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    Augsburg

    Imamin Seyran Ates: "Der deutsche Selbsthass tut mir weh"

    Seyran Ates ist Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin türkischer und kurdischer Abstammung. Im Juni 2017 gründet sie die liberal ausgerichtete Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Dort ist sie auch als Imamin tätig. Foto: Silvio Wyszengrad

    Seyran Ates wurde 1963 in Istanbul geboren und wuchs mit drei Brüdern und einer Schwester in einem islamisch-orthodoxen Elternhaus auf. Seit 1969 lebt die sunnitische Muslimin in Berlin, dort begann sie nach ihrem Abitur ein Jurastudium. Die politische Aktivistin und Autorin arbeitete parallel zu ihrem Studium in einer Beratungsstelle für türkische Frauen. Dort wurde sie bei einem Attentat 1984 durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt - eine Frau, die zur Beratung im Büro war, wurde von dem türkischstämmigen Angreifer erschossen. Ab 1997 arbeitete Ates als Rechtsanwältin - Spezialgebiete Familien- und Strafrecht. Doch nach wiederholten Morddrohungen zog sie sich von dieser Tätigkeit von 2006 bis 2012 zurück. Im Juni 2017 gründet sie die liberal ausgerichtete Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Dort ist sie auch als Imamin tätig. Die Autorin verschiedener Bücher über Frauenrechte, Religion und Migrationspolitik erhielt viele Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz erster Klasse im Jahr 2014. Im Interview beklagt sie, dass Teile des linken Milieus die Gefahren durch Islamisten verharmlosen. Sie selbst steht unter Polizeischutz.

     

    Frage: Frau Ates, der religiöse Dialog und religionskritische Auseinandersetzungen sind ein zentrales Thema in Ihrem Leben. Es ist zwei Jahre her, seitdem Sie in Berlin Ihr Moschee-Projekt gestartet haben. Dort wird ein liberaler Islam gelehrt.

     

    Seyran Ates: Dieses zentrale Thema ist der Grund, warum ich mit der „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ in eine Kirche eingezogen bin. Ich bin Initiatorin und habe auch den Raum gefunden. Das heißt, ich habe ganz bewusst diese Entscheidung getroffen.

    Wie hat sich das Projekt entwickelt?

    Ates: Ein großer Erfolg. Wir suchen größere Räume.

    Sie kommen aus einem traditionellen Elternhaus, haben sich der repressiven Erziehung aber mit 17 Jahren durch Flucht aus diesen Familienverhältnissen entzogen. Woher nahmen Sie diese Kraft und diesen Mut?

    Ates: Genau, ich bin mit 17 Jahren von zu Hause abgehauen. Der Vater war ein assimilierter Kurde, die Mutter Türkin. Ich wurde recht früh politisiert.

    Aber kaum durch die Eltern, oder?

    Ates: Im Gegenteil. Ich habe das Leid und die Unterdrückung aufgrund meines Geschlechts hautnah erlebt. Ich hatte meiner Mama im Haushalt zu helfen. Ich war ein Kind, das geschlagen wurde, weil ich ein Buch gelesen habe. Es hieß, vom Lesen wird die Wohnung nicht sauber. Also hat sie mir eine verpasst, ich musste aufstehen und den Haushalt machen. Das waren Situationen, die mich sehr geprägt haben. Ich habe damals den Film „Roots“ über die Sklaverei in Amerika gesehen und mich darin wiedergefunden.

    Welche Rolle spielte die Schule?

    Ates: Eine große Rolle, weil ich dort die frei denkende, neugierige und wissbegierige Seyran sein durfte. Der evangelische Religionsunterricht, in dem es hieß „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ hat mir Kraft gegeben. Mit 15 wurde ich Schulsprecherin. Und da war ja noch die Hoffnung, dass es besser wird. Ich wusste, dass man in Deutschland mit 18 Jahren sein eigenes Leben leben darf.

    Sie streiten seit vielen Jahren gegen die Benachteiligung von Mädchen und Frauen. Das ist ja nun nicht nur ein muslimisches Problem. Wächst das Bewusstsein für dieses Problem in Deutschland?

    Ates: Sehr marginal.

    Zuletzt gab es doch einige Beispiele von Frauen, die in hohe politische Ämter gelangt sind. Sehen Sie hier keine Ansätze für einen Trend?

    Ates: Gut, wir haben eine Kanzlerin Merkel, wir haben eine EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, wir haben mit Kramp-Karrenbauer eine Verteidigungsministerin. Aber ich erlebe diese Frauen nicht als Feministinnen.

    Ist es nicht auch schon eine Form von Feminismus, wenn man das als Frau einfach macht?

    Ates: Das Machen ist teilweise schon eine Form davon. Es wird ins Patriarchat eingegriffen. Aber das ist am Ende nur die halbe Wahrheit. Denn die drei Politikerinnen füllen ihre Machtposition aus, indem sie das Patriarchat weiterführen. Ich hatte mit allen von ihnen schon sehr gute Gespräche. Aber ich sehe nicht, dass sie für die Dinge, für die ich mich einsetze, ein offenes Ohr haben. Den politischen Islam und die Gefahren durch die Aktivitäten der Muslimbrüder und anderer Kräfte verharmlosen sie oder sehen sie gar nicht. So ist jedenfalls mein Eindruck.

    Sie mischen seit Jahren im Streit um das Tragen von Kopftüchern in der Öffentlichkeit mit. Allerdings sagen Sie, dass es sich dabei für Sie nicht um ein religiöses Symbol handelt.

    Ates: Der Islam kennt gar keine religiösen Symbole. Theologisch betrachtet ist die Diskussion schon deshalb schräg. Das Kopftuch ist eine Kleidungsvorschrift aufgrund einer sehr orthodoxen Sitte und Moralvorstellung. Nämlich, dass Frauen allein schon durch ihren Körper, durch ihre Haare in der Öffentlichkeit in erster Linie als sexuelle Wesen wirken. Damit sind Frauen und Mädchen zu Sexualobjekten degradiert. Diese Degradierung hat sich heute schon so weit fortentwickelt, dass bereits kleine Mädchen hauptsächlich als sexuelle Wesen gesehen werden. Also müssen auch sie bedeckt werden, damit Männer in der Öffentlichkeit nicht durch sie gereizt werden.

    Bei diesem Thema rasseln Sie immer wieder mit Feministinnen, mit Politikern der Grünen oder der Linken zusammen. Sehen Sie in deren Position falsch verstandene Toleranz?

    Ates: Was ich gewissen Feministinnen oder Linken vorwerfe, ist, dass sie die Sexualisierung in der Werbung oder in Filmen scharf kritisieren, aber wenn es um das Kopftuch geht, vor einer Einschränkung der Religionsfreiheit warnen.

    Akzeptieren wir bei Flüchtlingen Dinge, die in Deutschland eigentlich schon lange verpönt sind?

    Ates: Ja, und zwar nicht nur, wenn es um Kopftücher geht. Gerade jetzt mit den Geflüchteten kommen die Themen Kinderehe, Zwangsehe und Religiosität verstärkt wieder auf. Wenn es um Kinder geht, die im Alter von 14 oder 15 Jahren verheiratet werden, gibt es Leute, die die Altersgrenzen heruntersetzen wollen, damit man diese Ehen aufrechterhalten kann.

    Woran liegt das? Gibt es tatsächlich bei Linken oder Grünen den Reflex, dass alle, die aus dem Ausland zu uns kommen, erst einmal sympathischer sind?

    Ates: Absolut. Dieser Selbsthass tut mir wirklich weh - als türkisch-kurdische Deutsche. Die 68er haben sich aufgelehnt gegen die Generation ihrer Eltern, gegen Politiker, Juristen, gegen Entscheidungsträger aus der Nazizeit, die nach dem Krieg immer noch da waren. Es ging ihnen um Demokratie und eine offene Zivilgesellschaft. Das war ein wunderbarer Ansatz. Doch ausgerechnet diese Leute haben plötzlich Verständnis für Islamisten und stellen Leute wie mich in eine rechte Ecke. So spaltet man.

    Wie wollen Sie den gesellschaftlichen Wandel des Islam erreichen?

    Ates: Wir machen es ein bisschen wie die 68er. Wir fordern unsere Eltern heraus. Wir wollen einen liberalen Islam. Wir wollen über das Schicksal der Armenier oder die Unterdrückung der Kurden sprechen.

    Simon Kaminski

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