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    NÜRNBERG

    Festival: Am Ende Schrott und Scherben

    Viele Menschen, viel Müll: Bei „Rock im Park“ etwa bleiben nach Auskunft der Stadtverwaltung jedes Jahr rund 300 Tonnen Müll auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg zurück. Foto: Fabian Gebert

    Wenn die letzten Töne verklungen sind und die Festivalbesucher übermüdet den Heimweg antreten, bietet sich auf vielen Festivalplätzen ein schauriges Bild: Überall liegen Zelte, Klappstühle, Flaschen, Essensreste – die einst grünen Wiesen gleichen Müllhalden. Bis der letzte Zigarettenstummel weggeräumt und das Gelände wieder begehbar ist, dauert es meist mehrere Tage. Woher kommt der Müll, bleibt immer mehr liegen und was wird dagegen getan?

    300 Tonnen Müll auf dem Zeppelinfeld

    „Das Problem ist gravierend“, sagt Rolf Buschmann, Ressourcen- und Abfallexperte vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Wenn es keinen entsprechenden Plan gebe, komme eine riesige Menge zusammen. Bei „Rock im Park“ auf dem Nürnberger Zeppelinfeld sind es etwa 300 Tonnen Müll, wie eine Sprecherin der Stadt sagt. Immerhin: Die Menge sei in den vergangenen Jahren gleich geblieben.

    Zugenommen haben hingegen die Reste auf den Campingplätzen. Jacob Bilabel von der Green Music Initiative, die sich für mehr Umweltschutz in der Musikbranche einsetzt, geht davon aus, dass Festivalbesucher heutzutage zwei bis drei Mal so viel Müll liegen lassen wie noch vor fünf Jahren.

    Ein großes Problem sind billige Zelte. Etwa 30 Prozent blieben jedes Jahr auf den Festivalgeländen zurück, schätzt Bilabel. Die Bereitschaft, Dinge liegen zu lassen, ist ihm zufolge so enorm gestiegen, weil vieles kaum noch etwas kostet. „Solange Zelte so günstig sind und als Festivalzelte verkauft werden, überlegt man sich dreimal, ob man das wegräumt.“ Es sei schwierig, von jungen Menschen ein Umdenken zu verlangen, die Verantwortung sollte nicht nur bei den Konsumenten liegen.

    Den eigenen Müll zu entsorgen sollte selbstverständlich sein

    „Ein bisschen Mitverantwortung muss man schon haben“, fordert hingegen Buschmann. „Sich darauf zu verlassen, dass andere nachher aufräumen, finde ich nicht nachvollziehbar.“ Es sei eigentlich eine Selbstverständlichkeit, seinen eigenen Müll zu entsorgen. Leider werde dies aber gerade bei großen Events nicht immer getan.

    Dass die Müllmenge trotz immer mehr zurückgelassener Zelte zumindest bei einigen Festivals gleich geblieben ist, könnte vor allem am Umdenken der Veranstalter liegen. Einige Festivals wie etwa das „Feel“ und das Taubertal-Festival schreiben sich Umweltschutz auf die Fahnen und fordern ihre Besucher auf, keine Einmalgegenstände mitzubringen.

    Das Taubertal-Festival unterstützt außerdem die Love-Your-Tent-Initiative, die gezielt dagegen vorgehen will, dass Zelte bei Festivals liegenbleiben. Ein Graffiti soll das Zelt zu einem dauerhaften Andenken an das Event machen. Mancherorts wird mittlerweile auch auf Einwegplastik verzichtet, so zum Beispiel bei „Rock im Park“. Die Klimabewegung Fridays-for-Future fordert von Veranstaltern, sich ebenso Gedanken über ein nachhaltiges Essensangebot und die Stromversorgung zu machen. Auch Bilabel betont, dass der Umstieg auf Grünstrom eine große Wirkung habe.

    Umsonst & Draußen: Müll kein großes Problem

    Auch in Würzburg ist bald wieder Festivalzeit: das Umsonst & Draußen beginnt am 20. Juni. Dort ist der Müll zwar auch Thema, doch zum Problem wird er nicht, erklärt der Vorstand des U&D-Vereins Ralf Duggen. „Links und rechts vom geteerten Hauptweg gibt es sehr viele Mülleimer, die Besucher laufen quasi ständig daran vorbei“, sagt Duggen. Die Mülleimer werden von den Mitarbeitern in große Müllpressen geleert, in denen der Müll bis zum Ende des Festivals gesammelt wird. „Außerdem gibt es ein extra Müll-Team, das morgens noch einmal Liegengebliebenes vom Gelände sammelt“, erklärt Duggen. Wenn er am Abend über das Gelände gehe, sei der Anblick zwar nicht mehr so schön wie am Morgen, aber auch nicht dramatisch. Die Rückgabe der Getränkebecher funktioniere über ein Pfandsystem sehr gut. „Im vergangenen Jahr sind rund sechs Tonnen Müll während des gesamten Festivals angefallen“, berichtet Duggen.

    Das Campen, bei dem auf Festivals der meiste Müll entsteht, ist auch beim U&D möglich. Mit rund 300 Zelten pro Jahr spielt es jedoch nur eine kleine Rolle. „Die Camper bekommen am Anfang einen leeren Müllbeutel und zahlen fünf Euro Pfand“, erklärt Duggen. Wenn sie ihren Platz am Ende sauber hinterlassen, bekommen sie das Pfand wieder. Das funktioniere relativ gut, so Duggen. „Je größer und anonymer das Festival ist, desto weniger kümmern sich die Leute um ihren Abfall“, sagt er. Das Umsonst & Draußen sei ein kleineres Festival, deshalb sei auch das Müllproblem kleiner.

    Nachhaltigkeit ist dem Mission Ready Festival wichtig

    "Das Mission Ready Festival kann glücklicherweise in Punkto Müllvermeidung auf sein Publikum vertrauen", sagt Wolfgang Thiel von der Agentur c.o.p.-concerts, die das Festival unter anderem veranstaltet. Das Festival in Giebelstadt (Lkr. Würzburg) spiegele ein nachhaltiges Lebensgefühl wider. Es gibt ein Müllpfand-System, bei dem die Camper gegen Vorlage ihres gefüllten Müllsacks fünf Euro zurück erhalten. Getränke werden ausschließlich in Mehrwegbechern angeboten und bepfandet. "Darüber hinaus haben wir ein sehr erwachsenes Publikum, mit einem Durchschnittsalter von 30 plus, das vereinzelt auch schon seine Kinder beim Festival dabei hat", so Thiel. Damit verbunden sei auch eine bewusstere Haltung zur Umwelt, so Thiels Beobachtung. Allerdings bestätigt er, dass gerade Campingartikel immer günstiger werden und damit die Wegwerfkultur gefördert wird.

    Auch beim Ab-geht-die-Lutzi-Festival in Rottershausen (Lkr. Bad Kissingen) ist man mit dem Verhalten der Besucher recht zufrieden, sagt Mitorganisator Christian Stahl. "Wir versuchen unsere Besucher im Vorfeld über unsere Homepage und Social Media über das Thema Müll aufzuklären", sagt Stahl. So wollen die Veranstalter erreichen, dass die Besucher auf dem Gelände einerseits weniger zurücklassen, andererseits aber auch generell weniger Müll produzieren. "Ansonsten setzen wir auf ein Müllpfandsystem wie viele andere Festivals auch", erklärt Stahl.

    Green Camping auf dem Summer Breeze Festival

    Auf dem Summer Breeze Festival in Dinkelsbühl (Lkr. Ansbach) campen jährlich rund 38 000 Menschen. "Die hinterlassen bis zu 150 Tonnen Müll", sagt Alex Härtel, Marketingleiter der Silverdust GmbH, die das Festival veranstaltet. Doch auch er beobachtet: "Das Müllthema ist mehr ins Bewusstsein der Gäste gerückt." Der Green Camping Bereich - ein Zeltplatz für diejenigen, die während des Festivals bewusst nachhaltig sein wollen - werde gut angenommen und auch die Abnahme 
    der Campingflächen nach dem Festival laufe meist tadellos.

    Eigener Bereich für nachhaltiges Campen

    Vorstöße zum nachhaltigen Campen gibt es auch bei den großen Mainstream-Festivals: Unter anderem „Hurricane“, „Melt!“ und „Rock im Park“ bieten einen Green-Camping-Bereich an. Der Wunsch nach mehr Umweltschutz zeigt sich dort am Ende auch beim Abfall: „Leute, die im Green Camping schlafen, hinterlassen spürbar weniger Müll“, erklärt eine Sprecherin von „Rock im Park“. Um auch alle anderen zu motivieren, ihren Müll mitzunehmen, schenken die Veranstalter derjenigen Gruppe mit dem saubersten Campingplatz einen Pokal und Freikarten fürs nächste Jahr.

    Die Ansätze seien zwar gut. Doch Buschmann glaubt, „den großen Wurf gibt es wahrscheinlich noch nicht“. Zwar haben die Veranstalter der Festivals die Hauptverantwortung, aber die Politik muss ihm zufolge deutlichere Akzente setzen: „Es liegt ja in der Hand derer, die die Festivals genehmigen, Vorgaben zu machen.“ Müllvermeidung müsse dabei die Maxime sein. Allerdings beschränkt sich das Problem bei weitem nicht nur auf Festivals. Auch bei Marathons, Stadtfesten oder dem Tag der Deutschen Einheit liege überall Abfall herum, so Bilabel. „Das Vorbildverhalten der Politik ist unterausgeprägt.“

    Die größte Umweltsünde: An- und Abreise

    Auch wenn der Müll am Ende das Sichtbarste ist, ist er noch nicht einmal die größte Umweltsünde. Die größte Belastung bei Festivals entsteht durch die An- und Abreise der Gäste, so Bilabel. Außerdem: „Die Realität ist, dass das Müllaufkommen pro Kopf sehr ähnlich ist wie in der Stadt.“ Dort gebe es nur eine effizientere Infrastruktur, der Abfall sei deshalb weniger sichtbar. Letztendlich weisen die Bilder von Schrott und Plunder auf Festivalgeländen also auf ein viel größeres Problem hin. Oder wie Bilabel es zusammenfasst: „Wir Deutschen sind gefühlte Weltmeister im Mülltrennen, wir sind aber auch gefühlte Weltmeister im Müllproduzieren.“

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