• aktualisiert:

    BAYREUTH

    Mord an Sophia: Die quälende Suche nach Antworten

    Beginn Mordprozess an Tramperin Sophia
    Der wegen Mordes an Sophia Lösche angeklagte Marokkaner Boujeema L. im Landgericht Bayreuth neben seinem Anwalt Karsten Schieseck (rechts). Foto: Daniel Karmann, dpa

    Wie, wann und vor allem warum Sophia Lösche sterben musste, weiß auch nach dem zwölften Prozesstag vor dem Bayreuther Landgericht allein Boujeema L. Am 14. Juni vergangenen Jahres wollte die 28-Jährige von Leipzig, wo sie studierte, nach Amberg, wo ihre Eltern wohnen. Auf einem Rastplatz nahe Leipzig versprach Boujeema L., sie in seinem Lkw ein Stück mitzunehmen. Eine Woche später entdeckten Angestellte einer Tankstelle im Norden Spaniens den Leichnam der jungen Frau. Nackt und in Plastikfolie gehüllt.

    Bereits zum Auftakt des Mordprozesses vor dem Landgericht Bayreuth hatte Boujeema L. eingeräumt, Sophia Lösche getötet zu haben. Im Affekt will er die Studentin mit einem eisernen Werkzeug erschlagen haben. Wahrheitswidrig habe Sophia Lösche ihn zuvor des Diebstahls eines Brockens Haschisch bezichtigt. Der Streit sei eskaliert, an dessen Ende sei die junge Frau tot in ihrem Blut gelegen.

    Quälende Gedanken

    Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht oder ob der Angeklagte in der Hoffnung auf ein mildes oder – vielleicht noch wichtiger – sein hochgestimmtes Selbstbild wahrendes Urteil die Wahrheit doch beugte, weiß nur er selbst. Zur Kehrseite hat die Macht des Angeklagten die Ohnmacht der Angehörigen: „Es macht uns krank, die Wahrheit nicht zu kennen“, sagte der Vater von Sophia Lösche.

    Der Wahrheit kam er auch dann nicht näher, als er das Wort direkt an den Angeklagten richtete: „Warum verschweigen Sie die Wahrheit? Warum?“ Die Angehörigen quält vor allem der Gedanke, dass Sophia Lösche anders als vom Angeklagten behauptet, erst Tage nach ihrem Verschwinden getötet worden ist. Zwei Rechtsmedizinerinnen aus Spanien hielten einen späteren Todeszeitpunkt sogar für wahrscheinlich. Dies würde bedeuten, dass eine entschlossener handelnde Polizei Sophia Lösche noch hätte lebend finden können. Diesem Gedankengang verwehrte Oberstaatsanwältin Sandra Staade aber die Legitimität. „Sophia Lösche war nicht zu retten.“ „Niemand hat behauptet, die Polizei sei schuld am Tod meiner Schwester“, antwortete Andreas Lösche.

    Ermordete Sophia: Bruder geht gegen rechte Gruppierungen vor
    Die 28-jährige Sophia wurde im Juni getötet. Foto: Andreas Lösche

    Der brutale Tod einer jungen Frau und das Leid der Angehörigen blieb am Dienstag auch auf Staatsanwältin und Verteidigung nicht ohne Wirkung. Die Atmosphäre war gereizt, in Momenten der Zuspitzung sogar vergiftet.

    So erlaubte sich Oberstaatsanwältin Staade den Hinweis, dass Sophia Lösche keinerlei eigene Schuld – durch sommerlich lockere Kleidung beispielsweise – an ihrem Tod trage. Diese Selbstverständlichkeit erwähne sie nur, falls sich Verteidiger Karsten Schieseck dieses Arguments bemächtigen sollte. Der Angesprochene wies diese Unterstellung als „unverschämt“ zurück. Seine Forderung nach einer Entschuldigung ließ die Oberstaatsanwältin ins Leere laufen: „Ich sehe dafür keinen Anlass.“

    Wie die Angehörigen konnte sich in ihrem Plädoyer auch die Staatsanwaltschaft der Wahrheit nur nähern. Demgegenüber ist der Anwalt des Angeklagten nicht der Objektivität verpflichtet, sondern dem maximalen Vorteil seines Mandanten. So trugen entsprechend ihren je eigenen Rollenzuschreibungen in ihren Plädoyers am Dienstag die Staatsanwältin, die Nebenklage und der Anwalt des Angeklagten ihre Version dessen vor, was sich in der Woche ab dem 14. Juni in der Lkw-Kabine des Angeklagten zugetragen hat. Es ist dem Urteil des Gerichts vorbehalten, welche Versionen am überzeugendsten mit den Indizien, den Aussagen der Zeugen und Sachverständigen in Einklang zu bringen ist.

    Nachdem der Lkw-Fahrer die Tötung längst gestanden hat, rangen die Parteien in ihren Plädoyers vor allem um die Erhellung der Motive und Hintergründe.

    Gekränkte Ehrgefühle

    In ihrer Anklageschrift hatte die Oberstaatsanwältin den Mord noch damit motiviert, dass L. einen zuvor verübten sexuellen Übergriff auf die junge Frau vertuschen wollte. Mangels aussagekräftiger Spuren am Körper der Toten fiel der Vorwurf des sexuellen Übergriffs allerdings in sich zusammen.

    Andreas Lösche (rechts), Bruder der 28-jährigen ermordeten Tramperin Sophia, begrüßt seinen Vater im Landgericht Bayreuth zum Prozessbeginn gegen den mutmaßlichen Mörder. Foto: Daniel Karmann, dpa

    Dieser Entwicklung trug die Oberstaatsanwältin am Dienstag Rechnung. Sie dimmte den Tatanlass auf eine versuchte sexuelle Annäherung herunter. Die junge Frau habe sich gewehrt und dem Angeklagten eine Ohrfeige versetzt. Der in seinen Ehrgefühlen gekränkte Angeklagte habe darauf die Kontrolle verloren und mit einem Radschlüssel auf Sophia Lösche eingeschlagen. Weder für die Ohrfeige noch für die versuchte sexuelle Annäherung konnte Sandra Staade belastbare Beweise anführen. Sie musste sich mit der Interpretation von Indizien behelfen. „Jedes Indiz kann für sich genommen heraus anders interpretiert werden. In der Gesamtschau ergibt sich aber ein schlüssiges Bild.“

    In ihrer These stützte sich die Oberstaatsanwältin auf die von Gutachtern bestätigte narzisstische Persönlichkeit des Angeklagten. Auch den Fotos von die Toilette aufsuchenden jungen Frauen, die der 42-Jährige am Abend vor dem 14. Juni auf einer Raststätte schoss, maß Staade Bedeutung zu. „Männer, und das sage ich als Mann, verhalten sich manchmal leider sexistisch“, entgegnete Verteidiger Schieseck.

    Dass sein Mandant nur Stunden vor dem Aufeinandertreffen mit Sophia Lösche Aufnahmen seines erigierten Gliedes mit dem Handy machte und anschließend verschickte, normalisierte Schieseck als eine inzwischen nicht unübliche Form erotischen Verhaltens. Ein tödlich eskalierter Streit um Haschisch, mehr war es für Schieseck nicht. In einem entscheidenden Sachverhalt distanzierte sich Schieseck von seinem Mandanten aber doch. Sophia Lösche, so der Verteidiger, sei bereits den ersten Schlägen gegen ihren Kopf erlegen. Es habe mithin nur eine und keine zwei Schlagsequenzen gegeben.

    Dabei beharrte der Angeklagte selbst bis zuletzt darauf, Sophia Lösche in zwei, durch eine etwa zehnminütige Unterbrechung voneinander getrennten Schlagsequenzen getötet zu haben.

    Schieseck erklärte diese Diskrepanz mit dem spezifischen Innenleben seines Mandanten. Dieser könne vor sich selbst ein um der Vertuschung willen ausgeführtes Verbrechen besser rechtfertigen als Schläge aus „furchtbar banalem Anlass“. Deshalb sage sein Mandant die Unwahrheit. Nur dank dieser argumentativen Akrobatik konnte Schieseck anders als die Oberstaatsanwältin und die Nebenklage auf Totschlag plädieren.

    Der Angeklagte selbst verfolgte die für sein weiteres Leben entscheidenden Stunden auch dann noch mit gesenktem Kopf, als ihn der Bruder von Sophia Lösche persönlich ansprach: „Ich habe hier ein Foto meiner Schwester. Schauen Sie ruhig mal her.“

    Die Gelegenheit des letzten Wortes nutzte Boujeema L. Mit tränenerstickter Stimme wies er ein sexuelles Tatmotiv abermals von sich. Bei den Angehörigen von Sophia Lösche entschuldigte er sich, „aus ganzem Herzen“.

    Sein Anwalt hatte Sophia Lösche zuvor einen „ganz besonderen Menschen“ genannt. Hunderte von Freunden und Bekannten hätten nichts unversucht gelassen, um diesen „besonderen Menschen“ lebend zu finden. Zumindest aus diesen Worten sprach zweifelsfrei die Wahrheit.

    Von Christoph Hägele

    Weitere Artikel

    Kommentare (2)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!