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    Hana Geißendörfer zu „Lindenstraße“-Aus: „Bin enttäuscht“

    Geißendörfer Lindenstraß?e       -  Tochter, Vater, Team: Hana und Hans W. Geißendörfer sind Geschäftsführer und Produzenten des Unternehmens Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion. Bekanntestes Produkt ist die „Lindenstraße“.
    Tochter, Vater, Team: Hana und Hans W. Geißendörfer sind Geschäftsführer und Produzenten des Unternehmens Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion. Bekanntestes Produkt ist die „Lindenstraße“. Foto: WDR, Steven Mahner

    Im nächsten März soll die letzte Folge der Kultserie „Lindenstraße” über die Bildschirme flimmern. So hatte es die Fernsehprogrammkonferenz der ARD im vergangenen November entschieden. Die „Lindenstraße” sei eine „Ikone”, so der Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, Volker Herres, damals. Aber Zuschauerinteresse und „unvermeidbare Sparzwänge“ seien „nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“. Wir sprachen mit der derzeitigen Produzentin der Serie, Hana Geißendörfer.

    Frage: Frau Geißendörfer, die „Lindenstraße“ kehrt jetzt aus der Sommerpause zurück, doch bald wird die Serie eingestellt. Wie ist denn die Stimmung im Team?

    Hana Geißendörfer: Die ist gemischt, würde ich sagen, da gehen viele Gefühle und Stimmungen durcheinander. Für viele altgediente Darsteller und Teammitglieder ist die „Lindenstraße“ ein sehr langer Lebensabschnitt. Wir sind natürlich alle sehr traurig, dass es zu Ende geht, aber produzieren zum Schluss noch ein paar richtig gute Folgen zusammen.

    Hat es Sie überrascht, als die ARD Ende vergangenen Jahres das Aus verkündete?

    Geißendörfer: Ja.

    Aber die Serie stand doch schon seit Jahren auf der Kippe, oder?

    Geißendörfer: Üblich war, dass der Vertrag alle zwei bis drei Jahre mit dem Sender verlängert werden musste – die letzten Vertragsverlängerungen waren keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Das Aus hätte mich aber 2016 weniger überrascht als diesmal, weil wir meiner Einschätzung nach auf einem guten Weg sind, die Serie zu modernisieren. Vor einigen Jahren hatten wir mehr Baustellen.

    Was sagen die Zuschauer zum Aus des Dauerbrenners?

    Geißendörfer: Viele sind bestürzt, wir bekommen jede Menge Zuschriften und es gab sogar Demonstrationen für den Erhalt der „Lindenstraße“.

    Da herrscht viel Aufregung unter den Fans. Das ist ein Zuspruch, der uns natürlich sehr freut und viel Energie gibt.

    Gedreht wird noch bis Dezember. Wie geht es bis zum Finale im kommenden März mit der Serie weiter?

    Geißendörfer: Ich kann versprechen, dass noch einiges geboten wird, außerdem dürfen sie sich auf ein Wiedersehen mit ein paar alten Figuren aus der langen Geschichte der „Lindenstraße“ freuen. Man wird zum Beispiel Benny Beimer und Momo Sperling noch mal zu sehen bekommen.

    Sind Sie denn sauer, dass die „Lindenstraße“ eingestellt wird?

    Geißendörfer: Ich bin eher enttäuscht.

    Die Einschaltquoten sind seit Jahren rückläufig…

    Geißendörfer: Ja, da haben Sie recht. Aber man muss berücksichtigen, dass das auch dem Wandel der Zeit geschuldet ist. Auch ist die „Lindenstraße“ in den letzten Jahren öfter im Ersten ausgefallen und lief nur in One (einem ARD-Spartensender, Anmerkung d. Redaktion), oder die Sendezeit wurde verschoben, was natürlich nicht gerade die Zuschauerbindung fördert. Trotzdem möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass von 2017 auf 2018 die Quote im Durchschnitt leicht gestiegen ist. Ich bin sehr gespannt, welches Format zukünftig auf unserem Sendeplatz regelmäßig um die zwei Millionen Zuschauer erreicht. Aus meiner Sicht stellt sich in dem Zusammenhang aber auch die Frage, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender nur auf die Quote gucken sollte.

    Ein anderes Argument für die Einstellung ist, dass die Kosten zu hoch seien.

    Geißendörfer: Unsere Kosten sind in den letzten Jahren nicht gestiegen. Wenn man sich das Format nicht mehr leisten will, ist das natürlich was anderes.

    Sie sind erst seit vier Jahren die hauptverantwortliche Produzentin der „Lindenstraße“. Hätten Sie gedacht, dass Ihre Karriere doch nur so kurz wird?

    Geißendörfer: Nein.

    Als die „Lindenstraße“ 1985 startete, waren Sie ein Jahr alt. Die Serie, die Ihr Vater Hans W. Geißendörfer erfunden und lange Zeit produziert hat, war demnach immer ein Teil Ihres Lebens. . .

    Geißendörfer: Das stimmt, aber ich bin in London aufgewachsen und habe es deshalb als Kind gar nicht so genau mitgekriegt. Ich hatte nicht so viele Berührungspunkte mit der „Lindenstraße“ und wusste ehrlich gesagt als Kind auch nicht so genau, was es damit auf sich hat. Aber natürlich hat mich mein Vater dann irgendwann auch mal mit ins Studio in Köln genommen, um mir seinen Arbeitsplatz zu zeigen.

    Wie war das?

    Geißendörfer: Damals durfte noch überall geraucht werden, und es roch in den ganzen Produktionsbüros nach Qualm in alten Teppichen. Das war für mich furchtbar, weil ich es als Kind absolut gehasst habe, wenn Erwachsene rauchen. Diesen Geruch habe ich aber immer noch in der Nase, wenn ich daran denke.

    Waren Sie nicht fasziniert von den Fernsehkulissen, dieser künstlichen Stadt?

    Geißendörfer: Eigentlich nicht, aber ich war damals ja auch erst so um die sechs Jahre alt. Als ich dann älter wurde, hat mich das natürlich zunehmend interessiert und ich bin dann nach meinem Filmstudium auch bei der Serie eingestiegen – erst als Praktikantin und dann als Regieassistentin und Drehbuchautorin. Aber als Kind hat mich die „Lindenstraße“ nicht so angesprochen, das war halt die Arbeit meines Vaters.

    Was sagt Ihr Vater zum Aus der Serie?

    Geißendörfer: Das geht ihm schon nahe, die „Lindenstraße“ ist schließlich sein Lebenswerk. Aber er sieht das auch sportlich. Wir wollen jetzt auf jeden Fall noch ein ganz besonderes halbes Jahr abliefern, damit die Serie in bester Erinnerung bleibt.

    Und wie geht es in der letzten Folge im März zu Ende mit der „Lindenstraße“?

    Geißendörfer: Das verrate ich natürlich nicht. Ich kann nur so viel sagen, dass bis zum Ende noch einiges passiert, es wird noch zwei Todesfälle, eine Hochzeit und eine Geburt geben. Und mein Vater und ich spielen auch noch einmal mit.

    Sende-Info: Die erste Episode nach der Sommerpause, insgesamt ist es „Lindenstraße“-Folge 1727, läuft am kommenden Sonntag, 11. August, um 19.30 Uhr im Ersten.

    Die Kultserie und ihre Macher

    Serie: Die am 8. Dezember 1985 gestartete „Lindenstraße“ spielt in München, sie wird aber in Köln auf dem WDR-Studiogelände produziert. Vorbild war die Serie „Coronation Street“, die der 1941 in Augsburg geborene Hans Wilhelm Geißendörfer in den 70er Jahren in England kennenlernte. Macher: Dort lernte er seine Frau kennen, eine Engländerin. Sie haben drei Töchter. Hana, die 1984 geboren wurde, studierte Volkswirtschaftslehre und besuchte die Internationale Filmschule in Paris. Seit 2015 ist sie Produzentin der „Lindenstraße“. Bekannteste Filme ihres Vaters sind „Die gläserne Zelle“ und „Der Zauberberg“.

    Einstellung: Mitte November 2018 teilte der WDR mit, dass die „Lindenstraße“ nicht fortgeführt werde. „Die Fernsehprogrammkonferenz der ARD hat sich mehrheitlich gegen eine Verlängerung des Produktionsvertrages mit der Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion ausgesprochen. Die letzte Folge der Serie wird im März 2020 im Ersten ausgestrahlt.“ 1995 hatte jede Folge der Serie laut WDR 6,74 Millionen Zuschauer (im Jahresschnitt), 2018 noch 2,18 Millionen. Zu den Produktionskosten sagte Hana Geißendörfer damals, dass der durchschnittliche Minutenpreis des 18.50-Uhr-Sendeplatzes in der ARD bei 8750 Euro liege. „Wir liegen drunter.“ (az)

    Das Gespräch führte Martin Weber

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