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    München

    Jeden Tag Gewalt gegen Kinder in Bayern

    Jeden Tag Gewalt gegen Kinder in Bayern
    Gewalt gegen Kinder (Symbolfoto). Foto: dpa

    Ein "blaues Auge", Hämatome, Striemen am Rücken, verbrühte Hände und Arme, selbst Spuren von Strangulation – Gewalt gegen Kinder ist auch in Bayern leider absolut kein Einzelfall: Exakt 666 Fälle körperlicher Gewalt aus ganz Bayern haben allein die Experten von der Kinderschutzambulanz am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München nur zwischen Januar 2018 und September 2019 betreut.

    Dabei sei ihre Institution längst nicht die einzige Stellen, an die sich etwa Ärzte wenden können, wenn sie bei jungen Patienten den Verdacht auf Kindswohlgefährdung haben, sagt Prof. Elisabeth Mützel, die Leiterin der Kinderschutzambulanz: "Und natürlich müssen wir leider nach wie vor auch von einer großen Dunkelziffer ausgehen."

    2018 mehr als 3000 Fälle in Bayern

    Allein in Bayern stellten die Jugendämter im Jahr 2018 in 3121 Fällen eine Kindswohlgefährdung fest. In fast 6800 Fällen wurde zudem ein "Unterstützungsbedarf" betroffener Familien festgestellt. Die polizeiliche Kriminalstatistik führt darüber hinaus für Bayern im Jahr 2018 mehr als 2000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern bis 13 Jahren auf. Dazu kommen 391 bayerische Fälle von Misshandlungen von Schutzbefohlenen.

    In Bayern gibt es bereits ein breites Netzwerk an Hilfeleistungen für besseren Kinderschutz. "Doch wir müssen immer besser werden, denn es darf kein Kind verloren gehen", fordert Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU): "Jeden Tag sind Kinder auch in Bayern von Gewalt betroffen", klagt die Ministerin: "Und jeder einzelne Fall ist einer zu viel."

    Eine belastbare Aussage über das gesamte Ausmaß körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt sei "mangels verlässlicher und repräsentativer Daten nicht möglich", erklärt das Ministerium. Klar sei allerdings, dass von einer hohen Dunkelziffer auszugehen sei.

    Online-Schulung soll Ärzten helfen Misshandlungen besser zu erkennen

    Um mehr Licht ins Dunkel zu bringen, sollen mit Unterstützung des Freistaats nun die Ärzte in Bayern in einer unter Federführung der Münchner Kinderschutzambulanz von Experten konzipierten Online-Schulung für das Thema besser sensibilisiert werden. Denn die Unsicherheit vieler Ärzte bei der Bewertung von festgestellten Verletzungen bei Kindern sei groß, erklärt die Rechtsmedizinerin Mützel. Welche Verletzung ist ein normaler Kinderunfall beim Spielen? Welche Wunden deuten auf körperliche Gewalt hin?

    Die über ein internes Ärzte-Netzwerk abrufbare Schulung soll deshalb durch praktische Beispiele und auf aufwändigen Untersuchungen basierenden Informationen dazu beitragen, Verletzungen, die auf Misshandlungen hindeuten, Schläge oder auch Folgen seelischer Gewalt besser und schneller zu erkennen. Ziel sei, "dass keine Form von Gewaltanwendung an Kindern unentdeckt bleibt". Darüber hinaus gibt es in der Ärzte-Schulung auch Hinweise für die Gesprächsführung mit betroffenen Kindern und ihren Eltern sowie zum konkreten Fall-Management.

    Ministerin Schreyer: Jeder Bürger im Kampf gegen Kindsmisshandlungen gefragt

    "Wir müssen jedes Signal wahrnehmen", fordert auch Ministerin Schreyer. Hier seien aber nicht nur Ärzte, Jugendämter oder die Politik gefordert, sondern jeder einzelne Bürger: Wenn es bei Kindern in der Nachbarschaft oder bei Schulfreunden Hinweise auf Misshandlungen gibt, solle man nicht zögern, das Jugendamt oder die Polizei einzuschalten, fordert Schreyer. Denn dort wisse man am besten, welche Form von Hilfe oder Intervention im Einzelfall geboten sei: "Also lieber einmal zu viel anrufen, als einmal zu wenig."

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