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    Alexander Hold: Wie ein TV-Richter Politik macht

    Alexander Hold
    Bekannt wurde er durch das Fernsehen, Schlagzeilen machte er als Bewerber für das Bundespräsidenten-Amt, jetzt sitzt er im Landtag in München: Alexander Hold. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Alexander Hold aus Kempten ist Jurist und Politiker. Große Bekanntheit erlangte der 56-Jährige mit der TV-Show „Richter Alexander Hold“. Seit 2008 ist er für die Freien Wähler politisch aktiv. Jetzt ist er Landtagsvizepräsident. Und erklärt im Interview, wie er zur Politik kam, wie er als Bierfahrer genauso viel gelernt hat wie im Jurastudium und wie er mit Flüchtlingen und der AfD umgehen will. Hold ist verheiratet und hat zwei Söhne.

    Frage: Herr Hold, Sie waren Richter und Fernsehrichter, jetzt sind Sie Landtagsvizepräsident. Was ist der einfachste Job?

    Alexander Hold: Sagen wir so, es gibt Parallelen in meinen drei großen beruflichen Stationen: Ich sitze vorn, leite eine Sitzung und sorge für Ruhe und Ordnung.

    A propos Ruhe und Ordnung: Wie wollen Sie denn mit der AfD umgehen, die neu in den Landtag eingezogen ist?

    Hold: Jeder gewählte Abgeordnete hat zunächst mal das Recht, ernst genommen zu werden. Aber wenn AfD-Leute aus der Rolle fallen, zum Beispiel mit völkischen oder rassistischen Äußerungen, dann werde ich einschreiten. Wer das Parlament und damit unser Bayern nach außen vertreten will, muss sich an einem strengeren Maßstab messen lassen. Deshalb wurde der umstrittene AfD-Kandidat für das Vizepräsidenten-Amt nicht gewählt.

    Ihre Fernseh-Gerichtsshow „Richter Alexander Hold“ lief höchst erfolgreich. Warum sind Sie überhaupt in die Politik gegangen?

    Hold: Ich war immer schon politisch interessiert. Den Anstoß gab dann mein Antrag, in meiner Heimatstadt Kempten ein Haus mit Flachdach zu bauen. Die Nachbarn hätten sich gefreut, weil sie so mehr Sonne gehabt hätten, aber der Stadtrat hat das abgelehnt mit einer Begründung, die ich für vorgeschoben und provinziell hielt: Ein Flachdach halte dem Allgäuer Winter nicht stand. Ich musste umplanen und habe mich geärgert. Als ich dann gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, für den Stadtrat kandidieren, habe ich mir gedacht: Das kommt mir gerade recht.

    Ihr Motiv, Politiker zu werden, war Rache?

    Hold: Nein. Aber ich habe mir gesagt: Meckere nicht, mach?s erst mal besser.

    Aber wenn Sie so richtig Politiker-Karriere hätten machen wollen, wären Sie doch besser zur CSU gegangen, oder?

    Hold: Ich habe meine Unabhängigkeit als Richter immer sehr geschätzt und das wollte ich beibehalten. Ich wollte vor Ort vernünftige Politik machen und mich keiner Parteiräson aus Berlin oder München unterordnen. Bei den Freien Wählern geschieht Willensbildung von unten, von der Basis aus. Der Verlust des Bezugs zur Basis ist meiner Meinung nach auch einer der Gründe für die Abnützungserscheinungen der großen Volksparteien.

    Hat Ihnen Ihre Bekanntheit aus dem Fernsehen genutzt? Immerhin sind Sie 2008 auf Anhieb in den Kemptener Stadtrat gewählt worden.

    Hold: Natürlich kannten mich viele aus dem Fernsehen, aber viele auch aus dem Ehrenamt. Interessanterweise habe ich bei meiner zweiten Kommunalwahl fast 70 Prozent mehr Stimmen bekommen. Das heißt, viele Wähler haben erst einmal abgewartet, ob ich tatsächlich etwas für sie bewege und erst dann ihr Kreuz bei mir gemacht.

    Hat dieser Erfolg zu der ambitionierten Idee geführt, 2017 für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren?

    Hold: Nein, ich wurde gefragt, weil ich eine klare Agenda hatte. Erstens: Ein Präsident, den drei Parteivorsitzende im Hinterzimmer ausknobeln, widerspricht ohne Gegenkandidaten dem Prinzip der demokratischen Auswahl. Zweitens: Ein Präsident, der tatsächlich aus dem Volk kommt, hätte die Chance gehabt, Vertrauen in die Politik zurückzugewinnen. Und drittens war meine Kandidatur ein Plädoyer für mehr direkte Demokratie. Man kann dem deutschen Volk durchaus zutrauen, seinen Präsidenten selbst zu wählen.

    Über Ihre Fernseh-Gerichtsshow haben viele gespottet. Trifft Sie das?

    Hold: Nein. Die Sendung hätte sich als tägliches Kammerspiel mit dem immer gleichen Ritual und ohne die Macht abwechslungsreicher Bilder sicherlich nicht über 2040 Folgen seit 2001 gehalten, wenn die keine innere Stärke hätten. Natürlich ist das Unterhaltung und kein Telekolleg. Aber in jeder Folge konnte der Zuschauer sein Wertesystem mit meinem abgleichen. Und sehr oft haben wir gesellschaftliche Entwicklungen und aktuelle Themen aufgegriffen.

    Hören Sie im Landtag trotzdem manchmal dumme Sprüche über die Sendung?

    Hold: Der Landtag ist nicht so der Ort für dumme Sprüche. Die Kollegen beurteilen mich nach meiner beruflichen Qualifikation, meiner kommunalpolitischen Erfahrung und wie ich politisch agiere und nicht nach der Anzahl meiner TV-Auftritte. Andererseits: Ich bin immer wieder erstaunt, wer sich alles als fleißiger Zuschauer outet. Und einige Abgeordnete haben schon darum gebeten, ein Foto mit mir machen zu dürfen.

    Sind Sie der neue Star des Landtags?

    Hold: Da würde ich mich eindeutig zu wichtig nehmen.

    Wie hat es eigentlich angefangen mit der Gerichtsshow? Es gibt das Gerücht, Sie hätten sich erst einmal veräppelt gefühlt.

    Hold: Das stimmt. Ich war 2001 Richter am Amtsgericht in Kempten, als das Telefon klingelte und mir ein Anrufer erklärte, er sei von Sat.1 und wolle mit mir eine Gerichtssendung machen. Ich habe aufgelegt, weil ich an einen Scherz glaubte. In meinem Freundeskreis passiert so etwas schon mal. Erst beim dritten oder vierten Versuch kam es zu einem Gespräch.

    Und dann wollten Sie gleich Fernsehrichter werden?

    Hold: Es hat mich interessiert. Zum einen habe ich sofort die Chance gesehen, einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, dass man es sich mit Sprüchen wie „Recht und Gerechtigkeit sind zweierlei“ zu leicht macht. Zum anderen bin ich ein sehr neugieriger Mensch.

    Waren Sie deshalb auch schon Bierfahrer und Tapetenverkäufer?

    Hold: Ja, als Student. Meine Eltern haben mir eine Studentenbude bezahlt und – das fand ich fair – alle Bücher, die ich fürs Studium brauchte. Alles andere musste ich selbst bezahlen. Daher habe ich tatsächlich viele verschiedene Jobs gemacht: Jahrelang als Bierfahrer, mehrere Monate in der Pflege im Krankenhaus, als Straßenbahnkontrolleur und als Außendienstmitarbeiter für eine Tapetenfirma. Ich habe in einer Schreinerei gearbeitet, als Möbelpacker und auf Montage.

    Alles körperlich schwere Arbeit. Dagegen war das Jura-Studium ja ein Klacks.

    Hold: Das nicht, aber in den Jobs habe ich vieles gelernt, was Sie im Studium nicht lernen: ein Gespür für das Leben ganz normaler Menschen, ihre Sorgen, die Last ihres Alltags, aber auch die Sprache und die Ansichten der „arbeitenden Bevölkerung“. Das hat mir für den Richter-Beruf genauso wie fürs Fernsehen viel gebracht.

    Nochmals zurück zur Politik: Welche Themen liegen Ihnen denn besonders am Herzen?

    Hold: In der Kommunalpolitik ist man dafür da, Probleme vor Ort zu lösen – in allen Themenbereichen. Mein Herz schlägt dort aber sehr für Kulturthemen. In der Landespolitik sehe ich die Balance zwischen Stadt und Land als eines der wichtigsten Themen der nächsten Zeit, überhaupt Stadtentwicklung, zum Beispiel ÖPNV, Wohnungsnot und Flächenverbrauch. Und ich bin Sprecher der Freien Wähler-Fraktion für Asyl- und Migrationspolitik.

    Und was sagen Sie da so?

    Hold: Wir brauchen den Dreiklang aus Konsequenz, Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit.

    Das heißt?

    Hold: Bei Gefährdern und Straftätern wird immer noch zu viel geredet und zu wenig abgeschoben. Asylverfahren dauern zu lange und die Mitwirkung der Herkunftsländer ist oft genug erbärmlich. Andererseits versteht der Handwerksmeister zu Recht die Welt nicht mehr, wenn ein fleißiger Mitarbeiter, der Deutsch gelernt und sich gut integriert hat, den er ausgebildet hat und den er dringend in seinem Betrieb braucht, bei Nacht und Nebel unter teils unwürdigen Bedingungen abgeschoben wird. Das muss sich ändern.

    Sie sind jetzt auch schwäbischer Bezirkschef der Freien Wähler. Was haben Sie vor?

    Hold: Wir haben auf Bezirksebene jetzt einen komplett neuen Vorstand gewählt, und ich freue mich auf ein hoch motiviertes Team, das viele Themen endlich anpackt.

    Weil es immer wieder Ärger gab?

    Hold: Sagen wir es so: Wenn ich etwas in meinem Berufsleben gelernt habe, dann Menschen zusammen zu führen. Und das sehe ich jetzt als meine Aufgabe.

    Das Gespräch führte Holger Sabinsky-Wolf

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