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    WÜRZBURG

    Der Schrebergarten: Das kleine Paradies im Grünen

    Endlich ist Frühling und Schluss mit den Kurzbesuchen bei Frostwetter. Nur Vögel füttern und nach dem Rechten schauen, das ist nichts für passionierte Kleingartenfreunde. Sie zieht es hinaus an die frische Luft, auf die eigene, gepachtete Parzelle. Endlich können sie hier klar Schiff machen, schauen, was sich im Frühbeet tut, ob die nach winterlicher Maulwurfinvasion nachgesäten Kahlstellen im Rasen zuwachsen.

    Über eine Million deutsche Kleingärtner

    Klingt das zu sehr nach Mythos, nach Glorifizierung der Freizeitanlagen für den vermeintlich kleinen Mann? Sind diese Kolonien nicht nur was für Spießer, Gartenzwergliebhaber und kleinkarierte Vereinsmeier? Die über eine Million Deutsche, die einen Kleingarten bewirtschaften, würden jetzt wahrscheinlich heftig diesem Schubladendenken widersprechen. Das tun auch Hilmar Lipp, seit 30 Jahren Vorsitzender des Stadtverbands Würzburg der Kleingärtner, seit 15 Jahren im Landesverband bayerischer Kleingärtner, und Erich Poppe, Vorsitzender des Kleingartenvereins am Wasserturm in Würzburg. In dieser Anlage hegen, pflegen und genießen die beiden mit ihren Familien seit Jahrzehnten ihr gepachtetes Grün.

    Sie nehmen sich die Zeit, bereitwillig Fragen zu beantworten zu den Würzburger Schrebergärten(vereinen) – 14 Kleingartenanlagen verwaltet der Stadtverband, weitere sieben das Gartenamt; summa summarum sind das knapp 900 Gärtchen – und für einen Rundgang mit den Besuchern über „ihre“ vor fast 60 Jahren von Ödnis zu Gartenland umgewandelte Anlage. „Mit 30 000 Quadratmetern und 82 Parzellen ist das eine der großen und wohl auch die schönste“, ist der 65-jährige Poppe überzeugt. Die Begründung schiebt er umgehend nach: ebenes Gelände, breite Parzellen statt lang gezogener Handtuchgärten, harmonisch bepflanzt, gepflegt vom Zaun über Gemeinschafts-WCs bis zur Spiel- und Festwiese, an die das vereinseigene Küchenhaus angrenzt.

    Geschirr gibt?s für 200 Personen, die Festgarnituren lagern ebenso wie größere Gerätschaften in der wetterfesten Garage. Weil die Zugänge und Zufahrten zum Gelände geschlossen gehalten werden – Autos bleiben bis auf wenige Ausnahmen nach Rücksprache mit dem Vorstand grundsätzlich draußen –, könnten Kinder hier gefahrlos spielen. Für sperrige oder schwere Transporte ständen an den Eingängen Schubkarren parat, erklärt der Mann mit der Schlüsselgewalt über die großen Tore zum Kleingärtnerglück. Gleich hinter ihnen informieren Schaukästen-Aushänge über Termine, Arbeitseinsätze, allgemeine Hinweise. „Ahnungslosigkeit über das, was läuft oder erledigt werden muss, kann hier keiner vorschützen.“

    Gärtnerische Nutzung und Erholung

    Ob Hecken zurückschneiden, den Gemeinschaftsweg von Unkraut befreien oder das Einhalten des Pachtvertrags und der Gartenordnung des Vereins und des Bundeskleingartengesetzes, das beispielsweise die Bebauung regelt – „da muss man als Vorstand nicht nur ein Auge drauf haben, sondern manchmal auch etwas nachhelfen“, räumt der rüstige Rentner ein. Einfach sei das nicht immer, sagt er und verweist auf ein von Unkraut überwuchertes Areal, das die ideale Gartenaufteilung von je einem Drittel Bebauung (Laube, maximal 15 Quadratmeter, plus möglicher überdachter Freisitz, maximal neun Quadratmeter), gärtnerischer Nutzung und Erholung nicht einmal mehr erahnen lässt. Ein unhaltbarer Zustand, der bereinigt werden muss, aber: „Glücklicherweise die große Ausnahme.“

    Gleich daneben etwa präsentieren sich einige Parzellen, vor denen eifrige Kleingärtner sitzen, wie aus dem Ei gepellt, mit akkuraten Rasenkanten und blitzblanken Plattenwegen. Das sind längst nicht alle. Werden es auch im Laufe der Saison nicht sein. „Die dürfen im Rahmen der Vereinsordnung so unterschiedlich sein wie unsere Mitglieder.“

    Junge Familien und auch Rentner

    Am Wasserturm ist das eine bunte Mischung von Jung bis Alt, von der Einzelperson über junge Familien bis zum Rentner. Vom langjährigen deutschen Pächter, der hier Erholung bei seinem Hobby findet, bis zum Pächter mit Migrationshintergrund, der den Garten stark zur Selbstversorgung nutzt. Bei Lipp – seit 1982 am Wasserturm aktiv, damals um gesundes Gemüse für die Seinen anzubauen und den Nachwuchs draußen die Jahreszeiten erleben zu lassen – und Poppe wuseln inzwischen häufig die Kinder der Kinder auf dem Rasen und zwischen den Beeten. Ein echter Dreigenerationengarten, „da packt jeder mit an, wenn?s nötig ist“.

    Bei etlichen Pächtern sieht das in puncto Nutzung oder Hilfe bei der Pflege ganz anders aus. Die alleinstehende Mutter mit drei kleinen Kindern, die den Garten erst vor kurzem übernommen hat, „kann gar nicht so viel machen, wie sie möchte“. Andererseits sind da die Parzellen der „Power-Frauen“ (Zitat Poppe) im Alter von 50 plus, denen man die Gärtnerliebe ansieht. „Ich hab‘ Glück gehabt, konnte einen sehr schön gepflegten Garten übernehmen“, sagt Veronika, die erst seit Anfang des Jahres Vereinsmitglied ist. Sie nutzt jede Möglichkeit, in ihrem „Fitnessstudio an der frischen Luft“ zu garteln.

    Ein Schwätzchen am Zaun

    An diesem warmen Wochenende rückt auch Annemarie von gegenüber dem Unkraut in den Beeten zu Leibe. „Den Garten jetzt mehr oder weniger allein zu unterhalten, ist schon sehr zeitaufwendig und mühsam“, räumt die verwitwete Gartenfreundin bei einem Schwätzchen am Zaun ein. Aufgeben kommt für sie aber nicht infrage – noch nicht. „Wer hier seit Jahrzehnten zu Hause ist, der trennt sich nicht so schnell von seinem Paradies“, sagt Poppe. Er gibt aber zu bedenken, dass vernachlässigte Gärten bei einem Pächterwechsel schlechter bewertet werden. „Pächterwechsel“, das gehört zu Lipps Aufgabenbereich im Stadtverband. 50 gab?s letztes Jahr, „Angebot und Nachfrage sind derzeit ziemlich ausgeglichen“.

    Zum Ende der Saison schaut sich eine unabhängige Kommission den Garten an – mal ist er abenteuerlich unkonventionell, mal traditionell mit schnurgeraden Waschbetonwegen angelegt –, bewertet jeden Strauch, jeden Baum, die Laube und kommt so üblicherweise auf eine Ablösesumme von null bis maximal 4000 Euro. Gartenhäuschen – zumindest am Wasserturm von schlichter Hütte bis zum Objekt kaum eingedämmter Bau- und Bastelfantasie – schlagen da gar nicht stark zu Buche, „hier kommt nur der Zeitwert zum Tragen“. Über die Ausstattung verhandeln Alt- und Neupächter miteinander.

    Poppes Laube zum Beispiel ist dank Gaskühlschrank, Gasflaschen und Solarpanel auf dem Dach durchaus tauglich für einen Wochenend- oder Kurzurlaub: Kühlschrank, Herd, Sitzecke, um die Ecke im Geräteschuppen ein Camping-WC. „Bei uns liegt der Fokus auf Erholung“, sagt Poppe und deutet stolz auf den lauschigen Freisitz, den kleinen Zierteich, die teils gewundenen Wege, auf Beete und Blumenflächen, in die viel Geld investiert wurde. Erholung, die hat er schon während seiner Berufstätigkeit hier immer gefunden: „Wenn ich abends vom Dienst kam und hier das Türchen der Anlage hinter mir verschlossen habe, dann blieb der Alltag draußen.“ Mythos Schrebergarten? Für den, der Natur und Erholung zu überschaubaren Kosten sucht, ist er hier in der Kleingartenkolonie am Wasserturm Realität.

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