bleiben.

    Fußball im Wandel - die Serie
    Verwaiste Sportplätze, verlassene Vereinsheime und ein grassierender Bedeutungsverlust bei Jung und Alt: Was ist aus unserem Fußball geworden? Stirbt hier, in den Dörfern und Städten, ein Kulturgut, das einmal emotionaler Halt und sozialer Kitt dieses Landes war? Dieser Frage will die Sportredaktion nachspüren in ihrer großen Serie "Fußball im Wandel".
    Wandel bedeutet Veränderung, nicht selten unter Druck und Zwang. Aber Wandel bietet stets auch Chancen für Neues, für bisher Unentdecktes. Zwischen diesen beiden Polen, Tradition und Moderne, Umbruch und Aufbruch, werden wir uns in den nächsten Monaten bewegen.
    Wir wollen wissen: Wie hat sich der uns so vertraute Fußball verändert? Was macht der Wandel mit Vereinen und Verband? Weshalb gelingt der Umbruch im einen Dorf besser als im anderen nebenan? Was tun mit Vereinsheim und Sportgelände, wenn der Fußball nicht mehr rollt? Wir hören Experten, diskutieren mit Trainern über die wahre Lehre, über Taktiken und Strategien – und gerne auch mit Ihnen.
    Wenn Sie Ideen und Anregungen für diese Serie haben, melden Sie sich bitte:  Main-Post, Sportredaktion, Berner Straße 2, 97084 Würzburg, Tel.: (0931) 6001 - 237, Fax (0931) 6001 - 368. E-Mail: red.sport@mainpost.de

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