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    Tübingen

    Sensationsfund: Erster aufrecht gehender Menschenaffe kam aus dem Allgäu

    Der Fundort Hammerschmiede: in dieser Lehmgrube gab es 11,5 Millionen Jahre alte Tier- und Pflanzenfunde. Foto: Tobias Klöck

    Bislang kennen wir nur Fragmente von Udo. Doch die reichen dafür aus, dass das hobbitgroße Wesen seit gestern, seit seiner ersten öffentlichen Vorstellung, weltweit für Aufsehen sorgt. Vom Scheitel bis zur Sohle maß Udo etwa einen Meter und war 31 Kilo schwer. Er konnte lautstark Brüllen und lebte vermutlich mit mehreren Partnerinnen zusammen. Nicht zu vergessen: Der Ur-Allgäuer aus Pforzen bei Kaufbeuren litt wohl regelmäßig unter Schmerzen, denn er hatte - das verraten seine Knochen - Arthrose und Osteoporose.

    Das allein würde heutzutage keinen Forscher vom Hocker hauen. Es ist ein anderes Detail, das den behaarten Bayern zur wissenschaftlichen Sensation macht: Menschenaffe Udo beherrschte den aufrechten Gang. Eine Fähigkeit, die Paläontologen bislang in der ältesten Ausprägung vor knapp sechs Millionen Jahren nachweisen konnten. Udo dagegen ist fast doppelt so alt. Er lebte vor etwa 11,5 Millionen Jahren, lange bevor berühmte Vormenschen wie die 1974 in Äthiopien entdeckte Lucy (sie gehört zur Art des Australopithecus afarensis) unsere Erde bevölkerten. „Das macht ihn zum Fund von Weltrang“, sagt Udos Entdeckerin, Madelaine Böhme von der Eberhard Karls Universität Tübingen.

    Ein Fund von Weltrang.
    Forscherin Madelaine Böhme

    Seit vielen Jahren spürt die 52-jährige Professorin für Paläoklimatologie den jahrmillionenalten Überresten von Mensch und Tier nach. Die Säle ihres Instituts sind voll von hochkarätigen Fossilien, von meterhohen Skeletten seltener Saurier, Säugetiere und Meeresbewohner. Auch in ihrem Arbeitszimmer stecken Hunderte Relikte, alle säuberlich katalogisiert und sorgsam in Kästen und kleinen Boxen verstaut. Besonders im Fokus dabei: die Hominiden, die Menschenartigen. Aus dem scheinbaren Gewirr fossiler Fundstücke greift Böhme zielsicher einen bräunlich-grauen Knochen heraus. Die 23 Zentimeter lange Versteinerung ist die Elle von Udo, gefunden in der Tongrube Hammerschmiede am Ortsrand der Gemeinde Pforzen - und ein echter Schatz für die Wissenschaft.

    Denn gemeinsam mit Teilen von Ober- und Unterkiefer, Rumpfwirbeln, einem kompletten Schienbein und weiteren Skelettresten erlaubt der Unterarmknochen einen genauen Blick auf den mutmaßlich letzten gemeinsamen Vorläufer von Mensch und Menschenaffe. Oder war Udo am Ende sogar der erste Frühmensch? „Wir wissen es nicht“, sagt Böhme. „Aber wir werden es herausfinden.“

    Sicher ist für die Professorin, die zuvor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrte, nur eines: Die neue Art, die in Pforzen inzwischen auch durch Knochen von zwei weiblichen Exemplaren und einem Jungtier belegt ist, gilt als fehlendes Bindeglied (Missing Link) der menschlichen Evolution. „Und das hat am Anfang der Grabung wahrlich niemand erwartet.“

    Der rekonstruierte Schädel von Udo - die originalen Zähne und Kieferfragmente des Menschenaffen heben sich durch ihre dunkle Färbung deutlich ab. Foto: Agnes Fatz

    Udo, dessen erster Überrest just am 70. Geburtstag von Deutsch-Rocker Udo Lindenberg entdeckt wurde, heißt offiziell „Danuvius guggenmosi“. Er lebte vor 11,7 bis 11,4 Millionen Jahren - erdgeschichtlich also im Oberen Miozän. Das belegt die erdmagnetische Strahlung umgebender Gesteinsschichten. Die wechselte früher in unregelmäßigen Abständen und ermöglicht der Wissenschaft heute eine exakte Zeitskala, vergleichbar mit der Abfolge von Jahresringen, die Archäologen zur Datierung von Holzfunden nutzen.

    Um das Leben des Ur-Allgäuers zu entschlüsseln, mussten die Forscher um Madelaine Böhme alle Register ziehen: Neben Paläontologen und Anthropologen waren auch Geologen und Geophysiker im Boot. Die markantesten Hinweise lieferte jedoch die Untersuchung der fossilen Knochen im Labor.

    Zwar ließen sich bislang weder Alter und Lebenserwartung von Udo bestimmen, noch die Frage klären, ob der Ur-Allgäuer Vegetarier war. Dennoch zeigen die Analysen die fast menschlich anmutenden Bürden seines Lebens: „Er hatte Arthrose im rechten Handgelenk, ein Bruch der Elle im Jugendalter war gut verheilt und der Zahnschmelz war schon zu Lebzeiten stellenweise abgebrochen.“ Dass Udo polygyn war, also mehrere Partnerinnen gleichzeitig hatte, darauf lasse sich aufgrund des Längenverhältnisses von Ring- und Zeigefinger wissenschaftlich seriös schließen.

    Spektakulär ist laut Böhme aber etwas ganz anderes: Udo und seine Artgenossen kombinierten die Fähigkeit zum aufrechten Gang mit dem Geschick, auf Bäume zu klettern und sich an Ästen entlang zu hangeln. „Er besaß eine verlängerte Lendenwirbelsäule und gestreckte Hüft- und Kniegelenke wie Zweibeiner. Zugleich aber verlängerte und im Ellbogengelenk komplett durchstreckbare Arme mit sehr beweglichen Handgelenken, so wie alle Menschenaffen.“ Dass die Arme von „Danuvius guggenmosi“ um 17 Prozent länger waren als seine Beine untermauere diese Erkenntnis.

    „Das Vorwissen der Wissenschaft ist durch die Funde aus der Hammerschmiede pulverisiert“, ist die Geologin und Paläontologin überzeugt. Denn die Zweibeinigkeit gelte ab sofort nicht mehr als exklusives Merkmal des Menschen. „Außerdem zeigt die neue Art, dass die Wiege des aufrechten Gangs nicht wie angenommen in Afrika, sondern in Europa stand“, so Böhme.

    Prof. Madelaine Böhme im Ausstellungsraum der Universität Tübingen. Links im Bild die Elle und das Schienbein von Udo. Foto: Christoph Jäckle

    Doch wie muss man sich das Allgäu vor gut elf Millionen Jahren überhaupt vorstellen? „Die Temperaturen waren deutlich höher, vergleichbar etwa mit den warmen Subtropen in Laos oder Indien“, erläutert Böhme. Die Landschaft selbst war wohl savannenartig, Bäume wuchsen spärlicher als heute, von dichtem Wald keine Spur. Die Fundstelle selbst konzentriert sich auf einen damals vier bis fünf Meter breiten Bachlauf - das war wahrscheinlich nicht die Wertach, sondern die heute weit entfernt fließende Günz“, wie Böhme vermutet.

    Begraben unter einer über fünf Meter starken Sedimentschicht aus Kies, Sand und Lehm, wurden von dem 15-köpfigen Forscherteam seit 2011 eine außergewöhnliche Fülle fossiler Tiere freigelegt. „Wir haben hier die weltweit reichste Wirbeltier-Fundstelle“, freuen sich Professor Böhme und Grabungsleiter Thomas Lechner, die jeder noch so kleinen Versteinerung nachspüren.

    Insgesamt wurden bislang über 15 000 Fossilien von 115 verschiedenen Arten geborgen. Wieso die etwa 1100 Quadratmeter große Grabungsfläche derart ergiebig ist, vermögen weder Böhme noch Grabungsleiter Thomas Lechner genau zu sagen. Möglicherweise war das Areal vor gut elf Millionen Jahren eine Überschwemmungszone, in der sich Tierkadaver ablagerten.

    Seltener Fund: Der Kopf einer 70 Zentimeter langen Schnappschildkröte. Foto: Agnes Fatz

    Die Liste der dort entdeckten Amphibien, Reptilien, Fische, Vögel und Säugetiere liest sich wie das „Who is who“ des damaligen Tierreichs - darunter der bislang älteste bekannte Panda, Elefanten, Nashörner, frühe Säbelzahnkatzen und ein löwengroßer Hundebär, der sich als Lauerjäger und Knochenfresser hervortat. Aber auch Welse, Fledermäuse, Kraniche, Flughörnchen, Maulwürfe, Zwergbiber, Schweine, Hirsche und ein schäferhundgroßes Waldpferd sind darunter. Etliche Tierarten wurden laut Böhme in der Hammerschmiede erstmals dokumentiert, andere galten bereits vor dem Miozän als ausgestorben.

    Zwei Tierarten stechen besonders hervor: ein zwei Meter langer Riesensalamander sowie ein Vorfahre der berüchtigten Schnappschildkröte Lotti. Die hatte 2013 im nahen Oggenrieder Weiher angeblich einem Buben beim Baden die Achillessehne durchtrennt, wurde aber trotz intensiver Suche nie gefunden.

    Bei ihrer Grabung ist die Truppe, die von der Uni Tübingen und dem Senckenberg-Institut mit etwa 30 000 Euro pro Jahr unterstützt wird, auch auf ehrenamtliche Helfer angewiesen - etwa im Rahmen von regelmäßigen Bürgergrabungen. Vor Ort heißt es zudem immer wieder, erfinderisch zu sein. So kommt in der Tongrube ein ausrangierter Heizungs-Überdruckbehälter zum Einsatz, den der Grabungsleiter zu einem elektrischen Rotiersieb umgebaut hat. „Allein 2019 haben wir damit 25 Tonnen Sediment gewaschen“, sagt Lechner. Mit Erfolg: Selbst kleinste Fossilien wie Zähne und Mäuseknochen gehen so nicht verloren.

    Markus Raffler

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