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    Berlin

    Christian Petzold über die Magie des Wassers

    Berlinale 2020 - Christian Petzold       -  Regisseur Christian Petzold ist fasziniert von der Welt unter Wasser.
    Regisseur Christian Petzold ist fasziniert von der Welt unter Wasser. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

    Der Regisseur Christian Petzold gehört zu Deutschlands bekanntesten Filmemachern. Dass sein Drama „Transit” im vergangenen Jahr zu den Lieblingsfilmen des früheren US-Präsidenten Barack Obama gehörte, habe ihn gerührt, sagt Petzold der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Auf der Berlinale stellt er sein neues Projekt „Undine” vor.

    Frage: Herr Petzold, „Transit” stand auf Obamas Liste mit Filmempfehlungen von 2019. Haben Sie das erwartet?

    Antwort: Nein, erwartet habe ich das nicht. Ich wusste gar nicht, dass es solche Listen gibt. Aber als die Liste kam, war ich gerührt, das muss ich wirklich sagen. Das hat mich sehr, sehr gefreut. Weil ich der Präsidentschaft auch noch etwas hinterherweine.

    Frage: Jetzt kommt Ihr neuer Film. Wer ist die mysteriöse Undine?

    Antwort: Die Undine ist ein deutsches, romantisches Sagewesen, zu dem es Operngeschichten gibt, das Märchen „Die kleine Meerjungfrau” von Hans Christian Andersen oder die Disney-Verfilmung. Aber sie hat mich erst interessiert, als ich Ingeborg Bachmann gelesen hatte. Weil mich Männerprojektionen erst dann interessieren, wenn die Projektionen - also die Frauen in dem Fall - sagen: „Ich mache das Spiel nicht mehr mit.”

    Frage: Wie geht der Mythos eigentlich?

    Antwort: Die Undine ist eine Figur, die von Männern gerufen werden kann aus dem Waldsee, wenn diese Männer verzweifelt sind, weil sie nicht geliebt werden. Und dann kommt sie aus dem Wasser und ist nackt und wahnsinnig schön und begibt sich in die Arme dieses Mannes. Das Einzige, was in dem Liebesvertrag drinsteht, ist: Wenn der Mann sie betrügt, muss sie ihn töten. Und dann muss sie zurück in das Wasser und auf den nächsten warten.

    Frage: Was passiert also?

    Antwort: Alle diese Männer betrügen sie natürlich, weil Männer so sind. Wenn sie eine schöne Frau rufen, dann lieben sie sich selber (...). Und die Undine bei Ingeborg Bachmann und bei mir sagt irgendwann: „Ich mache das nicht mehr mit. Ich will auch nicht mehr töten. Ich will auch nicht in den Waldsee. Ich will Mensch sein.” Und sie lernt in der Geschichte einen kennen, der sie um ihrer selbst Willen liebt.

    Frage: Im Trailer sieht man, dass Sie unter Wasser gedreht haben. Wie haben Sie das gemacht?

    Antwort: Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Aber für mich ist die Unterwasserwelt eine Traumwelt im Kino und im Fernsehen. Eine Welt mit anderen Geräuschen, eine Welt mit anderem Licht. Einer meiner Lieblingsunterwasserfilme ist „20 000 Meilen unter dem Meer” mit James Mason und Kirk Douglas. Und ich habe immer so einen Wunsch gehabt. Ich dachte aber: Wenn ich unter Wasser drehe, dann wirklich.

    Frage: Wie haben Sie das dann umgesetzt?

    Antwort: Wir haben in Babelsberg eine richtige Unterwasserwelt gebaut. Mit Torbögen, Wasserpflanzen, Mauern des 19. Jahrhunderts, Turbinen. Die Schweißarbeiten waren echt, die Ventile. Damit das für die Schauspieler schon eine Zauberwelt ist. (...) Auch die Leute, die später noch Computeranimationen gemacht haben - wir brauchten ja die Fische, den Wels und eine Erweiterung der Landschaft - waren in Taucheranzügen mit unten und haben sich bezaubern lassen.

    Frage: Sie konnten doch unter Wasser vermutlich keine Anweisungen geben. Wie war das für Sie als Regisseur?

    Antwort: In der Vorstellung schwer, nachher aber schön. Ich habe etwas bemerkt: Dass Paula Beer und Franz Rogowski, wenn sie unter Wasser tauchen und sich umschwimmen und sich anschauen, dort eine eigene Choreographie entwickeln, eine Weichheit, einen eigenen Tanz, der nichts mit meinen Anweisungen zu tun hatte. Und das war schön, dass man nicht immer alles bestimmt.

    Frage: Tauchen Sie selbst?

    Antwort: Nein, aber ich mache ja auch bei den Hubschrauberflügen nicht mit. Ich finde, man muss nicht alles mitmachen. Die Schauspieler sind meistens Leute, die 4000-Meter-Tandem-Sprünge gerne machen. Ich sitze unheimlich gern zu Hause und lese.

    Frage: Mit Franz Rogowski und Paula Beer haben Sie nun schon den zweiten Film gemacht. Wird Paula Beer für Sie die neue Nina Hoss?

    Antwort: Nein. Dahinter steckt ja immer die Annahme, dass Regisseure ihre Musen wechseln würden. Aber ich kann ja nicht einen Film machen, der gegen den Männer-Projektions-Mythos Undine gerichtet ist, und selbst eine Muse nach der anderen verbrauchen. Die Nina war ja schon keine Muse, sondern eher eine Gefährtin. Manche sagen, dass die beiden gewisse Ähnlichkeiten haben. Für mich überhaupt nicht. Für mich ist Paula eine ganz andere Schauspielerin.

    Frage: Warum interessieren Sie gerade diese Frauen, die Männerprojektionsflächen, die dann aber aus ihren Rollen ausbrechen?

    Antwort: Naja, der Männerblick hat das Kino beherrscht. Und wir können nicht so tun, als ob das immer so weitergehen soll und darf. Ich finde schon: In den Männerfilmen ist die Kritik an sich selber oft schon enthalten. Wenn Sie zum Beispiel „Vertigo” von Hitchcock sehen, der eigentlich ein Männerfilm par excellence ist. (...) Ich finde aber, auf die Perspektive kommt es an. Wer guckt hier? Wo ist die Macht? Und in schlechten Filmen tut man so, als ob sich nichts verändert hat.

    Frage: Gerade wird viel über die Zukunft des Kinos diskutiert. Haben Sie Streamingdienste wie Netflix?

    Antwort: Ja, durch die Kinder. Das geht doch einfach alles nicht. Das sind doch 1400 Filme, von denen man 1300 nicht angucken kann. Das ist totaler Schrott. Das ist auch nicht kuratiert. Das ist einfach die Zukunft in allen Bereichen - das kuratierte Programm. (...) Nicht das Kino als Abspielstätte von Filmen, sondern als Anbieter eines kuratierten Programms. Aber Netflix, Amazon, das ist eine Wühlkiste.

    Frage: Was sind Ihre nächsten Projekte?

    Antwort: Ich habe jetzt in den letzten sechs Jahren jedes Jahr einen Film gemacht und selber geschrieben. (...) Ich habe zwei Projekte, die beginne ich aber jetzt nicht innerhalb der nächsten zwölf Monate. Ich brauche mal eine kleine Pause.

    Interview: Julia Kilian, dpa

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