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    Würzburg

    Was Paare an Weihnachten beachten sollten

    Weihnachten hat seine eigenen Gesetze. Groß sind die Emotionen und Erwartungen – auch beim Schenken. Was das mit Paaren anstellen kann, verrät eine Würzburger Expertin.
    Wie sich Paare an Weihnachten richtig beschenken und Stress vermeiden: Paartherapeutin Sylvia Betscher-Ott im Gespräch. Foto: Angie Wolf

    In vielen Wohnzimmern ist die (An-)Spannung an Heiligabend greifbar: Glückseligkeit? Oder brennt statt der Kerzen die Luft? Geschenke sind gerade an Weihnachten eine heikle Sache. Freude oder Enttäuschung? Was will mir mein Partner damit sagen? Was Schenken speziell für Partnerschaften bedeutet, wollen wir im Gespräch von Paartherapeutin Sylvia Betscher-Ott wissen.

    Frage: Frau Betscher-Ott, lassen Sie uns über Weihnachten, das Schenken und Psychologie dahinter sprechen … 

    Sylvia Betscher-Ott: Oh ja, ein schönes Thema!

    Warum finden Sie das?

    Betscher-Ott: Jedes Geschenk ist Kommunikation! Ich mache über mich eine Aussage, über die Beziehung und letztlich auch über den anderen.

    Es stecken also Botschaften in einem Geschenk. Was kann dabei schiefgehen?

    Betscher-Ott: Andersherum… Wann macht ein Geschenk wirklich Freude? Ganz wichtig ist, sich in den anderen einzufühlen. Das sollte ja nicht nur an Weihnachten so sein, sondern das ganze Jahr über. Also Bedürfnisse verstehen, die eigenen, die des anderen. Aber an Weihnachten hat alles einen höheren symbolischen Wert.

    Sylvia Betscher-Ott, Würzburger Institut für systemisches Denken und Handeln. Foto: Angie Wolf

    Geht’s also nicht nur ums Geschenk an sich, sondern um das Verhalten drumherum, um das Bemühen?

    Betscher-Ott: Allein dieses Bemühen löst ja Freude aus. Lieblose Geschenke – und die können dann noch so teuer sein – haben immer die Botschaft: Ich habe mir nicht wirklich Gedanken gemacht.

    Das Last-Minute-Geschenk am 24. fällt bei Ihnen durch?

    Betscher-Ott: Wenn man weiß, was man will, ist das kein Problem. Aber wenn man bis dahin keine Ahnung hat, kauft man leicht irgendetwas – mit dem gewissen Risiko, dass es nicht passt.

    Und mit dem Risiko, durch ein falsches oder „liebloses“ Geschenk den Partner zu enttäuschen?

    Betscher-Ott: Da kommt es sehr auf den Zustand der Beziehung an. Wenn man gerade eine gute Phase miteinander hat, denkt man sich: Ich kenne sie oder ihn ja… Wenn ich weiß: Meine Frau kauft alles auf die letzten fünf Minuten, aber ich liebe sie – dann werde ich großzügig drüber hinwegschauen. Wenn mich dieses Verhalten aber schon seit fünf Jahren stört, bekommt es ein anderes Gewicht.

    Kann es so etwas wie eine entschuldbare Unfähigkeit geben, sich in den anderen hineinzuversetzen? Oder fehlt dann einfach der Wille?

    Betscher-Ott: Da sind Menschen unterschiedlich kompetent. Und wie wichtig Schenken ist, wird unterschiedlich bewertet. Da kommt es auf ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartungen in der Beziehung an… Wenn mir Geschenke nicht so wichtig sind, muss sich der andere auch keinen Kopf darum machen.

    Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

    Betscher-Ott: Ich denke, es ist gut, darüber zu reden – wie immer in der Beziehung. Eben weil die Erwartungen sehr unterschiedlich sein können.

    Also generell das Thema Schenken im Gespräch thematisieren?

    Betscher-Ott: Auf jeden Fall. Manche Paare wollen sich ja auch lieber etwas gemeinsam zu Weihnachten schenken. Andere wollen dem Konsumterror entfliehen und vereinbaren, sich gar nichts zu schenken…

    Ja ja... und dann schenkt einer von beiden doch. Ist das dann die wirklich fiese Nummer dem Partner gegenüber?

    Betscher-Ott: Das kommt darauf an. Wenn ein Paar sich gut kennt, Humor hat und beide trotz gegenteiliger Abmachung was schenken – dann passt es auch wieder. Schwierig wird’s tatsächlich, wenn nur einer von beiden ausschert. Dann kommt der andere etwas in die Defensive.

    Mit welchen Gefühlen?

    Betscher-Ott: Wer eher depressiv denkt, fühlt sich schlecht, weil er oder sie nun ohne Geschenk für den anderen dasteht. Wer leicht zur Aggression neigt, könnte wütend sein auf den Partner, der einfach oder wiederholt eine Absprache missachtet. Da gibt es verschiedene Reaktionen. Wie ich etwas interpretiere, hängt immer auch davon ab, wie gerade der Stand in der Beziehung ist.

    Sylvia Betscher-Ott leitet das Würzburger Institut für systemisches Denken und Handeln. Foto: Angie Wolf

    Kann ich Beziehungen korrigieren oder gar retten, indem ich möglichst viel kaufe?

    Betscher-Ott: Nein, möglichst viel auf keinen Fall! Das erleben Menschen eher als Bestechung. Aber wenn Sie mit einem wirklich passenden Geschenk so eine Herzenssehnsucht treffen – dann bekommt man gleich wieder ein ganz anderes Gefühl zum Partner oder zur Partnerin. In dem Sinne: Wow, dass er oder sie das von mir gewusst hat… Das kann auch ein verschlossenes Herz wieder öffnen.

    Klingt fast romantisch…

    Betscher-Ott: Ja, natürlich! Da braucht es auch etwas Glück, aber Voraussetzung dafür ist das Bemühen.

    Ist das Bemühen wichtiger oder der tatsächliche Treffer mit dem richtigen Geschenk?

    Betscher-Ott: Beides.

    Das gilt nicht…

    Betscher-Ott: Also wenn Sie merken, dass der oder die andere sich wirklich um ein passendes, gutes Geschenk bemüht – dann ist man auch großzügiger mit dem, was herauskommt.

    Darf ich eigentlich verärgert sein, wenn sich der Partner so überhaupt keine Mühe gibt?

    Betscher-Ott: Natürlich. Und es gibt ja auch Geschenke, über die man sich nicht freut oder sich vielleicht sogar ärgert. Da finde ich total wichtig, das anzusprechen – wie immer bei Konflikten in der Beziehung. Denn nicht besprochene Konflikte haben auf Dauer etwas Zerstörerisches für die Beziehung. Da werden dann auf dem inneren Konto Negativpunkte gesammelt, vom vergessenen Hochzeitstag bis zum miserablen Weihnachtsgeschenk. Das staut sich an bis zu einem Punkt, an dem die Liebe zerstört ist oder es zu einer Riesenexplosion kommt.

    Und wie kommen beide dann aus der Nummer mit dem total vermurksten Weihnachtsgeschenk wieder heraus?

    Betscher-Ott: Das Gespräch, das Erklären hilft. Ein Satz wie „Ich dachte, das gefällt Dir“, weil sich der Partner dazu mal geäußert hatte, kann Verständnis bringen. Oder ein klares „Es tut mir leid. Ich hatte einfach zu viel Stress.“ Wir haben eine große Fähigkeit zum Verzeihen, wenn wir verstehen, warum jemand so handelt.

    Was halten Sie von Wunschzetteln?

    Betscher-Ott: Sich konkret etwas zu wünschen, auch mit Wunschzetteln, kann eine sehr gute Lösung sein und Stress herausnehmen. Das Wichtigste ist das Reden miteinander über das Schenken. Und warten Sie nicht auf Weihnachten. Wenn man auch unter dem Jahr häufiger dem Partner oder der Partnerin seine Zuneigung zeigt oder ein Geschenk macht, ist der Druck an Weihnachten bei weitem nicht so groß. Dann kann es auch entspannter daneben gehen.

    Sylvia Betscher-Ott, Würzburger Institut für systemisches Denken und Handeln. Foto: Angie Wolf

    Können in einer Überflussgesellschaft materielle Geschenke überhaupt noch Wertschätzung oder gar Liebe vermitteln?

    Betscher-Ott: Bei Paaren oder in Familien mit wenig Geld ja. Da schenkt man sich vielleicht etwas, was man sich sonst nicht leisten kann. Wo Leute schon alles haben, könnte es um mehr Zeit füreinander gehen. Oder auch etwas Selbstgemachtes zu schenken, oder ein Gedicht zu schreiben. Das hängt von der Lebenssituation ab.

    Ich versetze mich in den Partner hinein und schenke ihm – zum Abnehmen – ein Abo fürs Fitness-Studio. Gute Idee?

    Betscher-Ott: Riskant…! Sie verschenken damit eine verpackte Botschaft: Du könntest mal was für deinen Körper tun. Oder anderes Beispiel: Ich hätte gern, dass meine Frau erotische Wäsche trägt – also schenke ich sie ihr zu Weihnachten, auch wenn sie sich wie verkleidet vorkommt. Alles keine gute Idee. Oft haben wir die Neigung, das zu schenken, was uns selber gefällt. Wir schließen leicht von uns auf andere.

    Wenn ich ein Geschenk richtig blöd finde: gleich ansprechen?

    Betscher-Ott: Ich würde es nicht an Heiligabend machen. Aber ansonsten ist es immer gut, über Irritationen zu reden.

    Was schenken Sie Ihrem Mann zu Weihnachten?

    Betscher-Ott: Nichts.

    Bitte?

    Betscher-Ott: Ja, wir haben uns darauf verständigt. Wir tun uns damit etwas leichter, weil wir kurz vor und nach Weihnachten Geburtstag haben. Da wird geschenkt, aber nicht an Weihnachten. Mit unseren Geschwistern halten wir es ebenso.

    Ist das Nicht-Schenken erleichternd oder fällt’s schwer?

    Betscher-Ott: Es ist sehr erleichternd! Man muss sich nicht über Sachen freuen, die man nicht braucht. Aber ich habe zwei bis drei Jahre gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Weihnachten ohne Geschenke ist auch eine Trockenübung.

    Zur Person: Sylvia Betscher-Ott (60) ist Sozialpädagogin, Lehrtherapeutin für System- und Familientherapie und Supervisorin. Zusammen mit Silvia Bickel-Renn leitet sie das Würzburger Institut für systemisches Denken und Handeln, eine Weiterbildungseinrichtung für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie. Betscher-Ott war selbst viele Jahre in einer Erziehungs- und Eheberatungsstelle tätig und arbeitet jetzt in eigener Praxis.

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