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    SCHWIMMEN: FREIWASSER-WM

    Zwei Würzburger holen WM-Gold

    KINA - Schwimmen, abklatschen, schwimmen
    Bissprobe für die Fotografen: (von links) Rob Muffels, Sören Meißner, Sarah Köhler und Lea Boy mit ihren Staffel-Goldmedaillen. Foto: M. Schiefelbein, dpa

    Top Ten hatte er gesagt, das wäre schön, hatte er gesagt, vielleicht wäre ja eine Überraschung drin, hatte er gesagt. Am Tag vor dem Staffelrennen stapelte Stefan Lurz tief. Sicherlich wollte der Freiwasser-Bundestrainer aus Würzburg damit die Erwartungen an jenes Quartett dämpfen, das ohne den 1500-Meter-Europameister Florian Wellbrock auskommen musste, da der Magdeburger sich nach dem Titel über zehn Kilometer auf seine zwei Starts im Becken vorbereitet.

    Ja, mit einer Medaille hatten sie tatsächlich geliebäugelt, das gaben auch Lea Boy, Sarah Köhler, Sören Meißner und Rob Muffels später zu. Wenn alles nach Plan verlaufen würde, dann hätte der erfahrene Muffels als Schlussschwimmer eine Chance gegen 1500-Meter-Olympiasieger Gregorio Paltrinieri. Es kam bekanntlich noch mal ganz anders. Aber der Reihe nach.

    Dass die Würzburgerin Boy und nicht etwa ihre schnellere Vereinskollegin Leonie Beck die Staffel schwimmen sollte, hatte Lurz schon vor der WM mit Beck besprochen, schließlich würde sie bereits zwei anstrengende Rennen in den Armen haben, während Boy ausgeruht würde aufschwimmen können. Für die WM-Dritte über fünf Kilometer kein Problem: „Ich freu mich riesig für meine kleine Schwimmschwester Lea, sie ist so jung und jetzt schon Weltmeisterin!“ Boy sagte: „Ich bin sehr stolz, dass ich die Staffel schwimmen durfte.“

    Als Startschwimmerin hatte Boy keine leichte Aufgabe vor sich, musste sich die Neu-Würzburgerin in ihrem ersten WM-Rennen doch auch gegen jene Nationen durchsetzen, die zunächst einen Mann ins Rennen geschickt hatten. Doch die 19-Jährige schlug sich gut. So gut, dass Lurz schon nach ihrer Runde „ein Riesen-Gefühl“ gehabt hatte, „als die Lea mit all den Top-Leuten und den Jungs da angekommen ist“. Dafür, dass der WM-Neuling sich gleich am Start freischwimmen und zunächst an Position zwei setzen konnte, gab es ein Extra-Lob vom erfahrenen Muffels. „Das ist eine kritische Phase und das hat sie wirklich toll gemacht“, sagte der WM-Dritte über zehn Kilometer.

    Auch Köhler, als starke Beckenschwimmerin bereits bei der EM im vergangenen Jahr angeworben, um Silber aus dem schottischen Loch Lomond zu fischen, bekam es mit einigen Männern zu tun, ließ sich aber ebenfalls nicht unterkriegen. Im Gegenteil: Als es ihr einmal doch zu bunt wurde, fuhr auch sie mal die Ellenbogen aus – die Verwarnung dafür, „sich nicht einfach wegschieben zu lassen“, nahm sie gerne in Kauf.

    Dann kamen die 1,25 Kilometer des Sören Meißner. Seine Aufgabe war klar: Italien im Auge behalten. Dass er sich dann nicht nur vom achten Platz in die Spitzengruppe vorschwimmen, sondern den Italiener Domenico Acerenza sogar noch hinter sich lassen konnte, war der Schlüssel für eine Schlussrunde, die Einiges an Spannung bereithielt.

    „Der Plan war, dass der Italiener und ich zusammen schwimmen, dass ich mich bei ihm reinhänge und mich ein bisschen nach vorne ziehen lassen“, sagte der Würzburger. „Dann habe ich gemerkt, dass ich noch Kraft habe und bin dann vorgeschwommen, um bestmöglich für Bobby zu übergeben.“

    Erinnerungen an das EM-Rennen 2018 wurden wach, als mit Wellbrock ein schmaler Beckenschwimmer im Kopf-an-Kopf-Rennen um Gold gegen Freiwasser-Olympiasieger Ferry Weertman den Kürzeren zog. Im Hafenbecken von Yeosu versuchte nun auf der Schlussrunde Paltrinieri, sein Tempo aus dem Becken auszuspielen, um sich von Muffels zu lösen. Doch der 24-Jährige dachte gar nicht daran, den im Freiwasser noch relativ unerfahrenen Italiener wegziehen zu lassen. „Es war klar, dass ich ihn so ein bisschen auf Freiwasser-Manier behandeln muss, damit ich bei seinem hohen Tempo überhaupt mitkomme“, sagte Muffels, der sich mit seiner ganzen Körpermasse an die Hüfte des Italieners gelegt hat.

    Langsam aber sicher wurde allen in Team klar: Das könnte Gold werden. Denn: Im Endspurt und im unmittelbaren Zweikampf ist kaum jemand stärker, als der kräftige Magdeburger. Außerdem wollte er „die drei vor mir für ihren super Job belohnen“.

    „Ich kann es noch gar nicht richtig glauben“, sagte Meißner, als Muffels dann nach 53:58,7 Minuten tatsächlich zwei Zehntelsekunden vor Paltrinieri und drei Zehntel vor dem US-Amerikaner Michael Brinegar angeschlagen und das Quartett Gold gewonnen hatte. „Die Freude ist riesig“, befand auch Boy. Und Lurz resümierte: „Alle vier: Note 1 mit Stern. Wahnsinn.“

    Boy und Meißner vom SV 05 Würzburger gehen zum Abschluss einer mit zwei Gold- und zwei Bronzemedaillen unerwartet erfolgreichen Woche für den Deutschen Schwimm-Verband an diesem Freitag noch über die Marathondistanz 25 Kilometer an den Start. Für Boy ist auch dies eine Premiere: „Ich versuche mein Bestes zu geben und möglichst anzukommen.“

    Aus Südkorea berichtet Sabrina Knoll

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