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    Warschau

    Piotr Beczala: Kunst kann in Krisenzeiten viel leisten

    Piotr Beczala       -  Statt auf den Bahamas sitzt er in seinem polnischen Landhaus: Startenor Piotr Beczala.
    Statt auf den Bahamas sitzt er in seinem polnischen Landhaus: Startenor Piotr Beczala. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

    Auf der Opernbühne hat Startenor Piotr Beczala alle Höhen und Tiefen eines Helden durchlebt - genau wie sein Filmidol James Bond auf der Leinwand. Den Bond hätte er am liebsten selbst einmal gespielt.

    Doch mit 53 sei er dafür wohl zu alt, meint der Pole und fügt nicht ohne Schelm hinzu: „Ich tauge nur noch für die Rolle des Bösewichts”. Kurz vor Ostern war er auf den Bahamas mit Ex-Bond- Darsteller Sir Sean Connery zum Lunch verabredet. Doch dann kam das Coronavirus, Beczala musste seinen letzten Arbeitsort New York verlassen und landete in seinem südpolnischen Landhaus in Quarantäne: „Die Polizei hat jeden Tag kontrolliert, ob wir zu Hause sind.”

    Beczala gehört zu den ganz Großen seines Fachs und ist zudem ein Mensch, der sich über den Bühnenrand hinaus Gedanken um die Welt macht. Die virusbedingte Zwangspause vom Opernbetrieb nutzt er nun, um seine Batterien aufzutanken. „Ich mache jetzt alles, wozu ich normalweise keine Zeit habe”, sagt der Künstler. Während seine Frau sich im Garten austobe, könne er wieder mehr als zuvor ein gutes Buch lesen. Derzeit ist es der Novellen-Band („Spiel auf vielen Trommel”) von Olga Tokarczuk, der polnischen Literaturnobelpreisträgerin von 2018.

    „Kunst kann in einer solchen Krisenzeit sehr viel leisten”, sagt Beczala. Die Menschen fühlten sich momentan eingesperrt, hätten keine Möglichkeiten mehr, Freunde, Bekannte oder Verwandte direkt zu sehen. Deshalb könne Kunst die Leute in gewisser Weise auch bei Laune halten und ihnen Abwechslung bringen.

    Sprachlos müsse eine solche Zeit auf keinen Fall machen, sagt der Künstler: „Ich rede viel mit meiner Frau, über alles Mögliche. Jetzt hat man Muse, über viele Dinge nachzudenken.” Beczala sieht deshalb in der Corona-Krise auch eine Zeit innerer Einkehr. Wer sonst nur dem Erfolg oder Geld hinterherlaufe, sei nun gezwungen, sich mit anderen Dingen zu befassen. „Ich glaube, dass die Menschheit geläutert aus der Krise hervorgehen kann.”

    Beczalas Sorgen richten sich auch auf den Musikbetrieb. Viele Länder hätten in den vergangenen Jahren kaum Probleme gespürt: „Es gab eine gute Konjunktur - auch für Künstler. Nun sind wir auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Jetzt werden manche auf der Strecke bleiben, Karrieren zerstört. Auch viele Künstler kämpfen um ihre Existenz.” In Ländern wie Deutschland leiste der Staat mit Hilfsprogrammen Beistand. Die würden aber nur bedingt helfen, sich über Wasser halten zu können: „Das ist aber kein Ersatz für die gewohnte Normalität.”

    Beczala macht sich weniger Sorgen um die großen Opernhäuser, an denen er singt. Doch wenn er an die vielen kleine Festivals und Ensembles denkt, wird ihm bange. „Manche werden wohl von Null anfangen müssen. Für sie beginnt nach Corona eine neue Ära. Klar, manches wird sich wieder entwickeln, aber es wird anders sein als vorher.” Zuversicht bezieht er aus dem Publikum, all den Tausenden, die schon nach kurzer Zwangspause den Besuch im Oper- oder Schauspielhaus schmerzlich vermissten. Wenn aber aus der Corona-Krise eine globale Finanzkrise folge, könne es auch für etablierte Häuser schwer werden.

    Am 15. Mai erscheint Beczalas neues Album mit dem Titel „Vincerò!” mit Arien aus der Phase des Verismo.

    Von Jörg Schurig, dpa

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