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    350 Jahre Pariser Oper: Skandale, Rekorde, Sorgen

    350 Jahre Pariser Oper
    Die Pariser Oper feiert mit viel Pomp ihr 350-jähriges Bestehen. Foto: Etienne Laurent/epa

    Verdis „Simon Boccanegra” unter der Regie des katalanischen Skandalregisseurs Calixto Bieito, Mozarts „Don Giovanni” in einer Neuinszenierung des Belgiers Ivo van Hove, eine Ballett-Weltpremiere, die in Zusammenarbeit mit dem japanischen Starkünstler Hiroshi Sugimoto entstanden ist.

    Es ist ein ehrgeiziges und modernes Programm, mit dem die Pariser Opéra national in diesem Jahr gleich ein Doppeljubiläum feiert: ihren 350. Geburtstag sowie den 30. Jahrestag der Opéra Bastille, die sie seit 1989 neben Garnier als zweites Schauspielhaus bespielt.

    Die Pariser Oper wurde als „Nationale Akademie für Musik und Tanz” im Juni 1669 von König Ludwig XIV. ins Leben gerufen. Entstanden ist sie aus der Vorgängerinstitution der „Académie Royale de la Danse” mit ihrem heute weltweit berühmten Ballett de l'Opéra de Paris. Diese hatte der „Sonnenkönig” bereits 1661 ins Leben gerufen, denn er tanzte und tippelte für sein Leben gern. Oft soll er sogar die Hauptrollen in seinen Aufführungen am Hof verkörpert haben. Acht Jahre später erweiterte der Liebhaber der Künste sie um die Akademie der Musik, aus der die heutige Opéra national de Paris entstand.

    In ihrer langen Geschichte zog die Einrichtung mehrmals um, ehe sie im Palais Garnier ihre Heimat fand. Die von dem französischen Architekten Charles Garnier (1825-1898) entworfene Spielstätte wurde am 5. Januar 1875 eröffnet. Jahrzehntelang war der neubarocke Prachtbau das zentrale Opernhaus. Erst 1989 machte ihm die Opéra Bastille diesen Rang streitig. Der Neubau wurde am 13. Juli 1989, dem Vorabend des 200. Jahrestags des Sturms auf die Bastille, eingeweiht - noch unvollendet. Die erste Opernaufführung fand erst am 17. März 1990 mit „Les Troyens” (Die Trojaner) von Hector Berlioz statt. 

    In 350 Jahren kann die Staatsoper auf stilprägende Uraufführungen, aber auch einige Skandale blicken. Zu den größten Erfolgen zählen „Die Hugenotten” von Giacomo Meyerbeer und „Faust” von Charles Gounod. Zu den größten Pariser Opernskandalen dürfte bis heute wohl der 1861 durchgefallene „Tannhäuser” von Richard Wagner gehören.

    Seit 2014 steht Intendant Stéphane Lissner, zuvor unter anderem Leiter des Festivals von Aix-en-Provence und Intendant des weltberühmten Opernhauses Teatro alla Scala in Mailand, an der Spitze der beiden Pariser Opernstätten. Unter dem 66-jährigen Franzosen haben beide Häuser historische Rekorde erzielt. Mit 74,4 Millionen Euro spielten die Einrichtungen 2017 durch Kartenverkauf so viel ein wie nie zuvor. 400 Aufführungen pro Jahr stehen zu Buche. Die Auslastung des Palais Garnier mit 1900 Plätzen und der Opéra Bastille mit 2700 Plätzen liegt laut Lissner bei 93 Prozent.

    Der 1989 eröffnete Neubau an der Place de la Bastille stand zunächst unter keinem guten Stern. Missmanagement, Akustikprobleme und Kontroversen sorgten für Schlagzeilen. Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung fielen von der Fassade die ersten Kalksteinplatten herunter. Ursprünglich sollte im Innern noch ein modularer Saal für kleinere und weniger kostspielige Produktionen entstehen. Doch nur die Betonschalung wurde damals geschaffen. Lissner will den Saal nun fertigstellen lassen.

    Die bis spätestens 2023 geplante Eröffnung wird der Franzose als Intendant nicht mehr miterleben. Sein Vertrag läuft aus Altersgründen im August 2021 aus. Nach französischem Gesetz darf man für diesen Posten nicht älter als 67 Jahre sein.

    Seit Monaten sucht Paris deshalb schon nach einem neuen Chef - bislang vergeblich. Viele der großen Namen sind bereits unter Vertrag oder stehen anderweitig in Verhandlungen. Eine zeitlang wurde über eine Ernennung des Franzosen Dominique Meyer spekuliert. Doch der derzeitige Direktor der Wiener Staatsoper soll der nächste Direktor der Mailänder Scala werden.

    In der Regel werden Intendanten zwei bis drei Jahre im Voraus ernannt, damit sie genügend Vorbereitungszeit für ihre Startsaison haben. Die Pariser Musikwelt fragt sich deshalb besorgt, ob die Opéra national de Paris für 2021/22 denn ein Programm haben werde. Manche befürchten gar, dass - sollte das Warten kein Ende nehmen - ihre Türen zeitweise geschlossen bleiben werden.

    Von Sabine Glaubitz, dpa

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