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    Regensburg

    200 Jahre voll Höhen und Tiefen

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    Das neue Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Im sogenannten Domfenster spiegeln sich die Türme des Doms. Foto: Stefan Hanke, Staatliches Bauamt Regensburg

    Was ist jetzt dieses Bayern, das jeder kennt auf der Welt? Oder zumindest zu kennen glaubt. Als Antwort auf die Frage, was den schönen Flecken Erde im Süden Deutschlands ausmacht, kommen sofort sämtliche Bayern-Klischees: das Schloss Neuschwanstein, der FC Bayern, das Oktoberfest. Aber ist das tatsächlich das heutige Bayern? Ein zünftiges Land, reduziert auf wenige Begriffe? Auf hohe Berge, weiß-blauen Himmel, auf Bier aus Maßkrügen, jodelnde Trachtler in Lederhosen und die CSU?

    Wer sich auf Spurensuche begeben will, kann das ab Mittwoch in Regensburg tun. Ministerpräsident Markus Söder wird an diesem Dienstag das gut 88 Millionen Euro teure Museum der Bayerischen Geschichte samt Laden und Wirtshaus am Donaumarkt eröffnen. Das erste Museum in Bayern, das den Weg des Landes zum modernen Staat nachzeichnet. Ein neues Wahrzeichen und Prestigeprojekt seines Vorgängers Horst Seehofer, das dieser in seiner ersten Regierungserklärung 2008 versprochen hatte.

    Was aber ist zu sehen in dem umstrittenen funktionalen Museumsbau direkt am Donauufer? Im hellen, 17 Meter hohen Eingangsbereich, durch dessen Glasdach die Sonne Rauten auf den Boden zaubert, grüßt ein Rentner die Museumsbesucher: Ein riesiger Löwe, der früher vom Balkon des Löwenbräu-Zeltes auf dem Oktoberfest brüllte, hebt den Maßkrug, wackelt mit dem Schwanz, summt die Bayernhymne.

    Fremdeln mit der Architektur

    Die Regensburger jedenfalls fremdeln noch immer mit der modernen Architektur des Museums. Zu schlicht sei das Gebäude, das direkt an die als Unesco-Weltkulturerbe ausgezeichnete Altstadt angrenzt. Zu unspektakulär. Dabei spiegelt das Grau exakt den Farbton der Steine wider, die direkt gegenüber den Rest der alten Mauer des römischen Legionslagers formen, sagt Architekt Stefan Traxler.

    In dem neuen Museum wandeln die Besucher durch 200 Jahre bayerische Geschichte voller Höhen und Tiefen. Auf 2500 Quadratmetern dokumentieren 1000 Exponate, was dieses Bayern ausmacht. Und weil der Bayer ja schon ein bisschen zur Theatralik neige, habe man das im Museum aufgenommen, sagt Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte und Museumsleiter. Deshalb ist die Geschichte auf 30 Bühnen und in Vitrinen in Happen von jeweils 25 Jahren portioniert. Eine Zeitreise vom Jahr 1800 bis 2025. Und was davor war? Die Römer zum Beispiel? Das erzählt der Moderator, Schauspieler und Philosoph Christoph Süß in einer spektakulären 360-Grad-Projektion: einem witzigen Panoramafilm, der auf einem Spaziergang durch Regensburg die Geschichte zwischen den Jahren 100 bis 1800 zusammenrafft. Auch König Ludwig II. lebt im 19. Jahrhundert in diesem Paradies – bis ihn seine Untertanen daraus vertreiben.

    Industrialisierung, Theater, Landwirtschaft, Handel, Verkehr, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder: Die Ausstellung deckt ein breites Spektrum ab. Wissenschaftlich fundiert, aber auch mit reichlich Selbstironie und Augenzwinkern erleben die Besucher die Entwicklung des Freistaats bis in die Gegenwart.

    Und sie erfahren, wie Bayern zum Mythos wird und welche entscheidende Rolle das Bier dabei spielt. Eine scharfe Zäsur kommt mit dem Ersten Weltkrieg. Das Maschinengewehr 08/15 steht symbolisch für den Krieg, dem zehn Millionen Menschen zum Opfer fallen.

    Erinnerung an die „Weiße Rose“

    Das wohl dunkelste Kapitel nimmt in München seinen Anfang: der Nationalsozialismus. Das Album einer Frau, die darin den Aufstieg Hitlers in Bildern und Artikeln festhält, ist ausgestellt. Die gestreifte Häftlingsjacke des französischen Kommunisten Auguste Pineau aus dem KZ Dachau, die noch heute Blutspuren aufweist. Und die Schreibmaschine der „Weißen Rose“, auf der Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier Flugblätter tippen.

    Zum Neubeginn Bayerns gehören die Vertriebenen. Instrumentenbauer aus dem Sudetenland zum Beispiel, die im mittelfränkischen Bubenreuth neu durchstarten und Gitarren für die Beatles oder Elvis Presley bauen.

    Auch die CSU, die quasi für Bayern steht und seit fast 70 Jahren regiert, hat ihren Platz im Museum. „Der umstrittenste Ausstellungsteil“ sei das, sagt Loibl. Die Büste des Übervaters Franz Josef Strauß ist zu sehen, der 1988 nach einem Jagdausflug im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg starb. Ein Flickenteppich ist dieses Bayern. Bunt, erfolgreich, modern.

    In Regensburg eröffnet am Mittwoch eines der modernsten Museen Europas

    Vorgeschichte: Schon 1961 stellte die SPD-Fraktion im Landtag in Person des ehemaligen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner den Antrag, ein Museum als „Stätte geschichtlicher Selbstdokumentation des bayerischen Staates“ zu errichten. Der Ansatz war seiner Zeit weit voraus. Selbst auf Bundesebene gelang es erst 1986, das Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn zu gründen. Direktoren der staatlichen Museen fürchteten, für ein Landesmuseum Schätze aus ihren Häusern abgeben zu müssen. Der Trend ging weg von einem Museum hin zu einer „mobilen Einheit“ für Sonderausstellungen – die bayerischen Landesausstellungen, erfolgreich durchgeführt vom in Augsburg beheimateten „Haus der Bayerischen Geschichte“.

    Startschuss: Zurück kam die Idee eines bayerischen Geschichtsmuseums mit Horst Seehofer, der es in seiner ersten Regierungserklärung als Ministerpräsident 2008 ankündigte. Die Entscheidung für Regensburg wurde Ende 2011 bekannt gegeben.

    Mitbewerber Würzburg: 25 Kommunen hatten sich als Standort für das Landesmuseum beworben, darunter Würzburg mit dem Areal der Ex-Mozartschule gegenüber der Residenz. Das Auswahlverfahren wurde von Abgeordneten als intransparent kritisiert. Vorwurf: Es handele sich um einen Scheinwettbewerb, die Entscheidung zu Gunsten Regensburgs habe bereits vorher festgestanden. Immerhin bekam Würzburg wenige Monate nach der Absage eine „Kompensation“: Der Freistaat übernimmt die Festung Marienberg als Landesmuseum. Bis 2025 soll das „Museum für Franken“ für 100 Millionen Euro generalsaniert werden.

    Bauzeit in Regensburg: Grundsteinlegung war 2015. Durch einen Brand auf der Baustelle 2017 verzögerte sich die Fertigstellung um ein halbes Jahr.

    Kosten: Die Baukosten für das Museum und die „Bavariathek“ – ein Medienzentrum, in dem digital alles gesammelt wird, was es über Bayern in Ton und Bild gibt: rund 88 Millionen Euro.

    Lage: Das Museum liegt am Rande der historischen Altstadt von Regensburg, direkt am Donauufer. Die malerischen Gassen, historischen Plätze und der Dom sind nur wenige Gehminuten entfernt.

    Öffnungszeiten: täglich außer montags von 9 bis 18 Uhr. Fällt ein Feiertag auf einen Montag, ist das Museum ebenfalls geöffnet.

    Eintritt: Bis 30. Juni 2019 ist der Eintritt frei. Dann zahlen Erwachsene fünf Euro, für Kinder, Jugendliche und Studenten bleibt der Eintritt kostenlos. Während der Landesausstellung 2019/20 „Hundert Schätze aus tausend Jahren“ vom 27. September bis 8. März 2020 kostet das Kombiticket für Erwachsene 10 Euro, Kinder, Jugendliche und Studenten sind frei. Weitere Infos: www.hdbg.de (ak/aj)

    Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte
    Zwei bayerische Exportschlager: das Schlierseer Bauerntheater und der riesige Bühnenscheinwerfer von Sigmund Schuckert. Foto: Armin Weigel (dpa)
    Haus der bayerischen Geschichte
    Das bayerische Bier wird schnell zum Exportschlager. Foto: Ulrich Wagner
    Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte
    Auch die CSU hat im Geschichtsmuseum eine Bühne. Foto: Armin Weigel (dpa)
    Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte
    Als Bayern mobil und Urlaubsnation wird: Mit dem Goggomobil fahren die Massen über den Brenner nach Italien. Foto: Armin Weigel, dpa

    Von Andrea Kümpfbeck

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