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    WÜRZBURG

    Unterfranken machen am wenigsten Überstunden

    Überstunden sind für die Mehrheit der Deutschen an der Tagesordnung: 54 Prozent der rund 44,7 Millionen Erwerbstätigen in der Bundesrepublik arbeiten mehr, als es ihr Vertrag vorsieht. Meist sogar mehrere Stunden pro Woche. Das geht aus dem „Arbeitszeitmonitor 2018“ des Datendienstleisters Compensation Partner hervor.

    Seit mehreren Jahren analysiert die Hamburger Agentur regelmäßig den deutschen Arbeitsmarkt, 2018 hat sie die Gehaltsdaten von mehr als 226 000 Menschen ausgewertet. Besonders stach dabei der Postleitzahlenbereich 9 heraus, in dem auch ein Großteil Unterfrankens liegt. Denn dort fallen am wenigsten Überstunden an.

    Spitzenreiter ist Ostdeutschland

    5,4 sind es im Durchschnitt pro Woche – vorausgesetzt man macht überhaupt Überstunden. Denn die Vorgehensweise der Studien-Macher ist kompliziert: Für die Aufschlüsselung der Überstunden nach Branchen oder nach Alter erfassten sie alle Arbeitnehmer – also auch die, die gar keine Überstunden machen. Bei der Umrechnung auf die Regionen indes wurden Menschen, die sich an ihre vertraglich festgelegten Arbeitszeiten halten können, aber ausgenommen. Es wurde also nur der Durchschnitt derer berechnet, die überhaupt Überstunden machen – weshalb sich höhere Werte ergeben. Die Region liegt mit ihren 5,4 Überstunden pro Woche 0,6 Stunden hinter den Spitzenreitern in Ostdeutschland, wo etwa sechs Überstunden pro Woche anfallen.

    Überstunden-Spitzenreiter in Unterfranken ist die Baubranche: 70 Prozent der in diesem Bereich tätigen Arbeitnehmer arbeitet mehr als vertraglich geregelt. „Das liegt daran, dass wir in der Baubranche enorm viel Arbeit haben“, erklärt Hans Beer, Regionalleiter der Industriegewerkschaft Bauen (IG BAU). Durch die gute Konjunktur werde viel investiert, die Auftragsbücher der Bauunternehmen seien gut gefüllt.

    Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren

    Zudem würden viele Arbeitnehmer aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, unbezahlte Überstunden machen. „Wir haben eine lange Phase hinter uns, in der Personal abgebaut wurde“, erläutert Beer. Seit einigen Jahren stelle man zwar wieder verstärkt ein, das sei in den Köpfen der Angestellten aber noch nicht angekommen.

    Auswirkungen hat die gute Konjunktur auch auf andere Bereiche des Handwerks – auch dort sind die Betriebe gut ausgelastet. Dennoch machen im Handwerk – die Baubranche ausgenommen – nur 43 Prozent aller Arbeitnehmer Überstunden. „Das liegt an der Struktur des Handwerks“, erklärt Daniel Röper, Pressesprecher der Handwerkskammer in Würzburg. „In Unterfranken haben wir viele kleine, familiäre Betriebe. Im Durchschnitt haben die nur fünf Mitarbeiter.“ In solchen Unternehmen würden Überstunden schnell abgefeiert, sodass sie sich nicht häufen.

    Kein Widerspruch zum Fachkräftemangel

    Besonders auffällig ist in der Studie das unterfränkische Gesundheitswesen: Nur 44 Prozent aller Arbeitnehmer machen dort Überstunden – trotz großen Fachkräftemangels. Für Stefan Kimmel aus dem Fachbereich Gesundheit der Gewerkschaft ver.di stehen beide Aussagen nicht im Widerspruch. „Oft werden Überstunden im Gesundheitswesen direkt ausgezahlt und erscheinen dann nicht in Studien“, sagt er. Außerdem sei es mitunter üblich, auf Krankenhaus-Stationen und in Praxen weniger Personal einzusetzen als nötig. Das halte sich dann zwar an die vorgegebenen Arbeitszeiten, habe aber für die einzelnen Patienten weniger Zeit.

    Für die gesamte Bundesrepublik zeigt der Arbeitszeitmonitor, dass es in Bezug auf den Ausgleich von Überstunden Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. So bekommen nur 40 Prozent der Frauen einen Ausgleich für die Mehrarbeit – bei den Männern sind es 46. In Unterfranken ist der Unterschied etwas kleiner: 39 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer erhalten einen Ausgleich. Warum diese Unterschiede existieren, kann sich Gerald Burkard, Geschäftsführer von ver.di Würzburg, nicht erklären. Vorstellbar sei lediglich, dass in typischen Frauen-Branchen, also zum Beispiel in der Pflege, seltener ein Ausgleich geleistet werde.

     

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