Marcel Reif: "Fußball hat mir den Arsch gerettet"

von Thomas Brandstetter, Natalie Greß

Was den Sportkommentator zu Tränen rührt und fassungslos macht – und wieso er seine Arbeit als schaumige Kunst versteht. Ein Gespräch über Fairness, Liebe und Größenwahn.

Lange Jahre galt Marcel Reif als bester deutscher Fußball-Kommentator. Wir haben ihn am Zürichsee besucht und mit ihm über Fairness und Werte, Respekt und Demut gesprochen. Und natürlich über Fußball, dem Reif, wie er sagt, alles zu verdanken hat. Vielleicht sogar sein Leben.

Frage: Herr Reif, lassen Sie uns über Fairness plaudern. Erinnern Sie sich an einen Ihrer Kommentare, der nicht fair war?

Marcel Reif: Ich habe mal über einen Spieler gesagt: „Über ihn läuft mehr als er selber läuft.“ Das war Schneckerl Prohaska. Vor drei Jahren waren wir beide mal im österreichischen Fernsehen eingeladen. Sagt er zur Begrüßung im breitesten Wienerisch: „I hob Sie immer gern g'hört.“ Antworte ich: „Herr Prohaska, ich muss mich aber bei Ihnen entschuldigen. Ich habe über Sie in einem Europapokalspiel mal gesagt: ,Über ihn läuft mehr als er selber läuft.'“ Er hat mir vergeben.

Marcel Reif auf der Dachterrasse seines Hauses oberhalb des Zürichsees beim Interview mit der Main-Post. Foto: Natalie Gress

Gab es andere solche Sprüche, die Sie bedauern?

Reif: Nicht viele. Ich hab eine anständige Erziehung genossen. Und ich habe immer Respekt vor Fußball gehabt. Auch weil ich selber gespielt habe. Ich habe eine Demut vor dem Spiel und vor den Spielern. Ich hatte nie im Repertoire, einen richtig zur Sau zu machen. Aber manchmal verliebst du dich in 'ne Formulierung, die geht dann so flüssig raus. Und danach denkst du: Pupupu, wenn das einer über dich sagt, fändest du das auch so schick? Meine Emotionsbreite ist immer noch infantil. Das lasse ich mir auch nicht nehmen. Es ist ein Kinderspiel. Fußball ist Kindersport. Und wenn ich dahin fahre und jemand betrügt mich um ein schickes Spiel, dann bin ich sehr sehr larmoyant und böse. Aber ich krieg' auch immer noch feuchte Augen, wenn ich eine faire Geste sehe. Etwas, was mich berührt.

Zum Beispiel?

Reif: Dem Niko Kovac habe ich mal einen Preis laudadiert und übergeben. Als er in Frankfurt Trainer war, spielten die Relegation gegen Nürnberg. Nach dem zweiten Spiel, das Frankfurt knapp gewann, die Eintracht blieb in der Bundesliga, lagen die Nürnberger Spieler auf dem Rasen und heulten. Kovac ging nicht erst mal mit seinen Spielern feiern. Kovac ging zu den Nürnberger Spielern und hat sein Mitgefühl gezeigt. Dafür kriegte er einen Preis, und ich finde: völlig zurecht.

 

Ist Fairness ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt?

Reif: Ich habe Werte im Fußball. Und zwar von Kindheit an. Manches ist überdreht, und inzwischen baue ich auch vieles ab, weil ich glaube, dass der Fußball zu sehr aufgepumpt wird mit Dingen, die er gar nicht leisten kann. Aber es gibt ein paar Werte, die werden nun leider zunehmend weniger. In der Niederlage Größe zeigen. Im Sieg Größe zeigen. Durch die Kommerzialisierung ist der Umgang miteinander anders geworden. Aber ich will das jetzt auch nicht überhöhen. Das Spektrum hat sich erweitert. José Mourinho zum Beispiel ist einer der erfolgreichsten Vereinstrainer der Welt, und dennoch hat er eine Art Zugang zu diesem Spiel – ob er den von Anfang an hatte, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass er ihn in den letzten Jahren hatte: egal was, Hauptsache gewinnen. Das hat mit Fairness nichts zu tun. Die Bandbreite, was noch möglich und erlaubt ist oder denkbar, hat sich erweitert. Das ist eine Verrohung der Sitten. Viel mehr ist es aber auch nicht.

Wie sehr Marcel Reif das Thema Fairness im Sport am Herzen liegt, erklärt er im Video. Der Sportkommentator ist am 11. März Ehrengast bei der diesjährigen Aktion "Fair ist mehr", die von der Main-Post ins Leben gerufen wurde.

Sie glauben, durch das Aufgeblasene und die viele Kohle, die um Umlauf ist, sind Mourinho und Co. erst so erfolgsfixiert geworden?

Reif: Das könnte sein. Wenn ich sehr nett zu ihm sein wollte, was ich aber eigentlich nicht wirklich will, aber wenn ich das sehr sehr gutwillig bewerte, würde ich sagen: Er ist von Station zu Station anders geworden. Und wie er inzwischen mit seinen Spielern umgeht – zum Davonlaufen. Das ist unwürdig. Beispiel Schweinsteiger. Auf den habe ich auch mal eine Laudatio gehalten. Da habe ich die Geschichte erzählt, wie Mourinho mit ihm umgesprungen ist. Du musst ihn ja nicht gut finden als Spieler. Aber du musst ihn auch nicht vom Hof jagen wie einen reudigen Hund. Aber das hat Mourinho mit ihm bei Manchester United gemacht. Ohne Not. Das ist ein unwürdiges und anstandsloses und respektloses Verhalten. Schweinsteiger hat keinen Ton gesagt. Er hat sich umgedreht und ist gegangen. Das ist Größe. Anstand. Respekt. Würde. Und ich weiß auch nicht, warum es ohne all das okay sein sollte.

Wann haben Sie sich das letzte Mal unfair behandelt gefühlt?

Reif: Dafür müsste ich ja eine Instanz anerkennen, die mich behandelt. Ich werde gerne gelobt, und es sollen mich natürlich alle toll finden – aber wenn das nicht so war, habe ich geguckt, ob das einen sachlichen Hintergrund hat. Und das leiste ich mir in meinem Alter: Ich konnte meinen Job, und ich kann ihn immer noch. Wenn Sie es ganz arrogant haben wollen, das dürfen Sie alles schreiben: Ich kommentiere seit 1985, das sind jetzt nach meiner Berechnung 34 Jahre. Wenn Sie mir fünf Fehler nachweisen, die ich als Fehler anerkenne, also nicht, oh, doch kein Abseits in der zweiten Zeitlupe oder Namen von Spielern verwechselt aus 400 Metern Luftlinie Entfernung, sondern richtige Fehler . . .

Was ist ein richtiger Fehler?

Reif: Etwas, bei dem ich sage: Pass auf, was machst du da gerade? Das weiß ich sehr wohl, wenn etwas schiefläuft. Wenn sich eine Taktik ändert, und ich sehe das nicht. Dann kann ich mein Handwerk nicht. Das sind Fehler. Weisen Sie mir fünf nach in 34 Jahren – dann haben Sie gewonnen. Sie müssen mich nicht mögen und die Art, wie ich das mache. Das kann Ihnen auf den Wecker gehen, sobald ich den Mund öffne. Wenn Sie es ganz dicke haben wollen (beginnt zu lächeln): Ich beschenke Menschen mit meiner Kunst, und darüber sollen die sich freuen. Und wenn nicht, sollen sie sich darüber ärgern. Deswegen wird das doch gemacht: Damit die einen sich ärgern können und die anderen sich freuen, denen ich einen Mehrwert schaffe, weil ich ihnen das Spiel erkläre und sie das besser verstehen.

Merkt man in dem Geschäft noch, wenn man die Grenze zum Größenwahn überschritten hat?

Reif (er ginst): Zum Glück gibt's ja ein direktes Umfeld, das dir umgehend den Vogel zeigen würde. Aber ja, Menschen haben manchmal zu große Hemmungen vor mir. Mein Sohn sagte mal: „Du musst Angst verbreiten.“ Es geht aber nur darum: Ich ertrage es nur ganz schwer, wenn jemand meine Arbeit beeinträchtigt. Neulich kam ein Tonmann zu mir und sagte: „Ich bin erschrocken über Ihren Ton.“ Sag' ich: „Ne, ich war über Ihren Ton erschrocken, denn ich war letztes Mal nicht gut zu hören. Also regeln Sie es bitte diesmal so, dass ich gehört werde. Denn dafür mache ich das.“ Sagt er: „Ich mache es so, wie ich es immer gemacht habe.“ Sage ich: „Die Wette gewinne ich. Sie machen es, wie ich es will, glauben Sie es mir. Und wenn nicht, können Sie was erleben. Dann kommentieren nämlich Sie, und ich mache den Ton.“ Und das in Hochdeutsch in einem Schweizer Umfeld. Hab ich das genossen? Nein. Das ist mir scheißegal, ehrlich gesagt. Ich bin wirklich kulant, aber ich will gehört werden! Wenn ich in meinem Alter noch meine Eitelkeiten bräuchte . . . Lustig war allerdings: Meine Frau war Staatsministerin, aber den Tisch im Restaurant in München haben wir gekriegt, wenn ich angerufen hab, nicht sie.

Marcel Reif
Foto: Ulrich Wagner
Der Sportjournalist und Fußballkommentator wurde am 27. November 1949 in Walbrzych in Polen geboren. Reifs Mutter war eine schlesische, deutschstämmige Katholikin, der Vater polnischer Jude. Reifs Familie emigrierte 1956 nach Israel. Als Reif acht Jahre alt war, zog die Familie von Tel Aviv nach Kaiserslautern. Neben dem Studium (Publizistik, Politikwissenschaft, Amerikanistik) arbeitete Reif ab 1972 für die politische Redaktion des ZDF. 1984 wechselte er ins Sport-Ressort. Weitere Stationen: RTL, Premiere/Sky. Seit dieser Saison kommentiert er für den Schweizer Pay-TV-Sender Teleclub wieder Spiele der Champions League. 2013 legte Reif seine deutsche Staatsbürgerschaft ab. Er lebt bei Zürich, ist in dritter Ehe mit der Münchner Gynäkologin Marion Kiechle (58) verheiratet und Vater dreier Söhne.

Wahrscheinlich war der Name Ihrer Frau als Ministerin noch nicht so bekannt . . .

Reif: Natürlich. Weil ich der berühmte Herr Reif vom Fernsehen bin. Aber ich war auch hin und wieder bei Empfängen die charmante Begleitung. Die Zettel, auf denen stand „Frau Prof. Dr. und Begleitung“ hab ich mir aufgehoben. Und jetzt kommen wir zum nächsten Kapitel: Weil es für eine Beziehung gut ist, wenn es so ist – auf Augenhöhe.

Sie wurden auch schon mal mehr oder weniger tätlich angegangen.

Reif: Lebensgefährlich war das sicher nicht. Aber meine Frau hatte Angst in den Augen. Da hab ich gesagt: Das kann's nicht sein. Weil ich über Fußball rede, hat meine Frau Angst – da sind wir aber auf dem ganz falschen Dampfer.

Sie saßen im Auto, und Bekloppte haben das Auto durchgeschüttelt . . .

Reif: Wir sind vor dem Spiel auf dem Weg ins Dortmunder Stadion, die Polizei hält uns an, weil Fans durchlaufen. Dann sehen die uns in dem Auto, sehen mich. Kommen her und fangen an, das Auto zu schütteln. Das ist ein ganz hässliches Gefühl.

Und beim Spiel in Dresden wurden Sie dann auch noch mit Bier geduscht . . .

Reif: Eine Folge davon, als ich an der Dortmunder Fankurve vorbeigelaufen bin. Das war nicht so schlimm, Bier soll ja gut sein für die Haare. Aber der Hass in den Gesichtern . . . Da habe ich für mich beschlossen. Aus. Aufhören. Das mach' ich nicht mehr. Es war ein Ausbruch, den ich nicht auf dem Schirm hatte.

Das folgende Video zeigt einen Ausschnitt aus dem "Sportschau Club", in dem Marcel Reif über die Bierdusche in Dresden spricht:

 

Es ist ja ein großer Unterschied, ob man im Internet einen beleidigenden Kommentar liest . . .

Reif: . . . oder ob sie dir auf den Pelz rücken. Und zwar so auf den Pelz, dass es Angst machen kann. Ich war ja nur durch eine Scheibe getrennt von denen. Es ging um die Grenzenlosigkeit im Gesichtsausdruck. Das können Sie sich nicht vorstellen. Ich war entsetzt. Wirklich völlig fassungslos. Dass ich das Spiel dann noch normal kommentiert habe, war eine übermenschliche Leistung. Ich war wirklich in der Grundfeste getroffen.

Was fühlen Sie dabei, wenn Menschen Ihr geliebtes Kinderspiel missbrauchen als Ventil und Sie als Projektionsfläche, um Hass loszuwerden? Nur, weil sie vielleicht zwei Sätze sagen, die diesen Menschen missfallen.

Reif: Das kriege ich nicht geregelt. Über Fan-Kultur habe ich lange nachgedacht, was das eigentlich ist. Das ist das, was ich vorhin meinte: Fußball wird zuweilen zu sehr vollgepumpt und aufgeladen. Ein Fußballklub kann nicht Familienersatz sein.

In Würzburg in der Dritten Liga angeblich schon . . .

Reif: Und bei Dortmund ist es dann „Echte Liebe“. Das ist Marketing. Das mag manchmal auch gelungenes Marketing sein. Nur: Das ist gefährlich. Weil du etwas vorgaukelst. Weil du etwas vermeintlich anbietest, was du nicht halten kannst. Ich weiß, dass das wichtig ist für Menschen, dass sie ihr ganzes Leben danach ausrichten. Aber mir ist das unheimlich. Das krieg ich nicht in meiner Lebensphilosophie unter. Andererseits: Ist ja nur Fußball, habe ich immer gesagt. Aber das war gelogen. Alles, was ich habe und was ich bin, ist erst durch Fußball entstanden. Es war in meinem Leben also weit mehr, und das wird es wohl bleiben, bis ich vom Kommentatorplatz umfalle. Aber das wollen die offenbar so, dass ich meinen letzten Atemzug im Schweizer Pay-TV mache.

Na ja, jeder Schauspieler möchte doch auf der Bühne sterben.

Reif: So. Aber nicht morgen, wenn's geht.

Worauf basiert Ihre Liebe zum Fußball?

Reif: Weil es das Spiel von kleinen Kindern ist, das von großen gespielt wird. Und ich kann dabei ein kleiner Junge bleiben. Mit knapp 70 bin ich immer noch wie ein Kind dabei. Ich habe verstanden, dass mir das immer noch eine infantile Freude bereitet.

Sie haben mal gesagt, der Fußball habe Ihnen auch bei Ihrer Integration als Kind geholfen.

Reif: Er hat mir den Arsch gerettet, wenn ich's mal ganz vorsichtig ausdrücken darf. Machen Sie im Zweifelsfall das Leben draus. Ich konnte die deutsche Sprache nicht. Keiner wollte mit mir spielen. In der Schule musste ich als Achtjähriger mit Sechsjährigen rumturnen. Das ist die Hölle für ein Kind. Ich habe mich noch nie so verloren und verzweifelt gefühlt wie damals. Das vergisst du nicht. Dann gehst du kicken, das kannst du ganz gut, und dann spielen die gerne mit dir. Auf einmal geht es in der Schule auch, weil du ein Selbstwertgefühl kriegst, Selbstbewusstsein.

Haben Sie sich schon mal gefragt, ob das Leben zu Ihnen immer fair war?

Reif: Als wir aus Warschau nach Tel Aviv gingen, hatte ich gar nichts. Und meine Eltern haben mich sozusagen verlassen. Ich musste in ein Internat. Normale Schule ging nicht, weil ich Hebräisch nicht konnte. Ich war als Sechsjähriger die ganze Woche in einem Internat bei belgischen Mönchen. Das war die Hölle. Meine Frau und ich mögen Tel Aviv sehr. Jedes Mal wenn wir dort sind, gehe ich zu diesem Internat, das gibt es immer noch. Ich gucke auf die Mauer und sehe: Nichts. Gar nichts. Ich drehe mich um und sehe diesen Platz. Da hat mein Vater mich Freitagabends immer abgeholt. Da gab es Falafel. Die Erinnerung ist ganz klar: Gerüche, Geräusche, alles da. Der Blick aufs Internat: ein schwarzes Loch. Ich bin da nicht missbraucht worden, um Gottes Willen! Aber: ein schwarzes Nichts. Und ich kann mich sonst an jeden Scheiß erinnern. Und das habe ich meiner Mutter nie verziehen, glaube ich. Da fand ich mich unfair behandelt: Warum darf meine Schwester zu Hause bleiben, und warum muss ich in einem fremden Land ins Internat?

Marcel Reif im April 1994. Reif arbeitete Anfang der 90er-Jahre als Redaktionsleiter für den Sport-Spiegel im ZDF. Foto: Erwin Elsner

Wenn Ihnen Ihre Arbeit irgendwann mal keinen Spaß mehr machen sollte und Sie darauf zurückblicken – wie werden Sie sich dann sehen?

Reif: Als Künstler? (lacht) Ich konnte das ganz gut, was ich gemacht habe. Ich weiß heute: Das war gut, nach meinen Kriterien. Ist es ja noch. Das reicht. Es ist freilich eine sehr schaumige Kunst, die ich da abliefere. Du redest, und dann ist es weg. Aber ich hab heute kein Sendungsbewusstsein mehr.

Und was bleibt dann, wenn sich alles versendet?

Reif: Warum muss etwas bleiben? So, wie es mir jetzt geht und wie es denen um mich herum geht, für die ich verantwortlich bin, das zählt. Und denen geht's gut, und durch meine Arbeit hab ich das erreicht. Das reicht völlig. Was da draufstehen wird: Das umgefallene Tor von Madrid.

Das haben wir bewusst gar nicht angesprochen.

Reif: Dafür lobe ich Sie massiv! Was ich mich darüber geärgert hab! „Sportbild“ – jedes Jahr bester Kommentator. Und dann kommt das umgefallene Tor, und ich krieg nicht als bester Kommentator den Preis, sondern ich kriege einen Sonderpreis für Madrid. Was ich für eine Wut hatte an dem Abend!

Das folgende Video zeigt eine Zusammenfassung des Torfalls von Madrid:

Warum?

Reif: Weil das, was Günther Jauch und ich da gemacht haben, Kasperltheater war. Es war, Zitat: „grandios“, aber es war nicht mein Job, nichts sachlich Begründetes. Geehrt und belohnt werden wollte ich für das, was ich beruflich mache – und was ich besser machen wollte als jeder andere mit meinem Ehrgeiz. Meine größte Leistung an dem Abend war, dass ich das Spiel anschließend noch kommentiert habe, von dem niemand wusste, ob es überhaupt zählt. Jetzt im Nachhinein sehe ich auch, dass das Kasperltheater nicht nur wertloses Zeug war. Das war ein großer Fernsehabend, wie ich gehört habe, und die Leute hatten ihren Spaß. Aber eigentlich ist mir jedes Spiel, das schwierig zu kommentieren war, mehr wert.

An welches denken Sie?

Reif: Das Champions-Legaue-Hinspiel der Bayern in Liverpool zum Beispiel. Den Menschen zu erklären, warum es nicht das erwartete Spektakel war, das ist guter Job.

Wird's im Rückspiel ein Spektakel werden?

Reif: Muss es ja, wenn auch vielleicht nicht von Beginn an. Aber wenn die Zeit davonläuft, wird eine Mannschaft irgendwas machen müssen.

Was glauben Sie, wie es ausgehen wird?

Reif: Das Ergebnis in Liverpool war besser, als viele befürchtet hatten, aber es nicht halb so gut, wie manche denken. Dennoch glaube ich, dass die Bayern mit ihrem Lauf jetzt die besseren Karten haben.

Das überraschte die Interviewer Thomas Brandstetter und Natalie Gress
Thomas Brandstetter Foto: Daniel Peter
Bei unserer Recherche für das Interview haben wir überraschend festgestellt: Wenn man Marcel Reif in sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook oder Instagram sucht, kann man lange suchen. Zwar ist der Kommentator in den sozialen Medien durchaus zu finden, doch keiner der Accounts, die ihn zum Inhalt haben, wird von ihm selbst geführt. Dass seine Frau auf Instagram aktiv ist, nervt ihn inzwischen sogar, hat er uns verraten: „Die kommt nicht mehr da runter“, sagt er. „Wir gehen irgendwo hin, dann sagt sie: Komm', mach' mer schnell mal ein Foto. Sag' ich: Marion, bitte . . . Ich habe es aufgegeben, mittlerweile. Es ist mir nicht zu erklären, warum ich Menschen zum Beispiel damit belästigen soll, was ich esse. Das ist so absurd! Das ist auch eine Art Wichtignehmen von sich selber!“
Autorenkopf, Autor, Köpfle, Porträt, Natalie Greß Foto: Theresa Müller
Als wir das hörten, mussten wir schmunzeln. Als würde sich Marcel Reif nicht auch wichtig nehmen. Das tut er, sehr sogar, und er gibt sich kein bisschen Mühe, das zu verbergen – im Gegenteil. Eher kokettiert er mit seiner Eitelkeit und stellt genau dadurch Augenhöhe und Nahbarkeit her. So betont Reif selbst, dass er nicht deswegen den sozialen Medien fernbleibe, weil er so bescheiden sei. Im Gegenteil: „Arroganz habe ich erfunden. Alles geschenkt. Nur: Wenn mir jemand schickt: Schau mal, das essen wir heute. Mahlzeit! Interessiert mich nicht die Bohne!“

Was halten Sie vom Fußball-Kommentator Marcel Reif? Haben Sie ihn als Zuschauer gerne gehört, oder können Sie seinen Stil nicht ertragen? Schreiben Sie es in die Kommentare!

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