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    IOC-Präsident Thomas Bach: „Wir leben nicht im Raumschiff“

    Der gebürtige Würzburger spricht im Interview über Olympia, Krisen und Kritik an ihm. Und darüber, wie er sich die Sommerspiele 2021 in Tokio während Corona vorstellt.
    'Ich mache meinen Job, ich wollte das so, es ist nie einfach, aber es macht mir vor allem: Freude.' IOC-Präsident Thomas Bach im Juli 2020.
    "Ich mache meinen Job, ich wollte das so, es ist nie einfach, aber es macht mir vor allem: Freude." IOC-Präsident Thomas Bach im Juli 2020. Foto: Franck Seguin, Witters

    Jetzt ist unfreiwillig Pause, auch ein Präsident braucht einmal Zeit zum Durchatmen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) durchlebt nicht nur wegen der Corona-Krise schwere Zeiten. Tokio 2020 ist auf 2021 verschoben, und keiner weiß, ob Olympia im nächsten Jahr Realität wird. Keine einfache Amtszeit für Thomas Bach, seit 2013 erster deutscher IOC-Präsident. Der gebürtige Würzburger, der in Tauberbischofsheim aufwuchs, wird erneut kandidieren, seine Wiederwahl durch die Session ist Formsache. Ein Gespräch in der IOC-Zentrale in Lausanne über Olympia, Krisen und Kritik. Und warum Bach sein Job immer noch "vor allem: Freude" bereitet.

    Frage: Können Sie sich vorstellen, im Sinne der Olympischen Spiele 2021 in Zeiten der andauernden Corona-Krise Ihr Diktum vielleicht doch zurücknehmen zu müssen, Olympia nicht ohne Zuschauer stattfinden zu lassen?

    Thomas Bach: Das ist kein Diktum. Ich habe gesagt, Olympia ohne Zuschauer ist nicht das, was wir wollen und es ist nicht das, auf was wir hinarbeiten. Ich habe aber auch gesagt, dass wir in dieser Krise alle Szenarien bedenken und im Auge behalten müssen. Alle Spekulation ist verfrüht und hilft niemandem. Wir wissen derzeit nicht einmal, ob wir morgen unsere Häuser noch verlassen können. Gleichzeitig wird heftig über Einzelheiten spekuliert, wie das komplexeste Sportereignis der Welt in einem Jahr stattfinden kann. Lasst uns doch erst mal arbeiten, mit Spekulationen verlieren wir nur Zeit.

    In der Nähe der Olympischen Ringe im Hafengebiet von Odaiba in Tokio blühten im April Kirschbäume. Für die Rettung der Sommerspiele in der japanischen Hauptstadt 2021 setzt IOC-Chef Thomas Bach alle Hoffnungen in die Improvisationskünste der Olympia-Macher.
    In der Nähe der Olympischen Ringe im Hafengebiet von Odaiba in Tokio blühten im April Kirschbäume. Für die Rettung der Sommerspiele in der japanischen Hauptstadt 2021 setzt IOC-Chef Thomas Bach alle Hoffnungen in die Improvisationskünste der Olympia-Macher. Foto: kyodo/dpa
    Trotzdem, was überwiegt bei Ihnen nach der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio auf 2021: Zuversicht, Zweifel? Darf der Zweifel überhaupt eine Chance haben?

    Bach: Ich bin von Natur aus ein zuversichtlicher Mensch. Die Zuversicht überwiegt immer, und ich will alles dafür tun, dass diese Zuversicht am Ende auch Realität wird.

    Sie leben mit Kritik, seit Sie IOC-Präsident sind?

    Bach: (lacht) Auch schon vorher.

    Blenden Sie die Kritik aus, schmerzt sie?

    Bach: Da das vor allem Deutschland betrifft, schmerzt es auf der einen Seite, auf der anderen Seite geht es schon so lange, dass es mich nicht mehr wirklich packt. Es gibt Leute, die sind davon überzeugt, dass ich seit 20 Jahren oder länger keine richtige Entscheidung getroffen habe. Da müsste ich mir eher Gedanken machen, wenn Lob aus dieser Ecke käme.

    "Es gibt Leute, die sind davon überzeugt, dass ich seit 20 Jahren oder länger keine richtige Entscheidung getroffen habe. Da müsste ich mir eher Gedanken machen, wenn Lob aus dieser Ecke käme."
    Thomas Bach, IOC-Präsident
    Was glauben Sie, wie Athleten momentan mit der Verschiebung Olympias umgehen?

    Bach: Das ist sehr unterschiedlich, Athleten sind eben auch verschiedene Typen. Wir sehen Athleten, die sich wirklich schwer tun mit der Unsicherheit, weil sie, wie wir alle in der Gesellschaft, herausgerissen worden sind aus allem Gewohnten und nicht wissen, wie es weitergeht. Das belastet viele. Auf der anderen Seite haben wir eine große Anzahl von Athleten, die in dieser auch für sie schwierigen Zeit wirklich tolles Geleistet haben, indem sie andere ermutigten und motivierten und gezeigt haben, welche enorm wichtige Rolle der Sport eben auch im täglichen Leben spielt. Das ist etwas, was ich bewundere und was mich beeindruckt.

    Thomas Bach während seiner Zeit als aktiver Fechter. 
    Thomas Bach während seiner Zeit als aktiver Fechter.  Foto: imago
    Haben Sie eine Vorstellung davon, wie Sie es wahrgenommen hätten, wenn Olympia 1976 in Montreal wegen einer solchen Pandemie verschoben worden wäre?

    Bach: Das kann ich mir im Nachhinein nicht vorstellen. Man hat ein Gefühl aus Athletenzeiten, aber diese spezielle Situation 2020 ist neu. Das kann man nicht mal vergleichen mit Moskau. Damals ist die Entscheidung getroffen worden: Boykott, alles aus, alles vorbei. Aktuell ist die globale Unsicherheit in allen Fragen groß. Deshalb würde ich nicht sagen, ich kann mich da in Athleten hineinversetzen. Ich kann mitfühlen, mitempfinden. Heute ist das Problem die allumfassende Unsicherheit. Und die können wir alle nachvollziehen, nicht nur die Sportler. Keiner weiß, was ist morgen, was ist übermorgen, was in einem Jahr?

    Ist es die schwerste Krise Olympias?

    Bach: Das kann man so nicht sagen. Wir sind mitten in eine der großen Krisen der Menschheit. Da darf man nicht nur auf Olympia schauen. Das muss man im Kontext sehen. Was Olympia anbetrifft, kommt es für uns drauf an, zu sehen, wie wir in dieser Krise der Menschheit im Sinne der Athleten sicherstellen können, dass die Spiele stattfinden. Deshalb haben wir auch gesagt, wir sagen nicht ab, wir verschieben. Unsicherheiten waren und sind Teil der olympischen Geschichte.

    "Ich liebe das Wort alternativlos nicht, ich glaube auch nicht daran, aber in diesem Fall war Absage für uns keine Alternative."
    Thomas Bach, IOC-Präsident
    Die Verschiebung Olympias ist ein enormes finanzielles Risiko. Für Ihre Organisation, für Japan. Die Mehrkosten sollen sich auf sechs Milliarden Dollar summieren. Sie haben gesagt, das IOC ist dafür da, Spiele zu organisieren und nicht, sie abzusagen.

    Bach: Die Alternative damals war: absagen oder verschieben. Intern im IOC hat die Diskussion nicht einmal eine Minute gedauert. Ich liebe das Wort alternativlos nicht, ich glaube auch nicht daran, aber in diesem Fall war Absage für uns keine Alternative. Wegen der Athleten: Es geht für das IOC nicht darum, auf finanziellen Reserven sitzen zu bleiben und sie im Falle der Olympia-Absage über Versicherungen sogar noch zu steigern. Wir werden darin bestärkt durch die Treue aller unserer Partner. Kein Top-Sponsor, keine Fernsehanstalt, die Rechte hält, hat auch nur den Versuch unternommen, abzuspringen. Und dabei geht es nicht um unbedeutende Beträge. Wir sind finanziell stabil und gut aufgestellt bis mindestens 2028.

    Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), während einer Pressekonferenz.
    Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), während einer Pressekonferenz. Foto: Jean-Christophe Bott, dpa
    Wie wird Tokio, wenn Tokio Realität wird?

    Bach: Wir müssen Tokio anpassen an die Krise, in der wir leben. Wir leben nicht in einem Raumschiff, wir sind Teil dieser Gesellschaft, wir wollen deswegen Olympische Spiele, die dieser Krise angemessen sind. Aber es gibt Grenzen. All das, was Athleten und den Sport betrifft, bleibt unverändert, bei allem, was den Rest betrifft, muss jeder Stein umgedreht werden. Wir werden aber auch in drei Monaten noch nicht wissen, was es mehr kostet. Wir können im Moment noch nicht wissen, für welche Umstände wir die Spiele vorbereiten. Hier muss die Entwicklung der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen für 206 Länder berücksichtigt werden. Es reicht nicht, zu sagen, Tokio ist sicher, wir müssen sagen können, die Spiele sind sicher. Kein Mensch kann da momentan sagen, was dafür erforderlich ist.

    Sie gehen unter schwierigen Bedingungen in Ihre zweite Amtszeit. Aber Sie haben den Rückenwind Ihrer Mitglieder. Das stärkt Ihren Kurs.

    Bach: Es bedeutet mir sehr viel. Viele sind auf mich zugekommen. Deshalb habe ich meine Entscheidung zur erneuten Kandidatur jetzt bekanntgegeben. Diese Unterstützung tut gut, sie bestärkt und treibt an.

    "Ich habe aber den Eindruck, dass auch in Deutschland ein Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung durchaus existiert."
    Thomas Bach, IOC-Präsident
    Was haben Sie am meisten unterschätzt als Sie das Amt angetreten haben bzw. was hat Sie am meisten überrascht?

    Bach: Ich habe 2013 gewusst, auf was ich mich einlasse. Ich war fast 16 Jahre in der Exekutive. Was mich positiv überrascht hat, war die große und schnelle Bereitschaft zur Umsetzung unseres Reformprogramms, der Olympischen Agenda 2020. Die Mitglieder warteten in Buenos Aires auf Wechsel, auf Reformen, aber in einem Jahr alle Nationalen Olympischen Komitees und die internationalen Sportverbände davon zu überzeugen, das hatte ich mir schwerer vorgestellt.

    Empfang für Thomas Bach in seiner Heimat Tauberbischofsheim 2013 nach seiner Wahl zum IOC-Präsidenten. Seine Wiederwahl gilt als Formsache.
    Empfang für Thomas Bach in seiner Heimat Tauberbischofsheim 2013 nach seiner Wahl zum IOC-Präsidenten. Seine Wiederwahl gilt als Formsache. Foto: Christoph Weiß
    Es wurde höchste Zeit.

    Bach: Change or be changed, das war mein Wahlprogramm. Wir mussten tief greifende Reformen vornehmen. Die Notwendigkeit der Reform zu erkennen ist aber trotzdem etwas anderes als sie umzusetzen.

    Ist für Sie Olympia weiter stark genug, um eine Situation wie aktuell zu überleben?

    Bach: Ich glaube nach wie vor, dass die Grundbotschaft der olympischen Idee enorm wichtig ist in einer Zeit, in der wir mehr und mehr spaltende Kräfte in der Gesellschaft spüren, Nationalismus gesunden Patriotismus ablöst. Wir sehen, dass der Nationalismus und egoistische Interessen zur Konfrontation führen. Die Spiele sind das einzige Weltereignis, bei dem alle Nationen und Menschen zusammenkommen, wo alle gleich sind, die Regeln für alle gleich sind und alle unter einem Dach im olympischen Dorf wohnen. Diese Symbolkraft demonstriert, dass uns immer noch mehr verbindet als uns trennt. Ich glaube fest daran, dass dieser Gedanke jeglichen Einsatz lohnt.

    "Ich glaube nach wie vor, dass die Grundbotschaft der olympischen Idee enorm wichtig ist in einer Zeit, in der wir mehr und mehr spaltende Kräfte in der Gesellschaft spüren, Nationalismus gesunden Patriotismus ablöst."
    Thomas Bach, IOC-Präsident
    Olympia in Deutschland bleibt dennoch umstritten.

    Bach: Es ist vollkommen normal, das über ein Thema dieser Größenordnung und ein Ereignis dieser Ausprägung kontrovers diskutiert wird. Manchmal würde man sich wünschen, dass wir eine ausgeprägtere Diskursfähigkeit hätten und nicht immer nur festgefügte Meinungen aufeinanderprallen würden. Ich wünschte mir eine sachliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik in Deutschland. Ich würde gerne noch Olympia in Deutschland erleben, aber die Zeit wird eng, es wird jedenfalls nicht mehr in meiner Amtszeit der Fall sein. Der Ball liegt im Spielfeld des Deutschen Olympischen Sportbundes.

    Olympia polarisiert, Sie polarisieren. Immer wieder und immer noch. Betrifft Sie das? Finden Sie es möglicherweise inzwischen sogar unterhaltsam?

    Bach: Unterhaltsam ist etwas anderes. Ich bin kein Hobby-Psychologe. Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich habe aber den Eindruck, dass auch in Deutschland ein Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung durchaus existiert. Ich bin daran seit vielen Jahren gewöhnt. Wenn man sich dann international umschaut, wird das in die Perspektive gerückt. Ich mache meinen Job, ich wollte das so, es ist nie einfach, aber es macht mir vor allem: Freude. 

    Zur Person

    Thomas Bach, geboren am 29. Dezember 1953 in Würzburg, aufgewachsen in Tauberbischofsheim, Studium in Würzburg, promovierter Wirtschaftsjurist, Florett-Olympiasieger mit der Mannschaft 1976 in Montreal und zweimaliger Weltmeister, seit 1991 IOC-Mitglied, Präsident des IOC seit 2013, verheiratet mit Claudia. 
    Quelle: cfi

    Christoph Fischer

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