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    Mailand

    Designer setzen Möbel auf Diät

    Stuhls Linea von Marcello Ziliani
    Luftige Gestalt: Die Sitzfläche des Stuhls Linea von Designer Marcello Ziliani sieht aus, als schwebe sie in ihrem dünnen Metallrahmen. Foto: Marcello Ziliani

    Es klingt ein wenig wie eine Klage, als Philippe Starck auf der weltweit wichtigsten Messe der Möbelbranche am Stand von Kartell spricht. „Ich bin ein Arbeiter, ich bin ehrlich, das wisst ihr”, so der Stardesigner auf dem Salone del Mobile in Mailand (9. bis 14. April).

    „Wenn ich mir nach all den Jahren meine Sachen ansehe, und auch das, was andere machen, dann habe ich das seltsame Gefühl, es ist immer das Gleiche”, setzt Starck fort. „Mal machen wir schwarze Stühle, mal machen wir rote Stühle.” Wo bleibe denn da das Wunder?

    Klar, hierbei handelt es sich um die übliche Show bei der Präsentation von etwas Besonderem. Aber Philipp Starck spricht damit einen Eindruck aus, den man auf den letzten Möbelmessen bekommen konnte: Wo ist das wirklich Neue?

    Reduzierte Formen und Materialien

    Denn gerade sehen viele neue Stühle eben aus wie Stühle in ihrer einfachsten Form - keine sichtbaren Extras, kein Chichi. Und noch mehr: Soweit wie möglich wird das Material an vielen Möbeln reduziert.

    Sofas, Sessel und Betten stehen auf dünnen, sogar dürren Beinen. Regale setzen sich aus hauchdünnen Platten zusammen. Und sogar wenn Sofas noch Rundungen gegönnt werden, fehlen schon mal die Armlehnen, auf denen sich auch mal der Kopf ablegen ließe. Der Designer Naoto Fukasawa, der sich sowieso der Einfachheit von Produkten widmet, verschmälert die Taille des eleganten Longchairs Land für Plank so weit, dass man sich unweigerlich fragt: Fehlt da nicht etwas?

    Minimalistisch und dennoch komfortabel

    Und genauso geht es bei vielen anderen Produkten, bei denen man sich beim ersten Anblick unweigerlich fragt: Ist das bequem? Oder gar: Ist das stabil? Die Unternehmen gehen bei ihren Präsentationen diese Fragen an, denn genau das ist das Neue: Sie setzen ihre Möbel bewusst auf Radikaldiät, bieten dabei aber großen Komfort und Praktikabilität.

    Der Reiz daran: Das Minimalistische sieht stilvoll und schick aus. Und es macht neugierig, was die Umsetzung des Designs angeht. Denn dahinter steckt nicht einfach nur der Bau zum Beispiel eines Tisches in seiner einfachsten Form - also aus einer Platte und vier Füßen. Die Kreativ- und Fertigungsprozesse sind aufwendig. Und in manchen Möbeln steckt mehr als auf den ersten Blick ersichtlich. Weit mehr.

    Gefräst statt gegossen

    Zum Beispiel im hauchdünnen Tisch Fila von Konstantin Grcic für Plank, der auf geradezu dürren Beinen stehen kann, ist es ein Rahmen mit vier massiven Aluminium-Winkeln. Sie verbinden die Beine und Traversen miteinander und sorgen so für Stabilität. Damit das nicht auffällt und die Elemente scheinbar keine Nähte haben, sind die Winkelverbinder akkurat gefräst statt gegossen.

    Für Moroso hat Stardesignerin Patricia Urquiola übertragen gesprochen mit Steinen gespielt - die man vorsichtig ausbalanciert stapeln kann. Ergibt sich eine Balance zwischen den ungleichen Elementen, könnten normale kräftige Formen ganz leicht wirken, erklärt das Unternehmen. Herausgekommen ist das Sofa Gogan, das in grauer Farbe auch an die Steinskulptur erinnert. Da die Sitzfläche am Schwerpunkt leicht nach hinten geneigt ist, erhöhe sich außerdem der Komfort beim Sitzen.

    Schwebend leicht und schlank

    Beim Bett namens Friday Night für Zeitraum hat das Designduo Formstelle zu einem anderen Kniff gegriffen: Die Rückenlehne geht auf halbem Weg in eine Biegung und wird unten zugleich zu den schlanken Hinterfüßen des Bettes. Das verschlankt die Seite optisch. Außerdem sind die vorderen Füße etwas nach hinten versetzt, wodurch das Bett je nach Blickwinkel wirkt, als würde es schweben.

    Auch hinter Philippe Starcks Auftritt am Stand des italienischen Möbelproduzenten Kartell in Mailand steht so eine verschlankte Produktentwicklung. Dafür hat er sogar mal kurz seine Rolle als Designer abgegeben. Auf seine Anregung hin erhielt eine künstliche Intelligenz den Auftrag, einen Stuhl zu formen, der mit so wenig Material wie möglich auskommt. Dabei soll er aber komfortabel, stabil und solide sein sowie ästhetische Grundvoraussetzungen erfüllen. Kooperationspartner dabei ist Autodesk, ein US-Unternehmen für 3D-Software.

    „A.I.” ist das Ergebnis - ein Stuhl, der nur zwei übliche gerade Beine vorne hat. Hinten gehen die schrägen Beine bis hoch zur Lehne. Kartell spricht davon, dass dies das „das erste durch künstliche Intelligenz konzipierte Designobjekt” sei.

    Stuhl „A.I.”
    Der Stuhl „A.I.” ist laut Kartell das erste durch künstliche Intelligenz konzipierte Designobjekt. Foto: Simona Pesarini
    Bett Papillon
    Zarte Beine aus robustem Aluminium: Alivar zeigt auf dem Mailänder Salon das Bett Papillon, das durch sein reduziertes Äußeres besonders schlicht und modern wirkt. Foto: Alivar
    Sofa Gogan
    Für Moroso hat Stardesignerin Patricia Urquiola mit Steinen gespielt - herausgekommen ist das Sofa Gogan, das in grauer Farbe an eine Steinskulptur erinnert. Foto: Alessandro Paderni/Moroso
    Tisch Fila von Konstantin Grcic
    Der Tisch Fila von Konstantin Grcic für Plank besteht aus wenig Material. Das gelingt, da es einen Rahmen mit vier massiven Aluminium-Winkeln an den Ecken gibt, die für Stabilität sorgen. Foto: Plank
    Sofa Gogan
    Designerin Patricia Urquiola hat für Moroso das Sofa Gogan entworfen. Es soll durch eine ausgewogene Balance seiner Formen ganz leicht wirken. Foto: Simone A. Mayer
    Möbel von Bross
    Oben ausladend, unten ganz schmal - die Designer, wie hier Bross, setzen aktuell bei ihren Möbeln auf die schlanke Linie. Foto: Simone A. Mayer
    Bett Friday Night vom Designduo Formstelle
    Die Rückenlehne des Betts Friday Night vom Designduo Formstelle für Zeitraum macht auf halben Weg eine Biegung und wird unten zu den schlanken Hinterfüßen des Bettes. Foto: Zeitraum
    Longchair Land von Naoto Fukasawa
    Die Form des Longchairs Land von Naoto Fukasawa für Plank ist auf das Nötigste reduziert. Foto: Plank

    Von Simone Andrea Mayer, dpa

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