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    Das Deutsche Museum wird richtig teuer

    Ein schöner Anblick, auch von oben: Das Deutsche Museum in München auf der Museumsinsel. Foto: Christiane Neukirch

    Manche der Museumsexponate sind so groß und schwer, dass man sie einfach nicht mehr aus dem Deutschen Museum heraus bekommt. Auch wenn man das eigentlich machen müsste, weil das größte Technik- und Naturwissenschaftsmuseum der Welt seit Jahren generalsaniert wird – zum ersten Mal in seiner Geschichte. Es geht um Exponate wie die U1, das wirklich allererste deutsche Militär-U-Boot.

    Das Ungetüm aus Eisen wurde 1906 von der Kaiserlichen Marine in Dienst gestellt, ist stolze 42 Meter lang und wiegt 150 Tonnen. Wenn man vor dem Koloss steht, kann man kaum fassen, dass damit schon vor über 100 Jahren Menschen unter der Wasseroberfläche unterwegs waren. Nach dem Ersten Weltkrieg sollte das Schiff nach dem Willen der Siegermächte eigentlich zerstört werden. Doch Oskar von Miller, der Gründer des Deutschen Museums, konnte es für die Menschen der Zukunft retten.

    1919 wurde die U1 zerlegt, in Einzelteilen mit der Reichsbahn nach München transportiert und dort im Neubau des Museums wieder zusammengebaut. Dort ist es bis heute als einer der vielen Höhepunkte der Sammlung zu bestaunen. Ab 2020 wird das U-Boot „eingehaust“, wie Museumsfachleute sagen. „Eingepackt“ in Folie. Weil dann auch jener Bereich, in dem das Boot ausgestellt ist, modernisiert werden muss.

    Vor vier Jahren hat man im Deutschen Museum begonnen, den ersten Bauabschnitt leer zu räumen. Binnen neun Monaten wurden mehr als 10 000 Exponate verfrachtet. Schwertransporter haben Flugzeuge zur Flugwerft Schleißheim transportiert. Andere Ausstellungsstücke wurden in gemieteten Depots in ganz Bayern eingelagert. Nur die größten Objekte – die U1 oder die deutsche Rakete V2 – bleiben.

    Die Generalsanierung des Deutschen Museums, so viel steht fest, ist eine Herkulesaufgabe. Ein Jahrhundertprojekt. Und wieder einmal gibt es Ärger deswegen. Worum geht es? Natürlich – wie so oft – ums Geld.

    Das Deutsche Museum ist ein Juwel. 1,5 Millionen Besucher kommen jedes Jahr hierher – so viele wie in kein anderes deutsches Museum. Die Einrichtung stand später auch Pate für andere Museen im Ausland. So wurden beispielsweise das Museum of Science and Industry in Chicago und das Tekniska museet in Stockholm nach dem Münchner Vorbild aufgebaut.

    Fast alle bayerischen Schüler werden einmal in ihrem Schulleben durch das Museum geschleust. Und sobald sie selbst Eltern sind, gehen viele auch mit dem eigenen Nachwuchs dorthin.

    Denn das Museum, das sich auf einer Insel mitten auf der Isar befindet, das 28 000 Exponate auf 45 000 Quadratmetern zeigt, ist gigantisch, beeindruckend, faszinierend. Aber gleichzeitig in die Jahre gekommen.

    Seit der Eröffnung 1925 wurde das Gebäude nie grundlegend erneuert, lediglich die Schäden des Zweiten Weltkriegs hat man beseitigt. Auch die Isar drückte gegen die Mauern. Im Bergwerk unter Tage, in das schon Millionen Besucher hinabgestiegen sind, stand das Wasser immer wieder zentimeterhoch. Auch die Ausstellungen sind veraltet. Von einer „Zukunftsinitiative“ war 2010 die Rede, als die Pläne vorgestellt wurden.

    445 Millionen Euro wurden damals für die Modernisierung veranschlagt. Immer wieder gab es Spekulationen, dass es mehr werden könnte. Vor Kurzem tagte der Wissenschaftsausschuss des Bayerischen Landtags im Deutschen Museum, sozusagen in der Baustelle. Und dabei wurde eine Hiobsbotschaft publik, die hinter vorgehaltener Hand schon länger kursierte: Das Geld reicht hinten und vorne nicht.

    Statt 445 Millionen Euro werden 598 Millionen Euro gebraucht. Und laut einem internen Papier des Unternehmensberaters Ernst & Young, der als externer Controller für die Sanierungsarbeiten engagiert wurde, ist fraglich, ob die Einrichtung wie geplant bis zum Mai 2025 fertig ist – passend zum 100. Geburtstag, den das Technikmuseum dann feiert.

    Ausschussmitglied Verena Osgyan von den Grünen spricht von „großem Verdruss“ in dem Gremium. „Die 150 zusätzlichen Millionen muss jetzt auch noch jemand zahlen“, moniert die Nürnbergerin. Und außerdem: Mit dem Geld werde ja nur das eigentliche Museum saniert. Nicht aber etwa die umfangreiche Bibliothek. Dabei hatte es am Anfang geheißen, dass alle Gebäude auf der Insel mit dem Geld saniert werden könnten. Osgyans Kritik: „Man hat schon immer gewusst, dass 445 Millionen Euro nicht reichen werden. Die Museumsleitung hat von Anfang an zu niedrig kalkuliert.“

    Ein schwerer Vorwurf gegenüber der Führung. Schließlich handelt es sich um öffentliche Mittel, um Steuergeld. Das noch aufgebracht werden muss. Das große Problem bei der Sache ist: Das Deutsche Museum hat keinen Träger. Als Anstalt öffentlichen Rechts ist es rechtlich eigenständig. Wenn es Mittel braucht, muss es sozusagen „betteln“ gehen. Und wo? Beim Freistaat. Und bei der Bundesrepublik Deutschland. Das sind die traditionell großen Geldgeber. Deshalb sind übrigens immer der jeweilige Bundespräsident, Bundeskanzler, bayerische Ministerpräsident, bayerische Wissenschaftsminister und der Vollständigkeit halber auch der Münchner Oberbürgermeister Ehrenpräsidenten des ehrwürdigen Hauses. Dazu kommen als Geldgeber noch renommierte deutsche Firmen wie Siemens oder BMW, die auch zuweilen etwas springen lassen.

    Was sagt nun der Generaldirektor des Museums, der Biophysiker Professor Wolfgang Martin Heckl, zu dem Vorwurf, er habe die Kosten zu niedrig veranschlagt? Er räumt ein: „Wir arbeiten hier ja mit Steuergeldern – und deshalb finde ich es prinzipiell richtig, knapp zu kalkulieren.“ Er ergänzt: „Aber man muss auch wissen: Solche Zahlen entstehen immer in einem konstruktiven Dialog – da geht es nicht nur danach, was man sich für sein Haus wünscht, sondern auch danach, was die Zuwendungsgeber zu geben bereit sind.“ Was übersetzt heißt: Die Geldgeber haben ihm vor rund zehn Jahren gesagt: Entweder du nimmst diesen Betrag – oder du fährst eben mit leeren Taschen wieder heim. Von wem diese Übersetzung stammt? Von dem Münchner Landtagsabgeordneten Robert Brannekämper, dem Vorsitzenden des Wissenschaftsausschusses.

    Museumschef Heckl hatte damals die Vorgabe, gut zehn Prozent der Bausumme etwa in der freien Wirtschaft einzusammeln. 40 Millionen Euro. Das tat er auch. Dann sagten Bund und Freistaat: Wir geben jeweils 180 Millionen dazu. Macht 400 Millionen. Weitere 40 Millionen entnahm das Museum noch aus seinem laufenden Etat, dazu kam noch eine Spende in Höhe von fünf Millionen. So setzte sich die Zahl 445 Millionen Euro zusammen, die jahrelang als Kostenbedarf kursierte. „Aber wer die Controllingberichte der vergangenen Jahre las, musste merken, dass diese Summe zu niedrig ist, um ein so großes und zugleich altes Haus zu renovieren“, sagt CSU-Mann Brannekämper.

    Was führte nun zu den höheren Kosten? Dieter Lang verantwortet den Umbau des Museums, Fragen wie diese hat er oft gehört. Lang sagt: „Wir haben uns für die Kalkulationen an den damals üblichen Marktpreisen orientiert.“ Wegen des extremen Baubooms der vergangenen Jahre seien die Preise im Baugewerbe aber überproportional gestiegen. In den Ballungsräumen lägen die Steigerungsraten pro Jahr sogar im zweistelligen Bereich. Zudem bekomme auch das Deutsche Museum kaum Firmen her, die die Aufträge übernehmen. Und wenn, dann hielten sie ihre Zeitpläne nicht ein. Das wiederum führe zu massivem finanziellen Ärger mit den nachfolgenden Gewerken.

    Die „Süddeutsche Zeitung“ wiederum berichtet auch von hausgemachten Problemen, von fehlender Koordination und neuen Zuständigkeiten. Manche reden gar von Chaos auf der Baustelle. Klar ist jedenfalls: Wie das bei vielen Altbausanierungen der Fall ist, erlebte man auch im Deutschen Museum böse Überraschungen: Einige Betondecken waren völlig marode, in den Wänden wurde Asbest entdeckt. Als das Museum gebaut wurde, Anfang des 20. Jahrhunderts, gab es – im heutigen Sinne – keine Statiker, keine Feuerschutzvorgaben und keine Belüftung. Weitere Schwierigkeiten ergäben sich aus dem Denkmalschutz, sagt Lang. „Der Einsatz von Großmaschinen verbietet sich deswegen. Wir mussten den Schutt mit Schubkarren aus dem Gebäude bringen.“ Ein unumgänglicher Aufwand, der die Arbeit zusätzlich verteuere.

    Wer sich auf der gigantischen Baustelle umsieht, bekommt einen Eindruck von der riesigen Dimension des Vorhabens. In der weitläufigen Halle für moderne Luftfahrt sind alle Böden herausgerissen, überall liegt Schutt. An der Decke hängt ein komplett in Folie gehüllter Airbusflügel. Auch so ein Exponat, das zu groß war, um es aus dem Gebäude zu transportieren. Hinter dem Museum finden sich mehrere Stockwerke hohe portable blaue Container, in denen die Handwerkerkolonnen übernachten können. Schließlich arbeiten bis zu 400 Menschen auf der Baustelle.

    Viele Besucher bekommen davon gar nichts mit. Nach wie vor können Schüler bestaunen, wie der Starkstrom am Faraday?schen Käfig blitzt. Touristen knipsen Fotos von der astronomischen Uhr oder dem Segelschiff, dessen Mast bis zur Decke reicht. Bis 2020 soll der erste Bauabschnitt abgeschlossen sein, sagt Pressesprecher Gerrit Faust. Von 2020 bis 2025 wird dann die zweite Hälfte des Museums saniert. Das Riesenprojekt sei nach wie vor im Zeitplan, sagt Faust. Er geht fest davon aus, dass die Arbeiten bis 2025 komplett abgeschlossen sind. „Wir haben genügend Puffer.“ In fünf Jahren kann allerdings noch viel passieren.

    Die Frage bleibt nur: Woher sollen nun die fehlenden gut 150 Millionen Euro kommen? Das bayerische Wissenschaftsministerium teilt mit: „Wir haben bereits Verhandlungen mit dem Bund aufgenommen.“ Das Geld wird wohl fließen. Für Brannekämper, der dem Wissenschaftsausschuss vorsitzt, gibt es keine Alternative: „Man kann das Museum ja nicht halbfertig stehen lassen.“ In der Ökonomie gibt es den Spruch „Too big to fail“. Das heißt: Ein Konzern oder ein Staat ist zu groß und zu wichtig, als dass er pleite gehen darf. Das gilt wohl auch für das Deutsche Museum.

    Die Baustelle der Superlative in Zahlen

    Dauer: Seit 2015 wird das Deutsche Museum in München saniert. Zehn Jahre lang sollen die Bauarbeiten dauern. Bis zum kommenden Jahr läuft der erste Bauabschnitt. Betroffen sind davon derzeit die Luft- und Raumfahrthalle, der Museumsturm, der Süd- und Westflügel. Wenn 2020 dort die neuen Ausstellungen eröffnen,

    beginnen die Bauarbeiten im restlichen Teil des Ausstellungsgebäudes.

    Fläche: Insgesamt werden 45 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche saniert, die derzeitige Baustelle ist 24 000 Quadratmeter groß. Mehr als 10 000 Exponate mussten wegen der Sanierung umziehen. Firmen: Rund 100 Firmen sind an der Sanierung beteiligt, bis zu 400 Arbeiter auf der Baustelle tätig. Baumaterial: Bis zum Jahr 2018 wurden auf der Baustelle 10 500 Tonnen Aushub abtransportiert, 6383 Tonnen Bauschutt und Abbruchmaterial entsorgt, 43 Tonnen künstliche Mineralfasern, 100 Tonnen Schrott und zehn Tonnen Asbest. Ausstellungen: Noch zu sehen (Auswahl): Astronomie, Bergwerk, Bio- und Nanotechnologie, Energietechnik, Kinderreich, Kraftmaschinen, historische Luftfahrt, Maß und Gewicht, Planetarium, Schifffahrt, Sonnenuhrengarten, Sternwarte Ost, Sternwarte West. Ausstellungen ab 2020 (Auswahl): Atomphysik, Bio- und Nanotechnologie (bleibt geöffnet), Brücken und Wasserbau, Elektronik, Energie und Motoren, Foucaultsches Pendel, Gesundheit, historische Luftfahrt, Kinderreich (wird an seinem vorherigen Standort wiedereröffnet), moderne Luftfahrt, Raumfahrt, Robotik. (mab)

    Die U1, das erste deutsche Militär-U-Boot, ist so groß, dass es nicht abtransportiert werden kann. Foto: Deutsches Museum
    Sanierung des Deutschen Museums in München, 2018
    Überall Schutt und Dreck: So sah es im Sommer 2018 auf der Baustelle im Deutschen Museum aus. Foto: Stephan Rumpf, dpa

    Von Markus Bär

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