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    Die Rolling Stones in der „Geisterstadt”

    Rolling Stones       -  Die Rolling Stones erfreuen ihre Fans mit einem neuen Song.
    Die Rolling Stones erfreuen ihre Fans mit einem neuen Song. Foto: Chris Pizzello/Invision/AP/dpa

    Das Leben war so schön, dann wurden wir alle eingesperrt, singt Mick Jagger mit seiner unnachahmlichen Röhre zu einer mächtigen Blues-Rock-Reggae-Mixtur. Und weiter, ebenso passgenau zur Corona-Zeit: Man fühlt sich wie ein Geist, der in einer Geisterstadt lebt.

    Das ist er also, der erste neue Song der Rolling Stones seit acht Jahren, womöglich Vorbote eines neuen Albums.

    Mit ihrem am Donnerstag überraschend veröffentlichten Stück „Living In A Ghost Town” haben die britischen Rock-Legenden Millionen Fans mitten in der Corona-Pandemie eine Freude gemacht - und Hoffnungen geweckt.

    Das knapp vier Minuten lange, nicht allzu weit vom vertrauten Band-Stil abweichende Lied sei die erste neue Stones-Single und Eigenkomposition nach „Doom And Gloom” vom Best-Of-Album „GRRR!” (2012), teilte das Label Universal mit.

    Das von einer wild heulenden Mundharmonika gekrönte Musikstück wird von einem schicken Video begleitet - die Band im Studio, daneben flott geschnittene Bilder leerer Innenstädte in Fischaugen-Optik. Zwölf Stunden nach Veröffentlichung war der Film zum Song allein auf Youtube rund 800.000 Mal abgerufen.

    „Living In A Ghost Town” deutet an, dass die vier Veteranen - mit 72 bis 78 Jahren alle in der „Corona-Risikogruppe” - noch ziemlich fit sind. Diesen Eindruck hatten Sänger Mick Jagger (76), Gitarrist Keith Richards (76), sein Kollege Ron Wood (72) und Schlagzeuger Charlie Watts (78) schon am vorigen Wochenende vermittelt.

    Da traten die Stones - jeder für sich und über vier Bildausschnitte dann doch irgendwie vereint - beim globalen Internet-Benefizkonzert „One World - Together At Home” für die Corona-Helfer auf, mit ihrem Klassiker „You Can't Always Get What You Want”. Vor allem Jagger wirkte so aufgekratzt, dass man ihm sein Lebensalter nie und nimmer anmerkte. Und der Songtitel passte natürlich auch zur Krise - viele Musikfans können derzeit angesichts abgesagter Konzerte und Albumveröffentlichungen nicht bekommen, was sie eigentlich wollen.

    Also vielleicht doch demnächst endlich mal wieder eine neue Studioplatte der Rolling Stones? Es wäre die erste mit eigenem Material seit „A Bigger Bang” von 2005.

    Keith Richards verriet in einem Statement zu „Living In A Ghost Town” ganz nebenbei, dass das Stück als „Teil eines neuen Albums, einer laufenden Sache”, aufgenommen worden sei. Der Song passe momentan einfach so gut in die Landschaft, daher habe man ihn rausgehauen. Auch Jagger sagte: „Es gab da einen Song, von dem wir dachten, dass er die Zeiten gut mitschwingen lässt, in denen wir derzeit leben.”

    Geschrieben wurde das Stück mit dem zur Corona-Krise passenden „Geisterstadt”-Titel von Jagger/Richards, dem seit fast 60 Jahren in Harmonie und Streit bewährten Songwriter-Duo der Stones. Teile des Liedes seien aber „bereits vor dem weltweiten Lockdown in London und Los Angeles aufgenommen worden”, erklärte die Plattenfirma. „In der Quarantäne entschied sich die Band, 'Living In A Ghost Town' zu finalisieren und nun schließlich zu veröffentlichen.”

    Die ersten Reaktionen am Freitag: meist positiv. „Sie können es noch”, jubelte ein Twitter-Nutzer stellvertretend für viele. Und der britische „Guardian” bilanzierte: „Ihr bester, relevantester Song seit vielen Jahren.”

    Ein neues Lied, gar ein nun anvisiertes neues Album der Rolling Stones: Das ist für die Musikwelt immer noch - und angesichts des Alters der vier Herren erst recht - eine große Sache. Die Band, 1962 in Großbritannien gegründet, gilt mit insgesamt gut 300 Lebensjahren als beständigste Studio- und Live-Gruppe der Rockgeschichte.

    Zahllose Welthits wie „(I Can't Get No) Satisfaction”, „Let's Spend The Night Together”, „Honky Tonk Women” und „Miss You” säumen den langen Karriereweg der Stones. Tonträgerverkäufe in dreistelliger Millionenhöhe und Grammy-Ehrungen, aber auch Konflikte und Skandale sind Teil der Band-Legende. Zuletzt hatte das Quartett Ende 2016 „Blue & Lonesome” herausgebracht, das ausschließlich Cover-Versionen enthielt. Die als glaubwürdige Rückkehr zu den Wurzeln gefeierte Platte bekam einen Grammy als bestes traditionelles Bluesalbum.

    Jagger, der bei Konzerten immer noch unermüdlich über die Bühne fegt („Mick Jogger”), hatte den Fans im vorigen Jahr allerdings Sorgen gemacht: Ende März 2019 musste er Auftritte absagen, um sich am Herzen operieren zu lassen. In einem Interview nach dem Eingriff betonte er dann, dass es ihm wieder „sehr gut” gehe.

    Mit einem kanadischen Sender sprach er unter anderem über die Arbeit mit seiner Band: „Wir haben in den letzten Wochen viel geprobt.” Sechs Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt lud Jagger ein Video hoch - es zeigte ihn tanzend in einem Studio. Angesichts von „Living In A Ghost Town” wird das Bild klarer - die Stones sind wieder voll da.

    Der Song ist nicht die erste Überraschung, die Rock-Veteranen ihren Verehrern in der Krise bereiten: Auch der lange mit eigenem Material geizende König der Songpoeten, Bob Dylan (78), brachte kürzlich mit „Murder Most Foul” und „I Contain Multitudes” neue Stücke heraus.

    Von Werner Herpell, dpa

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