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    PSYCHOLOGIE

    Warum Sport von Emotionen lebt

    KINA · Ein wütender Tennis-Profi
    Ein Ausraster – oder eine andere Art der Kommunikation: Tennisprofi Alexander Zverev zertrümmerte bei den Australian Open seinen Schläger. Foto: Kin Cheung (AP)

    Die deutschen Handballer pushen sich bei der Heim-WM mit Hilfe vieler Fans fast zur Medaille. Tennisprofi Alexander Zverev zertrümmert schon mal Schläger, wenn's nicht läuft. Und Fußballtrainer Jürgen Klopp ist der personifizierte Gefühlsausbruch. Emotionen spielen im Sport eine herausragende Rolle. Einerseits löst Sport Emotionen aus, andererseits haben Emotionen einen großen Einfluss auf Sportler. Gerade auf Leistungsebene hängt ihr Erfolg entscheidend vom Umgang mit Emotionen ab. Die Zauberworte sind emotionale Kompetenz und Emotionsregulation. Was darunter zu verstehen ist, erklärt Psychologie-Professor Andreas Eder bei einem Treffen an der Uni Würzburg, für das einige Leserreaktionen auf Zverevs Ausraster der Auslöser waren.

    Frage: Herr Eder, gibt es Berufe, die so sehr von Emotionen beeinflusst und abhängig sind, wie der Leistungssport?

    Andreas Eder: Im Prinzip gilt das für jeden Beruf, in dem Höchstleistungen gefordert sind. Aber im Sport konzentrieren sich Emotionen, daher begeistert er auch so viele Menschen. Hochleistungssportler stehen unter besonderem Druck, weil sie die Leistung auf den Punkt erbringen und im Wettbewerb teils auch mit Widrigkeiten klarkommen müssen.

    Haben Emotionen einen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im Sport?

    Eder: Ganz klar – ja. Sie können fördernd und hemmend sein, also funktional oder dysfunktional. Grundsätzlich haben Emotionen drei Funktionen: Sie motivieren und energetisieren uns, sie kommunizieren Befindlichkeiten und Verhaltensabsichten und sie informieren uns darüber, wo wir stehen und wie zufrieden wir sind im Hinblick auf unsere Zielverfolgung. Dieses Wissen kann man für nachfolgende Entscheidungen nutzen. Hier kommt dann das Konzept der emotionalen Kompetenz ins Spiel.

    Was ist emotionale Kompetenz?

    Eder: Die Fähigkeit, eigene Emotionen und die von anderen korrekt wahrnehmen zu können, sie zu verstehen und sie zu beeinflussen. Manche verwenden dafür synonym auch den Begriff emotionale Intelligenz; ich persönlich spreche lieber von einer Kompetenz, weil das etwas ist, das wir lernen können.

    Also hat ein emotional kompetenter Mensch die besseren Chancen, ein erfolgreicher Sportler zu werden, als ein inkompetenter?

    Eder: Ja, emotionale Kompetenz verbessert sportliche Leistungen und macht gerade im leistungsdichten Spitzensport oft den Unterschied zwischen einem Champion und der Nummer zehn.

    Also sind die deutschen Handballer aufgrund ihres vierten Platzes bei der WM als eher emotional kompetent einzuordnen?

    Eder: Diesen Rückschluss darf man nicht ziehen. Wer sportlich erfolgreich ist, muss nicht zwingend emotional kompetent sein. Dazu gehört schon noch mehr, unter anderen Talent, Ehrgeiz, Fleiß, auch gute Trainer und gutes Material. Aber in einer erfolgreichen Mannschaft mit 16 Spielern ist davon auszugehen, dass doch einige über emotionale Kompetenz verfügen, denn sonst wäre ein Zusammenhalt im Team kaum möglich. Teamgeist ist eben ein Ergebnis davon.

    Welchen Einfluss hat das Publikum? Die Handballer schienen sich von den Fans tragen zu lassen. Symbolisch standen bei Zeitstrafen gegen Deutschland Tausende von Zuschauern in den Arenen auf, um den siebten Mann zu ersetzen.

    Eder: Unbestritten gibt es einen Heimvorteil. Das kann am Publikum liegen, aber auch an den vertrauten Bedingungen vor Ort. Es gibt relativ klare Belege dafür, dass sich bei einem negativ eingestellten Publikum die sportliche Leistung eher verschlechtert – vor allem, wenn man es nicht schafft, diese negative Stimmung als Motivationsquelle umzudeuten. Weniger klar ist jedoch, ob ein supportives, also begeisterungsfähiges Publikum die Leistung auch verbessert. Die paar Studien, die es dazu gibt, zeigen, dass sich der Einfluss des Publikums je nach Sportart unterschiedlich auswirkt.

    Wie meinen Sie das?

    Eder: Im Handball oder anderen Mannschafts-, auch Ausdauersportarten kann ein supportives Publikum durchaus einen positiven, energetisierenden Effekt auf die Leistung haben. Aber im Golf zum Beispiel sind viele Zuschauer eher ein Nachteil, selbst wenn diese den Sportler unterstützen wollen. Golfer spielen besser, wenn niemand zuschaut. Im Tennis wird explizit Ruhe verlangt, weil Unruhe aus dem Publikum ablenkend ist. Die bloße Anwesenheit von Beobachtern kann schon aufregend sein, selbst wenn sich diese vollkommen still verhalten. Es kommt deshalb darauf an, welche Leistungen die Sportart fordert. Da Emotionen körperliche Veränderungen auslösen – Nervosität zum Beispiel Muskelzittern – haben sie auf Sportarten, die eine feinmotorische Koordination verlangen – wie Schießen – eine viel fatalere Auswirkung als auf eher grobmotorische Sportarten, die auf Kraft und Ausdauer setzen.

    Kann man per se sagen, dass positive Emotionen motivieren und negative eher hemmen?

    Eder: Es ist gefährlich von positiven und negativen Emotionen zu sprechen, weil eine Wertigkeit mitschwingt, als gäbe es gute und schlechte. Angst kann zum Beispiel hemmen oder zu Höchstleistungen anspornen. Wenn ein Kletterer sich davor fürchtet, abzustürzen, dann ist das gut, weil er sich dadurch mehr aufs Klettern konzentriert. Wenn er aber Angst hat, sich im Wettkampf zu blamieren, dann ist es schlecht, weil er sich eventuell auf die Zuschauer konzentriert und nicht auf seine eigentliche Aufgabe.

    Sie sagten, Emotionen kommunizieren. Was meinen Sie damit?

    Eder: Wenn ich eine emotionale Reaktion zeige, dann drücke ich damit nicht nur aus, wie ich mich fühle. Ich signalisiere damit auch, was ich zu tun beabsichtige und was ich von anderen möchte, dass sie tun. Ich kann mein Umfeld damit beeinflussen. Wenn José Mourinho . . .

    . . . ehemaliger Fußballtrainer des englischen Premier-Legaue-Klubs Manchester United . . .

    Eder: . . . vermeintlich arrogant auftritt, dann ist das eine Botschaft – aber nicht nur an den Gegner, sondern auch an seine Spieler. Er signalisiert damit: Wir stehen über dem Gegner. Wir sind besser. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Für das sportliche Kräftemessen kann das eine hilfreiche Botschaft sein.

    Als besonders emotionaler Trainer gilt Jürgen Klopp. Ist er daher auch so erfolgreich?

    Eder: Er ist deswegen erfolgreich, weil er nicht nur emotional, sondern auch emotional kompetent ist. Wenn er etwa zähnefletschend auf einen Schiedsrichter zustürmt, dann kommuniziert er nicht nur: Ich bin wütend! Er will damit auch auf den Schiri einwirken, dass dieser in seinem Sinn entscheidet. Und er zeigt seiner Mannschaft, dass er für sie einsteht. Ein emotional kompetenter Trainer weiß aber auch, wann er Emotionalität aus einer Situation rausnehmen muss. Das kann er machen, indem er zum Beispiel an der Seitenline bewusst Ruhe bewahrt.

    Was will uns Alexander Zverev sagen, wenn er, wie im Achtelfinale der Australian Open, seinen Schläger zertrümmert?

    Eder: Warum er das getan hat, weiß ich natürlich auch nicht. Aber er hat damit meiner Meinung nach klar nach außen kommuniziert: Ich ärgere mich über mich selbst, ich bin enttäuscht von meiner Leistung, ich habe die Erwartungen an mich selbst nicht erfüllt.

    Wie könnte Zverev seinen Frust kanalisieren oder sogar effektiv nutzen?

    Eder: Indem er gewisse Techniken lernt, um sich runterzuregulieren und den Impuls zu unterdrücken, seinen Schläger kaputt zu schlagen. Das können Atem-, Entspannungs- oder Konzentrationstechniken sein. Er könnte zum Beispiel fünf blaue Dinge im Publikum suchen oder bewusst an etwas Beruhigendes denken. Diese Techniken müssen aber vorher eingeübt werden.

    Um stärker zurückkommen?

    Eder: Wahrscheinlich schon, denn das Ausleben von Aggression erzeugt eher noch mehr Aggression und Aufregung, und die ist eher kontraproduktiv. Wenn man einem Impuls nicht gleich nachgibt, gewinnt man wertvolle Zeit. Diese Zeit hilft, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen. Erst dann wird es überhaupt möglich, Emotionen zu regulieren. Wir erinnern uns: Emotionen sind Motivatoren. Es gibt emotionale Verhaltensimpulse, die im sportlichen Wettkampf nicht angemessen sind. Revanchefouls zum Beispiel. Oder Zinedine Zidanes Kopfstoß.

    Ist die Fähigkeit zur Emotionsregulation eine Frage der Reife?

    Eder: Nein. (lacht) Da braucht sich keiner aufs hohe Ross setzen und Zverev einen unreifen Bengel nennen, wie es manche ja tun. Kein Mensch reagiert in jeder Stresssituation souverän, egal, wie alt er ist. Das ist menschlich. Viele Sportler arbeiten deswegen mit Mentalcoaches, um ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Haben Sie das Nachtslalomrennen in Schladming gesehen?

    Nein.

    Eder: Das hat Marcel Hirscher gewonnen. Was mich da am meisten beeindruckt hat, ist seine mentale Stärke, denn Skifahren ist ja auch so ein Sport, in dem jeder kleine Fehler massiv bestraft wird. Gleichzeitig muss man aggressiv fahren, um überhaupt eine Chance zu haben. Diese Balance zu finden, vor 45 000 begeisterten Zuschauern, ist schon enormer Druck. Als Hirscher in der Startkabine war, konnte man hören, wie er sich den Lauf der Strecke fast mantramäßig laut vorgesprochen hat. Das ist seine Art der Konzentration, um das ganze Drumherum, die Erwartungen, das Geschrei der Leute auszublenden. Dadurch blieb er optimal auf den Punkt konzentriert und hatte diesen Tunnelblick auf das Rennen. Das wird einem nicht in die Wiege gelegt – ich vermute, das hat ihm jemand beigebracht. In jedem Fall ist es gut, seine Emotionen zu kennen, um sie konstruktiv nutzen zu können.

    Was, wenn man seine Emotionen zwar wahrnimmt, aber nicht wahrhaben will, weil sie nicht gewünscht sind? Von Leistungssportlern wird erwartet, dass sie dem Druck souverän standhalten.

    Eder: Da muss ich an Per Mertesacker denken, der nach seiner aktiven Fußballerkarriere zugegeben hat, dass er sich vor wichtigen Spielen übergeben musste. Es gibt nicht wenige Spitzensportler, die Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch betreiben, um mit diesem Druck fertig zu werden. Per Mertesacker setzt sich hingegen dafür ein, dass der hohe Druck, der auf Leistungssportlern lastet, auch wahrgenommen wird. Das halte ich für eine gute Sache!

    Trotzdem wurde er für seine Aussagen auch von Kollegen kritisiert und als schwach diskreditiert.

    Eder: Dass gewisse Emotionen im Leistungssport von manchen als Schwäche ausgelegt werden, ist ein ernstes Problem, denn es hält den Einzelnen davon ab, an seinen Emotionen zu arbeiten. Topathleten stehen unter enormem Druck. Und Druck bedeutet Stress. Und Stress hat viele nachteilige Auswirkungen, vor allem, wenn er lange anhält. Dann kann er auch zu Erkrankungen führen.

    Es gibt Sportarten, in denen das Ausdrücken von Emotionen unter Umständen bestraft wird. So zieht im Volleyball Jubel in Richtung des Gegners eine Gelbe Karte nach sich, das gilt als ungebührliches Benehmen. Halten Sie es für sinnvoll, Emotionen durch das Reglement zu regulieren?

    Eder: (lacht) Das wirkt ein bisschen kleinkariert. Im Einzelfall erfordert es emotionale Kompetenz vom Schiedsrichter, die konkrete Geste richtig zu deuten – ob sie als Herabwürdigung des Gegners oder als Ausdruck von Freude gemeint ist. Sinnvoller erschiene es mir manchmal, das Publikum zu disziplinieren und zu mehr Respekt vor dem Gegner aufzufordern. Da passiert viel Unsportliches.

    Woran denken Sie konkret?

    Eder: Das beginnt beim Pfeifen während Nationalhymnen und hört auf bei rassistischen Bemerkungen. Solches Verhalten wird dann oft mit Emotion begründet – sie wird als Ausrede und Legitimation benutzt, um Rassismus ungehemmt ausleben zu können.

    Bitte vervollständigen Sie: Sport ohne Emotion ist . . .

    Eder: . . . nicht denkbar! Und wäre stinklangweilig!

    Zur Person

    Andreas Eder (44) ist Professor für Allgemeine Psychologie mit den Schwerpunkten Emotion und Motivation. Er arbeitet seit 2010 an der Universität Würzburg. Eder stammt aus dem Salzburger Land in Österreich. FOTO: Uni Würzburg
    Andreas Eder, Psychologie-Professor an der Uni Würzburg Foto: Uni Würzburg

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