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    WÜRZBURG

    Hochzeits-Fieber: Einmal Prinzessin ganz in Weiß

    Heiraten im großen Stil: Krönchen, Glitzer und Nobelkutsche – Tanja Nöth wollte immer eine opulente Hochzeit. Zwei Jahre hat sie geplant und ist mehr als einmal verzweifelt. Vom Kleiderkauf über Blumenplanung bis zum Jawort haben wir sie begleitet.
    Endlich verheiratet: Nach rund zwei Jahren Planung haben sich Tanja und Michael Nöth in der Hofkirche der Würzburger Residenz das Ja-Wort gegeben. Foto: Sara Sophie Schmitt

    Stolz reißt sie den Arm in die Höhe. Ein bisschen wie ein Boxer, der gerade zum Sieger erklärt wird. Glücklich blickt sie sich um. Sie schaut in die Menge, die sie bejubelt, lächelt in die Kameras, genießt das Rampenlicht. Doch Tanja Nöth ist keine Boxerin, die gerade den entscheidenden Kampf gewonnen hat. Auch wenn ihr die letzten Tage, Wochen und Monate möglicherweise ähnlich viel abverlangt haben.

    Tanja ist eine glückliche Braut. Vor wenigen Minuten haben sie und ihr jetziger Mann Michael sich in der Hofkirche der Würzburger Residenz das Jawort gegeben. Für die beiden ein perfekter Moment. Ein Moment, der lange geplant war. Denn eines war der amtierenden Faschingsprinzessin vom Ochsenfurter-Carnevals-Club OCC (Lkr. Würzburg) klar: Schlicht wird ihre Hochzeit nicht werden. Die 29-Jährige will standesgemäß heiraten, eine richtige Prinzessinnenhochzeit mit Krönchen und Glitzer, mit Tüll und Nobelkutsche und mit einem großen Fest.

    Der Organisationsmarathon beginnt

    Vor knapp zwei Jahren beginnt die 29-jährige Zahnarzthelferin aus Acholshausen (Lkr. Würzburg), sich nach einer passenden Location für das große Fest umzuschauen. Eigentlich ist ihre Hochzeit schon für Oktober 2016 geplant, doch der Gasthof in Baldersheim, in dem sie feiern will, ist schon ausgebucht. Der nächste freie Termin: 8. April 2017. Damit steht der Hochzeitstag fest – und der Organisationsmarathon beginnt. Veranstalten wir einen Polterabend? Wen laden wir ein? Was gibt es für eine Torte? Überhaupt, was wird den Gästen serviert? Wie dekorieren wir? Engagieren wir einen Weddingplaner?

    Fragen, die sich viele Brautleute stellen. 400 000 Paare haben nach aktuellen Zahlen des statistischen Bundesamtes im Jahr 2015 den Bund der Ehe geschlossen. Das ist eine Steigerung um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie das perfekte Fest auszusehen hat, wird schließlich beinahe täglich in Fernsehsendungen gezeigt. Von der Wahl des perfekten Hochzeitskleids über Spiele, bis zum idealen Menüplan – alles wird quotenfreundlich inszeniert und gilt so manchem Paar als Leitfaden.

    Ein Event der Superlative

    Die Hochzeit ist für viele längst kein Familienfest mehr, sie ist ein Event der Superlative. Je größer die Inszenierung, desto größer die Liebe, scheint das Motto. Die Paare wollen mit ihrem Fest beweisen, dass es wirklich für immer ist – allen Scheidungsstatistiken zum Trotz. Daher wird nichts dem Zufall überlassen. Das Geschäft mit dem Heiraten boomt. Brautausstatter, Floristen, Konditoren, Musiker, Fotografen, sie alle sind Teil dieses gewinnträchtigen Marktes. Einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Toluna zufolge ist mehr als jeder Dritte bereit, mehr als 5000 Euro für das Fest auszugeben. Seit etwa zehn Jahren bietet sogar die Industrie- und Handelskammer (IHK) entsprechende Fortbildungen zum Eventmanager-Hochzeit.

    "Hochzeit ist ihr Ding"

    Auch Tanja will sie, die perfekte Hochzeit. Fragt man sie, was das bedeutet, fallen ihr tausend Dinge ein. „Viele Gäste, ein leckeres Festessen, ein schönes Kleid, ein Tag, an dem es nur um mich geht – und ein bisschen um den Bräutigam“, sagt sie und lacht. Ihr Michael hat nichts dagegen. „Hochzeit ist ihr Ding. Ich bin dabei, mir macht das nix“, sagt der 32-Jährige in fränkischer Euphorie. Er hält sich weitgehend aus den Planungen für das gemeinsame Fest raus – einzig die Auswahl des Essens und des Hochzeitautos sind Männersache. Sonst lässt Michael seine Tanja mal machen.

    Und sie macht. Sie verabredet Termine beim Standesamt, kümmert sich um die notwendigen Dokumente, vereinbart ein Treffen mit dem Pfarrer von Acholdshausen, der seine Zustimmung zur kirchlichen Trauung geben muss, obgleich er das Paar selbst nicht traut. Romantik? Fehlanzeige. Heiraten bedeutet eben auch viel Bürokratie. „Ich war schon immer wieder genervt von solchen Dingen, aber die Lust am Heiraten hat mir das nicht genommen“, sagt Tanja.

    Das perfekte Kleid

    Schließlich gibt es auch noch die Dinge, die sie gerne in Angriff nimmt. Etwa den Kauf des Brautkleides. Ganz spontan geht sie in einem Ochsenfurter Brautladen vorbei. Ohne Freunde, Eltern oder Trauzeugen. Ohne dass ihr jemand reinredet, probiert sie ein Kleid nach dem nächsten an und dann hat sie es gefunden – ihr Prinzessinnenkleid. Tüll, Spitze, es sitzt perfekt. Theoretisch. Doch das Kleid glitzert zu wenig. Und einen Spitzenbolero möchte Tanja auch noch. Immer wieder lässt sie ihre Robe ändern – hier noch ein paar Pailletten, da noch etwas Spitze. Ein festes Budget hat sie sich dafür nicht gesetzt. Am Brautkleid wird sie nicht sparen, das hat sie von vorneherein gesagt. „Das was es kost, kost?s“, sagt auch ihr zukünftiger Bräutigam. Rund 2500 Euro blättert sie am Ende allein für ihr Outfit hin, für die gesamte Hochzeit sind es am Ende rund 20 000 Euro.

    Die Krone bleibt im Laden

    Knapp ein halbes Jahr nach der ersten Anprobe, im Februar 2017 ist es so weit: Ihr Kleid ist fertig. Gemeinsam mit ihrer Mutter geht Tanja noch einmal in den Brautladen. Als sie mit dem weißen, bodenlangen Glitzerkleid aus der Umkleidekabine kommt, stehen der Mama die Tränen in den Augen. Sie fallen sich in die Arme. Ein Hollywood-Regisseur hätte die Szene nicht besser inszenieren können. Die stolze Mama kann ihre Augen nicht von ihrer Tochter lassen. Auch Tanja ist verzückt. Wieder und wieder dreht sie sich vor dem Spiegel und lächelt. „Darf ich es noch ein bisschen anlassen“, fragt sie die Verkäuferin. Sie darf. Schließlich muss die endgültige Länge noch festgelegt werden. Und während der Saum abgesteckt wird und Tanja sich im Spiegel begutachtet, fällt ihr ein, was sie noch alles braucht. Ein blaues Strumpfband natürlich. Und Schmuck. Dieses glitzernde Krönchen mit den kleinen Glaskristallen, das in einer Schatulle in dem Brautladen ausliegt, möchte sie nur mal kurz anprobieren. Eigentlich hat sie ja bereits eine Krone, aber diese hier gefällt ihr viel besser. Sie ist hin- und hergerissen. Noch siegt die Vernunft, die Krone bleibt im Laden – schweren Herzens.

    Welche Blumen passen am besten?

    Irgendwann muss sie das Kleid doch ausziehen. Sie macht mit den Verkäuferinnen noch einen Termin zur finalen Anprobe wenige Wochen vor der Hochzeit aus, dann geht es weiter. Der nächste Termin steht auf dem Plan: die Blumen. Mit ihrer Mutter fährt Tanja zu einem Floristen. Die 29-Jährige möchte es nicht zu pompös, sagt sie. Schlicht wird es aber definitiv auch nicht. Große, silberfarbene, mit Blüten verzierten Kerzenständer werden am Hochzeitstag den Saal der Feier zum Strahlen bringen. Rosafarbene Blumen werden in goldfarbenen, glitzernden Vasen auf den weiß eingedeckten Tischen drapiert. Prinzessin eben, da darf es etwas mehr sein.

    Auch beim Brautstrauß. Denn den will Tanja auf jeden Fall. „Auch einen zweiten zum Werfen?“, fragt die Verkäuferin. Kurz überlegt die zukünftige Braut: „Ja, das gehört dazu.“ Im Nu hat sie noch ein farblich passendes Anstecksträußchen für ihren Gatten, kleine Anstecksträußchen für seine beiden Trauzeugen und Blumenarmbänder für ihre beiden Trauzeuginnen geordert. Alle in Rosatönen, passend zur Deko – und natürlich zum Gürtel an ihrem Brautkleid.

    Noch immer eine lange Liste

    Die Zeit bis zum großen Tag rast. Noch sechs Wochen. In dieser Zeit muss sich das Paar für das Menü entscheiden. Auch die Musik für die Kirche muss ausgewählt werden. Die Trauung muss geplant, der Hochzeitstanz geübt werden. Die Liste wird lang und länger.

    Tanja hat wohlweislich in der Woche vor ihrer Hochzeit freigenommen. „Ich trinke die ganze Zeit Baldriantee“, erzählt sie lachend – und klingt nervös. Seit über zwei Jahren fiebert sie auf diesen Tag hin, jetzt steht er so kurz bevor. Michael versucht, ihr in diesen Tagen aus dem Weg zu gehen.

    Immer wieder geraten die beiden aneinander. „Eine Hochzeit zu planen ist Stress pur, da kracht es auch mal – zumindest bei uns“, sagt Tanja.

    Der große Tag ist gekommen

    Dann ist er da, der große Tag. Ausschlafen ist nicht drin. Um halb acht morgens sitzt Tanja im Jogginganzug bei ihrem Frisör in Ochsenfurt. In den vergangenen Wochen haben ihr die Frisörinnen immer wieder Hochsteckfrisuren gesteckt, damit an diesem Tag alles perfekt wird. Still hockt Tanja vor dem großen Spiegel und lässt an sich herumzupfen. Ihr hat es vor Anspannung die Sprache verschlagen. Die Nervosität scheint mit jeder Locke, die die Frisörin feststeckt, zu wachsen.

    Noch einmal sprüht die Frisörin mit Haarspray alles fest, dann geht es ans Schminken. Das macht die Braut an diesem Tag selbst. „Mir kann es sowieso keiner recht machen und außerdem entspanne ich dabei“, erklärt die 29-Jährige, die nebenher als Kosmetikberaterin arbeitet. Eine Mischung aus Schweiß, Haarspray und süßlichem Parfüm wabert durch die Luft des kleinen Hinterzimmers, in das sich die Braut zurückzieht. An einem Haken an der Wand hängt das Brautkleid, das beinahe den ganzen Raum einnimmt. Auf dem Schminktisch stapeln sich Pinsel und Puderdöschen. Eine Schicht nach der nächsten trägt Tanja auf ihr Prinzessinnen-Gesicht auf. Und tatsächlich, mit jedem Pinselstrich wird sie gelassener. Ihre beiden Trauzeuginnen kommen dazu.

    Die Verwandlung zur Prinzessin

    Während sie sich schminken, lässt sich Tanja in das Brautkleid helfen. Die Verkäuferinnen aus dem Brautmodeladen achten darauf, dass alles richtig sitzt. Tüllschicht für Tüllschicht wird Tanja zur Braut.

    Plötzlich muss es schnell gehen, der Fotograf wartet. Vor der kirchlichen Trauung steht bereits der Fototermin für das Brautpaar auf dem Tagesplan. Ein letztes Mal zieht Tanja Lippenstift nach. Ein letztes Mal überprüft die Frisörin Locken und Krönchen – es ist doch das mit den Glitzersteinchen geworden. Dann hastet Tanja im Brautkleid aus dem Salon und zwängt sich in das Auto der Freundin. Zum Glück hat sie einen Kombi.

    Sekt zum Lockerwerden

    Beim Fotoshooting wird Michael seine Braut zum ersten Mal in voller Montur sehen. Tanja ist nervös. Was wird er wohl zu seiner Prinzessin sagen? „Ich bin nicht so für Kleider, aber für ein Kleid hat sie sich ein schönes ausgesucht“, sagt er, wenig leidenschaftlich. Michael ist kein Freund von all dem Prunk und Pomp. Tanja nimmt ihm das nicht krumm. „Ich kenne ihn ja“, sagt sie und und gönnt sich einen Sekt. „Zum Lockerwerden.“

    Die nächsten zwei Stunden lächelt sie, wirft sich in Pose, beauftragt ihre Trauzeuginnen, das Brautkleid zu drapieren – und stößt mit ihrem Mann und den Trauzeugen an. Immer wieder lächeln, immer wieder posieren, immer wieder drapieren. Tanja liegt diese Rolle – und sie liebt sie.

    Der Aschenputtel-Moment

    Sechs Stunden, nachdem die Frisörin begonnen hat, die 29-jährige Acholshausenerin im Jogginganzug in eine Prinzessin zu verwandeln, erlebt Tanja ihren ganz persönlichen Aschenputtel-Moment. Im schwarzen Rolls Royce fährt sie vor der Hofkirche an der Würzburger Residenz vor. Versteckt hinter dunklen Scheiben. Erst als sich die Tür öffnet, können die rund 85 Hochzeitsgäste einen Blick auf die Braut werfen. Tanjas Trauzeugin eilt herbei, hilft ihr zunächst in die hohen Schuhe und dann mit all dem Tüll aus dem Auto.

    Die ersten Klänge von Céline Dions Schnulze „The Power of Love“ klingen durch die prunkvolle Hofkirche als Tanja an der Seite ihres Vaters zum Altar schreitet. Er wird sie ganz traditionell ihrem zukünftigen Mann übergeben, auch das gehört für Tanja zu einer richtigen Prinzessinnenhochzeit. Ergriffen sitzt sie neben ihrem Michael auf dem roten, goldverzierten, samtüberzogenen Bänkchen vor dem Altar.

    Die prächtig verzierte Kirche, all ihre Freunde und Verwandten, die hinter ihr sitzen, der Pfarrer, der von ihrer gemeinsamen Geschichte berichtet – genauso hat sich die Braut diesen Moment vorgestellt. Als sich die zwei ihre Ringe anstecken, grinst die Braut glücklich dem Publikum zu.
     

    Es ist geschafft

    Nach 45 Minuten ist es vorbei. Tanja und Michael sind verheiratet. Obgleich sie sich bereits am Vortag standesamtlich das Jawort gegeben haben, ist dieser Tag für das Paar der eigentliche Hochzeitstag. Hand in Hand schreiten sie aus der Hofkirche. Lächelnd treten sie in den Innenhof, wo sie von Freunden und Verwandten erwartetet werden. Dann reißt Tanja die Hand hoch, mit der sie die ihres Ehemannes fest umschließt und lächelt glücklich in die applaudierende Menge. Es ist ihr Tag, ihr Prinzessinen-Tag.

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