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    Goldkronach

    Was Weltvermesser Alexander von Humboldt in Franken trieb

    Im Goldbergbaumuseum Goldkronach ist ein Ausschnitt einer Karte von 1707 zu sehen, welcher die Bergbauorte rund um Goldkronach zeigt.  Foto: Nicolas Armer

    Die Lettern auf der verwitterten Tafel sind noch gut lesbar: „Beständiges Glück“ steht groß über dem Eingang zum ehemaligen Alaunbergwerk in Bad Berneck geschrieben. Der Schacht aber, der einst zum Bergbaurevier Goldkronach im Landkreis Bayreuth gehörte, ist schon nach wenigen Metern verschüttet. Es riecht modrig, ist beklemmend eng. Und vor allem stockfinster.

    Der ideale Ort für Alexander von Humboldt. Am 13. Oktober 1796 testet der Bergbaumeister in der Dunkelheit der Alaunschiefer-Stollen seinen selbst entwickelten „Lichterhalter“: eine Grubenlampe, die auch in sauerstoffarmer Luft nicht ausgehen soll. Bei der Rettung verunglückter Bergleute im Stollen voller giftiger Gase könnte sie, so die Idee, wertvolle Dienste leisten.

    Der Eingang zum ehemaligen Alaunbergwerk im heutigen Bad Berneck im Fichtelgebirge.  Foto: Nicolas Armer

    Seit 1793 leitete Humboldt als Oberbergsmeister den Bergbau in den Fürstentümern Ansbach und Bayreuth, die an Preußen gefallen waren. 1794 hatte man den jungen Berliner zum Bergrat und ein Jahr später schon zum Oberbergrat ernannt. Und jetzt wollte er bei „bösen Wettern“ seine Erfindung ausprobieren. Bewusst hatte er auf sehr schlechtes Wetter und schwierigste Bedingungen unter Tage für den verwegenen Selbstversuch gewartet. Und seine Lampe brannte, doch Humboldt „wurde müde, sehr wohl betaumelt“ und sank in die Knie, wie er später einem Freund schrieb. Der Mann, der als Naturforscher und Universalgelehrter weltberühmt werden sollte – mit gerade einmal 27 Jahren wäre er im Goldkronacher Bergwerk fast „ein Opfer“ seiner Neugier und Unerschrockenheit geworden.

    Blick in das ehemalige Alaunbergwerk im heutigen Bad Berneck im Fichtelgebirge.  Foto: Nicolas Armer

    Doch er hatte jenes „beständige Glück“: Im letzten Moment zog sein Kollege, der Bergbaumeister Friedrich Jacob Killinger, den Ohnmächtigen aus der Grube. „Wie besoffen und matt, zwei Tage matt“ sei er nach der Rettung gewesen, schrieb Humboldt hernach. Doch immerhin: Als er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, konnte er die Flamme in seinem Lichthalter noch immer brennen sehen. „Das“, meinte der Erfinder der zuverlässigen Lichtquelle, „war wohl der Ohnmacht wert.“

    Alexander von Humboldt – vor genau 250 Jahren, am 14. September 1769, wurde er als zweiter Sohn des preußischen Majors und königlichen Kammerherrn Alexander Georg von Humboldt geboren. Und er sollte in den 90 Jahren seines Lebens Außergewöhnliches leisten: Schon bei seiner ersten und zugleich größten Forschungsreise nach Lateinamerika, zu der er 1799 aufbrach, sammelte er in fünf Jahren über 60 000 Pflanzenproben und füllte Dutzende Notizhefte. Niemand vor ihm hatte bei Expeditionen nach Mittel- und Südamerika so viele Daten zu Fauna, Flora und Gestein zusammengetragen.

    Mit schlichter Kleidung durch Urwälder und auf Andengipfel

    Zugleich machte sich Humboldt daran, Berge, Flüsse und Landflächen in den fremden Gefilden zu vermessen. Dafür kämpfte er sich in schlichter Straßenkleidung und mit Rokokostiefelchen durch dichte Urwälder am Orinoco und kletterte auf die höchsten Berge in den Anden. Er überprüfte die Wirkung elektrischer Aale am eigenen Leib und trank das Lianen-Gift Curare, um zu beweisen, dass es nur durch direkten Blutkontakt tödlich wirkt. Am Chimborazo in Ecuador, der mit 6267 Metern damals als höchster Berg galt, kam er fast bis zum Gipfel: Rund 500 Meter unterhalb musste er die Besteigung vor einer Felsspalte abbrechen und umkehren. Kaum vorstellbar, mehr als zwei Jahrhunderte danach, welche Strapazen der Botaniker und Geologe auf sich nahm.

    Ein Feldtagebuch der Amerika-Reise von 1799 bis 1804 von Alexander von Humboldt, das sein Reisebegleiter, der Botaniker Aimé Bonpland zusammen mit Humboldt führte. Foto: Stephanie Pilick

    Seine Beobachtungen zur Beschaffenheit der Landschaft sowie der Tier- und Pflanzenwelt hielt der Forscher akribisch fest. Andenkondor, Seekühe aus dem Amazonas, exotischen Affenarten – Alexander von Humboldt zeichnete mit ungeheurer Genauigkeit. Ausschnitte wie Köpfe oder Krallen vergrößerte er akribisch und akurat. Auf seinem „Naturgemälde der Anden“ zeigt er den Querschnitt des Chimborazo, auf dem präzise eingetragen ist, welche Pflanzen auf welcher Höhe wachsen.
    Pionier der Ökologie, für den in der Natur alles mit allem zusammenhing

    Humboldt war nicht nur fasziniert von der Vielfalt des Lebens in den fernen Ländern. Er spürte, wie bedroht die Natur schon damals durch menschliche Eingriffe war. Am venezolanischen Valenciasee begegnete er den verheerenden Umweltschäden zum ersten Mal: Das Land war durch Abholzungen für koloniale Plantagen unfruchtbar geworden. Der Naturforscher schloss damals bereits auf die herausragende Bedeutung des Urwaldes für ganze Ökosysteme und das Klima. Zurück in Europa machte er sich daran, seine Funde und Entdeckungen auszuwerten.

    Alexander von Humboldt auf einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch aus dem Jahr 1806 Foto: Friedrich Georg Weitsch, gemeinfrei

    Mit demselben Elan, mit dem er die fremden Länder erkundet hatte, stürzte er sich in die Arbeit. Ein Getriebener, der wenig schlief, vieles gleichzeitig erledigte und mitunter so schnell gesprochen haben soll, dass ihm seine Gesprächspartner kaum folgen konnten. Zugleich verfügte der jüngere Bruder des Philologen Wilhelm von Humboldt, dem Begründer der Berliner Universität, über ein herausragendes Gedächtnis. Noch nach Jahren soll er sich an Pflanzendetails wie die Form eines Blattes erinnert haben.

    Sein Wissen: überbordend. Sein Interesse: grenzenlos. Humboldt betrieb Feldstudien in Physik, Geologie, Mineralogie, Vulkanologie, Botanik, Zoologie, Klimatologie, Ozeanographie und Astronomie. Und er tauschte sich aus mit den größten Denkern, Künstlern und Wissenschaftlern seiner Zeit und beeinflusste sie. „Wohin man rührt, er ist überall zu Hause“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe über Humboldts Vielseitigkeit.

    Und die Anfänge seiner Forscherkarriere, seiner Erkundungen unter Lebensgefahr – sie liegen eben auch in Oberfranken.

    Alexander von Humboldt hatte als 21-Jähriger die Hamburger Handelsakademie besucht und war dann 1792 zur Freiberger Bergakademie nach Sachsen gewechselt. Arbeitsbesessen war er von sechs Uhr in der Früh bis zum Mittag in den Gruben, nachmittags hörte er Vorlesungen, in der restlichen Zeit studierte er begierig Chemie und Paläontologie. Und dann: eine Blitzkarriere im preußischen Staatsdienst.

    Gerade einmal 23, wurde der Bergassessor mit beachtlichen Kenntnissen in Mathematik, Physik, Naturgeschichte, Technologie und Hüttenwesen 1792 zum Oberbergmeister befördert und ins Fichtelgebirge und in den Frankenwald entsandt. Unermüdlich war er auch hier: Fast manisch beackerte er von früh um halbfünf bis abends um zehn den Landstrich, begutachtete von Naila bis Wunsiedel die Stollen, machte Erzanalysen und sammelte Metallproben. Nachts forschte er. Meist schon in den frühen Morgenstunden brach er dann mit drei Pferden und zwei Reitknechten wieder auf. Es bot sich ihm ein „Bild des Verfalls“ hier im Oberfränkischen: eingestürzte Gruben, kaum Luft zum Atmen in den Schächten. Und, wie er notierte, nicht ausgebildete „Knaben von blühendem Ansehen (. . .) mit fürchterlichen Knochenkrankheiten befallen“.

    Das Haus in Goldmühl, in dem Alexander von Humboldt in den Jahren 1793 und 1794 wiederholt wohnte.  Foto: Nicolas Armer

    Ein Schock für den jungen Gelehrten, der in einem Schloss in Berlin aufgewachsen war. Also ließ er die Stollen ausbauen, verkürzte die Arbeitszeiten der Bergleute und sorgte für finanzielle Absicherung der Witwen. In Bad Steben gründete der Adelige ohne Dünkel, dem das Elitäre fremd war, 1793 die „Freie königliche Bergschule“ und bezahlte aus eigener Tasche. Gelder aus Berlin lehnte von Humboldt ab – sie sollten für notleidende Bergleute verwendet werden.

    Doppelleben in Oberfranken: Nachts Forscher, tagsüber Bergrat

    „In dieser Zeit spiegelt sich im Grunde bereits alles, was auch sein gesamtes späteres Leben bestimmt hat“, sagt Historiker Frank Holl, der das Buch „Alexander von Humboldt. Mein vielbewegtes Leben“ schrieb. Auch die Inspirationen für seine berühmten Werke „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ und „Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ soll der Naturforscher schon während der fünf Jahre in Franken gehabt haben. Nachts Forscher, tagsüber Verantwortlicher für den Bergbau – „im Grunde hat er ein Doppelleben geführt“, sagt Holl, der Humboldt als einen hyperaktiven Menschen beschreibt. „Er ist herumgereist wie ein Wahnsinniger.“

    1794: bergmännische Besichtigungsreise durch Polen und Böhmen, Aufenthalt in Prag, danach diplomatische Mission am Rhein und in Brabant, dienstliche Reisen nach Rheinhessen und in die Eifel.

    1795: wissenschaftliche Reise nach Oberitalien und in die Schweizer und französischen Alpen.

    1796: Reise im diplomatischen Auftrag des preußischen Königs zum Befehlshaber der französischen Truppen.

    Dann, Anfang 1797, schied Alexander von Humboldt sehr schnell und auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst aus: Seine Mutter war Ende 1796 mit 55 Jahren an Brustkrebs gestorben. Als freier Mann und reich genug, mit dem Erbe von 85 375 Talern, wollte sich der Naturforscher ganz der Vorbereitung seiner geplanten Weltreise widmen.

    Was von seinen Jahren in Franken bleibt? Über dem Eingang zur alten Mühle in Goldmühl erinnert eine Tafel daran, dass Humboldt dort einst gelebt hatte. Auch im heutigen Goldbergwerkmuseum in Goldkronach soll er gewohnt haben, im dortigen Humboldt-Zimmer können sich Museumsbesucher über sein Leben in Franken informieren. In Goldkronach sind Gasthaus, Apotheke und Schule nach ihm benannt, bald auch ein eigens angelegter Museumspark. Eine Bäckerei verkauft „Humboldt-Laabla“ und „Humboldt-Laib“ aus alten Getreidesorten.

    Im Goldbergbaumuseum Goldkronach zeigt ein Plakat die originale Handschrift von Alexander von Humboldt mit dem geschriebene Wort "Goldbergwerk". In den Jahren 1792 bis 1797 wirkte der bekannte Naturforscher im heutigen Oberfranken. Foto: Nicolas Armer

    Vor dem Schloss des Bergbaustädtchens blüht die rote Humboldt-Rose und Schlossherr Hartmut Koschyk bietet den „Humboldt-Trunk“ einer fränkischen Brauerei an. Als Vorsitzender des Humboldt-Kulturforums organisiert er Vorträge und Theaterstücke zum Leben des Forschers in Franken. Schließlich war es Humboldt selbst, der mit 25 Jahren in einem Brief geschrieben hatte: „In Goldkronach besonders bin ich glücklicher, als ich je wagen durfte zu glauben.“

    Empfangen von Thomas Jefferson, beneidet von Napoleon

    Nach der großen Amerikareise, auf der er in Peru den Guano als Dünger entdeckte, einen Wasserarm zwischen Orinoco und Amazonas nachwies und in den USA von Präsident Thomas Jefferson empfangen wurde, kehrte Alexander von Humboldt 1804 nach Europa zurück. Napoleon soll eifersüchtig gewesen sein, als die Pariser den Heimkehrer begeistert begrüßten. In der französischen Hauptstadt wertete Humboldt die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Reise in 33 Bänden aus.

    Als seine Gelder erschöpft waren, folgte er 1827 dem Ruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. ins ungeliebte Berlin und fristete sein Leben als Sympathisant revolutionärer Ideen mit den Bezügen eines Kammerherrn. 1829 nahm er als Geologe noch einmal an einer Expedition teil, um im Auftrag des Zaren die Diamantenvorkommen in Sibirien zu untersuchen. Sein Lebenswerk, eine „physische Weltbeschreibung“, die unter dem Titel „Kosmos“ erschien, konnte er nicht mehr vollenden. Alexander von Humboldt starb am 6. Mai 1859 in Berlin – 63 Jahre nach dem beinahe tödlichen Experiment im Bergwerk „Beständiges Glück“.

    Daguerreotypie des 88-jährigen Alexander von Humboldt aus dem Jahr 1847.  Foto: Hermann Biow / gemeinfrei

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