• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Wie sagt man's durch die Blume?

    Die nächsten zwei Themenwochen auf der Landesgartenschau Würzburg stehen an. Vom 8. bis 21. Juni geht's um Kommunikation. Was sagt der Baum? Welche Sprache haben Bienen? Wer kommuniziert in der Natur mit wem? Und welche Botschaften stecken in Rosen, Tulpen, Nelken?

    Der Chef der Blumenhalle, Dieter Scheffler, weiß blumig davon zu erzählen. Der 61-Jährige ist für die wechselnden Ausstellungen dort zuständig. Und ab Freitag geht es genau darum, was sich „durch die Blume“ sagen lässt.

    Herr Scheffler, Sie lassen Blumen sprechen. Was lässt sich denn alles mit Blumen sagen?

    Dieter Scheffler: Eigentlich alle Seelenzustände. Heiße Emotionen, beglückende Sachen: Ich freue mich, Dich kennengelernt zu haben. Ich liebe Dich. Die rote Rosa ist da ja das bekannteste Sinnbild und spricht von der großen Liebe. Eigentlich kann man aber alle Momente des Lebens durch Blumen übersetzen, auch Trauriges, bis hin zur Begleitung im Todesfall. Was man mitunter gar nicht in Worte fassen kann, kann man vielleicht mit Blumen viel stärker ausdrücken. Als Geste, als nonverbale Kommunikation.

    Die man aber dann richtig verstehen muss.

    Scheffler: Sicher, es gab ja früher richtige Chiffren und da spielte nicht nur die Farbe eine Rolle. In Kombination von Blume und Farbe hat man bestimmte Dinge mitteilen können, ohne dass man sie aussprach. Das haben wir nicht mehr, das ist verloren gegangen.

    Weiße Rose – und jeder wusste, was gemeint war?

    Scheffler: In den gebildeten Schichten sicher schon. Wenn man in der Öffentlichkeit war und irgendeiner Dame zeigen wollte, ich finde dich toll, ohne dass man es aussprechen durfte – dann übereichte man eben eine bestimmte Blume als Zeichen.

    Kann man durch Blumen um etwas bitten? Sich auch über etwas beschweren?

    Scheffler: Ich weiß es nicht. Da wäre ein klares Ja oder Nein jetzt vermessen. Ich weiß nur, dass Farben ganz bestimmte Symbole haben. Wenn man zarte Gefühle hegt, könnte man es mal mit rosa versuchen. Oder erst mit weiß. Weiß ist die Farbe der Unschuld, das Reine, Jungfräuliche. Dann langsam zartrosa, dann kommt vielleicht das Gelb dazu.

    Gelb?

    Scheffler: Ja, mehr Energie als Rosa! Da steckt schon Freude und Leidenschaft drin. Und die große, ausbrechende Liebe, das Begehren ist dann bei Rot.

    Wer heute gelbe Blumen schenkt, muss also aufpassen?

    Scheffler: Ich glaube, heute können Sie alles schenken. Weil: Keiner kennt‘s mehr, keiner weiß es mehr. Sie bekommen ein Strauß roter Rosen: toll! Aber wenn nur eine weiße Rose drin stecken würde, heißt das? Rosenkrieg! Ein riesengroßer Strauß roter Rosen mit einer weißen drin – da hat man sich nicht vertan, da ist die Liebe vorbei, da ist Schluss.

    Das heißt, es sprechen vor allem die Farben?

    Scheffler: Die Farben sind das Ausschlaggebende, aber oft schon in Kombination. Die rote Nelke ist wirklich festgelegt für die Revolution. Sie ist besetzt bei den Kommunisten. Oder denken Sie an die portugiesische Nelkenrevolution in den 1960er Jahren. Da sind Farbe und Blume besetzt, die lassen sich nicht austauschen. Da kann man keine rote Tulpe nehmen.

    Gut, dann gehen wir mal durch. Sonnenblume?

    Scheffler: Gelb, rund, geschlossene, ruhige Form: Die steht für das Heitere.

    Lilie?

    Scheffler: Bei weißen Lilien denken ja viele an Totenblumen oder an Beerdigungsblumen. Ja, bei uns im westlichen Kulturkreis hat die Lilie in Verbindung schon die Bedeutung einer Verabschiedungsblume. Die weiße Calla ist genauso besetzt – und die weiße Chrysantheme. Bei uns! Im östlichen Kulturkreis ist das wieder anders. Man muss immer bedenken, wo man ist. Das habe ich zum ersten Mal festgestellt, als ich ein halbes Jahr in Dubai war. Im arabischen Raum gibt es ein komplett anderes Farbsystem, Farbverständnis. Da kam ich mit meinen Farben überhaupt nicht an.

    Klingt, als könnten da Blumen für einen bösen Fauxpas sorgen.

    Scheffler: Unbedingt. Wenn ich in einem fremden Kulturkreis bin, auch in Asien, würde ich mich wirklich erst mal schlau machen, wenn ich jemandem Blumen schenken möchte. Ist das jetzt richtig oder begehe ich da einen Fehler?

    Vergissmeinnicht und Veilchen?

    Scheffler: Naja, da sagt es der Name ja schon: Vergiss mich nicht. Ein banales, einfaches Blümchen – aber nette Geste. Beim Veilchen ist es ähnlich. Überhaupt, diese kleinen, unscheinbaren Blüten, Wiesenblumen – damit kann man auch eine Haltung ausdrücken. Schenke ich jetzt einer Frau einen Wiesenstrauß mit zarten Kornblumen oder ein prachtvolles Orchideengebinde? Will ich nur einen Seelenzustand rüberbringen – oder möchte ich protzen? Es kann beides gut ankommen – oder daneben gehen. Im arabischen Raum müssen es Orchideen sein, in Folie opulent im Karton verpackt. Da käme keiner auf die Idee, Wiesenblumen zu verschenken. Das wäre lächerlich.

    Strelitzien? Anthurien?

    Scheffler: Da gibt es keine eindeutige Zuordnung für mich. Das ist einfach was sehr, sehr haltbares. Gerade ältere Damen haben den schönen Begriff: Die Blumen sind aber sehr „dankbar“. Das heißt: Die hält wahnsinnig lange. Eine Anthurie drei, vier Wochen, die ist nicht tot zu kriegen. Die stellt man sich hin und freut sich einen Monat daran.

    Was sollte gar nicht in einen Strauß?

    Scheffler: Kommt darauf, wem man ihn schenkt und zu welchem Anlass. Es muss ästhetisch sein.

    Petersilie? Lavendel? Brennnessel?

    Scheffler: Ich kann Ihnen sagen: Den Brautstrauß meiner Frau habe ich natürlich selbst gemacht, das habe ich mir nicht nehmen lassen. Und der hatte nur Kräuter drin. Und da bin ich am Tag vorher zum Viktualienmarkt und habe ein Sortiment Kräuter gekauft. Dann bin ich in den Garten, habe hier eine Ranke, da ein Blümel abgeschnitten. War schick!

    Und sicher auch ein „dankbarer“ Strauß.

    Scheffler: War ein dankbarer Strauß …

    … man konnte ihn hinterher in der Küche weiterverwenden. Oder hat Ihre Frau den getrocknet?

    Scheffler: Ja, hat sie. Aber Kräuter werden inzwischen immer mehr in die Sträuße gebunden, klar.

    Was wäre für Sie ein angemessener Strauß für einen 90. Geburtstag?

    Scheffler: Einer Dame oder eines Herrn?

    Herrn.

    Scheffler: 90? Da gehe ich davon aus, er ist noch richtig gut drauf und bei guter Gesundheit, raucht vielleicht eine schöne Zigarre und trinkt Whiskey oder Rum. Also etwas in Brauntönen, Orange, warme Farben.

    Für den Todesfall? Weiß?

    Scheffler: Nein, gar nicht mal. Natürlich nicht laut bunt, nicht blaut, lila, pink zusammen. Aber farbig in einem Spektrum darf das schon sein. Gelb, weiß, grün. Rosa, weiß, grün.

    Woher bekommen Sie eigentlich die Blumen, die hier in der Blumenhalle sind?

    Scheffler: Ich bestelle die alle bei meinen Händlern am Münchner Großmarkt. Die Handelszentrale ist in Holland, in Aalsmeer. Da wird fast die gesamte Weltmarktproduktion versteigert.

    Und Sie bestellen oft?

    Scheffler: Bei den Temperaturen? Ja, da ist alles äußerst schwierig. Wir haben wahnsinnig viel Pflege-, viel Austauscharbeiten. Da ist man froh, wenn Rosen fünf Tage halten. Ich hätte nichts dagegen, wenn es fünf Grad kühler würde. Immer noch schön warm, und es wäre pflegeleichter für uns. Wir haben natürlich auch Erzeugnisse aus der Region. Langsam kommen wir ja in die Sommerblumenzeit, da kaufe ich die Blumen direkt in Kitzingen in den großen Gärtnereien ein.

    Was sind die teuersten Blumen, die es gibt?

    Scheffler: Die ich mal je verarbeitet habe? Das sind Doryanthes excelsa, die Speerblume aus Australien. Da kostet eine Blüte circa 150 Euro im Einkauf.

    Also, wenn man die geschenkt bekommt . . .

    . . . dann meint es jemand aber sehr gut mit Ihnen! Nennt man das dann Bestechung oder Vorteilsnahme? Sie ist deshalb so teuer, weil sie in Australien wild wächst und geschützt ist. Angebaut werden Hybriden, davon gibt es pro Jahr nur so 500 oder 600 für den weltweiten Handel. Wenn man da mal neun, zehn Exemplare bekommt für eine Ausstellung, ist das toll. Die sind fast mannshoch, Verpackung, Luftfracht – das geht ins Geld.

    Sie werden jetzt diplomatisch antworten müssen, aber diese Frage muss sein: Ist die Landesgartenschau insgesamt zu blumenarm? Blüht es auf dem Gelände zu wenig?

    Scheffler: Ich kann erst einmal nur für meinen eigenen Bereich sprechen und hoffe, dass in dieser Kritik nicht auch die Blumenhalle involviert ist. Die letzten zwei Wochen war die Ausstellung in der Tat grün. Aber da hieß das Thema ja auch „alles in grün“. Die nächste Ausstellung hier wird wieder viel bunter. Und zum Außengelände, das ist gar nicht diplomatisch gemeint, ich sehe das in der Tat so: Es ist ein neues Gelände, für dieses Gebiet hier ist das ein wunderbarer Park, der sich im Laufe der Jahre natürlich erst entwickeln muss. Es ist eine architektonische Anlage. Wir hatten eine ähnliche Kritik bei der Bundesgartenschau in München 2005. Da wurde das ehemalige Flughafengelände in Riem ausgebaut, mit 3,5 Kilometer Start- und Landebahn, wo nur kleine Büsche am Rand standen und wenig Blumen.

    Und heute?

    Scheffler: Inzwischen, nach 13 Jahren, ist das Gelände eingewachsen, Büsche und Bäume sind groß. Und der Park wird heiß geliebt von den Münchnern und ist stark frequentiert. Ich gehe davon aus, dass das Gleiche mit dem neuen Park hier am Hubland passiert. Man muss eben immer schauen: Was finde ich vor, was ist das Ziel?

    Also alles eine Frage der Erwartungshaltung?

    Scheffler: Sicher. Wenn ich komme und Millionen von Blumen sehen will, kann man hier eventuell enttäuscht sein. Am besten geht man ohne Erwartungen hinein und lässt sich überraschen von dem, was man sieht – und versucht, hier auch Dinge zu entdecken. In die Blumenhalle kommen auch Besucher, die enttäuscht sagen: Och schade, sind ja gar keine Orchideen drin. Dann sage ich: Klar, wir haben gerade die Rosenausstellung. Aber wenn sie eine Orchidee sehen möchten, können sie vor 10 000 tollen Rosen stehen – dann sind sie enttäuscht.

    Wie viele Orchideen, Rosen, Blumen überhaupt haben Sie selbst daheim?

    Scheffler: Gar nicht so viele. Ich bin bekennender Stadtmensch und habe Blumen auf der kleinen Loggia. Aber meine Frau bekommt jedes Wochenende einen Strauß.

    Die Reste von hier.

    Scheffler: Nee, nee! Den besorge ich mit den Brötchen und der Zeitung frisch auf dem Markt.

    Dieter Scheffler

    Dieter Scheffler ist seit 30 Jahren für Landes- und Bundesgartenschauen tätig. In Dinkelsbühl 1988 gehörte er erstmals zum Aufbauteam. Er hat Florist gelernt und sich dann auf der Fachschule für Blumenkunst in Weihenstephan zum Floristtechniker weitergebildet. Der 61-Jährige war Fachlehrer und Ausbilder in Berlin, unterrichtete ein halbes Jahr in Dubai, organisierte im Ausland Ausstellungen und lebt heute als selbstständiger Ausstellungsgestalter in München.

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!