Woodstock - wie aus der Beinahe-Katastrophe ein Mythos wurde

von Mathias Wiedemann

Der Suchbefehl "Woodstock" in der Bilddatenbank dieser Redaktion bringt 366 Treffer. Die wenigsten haben direkt mit dem Ereignis zu tun, das vor genau 50 Jahren, vom 15. bis 18. August 1969 auf einer Wiese in Bethel im Bundesstaat New York stattfand und von dem bis heute sehr viele Menschen glauben, dass es die Welt verändert hat: das Rockfestival Woodstock. 

366 Bilder, nur knapp ein Dutzend zeigt das Festival selbst, und doch belegen sie alle, wie groß, wie allgegenwärtig, wie unzerstörbar der Mythos Woodstock ist: Das Festival, bei dem nichts funktionierte wie geplant, das sehr leicht zur Katastrophe, zur tödlichen Falle für Hunderttausende hätte werden können. Das Festival, bei dem viele im Publikum wie auf der Bühne so mit Drogen zugedröhnt waren, dass sie sich hinterher an nicht mehr allzu viel erinnern konnten. Das Festival, das dennoch zum Symbol wurde für die Vision einer Welt der (freien) Liebe und des Friedens. 

Jimi Hendrix 1969 in Woodstock. Wegen unzähliger Verzögerungen trat er erst am Montagmorgen auf – da waren von den 400 000 Besuchern nur noch 35 000 da. Foto: imago stock&people

In den USA, in Europa, in Unterfranken: Der Mythos reicht tief in die Provinz – wenn auch kommerzialisiert, folklorisiert, persifliert: Horden von Faschingszug-Teilnehmern in Hippie-Outfits scheinen da in der Bilddatenbank auf, jede Menge Festivals ("Das Woodstock von Wombach"), Tribute-Konzerte und Gastspiele von Musicals, die sich in der Tradition der "Three Days Of Peace And Music" sehen.

Sogar für eine Landwirtschaftsmesse wird die Legende bemüht

2017 wettete ein Radiosender mit der Gemeinde Rödelsee (Lkr. Kitzingen), dass es der Ort es nicht schaffen werde, sich in Woodstock zu verwandeln. Rödelsee schlug ein, 489 als Hippie verkleidete Personen waren da, der Bürgermeister kam als Joe Cocker, und es gab auch eine Rutschbahn aus Schlamm wie einst in Woodstock nach dem großen Sturm. Sogar für eine Landwirtschaftsmesse wird die Legende bemüht – sie macht ihrem "Namen als das Woodstock der modernen Landtechnik alle Ehre", wie jüngst ein Kollege lobte. 

Die Gedenktafel an der Stelle, an der vor 50 Jahren das Woodstock-Festival stattfand. Foto: Christina Horsten, dpa

150000 Besucher hatten 1969 die Veranstalter in den Genehmigungsantrag geschrieben. Es kamen 400 000, die dreieinhalb Tage lang bei mangelhafter Versorgung und rudimentärer Hygiene weitestgehend friedlich die Musik und sich selbst feierten. Wann immer also seither eine mittlere bis große Menschenmenge unter freiem Himmel zusammenkommt, ein wenig Spaß hat und dabei nicht an die Gurgel geht, liegt die Assoziation Woodstock nahe.  Um Musik muss es dabei, wie sich zeigt, noch nicht einmal gehen.

Dokument der Befreiung aus dem Mief der Nachkriegs- und Adenauer-Jahre

Woodstock funktioniert auf vielen Ebenen bis heute – diese zum Symbol und zur Marke gewordene Mischung aus alternativem Lebensgefühl, politischem Statement und großartiger Musik ist auch in Deutschland für viele, die damals gerade erwachsen wurden, bleibendes Dokument einer angestrebten oder tatsächlich vollzogenen Befreiung aus dem Mief der Nachkriegs- und Adenauer-Jahre, als es kaum ein gehässigeres Schimpfwort gab als "Langhaarige". Und da dieser Mief bis in spätere Jahrzehnte hineinreichte, erlagen und erliegen auch Nachgeborene immer wieder der Faszination Woodstock.

16. August 1969, Tag 2 in Woodstock: die Bühne aus der Luft  Foto: Marty Lederhandler/AP/dpa

Damals muss der Aufschlag gewaltig gewesen sein. Wenn auch mit Verzögerung: "Vom Ereignis als solchem haben wir nichts mitbekommen", erzählt der Würzburger Peter Krones, Jahrgang 1954. "Es gab ja weitaus weniger Medien, und die berichteten nicht. Jedenfalls kann ich mich an nichts erinnern." Erst der Film von Michael Wadleigh, der 1970 in die Kinos kam, begründete den Mythos. Krones, heute Mitglied der Chefredaktion der Mediengruppe Main-Post und selbst Rockmusiker in der Band The Bandits, sagt: "Er hat uns ungeheuer beeindruckt. Wir sind wieder und wieder ins Kino gegangen, um ihn anzuschauen."

Als die Woodstock-Legenden nach Würzburg kamen

Das erste Rockkonzert überhaupt, das Krones besuchte, war 1970 der Auftritt von Ten Years After in der Würzburger Frankenhalle. Die Band um den Gitarristen Alvin Lee, der ein Jahr zuvor in Woodstock einen der fulminantesten Auftritte hingelegt hatte. "Dass solche Bands hierher zu uns kamen, nach Würzburg, das hat uns extrem viel bedeutet und unser Lebensgefühl vielleicht sogar bis heute geprägt." Das galt auch für Joe Cocker, der im Juli 1972 beim "Würzburg Giant Pop-Festival" auftrat, dem ersten Rockfestival in der Region nach dem Vorbild von Woodstock. Auf dem Plakat firmiert Joe Cocker denn auch als "Woodstock-Giant".

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Der Schweinfurter Anwalt und SPD-Stadtrat Peter Hofmann, Jahrgang 1950, Sänger und Rockmusiker, kaufte sich mit 14 seine erste Gitarre und gründete ein Jahr später mit Klassenkameraden am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium die Schülerband The Outlaws, die bis kurz vor dem Abitur 1968 existierte und später immer wieder zu Auftritten zusammenfand: "Die knappe mediale Präsenz des Ereignisses Woodstock haben wir verschlungen und waren besonders von Joe Cockers ,With a Little Help From My Friends' begeistert. Bewegend auch der Auftritt von Joan Baez. Gut auch Santana und The Who. Wir haben wochenlang darüber geredet." 

Eine ländliche Gesellschaft, in der des Pfarrers Wort Gesetz war

Siggi Seuß, Jahrgang 1950, Journalist, Autor und Übersetzer, aufgewachsen in Helmbrechts (Lkr. Hof)  im Frankenwald, heute wohnhaft in Bad Neustadt, stellte in seinem Radiofeature "Soviel Satisfaction muss sein – Freizeit und Freiheit der Dorfjugend in der Rhön in den 1960er und 1970er Jahren" von 2012 folgende Ausgangsfrage: "... während sich in Woodstock – im Übrigen auch ein Ort in der tiefsten Provinz! – hunderttausend Freaks im Schlamm wälzten und fest daran glaubten, da sei eben eine neue Epoche angebrochen –, während also das alles geschah und sich Politik, Kultur und Gesellschaft tiefgreifend veränderten – tja, was geschah da eigentlich in einem kleinen Dorf in der hintersten Rhön?" Die Antwort von Seuß: eine ländliche Gesellschaft, in der des Pfarrers Wort Gesetz ist und in der noch sehr wenig angekommen ist von Aufklärung (im philosophischen wie im sexuellen Sinne) geschweige denn von Love and Peace. 

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Siggi Seuß war damals Gymnasiast und Vorsitzender des Politischen Arbeitskreises Oberschulen am Gymnasium Münchberg in Oberfranken, politisch interessiert, unangepasst. "Wir haben das alles natürlich mitbekommen, Woodstock, die 68er-Proteste, die Vietnam-Demonstrationen", erzählt er. "Aber wann immer ich auf den Treffen oder Demos Gleichgesinnte aus den größeren Städten kennenlernte, kamen die mir so viel freier und weiter vor, dass mir bewusst wurde, wie verkrampft und kleinbürgerlich wir da auf dem Land aufwuchsen."

Das Woodstock-Gefühl bedeutete vor allem, dass unzählige junge Leute, denen wegen ihrer Haartracht, ihres Musikgeschmacks, ihrer bunten Kleidung eingeredet wurde, sie seien hoffnungslose Außenseiter, dass also all diese Unangepassten plötzlich erfuhren, dass sie mitnichten allein dastanden mit ihrer Sehnsucht nach einer neuen Kultur des Miteinanders. Dass dieses neue Miteinander oft mit exzessivem Drogenkonsum einherging, ist sicher einer der problematischeren Aspekte der Flower-Power-Bewegung.

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Ihren weitaus bedeutendsten Ausdruck fand diese Kultur aber in der Blüte einer vollkommen neuen Musik. Man vergisst das leicht: Der Pionier Chuck Berry war 1969 gerade mal 43, Elvis 34. Die Beatles hatten sich erst 1960 gegründet, noch nicht mal ein Jahrzehnt vorher. Und dann standen da in Woodstock Musiker wie Janis Joplin, Joe Cocker oder Jimi Hendrix auf der Bühne und erzeugten im wahrsten Sinn des Wortes unerhörte Klänge. Jimi Hendrix wegen unzähliger Verzögerungen übrigens erst am Montagmorgen. Da waren nur noch etwa 35 000 Menschen da.

Auch wenn bedeutende Musiker und Bands wie Bob Dylan oder The Doors in Woodstock fehlten: Nie wieder hat die Rockmusik dieses Maß am Experimentierfreude, Sponaneität und Kreativität erreicht. Insofern ist vieles, was nach Woodstock kam, Rückschritt. Die Situation heute? Eine vollkommen glatt gezogene Popmusik und eine Gesellschaft, die in ihrer Zerrissenheit über die Vision von "Love and Peace" bestenfalls herablassend lächelt. Und das nicht nur, wenn beim Faschingszug ein paar bunte Hippies dabei sind. 

Raten Sie mit: Sind diese Bands und Künstler in Woodstock aufgetreten?

 
Woodstock in Stichworten
Die Idee: Die beiden jungen Rockmanager Artie Kornfeld und Michael Lang wollten in Woodstock im Bundesstaat New York ein Konzert veranstalten, um dort ein Tonstudio zu finanzieren.  Die beiden Risikokapital-Investoren Joel Rosenman und John P. Roberts witterten ein größeres Geschäft und schlugen gleich ein ganzes Festival nach dem Vorbild von Monterey (1967) vor. Woodstock war nie als nichtkommerzielle Veranstaltung geplant, auch wenn es zunächst ein finanzielles Desaster war.
Der Schauplatz: Geplant war zunächst ein Ort in der Nähe von Woodstock, dann wich man wegen Widerstands der Einwohner nach Wallkill aus. Dort hatten schon die Arbeiten an der Bühne begonnen, als ein "Komitee besorgter Bürger" die Veranstaltung noch verhinderte. Erst am 15. Juli 1969, einen Monat vor dem Termin, fanden die Veranstalter 70 Kilometer südwestlich von Woodstock in White Lake in der Nähe von Bethel ein Gelände: eine Wiese des Milchbauern Max Yasgur, eines konservativen Republikaners, dessen von Sympathie getragene Rede an das Publikum später berühmt wurde.
Die Logistik: In jeder Hinsicht mangelhaft. Kurz vor dem Start am 15. August blieb nur noch Zeit, entweder Bühne oder Zaun fertigzustellen. Man entschied sich für die Bühne, weswegen es keine Möglichkeit mehr gab, die Eintrittskarten (zu 8 Dollar pro Tag) zu kontrollieren. Die Folge: die legendäre Durchsage "This is a free concert from now on" (Dies ist ab jetzt ein Gratiskonzert). Zufahrtswege, Parkmöglichkeiten, Toiletten, Verpflegung, medizinische Versorgung, praktisch alles war massiv unterdimensioniert, weswegen an Tag zwei das Essen ausging. Nur Spenden von außerhalb, per Helikopter eingeflogen von der Army, retteten die Situation.
Das Publikum: Gerechnet hatten die Veranstalter mit 150 000 Besuchern, es kamen 400 000, deren Autos für ein nie dagewesenes Verkehrschaos weit vor dem Festivalgelände sorgten. Während des Festivals mussten über 5000 Menschen medizinisch versorgt werden, knapp 800 wegen Drogenmissbrauchs. Ein Mensch wurde in Woodstock geboren, zwei starben, einer an einer Überdosis, einer wurde im Schlafsack von einem Traktor überrollt. Angesichts der riesigen Abstände zur Bühne, der Fährnisse von Wetter und Versorgung dürften viele im Publikum nicht allzu viel von dem mitbekommen haben, was auf der Bühne passierte.
Die Bands: Auch wenn gerne über die Abwesenden wie The Doors, Bob Dylan oder The Rolling Stones gemeckert wird, das Line-up von Woodstock kann sich sehen lassen (eine Auswahl): Richie Havens, Ravi Shankar, Arlo Guthrie, Joan Baez, Santana, Canned Heat, Grateful Dead, Creedence Clearwater Revival, Janis Joplin, Sly and the Family Stone, The Who, Jefferson Airplane, Joe Cocker, Ten Years After, The Band, Johnny Winter, Blood, Sweat & Tears, Crosby, Stills, Nash & Young, Jimi Hendrix.
Die Musik: Sicher nicht alle Bands hatten in Woodstock ihren besten Tag. Einige Auftritte aber, dokumentiert im Film, sind in die Musikgeschichte eingegangen: Santana, die hier ihre Karriere begannen und denen nie wieder eine so ekstatische Version von "Soul Sacrifice" gelang. Joe Cocker, der mit "With A Little Help From My Friends" die wohl beste Cover-Version eines Beatles-Songs schuf. Alvin Lee, der als Zugabe ein aberwitzig schnelles "I'm Going Home" spielte. Und schließlich Jimi Hendrix, der die amerikanische Nationalhymne im akustischen Bombenhagel von Vietnam zerfetzte und dann mit "Villanova Junction" eine der vollkommensten Instrumentalnummern hinlegte, die ja auf einer E-Gitarre gespielt wurden.
Die Finanzen: Woodstock war zunächst ein finanzielles Desaster. Die Firma Woodstock Ventures hatte nach eigenen Angaben ein Defizit von 1,3 Millionen Dollar gemacht, heute gut 9 Millionen Dollar. Enorm erfolgreich waren Film und Album, allerdings ging der Löwenanteil der Tantiemen an Warner Brothers. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagte Organisator Michael Lang 2010: "Wir waren jung und hatten am Ende des Festivals 1,03 Millionen Dollar Schulden. Warner hat uns keinen Dollar im Voraus gezahlt. Mein Verdacht ist, dass sie wussten, dass wir Probleme hatten und uns nicht helfen wollten. Wir verkauften schließlich für eine Million Dollar 99 Prozent der Rechte an dem Film und konnten so unsere Schulden zurückzahlen."
Der Film: Der Woodstock-Film von Michael Wadleigh, herausgekommen 1970, oscarprämiert 1971, begründete den Mythos Woodstock. 1994 erschien der Director's Cut, der den Auftritt von Janis Joplin nachholt und den von Jimi Hendrix erweitert. Etliche Bands kommen allerdings aus unterschiedlichen Gründen nicht im Film vor. Auf zwei- bis dreifach geteilter Leinwand zeigt Wadleigh in suggestiven Bildern Szenen aus dem Publikum und auf der Bühne, er befragt Anwohner, Fans und Musiker. Das Kunststück: Der Film blendet Aspekte wie Müllflut, Desorganisation oder Nahrungsknappheit nicht aus, vermittelt aber dennoch sehr gekonnt und sehr spürbar das unglaubliche Gemeinschaftsgefühl von fast einer halben Million Menschen. Für die konservative Zeitung "Die Welt" 2009 Anlass genug zu titeln "Woodstock war ein großer Medienschwindel".
Wie dieses Thema entstanden ist
Mathias Wiedemann Foto: Theresa Müller
Der Autor Mathias Wiedemann hat zwar klassische Musik studiert, Woodstock hat ihn aber schon als Jugendlicher fasziniert.
Mit 14 hat er den Film zu ersten Mal gesehen, seither wohl noch ein Dutzend weitere Male. Selbstredend besitzt er den Director's Cut auf Blue Ray, das Dreifach- und das Doppelalbum und den kompletten Auftritt von Jimi Hendrix auf CD.
Wenn er damals dabei gewesen wäre, hätte er nicht allzu viel mitbekommen: 1969 war er gerade mal fünf Jahre alt.

Der Autor

Mathias Wiedemann

Mathias Wiedemann ist Redakteur in der Kulturredaktion.
Mathias Wiedemann

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