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    MÜNCHEN

    Erkenntnis eines Promi-Wirts: "Promis sind auch nur Menschen"

    Kay Wörsching
    Drei Jahrzehnte prägten Achim Neumann (links) und Kay Wörsching mit ihrem Restaurant „Kays Bistro“ die Szene Münchens. Zu ihren Freunden zählten Weltstars wie Zsa Zsa Gabor (Mitte). Foto: Kay Wörsching, dpa (2)

    Eine kleine Bar, nicht weit weg vom Münchner Viktualienmarkt. Außen ein paar Stühle auf dem Trottoir, innen dutzende Fotos in opulenten Rahmen an feuerwehrroten Wänden. Das „Café Marimba“ hat vor kurzem erst eröffnet und wird von Achim Neumann betrieben. Er und sein Lebensgefährte Kay Wörsching sind Urgesteine der Münchner Szene. Rund drei Jahrzehnte betrieben die beiden „Kays Bistro“ – ein Restaurant, in dem Weltstars und Normalbürger verkehrten. An den Wänden hängen ihre berühmten Gäste: Zsa Zsa Gabor, Hildegard Knef oder Leonard Bernstein gehören zum Beispiel dazu. Aber auch Gina Lollobrigida, Rod Stewart, Alain Delon, Mick Jagger, Gianni Versace, Boris Becker und Barbara Valentin hatten in den goldenen Jahren der Münchner Schickeria ihr Refugium in Kays Bistro. Zum Gespräch bittet Wörsching auf ein barockes Sofa. Er breitet sein Leben in mehr als hundert Fotos vor sich aus.

    Frage: Herr Wörsching, wie wird man Promiwirt?

    Kay Wörsching: Durch knallharte Arbeit und Glück. (lacht) Geplant war es jedenfalls nicht. Ich habe aber auch nicht mit „Kays Bistro“ begonnen. Ich habe als Student in einem ganz kleinen Tanzschuppen eines Bekannten ausgeholfen – eines Tages erklärte mir der, ich müsse jetzt den Laden führen. Der Bekannte reiste in die Schweiz, aus der er letztendlich nicht mehr zurückkehrte. Von da an führte ich fünf Jahre den Laden. Danach übernahm ich in den 70ern das Lokal, das als „Kays Bistro“ bekannt wurde. Total versifft, wir mussten monatelang renovieren. Auch die ersten Köche waren ein Fehlgriff – wir mussten erst einmal lernen, gutes Personal und gute Lebensmittel zu finden.

    „Ich hatte nie einen Gast, der sich zu fein für normale Menschen war.“

    Und wie gelang es Ihnen, trotz des holprigen Starts, aus dem Laden so eine Marke zu machen?

    Wörsching: Das haben wir wohl einem damaligen Bekannten zu verdanken. Wir hatten gerade eine Woche „Kays Bistro“ geöffnet, da kündigte er – ein schnieker Adliger – an, an diesem Abend mit Gina Lollobrigida aufzutauchen. Das habe ich ihm erst einmal nicht geglaubt, Gina war ein Weltstar.

    Sie kam dann aber wirklich?

    Wörsching: Gina war ja bekannt für ihre Neigung zu jungen und attraktiven Männern. Unser Laden war gerade halb voll, mitten unter der Woche, da geht die Tür auf und Gina Lollobrigida steht da in einem langen Zobelmantel, mein Bekannter im Affenpelz. Ein scheußliches Teil – aber die Gäste hörten bei dem Anblick der beiden auf zu essen. Am späten Abend kam zufälligerweise noch Gilbert Becaud, ein damals weltberühmter Chansonnier, vorbei. Gina und er kannten sich und fielen sich um den Hals. Am nächsten Tag erschienen Fotos in „tz“ und „Abendzeitung“ – von da an waren wir das neue Münchner In-Lokal.

    Wo war Ihr Lebensgefährte Achim damals?

    Wörsching: Mit mir zusammen in unserem Restaurant.

    Wo haben Sie Ihren Freund denn kennengelernt?

    Wörsching: In einem Tanzlokal hier um die Ecke. Ich war mit Bekannten dort, eine kannte Achim, wir wurden uns vorgestellt. Der Rest ist Geschichte. (lacht)

    „Gianni war ein guter Freund, ein herzensguter Mensch.“

    Ich sehe Sie hier auf einem Foto am Strand mit Gianni Versace. War er ein Freund?

    Wörsching: Achim und ich haben oft mehrere Wochen Urlaub in Miami gemacht und dabei auch Gianni besucht, er hat ja dort gewohnt. Als Gianni ermordet wurde, waren wir gerade vom Flughafen auf dem Weg zu ihm – plötzlich hörten wir im Radio, dass ein berühmter Designer ermordet wurde. Dabei dachten wir aber nicht an ihn. Als wir schließlich vor seiner Villa standen, waren wir fassungslos. Alles voller Polizei, Schaulustigen und Sensationsreportern. Gianni war ein guter Freund, ein herzensguter Mensch.

    Wie ich sehe, hatten Sie einen weißen Flügel in Ihrem Restaurant. Gab es dort Konzerte?

    Wörsching: Der war ein Abschiedsgeschenk von Peggy March, ehe sie zurück in die USA ging. An dem haben alle gespielt: Leonard Bernstein, Udo Jürgens, Helen Vita oder Liberace. Das waren immer tolle Abende, quasi Restaurant-Konzerte.

    Was aus „Kays Bistro“ findet man jetzt hier im „Café Marimba“?

    Wörsching: Die großen Fotorahmen.

    Wieso haben Sie überhaupt noch einmal einen Laden aufgemacht?

    Wörsching: „Kays Bistro“ haben wir ja jahrzehntelang ohne Ruhetag – bis auf vier Wochen Urlaub – betrieben. Als uns das vor etwa 15 Jahren zu anstrengend wurde, haben wir zugemacht und nur noch eine Champagnerbar betrieben. Nachdem wir erfahren hatten, dass dieser Laden frei ist, hat es uns noch einmal in den Fingern gejuckt. Wir werden aber sicherlich nicht sieben Tage die Woche Betrieb haben. Dazu habe ich sehr gute Mitarbeiter hier, denen man vertrauen kann. Da kann man auch einmal eine Woche nicht da sein.

    „Wir haben nie Wert auf Statussymbole gelegt.“

    Finanziell hätten Sie es aber nicht nötig gehabt, oder?

    Wörsching: Nein. Wir haben zwar immer gut gelebt und sind sehr viel gereist, haben aber nie Wert auf Statussymbole gelegt. Weder teure Uhren noch Kleidung oder Autos. Heute wohnen wir auch nicht hier in einem Szeneviertel, sondern fast schon spießbürgerlich außerhalb Münchens.

    Auf diesem Foto ist ja Gunter Sachs. War er auch ein Stammgast?

    Wörsching: Gunter war oft hier, alleine oder mit Familie – wir durften einmal sogar eine Party seines legendären „Club Dracula“ in St. Moritz dekorieren. Wir haben dann eine Woche dort Urlaub gemacht und mitgefeiert.

    Und was ist das hier? Sie mit einer Kuh?

    Wörsching: Einem Kalb – ich habe zwei Mal an der Show „Verstehen Sie Spaß?!“ teilgenommen. Einmal habe ich geholfen, Hella von Sinnen hereinzulegen. Dafür waren wir zum Essen im Seehaus am Englischen Garten. Ich habe Hella davon überzeugt, dass hier die Enten frisch aus dem See gefangen werden – sie rief entsetzt: „Esst Salat! Esst Salat!“ Am Ende kam eine Kuh mit Kalb herein, weil wir ein Glas Milch trinken wollten. Bei den Dreharbeiten ist das Foto entstanden.

    Ich habe gelesen, eine Ihrer treuesten Kundinnen war Hildegard Knef. Wie kam dieser Weltstar in Ihren Laden?

    Wörsching: Eine Freundin von mir, Vera Kálmán, hat die Hilde mal mitgenommen – seitdem kam sie regelmäßig. Wir wurden Freunde, haben zusammen Urlaube an der Côte d?Azur verbracht. Sie war wirklich eine besondere Frau, Achim und ich haben auch ihre Familie gut gekannt.

    „Wir wollten unseren Gästen immer ein Stück Zuhause bieten“

    Sie haben so viele Fotos mit Weltstars, manche wurden Freunde. Haben Sie die Nähe zu Prominenten gesucht?

    Wörsching: Nein. Promis sind Menschen wie alle anderen auch, vielleicht charismatischer. Und wir wollten unseren Gästen eben immer ein Stück zu Hause bieten in unserem Restaurant – daher haben sich nicht nur Freundschaften mit Berühmtheiten entwickelt. Ich hatte nie einen Gast, der sich zu fein für „normale“ Menschen war. Die waren schließlich auch immer hier, wir waren kein reines Promilokal.

    Apropos zu fein – hier sehe ich Sie mit Linda Gray Arm in Arm. Auch eine Freundin?

    Wörsching: Nicht direkt eine Freundin, aber eine gute Bekannte. Linda war oft in unserem Bistro, hat sich auch einmal per Brief aus den USA für den tollen Abend und die Gastfreundlichkeit bedankt.

    Das Foto hier müssen Sie mir noch erklären! Sie und eine strahlend lachende Tina Turner. Wie kam?s?

    Wörsching: Ein damaliger Freund von mir war Monti Lüftner, der Geschäftsführer der Plattenfirma Ariola und ein Münchner Original, obwohl er aus Wien stammte. Tina war einer seiner Stars, Monti kam eines Abends mit ihr in „Kays Bistro“. Als ich Tina begrüßen wollte, fiel sie mir um den Hals und küsste mich ab. Sie können sich vorstellen, wie perplex ich war! Eine Woche später stellte sich dann heraus, warum Tina das machte: Zu meinem Geburtstag erhielt ich ein Foto von der Szene.

    Waren die Abende in den 80ern und 90ern anders als heute?

    Wörsching: Zuerst einmal wurde viel mehr geraucht. (lacht) Und die Leute waren definitiv entspannter und geselliger: Es gab keine Smartphones, die jederzeit Fotos oder Videos machen können. Paparazzi durften nach Absprache bei uns rein, ansonsten konnten sich auch Weltstars ganz wie zu Hause fühlen. Selbst einen Türsteher haben wir damals nie gebraucht, mit einer Ausnahme.

    Was war die Ausnahme?

    Wörsching: An Leonard Bernsteins 70. Geburtstag wachten Security-Leute vor der Tür. Ich glaube, Ex-Mossad-Agenten. Das war sicher die härteste Tür in drei Jahrzehnten Kays Bistro. (lacht)

    Stefani Hertel und Stefan Mross unterm Weihnachtsbaum
    Da waren die Volksmusikanten Stefanie Hertel und Stefan Mross noch ein Paar: in der Weihnachtszeit 1999 in „Kays Bistro“. Foto: Ursula Dren (dpa)
    US-Sängerin Eartha Kitt lässt sich in „Kays Bistro“ eine Breze schmecken.

    Das Gespräch führte Jonas Voss

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