• aktualisiert:

    München

    Kommentar: Der Kampf gegen Antisemitismus geht jeden an

    "Wem die eigene Freiheit am Herzen liegt, der muss immer auch bereit sein, die Freiheit von Minderheiten zu verteidigen." Foto: Christophe Gateau, dpa

    Eine jüdische Frau bekommt per Post in einem Briefumschlag Asche zugeschickt. Eine jüdische Studentin wird gefragt, wieso sie als Israeli in Deutschland wählen darf. Dass die Frau Deutsche ist, kommt dem Mit-Studenten gar nicht in den Sinn. Eine Frau fliegt aus einer Arzt-Praxis, weil sie sich erkundigt, ob ein Medikament koscher ist.

    "Wie ein Land mit Minderheiten umgeht, zeigt, wie gefestigt eine Demokratie ist", hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kürzlich festgestellt. Recht hat er. Denn die Ausgrenzung und Herabwürdigung von Menschen, nur weil sie anders aussehen, woanders herkommen oder einen anderen Glauben haben, ist nicht nur eine schlimme Demütigung für die Betroffenen. Sie ist auch eine Attacke auf die Freiheit einer offenen Gesellschaft.

    Hass, der im Verborgenen schlummerte, traut sich wieder ans Tageslicht

    Doch das Übel des Antisemitismus wächst wieder. Antisemitismus hat viele Quellen: Rechtsextreme, Linksextreme, importierten Islamismus, selbst aus der Mitte der Gesellschaft kommt er. Es ist beschämend, dass nach wie vor Polizisten Synagogen und jüdische Einrichtungen bewachen müssen. Dass der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Juden rät, an manchen Orten in Deutschland besser keine Kippa zu tragen. Die weit überwiegende Zahl der Tatverdächtigen sind übrigens nach wie vor Deutsche.

    Ausgrenzung und sogar Gewalt betrifft längst nicht nur Juden. Das gesellschaftliche Klima ist rauer geworden, nicht nur in Deutschland: In vielen Ländern der Welt versuchen politische Gruppierungen und sogar Regierungen eigene Unzulänglichkeiten auf vermeintlich schwächere Gruppen in der Gesellschaft abzuwälzen – auf Zuwanderer, auf Andersgläubige, auf Homosexuelle. In Deutschland sind mithilfe von Pegida-Hetze oder dem AfD-Schwadronieren über den angeblichen "Vogelschiss" der Nazi-Zeit frühere Hemmschwellen gesenkt worden. Mancher Hass, der lange im Verborgenen schlummerte, traut sich deshalb wieder ans Tageslicht. Doch die Geschichte lehrt, dass aus rohen Worten schnell auch gewalttätige Taten werden können.

    Ausgrenzung und Gewalt gegen Minderheiten sind immer verwerflich. Antisemitismus ist aber deshalb so beschämend, weil es an ein Wunder grenzt, dass es nach dem Holocaust überhaupt noch Juden gibt, die in Deutschland leben wollen. Und auch, wenn manche nicht-jüdische Deutsche diesen Teil der Vergangenheit gerne vergessen möchten, bleibt uns hieraus eine ganz besondere Verantwortung, der wir uns stellen müssen.

    Deutsche Juden können auf 1700 Jahre Geschichte zurückblicken

    Antisemitismus zeigt sich längst nicht immer in Form von Straftaten. Oft ist es gerade die Alltagsdiskriminierung, die besonders schmerzt. Dazu gehört etwa auch, Deutsche jüdischen Glaubens pauschal für die Politik der israelischen Regierung in Mithaftung nehmen zu wollen. Denn abgesehen davon, dass es selbst in Israel sehr unterschiedliche Meinungen dazu gibt: Deutsche mit jüdischem Glauben können auf eine fast 1700 Jahre alte jüdische Geschichte in Deutschland zurückblicken. Viele Leistungen in Kultur oder Wissenschaft gehen auf Juden zurück, die ganz selbstverständlich Deutsche waren. Ihnen zu unterstellen, dass sie vielleicht einen deutschen Pass haben, aber nie wirklich dazu gehören können, erinnert an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.

    Politik und Justiz in Bayern tun viel, um dem Antisemitismus im Land entgegenzuwirken – von eigenen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften bis hin zur Lehrerfortbildung. Das ist gut so, es reicht aber nicht: Jeder einzelne Bürger ist gefordert, den Mumm aufzubringen, blöde Sprüche nicht einfach unkommentiert zu lassen – am Arbeitsplatz, im Sportverein, in der Kneipe. Denn wem die eigene Freiheit am Herzen liegt, der muss immer auch bereit sein, die Freiheit von Minderheiten zu verteidigen.

    Weitere Artikel

    Kommentare (6)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!