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    MÜNCHEN

    Urban Gardening: "Der Zukunft der Städte wird grün sein"

    Erforscht die Trends der Städte: Soziologin Christa Müller Foto: Quirin. Leppert

    Urban Gardening hat viele Städte in Bayern erreicht. Was steckt dahinter und wie wird sich dieser Trend weiterentwickeln? Auf diese Fragen sucht die Soziologin Christa Müller eine Antwort. Die 57-Jährige ist Autorin des Buches „Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ und leitet die Münchener Forschungsgesellschaft „anstiftung“, die sich mit offenen Werkstätten, Reparatur-Initiativen und interkulturellen Gemeinschaftsgärten befasst.

    Frage: Der Wunsch nach mehr Grün in den Städten – woher kommt der? Christa Müller:

    Insbesondere die wachsenden Städte verzeichnen einen hohen Verdichtungsdruck, aber auch Feinstaubbelastung, insbesondere für ökonomisch schwache Milieus – die gesundheitlichen Belastungen aufgrund von Umweltproblemen sind in Deutschland ungleich verteilt. Jedoch brauchen alle Menschen Grünräume, um sich erholen und mit der Natur interagieren zu können. Deshalb nehmen immer mehr Akteure die Begrünung ihres Nahraums in die eigenen Hände, nicht zuletzt auch, um darüber mehr Umweltgerechtigkeit herzustellen.

    Ist urbanes Gärtnern besonders ein Phänomen von Großstädten? Müller:

    Urban Gardening ist geradezu ein Resultat von großstädtischen Lebensstilen und von kultureller Vielfalt: Weniger privilegierte Anwohner in einer verdichteten Wohngegend mit mangelndem Zugang zu urbanem Grün können mitgärtnern, es werden „wilde Ecken“ für Kleinstlebewesen gebaut und Kinder werden für die Anliegen von Stadtnatur und für die Herkunft der Lebensmittel sensibilisiert. Hiervon profitiert die ganze Stadtgesellschaft, weil urbane Gärten Orte sind, an denen sich Bürgerinnen und Bürger für ökologische und soziale Anliegen einsetzen.

    Woran scheitert Urban Gardening häufig? Müller

    : Daran, dass nicht genügend Freiflächen und Brachflächen zur Verfügung stehen. Das von Gemeinschaftsgärten verfasste Urban-Gardening-Manifest betont, wie wichtig ein frei zugänglicher öffentlicher Raum ohne Konsumzwang für die Stadtgesellschaft ist. Darin steht: „So wie in der ,autogerechten‘ Stadt alle das Recht auf einen Parkplatz hatten, sollte in der gartengerechten Stadt allen ein fußläufiger Zugang zur Stadtnatur garantiert werden.“

    Gärtnern, Töpfern und Basteln galt lange Zeit als spießig. Wie erklären Sie den neuen Trend zum Selbermachen?

    Müller: Das neue „Do it yourself“, ist eigentlich ein „Do it together“. Gemeinsam mit anderen mit den eigenen Händen Brachen entmüllen, aber auch Reparieren, Handwerken und sich gegenseitig Wissen und Können beibringen, bedeutet für jüngere Generationen, die in virtualisierten Welten aufgewachsen sind, eine Erweiterung ihrer Handlungsspielräume. DIY-Räume sind auch eine Art Gegenmodell zum sich beschleunigenden Konsumismus, der von vielen als ermüdend und einengend wahrgenommen wird.

    Wie wird sich der Urban-Gardening-Trend in den nächsten Jahren weiterentwickeln? Müller:

    Die Zukunft der Städte wird grün sein. Das ist eine unverzichtbare Anforderung, die sowohl der Urbanisierungstrend wie auch der Klimawandel stellen. Im günstigsten Fall wird die Begrünung der Stadt in demokratischen Interaktionen zwischen Zivilgesellschaft und einer am Gemeinwohl orientierten Stadtverwaltung und -planung realisiert. Das würde viele Chancen für eine nachhaltige Umgestaltung der Stadtgesellschaften bergen und wäre auch eine adäquate Antwort auf die Anforderungen jüngerer Generationen, die gelernt haben, dass Mitgestalten das Normalste der Welt ist.

    Infos: www.urbangardeningmanifest.de

    Bearbeitet von Jasmin Schindelmann

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