• aktualisiert:

    Würzburg

    Autobahnen: Tempolimit oder weiter freie Fahrt?

    Verhindert ein Tempolimit auf Autobahnen Unfälle? Würde durchs Tempolimit weniger Kohlendioxid ausgestoßen? Fragen und Antworten - und eine überraschende Erkenntnis.
    Deutschland ist eines der wenigen industrialisierten Länder, in denen es bisher keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Das könnte sich aber ändern. Derzeit wird ein Tempolimit heiß diskutiert. 
    Deutschland ist eines der wenigen industrialisierten Länder, in denen es bisher keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Das könnte sich aber ändern. Derzeit wird ein Tempolimit heiß diskutiert.  Foto: Sebastian Gollnow, dpa

    Seit Jahrzehnten wird in Deutschland über eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Straßen gestritten. Aktuell in der Diskussion:  eine generelle, nicht nur abschnittsweise Geschwindigkeitsbegrenzung  auf Autobahnen - mit Argumenten dafür und dagegen. Was ist da jeweils dran?

    Verringert ein Tempolimit auf Autobahnen die Zahl der Unfälle?

    "Ja. Ein Tempolimit senkt die Unfallzahlen. Vor allem verringert es die Zahl der schweren Unfälle", sagt Peter Schall, der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Bayern. Bevor Schall in seine jetzige Funktion bei der Gewerkschaft wechselte, war er Leiter des Sachgebiets Verkehr beim Polizeipräsidium Oberbayern. In diese Zeit fielen Tempolimits auf zwei Streckenabschnitten der A8, deren Auswirkungen untersucht wurden; als Mitglied der Expertenkommission zur Reduzierung schwerer Verkehrsunfälle hat Schall die Auswirkungen des Tempolimits intensiv begleitet.

    Lade TED

    Ted wird geladen, bitte warten...

    "Von daher kann ich mit Sicherheit sagen, dass Tempo 120 in Kombination mit einem Überholverbot für Lastwagen die Unfallzahlen deutlich gesenkt hat, vor allem die Zahl der schweren Verkehrsunfälle ist zurückgegangen." Sei die Geschwindigkeit der Pkws auf der Autobahn homogen, komme es weniger häufig zu plötzlichen Staus und daraus resultierend weniger oft zu Unfällen durch plötzliches Ausscheren oder plötzliches Abbremsen. "Wenn jemand mit Tempo 180 unterwegs ist und vor ihm schert ein Fahrzeug mit Tempo 90 auf der Überholspur aus, geht das schnell schief", sagt auch der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Michael Mertens. 

    Gibt es zur Frage, ob ein Tempolimit auf Autobahnen unfallmindernd wirkt, eindeutige Statistiken?

    Das Thema ist wenig erforscht und sehr umstritten. Allerdings zeigt die jüngste Untersuchung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) von 2016, dass auf Abschnitten mit einem Tempolimit 26 Prozent weniger Menschen verunglücken als auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Laut dieser Untersuchung ist die Zahl der Schwerverletzten auf Abschnitten mit Tempolimit um 17 Prozent niedriger. 

    Kann ein Tempolimit auf Autobahnen überhaupt überwacht werden?

    Das wird schwierig. Gegeben den Fall, dass ein Tempolimit auf Autobahnen käme, müssten dem Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei in Bayern zufolge ja auch entsprechende Überwachungsmaßnahmen installiert werden. "Und dafür bräuchte man mehr Personal als wir haben - und sehr, sehr viel Geld", sagt Peter Schall. Natürlich könne man in die Schilderbrücken, die die Autobahnen überspannten, zu den bereits vorhandenen Radarkanonen weitere Überwachungseinrichtungen einbauen. Aber das sei teuer. Mindestens 200 000 Euro koste die Einrichtung eines einzigen Autobahn-Überwachungsradars. Von daher bezweifelt Schall, dass die bundesweite und flächendeckende Installation von Autobahn-Radarkanonen finanzierbar ist.

    "Und dann darf man ja nicht vergessen, dass das, was die Geräte produzieren, auch von der Polizei abgearbeitet werden muss", sagt Schall. Oft genug legten Fahrer gegen einen Vollstreckungsbescheid Widerspruch ein und behaupteten, nicht am Steuer eines geblitzten Autos gesessen zu haben. Dann müssten Beamte gegebenenfalls im persönlichen Gespräch mit dem Halter des Fahrzeugs die Sache klären. Schon jetzt habe die Polizei für solche Aufgaben kaum genug Kapazitäten. Produzierte ein generelles Tempolimit mehr Verkehrssünder, käme die Polizei womöglich bei der Aufarbeitung der Verkehrsverstöße gar nicht mehr hinterher. 

    Schilderbrücken über den Autobahnen informieren nicht nur über das angemessene Tempo und über mögliche Gefahren durch Eis oder Schnee. Sie beherbergen oft auch Radarkanonen, die Autofahrer beim Überschreiten des vorgegebenen Tempos blitzen.
    Schilderbrücken über den Autobahnen informieren nicht nur über das angemessene Tempo und über mögliche Gefahren durch Eis oder Schnee. Sie beherbergen oft auch Radarkanonen, die Autofahrer beim Überschreiten des vorgegebenen Tempos blitzen. Foto: Matthias Balk, dpa

    Was sagen Tempolimit-Gegner zu den Unfallzahlen?

    Der Automobilclub von Deutschland (AvD) und der ADAC lehnen ein flächendeckendes Tempolimit auf Autobahnen ab. Der AvD argumentiert damit, dass ohnehin schon mehr als ein Drittel der Autobahnen mit einem Tempolimit belegt seien und damit die Unfallschwerpunkte abgedeckt seien. Der ADAC argumentiert, dass auch ein generelles Tempolimit auf Autobahnen die Zahl der Unfalltoten nicht automatisch senke.  Dafür verweist der ADAC auf Österreich, wo ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern gilt, aber die Getötetenrate auf Autobahnen 1,5-mal höher liegt als in der Bundesrepublik. 

    Senkt ein Tempolimit auf Autobahnen den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß?

    Ja. Unter Annahme eines unveränderten Geschwindigkeitsverhaltens und eines Befolgungsgrads von 80 Prozent sinken bei einen Tempolimit von 120 km/h die CO2-Emissionen der Pkw auf deutschen Autobahnen um neun Prozent. Dies entspricht einer Menge von jährlich rund drei Millionen Tonnen CO2. So steht es in einer Studie des Umweltbundesamts mit dem Titel "CO2-Emissionsminderung im Verkehr in Deutschland". "Auf diese Studie haben wir uns bezogen, als wir im Jahr 2016 die Staatsregierung aufgefordert haben, eine Bundesratsinitiative zu Tempo 120 auf Autobahnen zu starten", bestätigt Uwe Scheuhing, der Referent für Mobilität bei den bayerischen Landtagsgrünen. Kleiner Schönheitsfehler: Diese Studie, auf die sich nicht nur die Grünen bezogen haben, sondern sich in der aktuellen Tempolimit-Diskussion viele Diskutanten beziehen, basiert auf Daten von 1998.

    "Dass die Daten älter sind, ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt", sagt Scheuhing. Auch der ADAC kennt die Studie des Umweltbundesamtes, relativiert sie aber. Mit Blick darauf, dass ein Tempolimit die CO2-Emissionen auf Autobahnen um neun Prozent senken könnte, argumentiert der ADAC so: Auf Autobahnen würde ja nur ein ein Drittel der Pkw-Fahrleistung erbracht, so dass die CO2-Einsparung bezogen auf den gesamten Pkw-Verkehr bei lediglich drei Prozent liegen würde. Und der Pkw-Verkehr wiederum verursache etwa 13 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland. Die Einsparungen würden somit national weniger als 0,5 Prozent betragen.

    Neuzulassungen von Autos sind in Deutschland seit 2016 deutlich gestiegen. Werden aber mehr Autos gefahren, wird auch mehr Kohlendioxid produziert. 
    Neuzulassungen von Autos sind in Deutschland seit 2016 deutlich gestiegen. Werden aber mehr Autos gefahren, wird auch mehr Kohlendioxid produziert.  Foto: Julian Stratenschulte, dpa

    Der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch deutscher Autos ist um drei Prozent gesunken. Warum steigen die CO2-Emissionen durch Pkw trotzdem weiter an?

    Die Pkw in Deutschland haben laut Statistischem Bundesamt 2017 rund 115 Millionen Tonnen CO2 produziert. Das entspricht einer Zunahme um sechs Prozent gegenüber 2010. Dass deutsche Autos trotz durchschnittlich gesunkenem Kraftstoffverbrauch mehr CO2 emittieren, liegt vor allem daran, dass es einfach mehr Autos gibt. Tatsächlich sind laut Statistischem Bundesamt die Fahrzeugbestände in Deutschland in den vergangenen sieben Jahren um zehn Prozent gewachsen.

    Gleichzeitig hat die Fahrleistung aller Pkw um neun Prozent zugelegt; die Deutschen fahren also mehr. Ein weiterer Grund für gestiegene CO2-Emissionen ist die Neigung deutscher Autofahrer zu leistungsstarken Fahrzeugen, die mehr CO2 ausstoßen.  An den CO2-Emissionen hatten die Fahrzeuge mit einer Motorleistung über 100 kW einen Anteil von über 50 Prozent. 2010 waren es noch 36 Prozent. Ein Tempolimit würde für reduzierten Treibstoffverbrauch sorgen und dadurch für einen geringeren CO2-Ausstoß. 

    Kommentare (9)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!