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    BERLIN

    Wenn das Home Office krank macht

    KINA - Wenn Eltern von zu Hause arbeiten
    Aufstehen, Anziehen, Laptop an: Der Weg ins Home Office ist kurz. Immer mehr Arbeitnehmer machen zumindest tageweise ihre Wohnung zum Büro. Foto: Daniel Naupold, dpa

    Keine anstrengende Pendelei mehr, keine nervigen Kollegen, die Arbeit einfach zu Hause am Laptop erledigen – wenn die Sonne scheint, sogar auf dem Balkon. Jogginganzug statt Schlips und Kragen, freie Zeiteinteilung. Zwischendrin mal eben den Nachwuchs aus dem Kindergarten abholen und mit der Familie zu Mittag essen – davon träumen viele Arbeitnehmer. Und als Folge des digitalen Fortschritts wird der Wunsch nach mehr Flexibilität im Beruf immer häufiger zur Realität. Doch oft folgen auf die anfängliche Freude Ernüchterung und Frust.

    Wie das Wissenschaftliche Institut der AOK festgestellt hat, kann das Phänomen Home Office krank und unglücklich machen. Das Thema betrifft immer mehr Menschen. Zwar werden demnach lediglich rund sieben Prozent der Arbeitsstunden in diesem Jahr zu Hause absolviert. Rund 40 Prozent der Unternehmen aber ermöglichen es ihren Beschäftigten inzwischen, von zu Hause zu arbeiten. Manche arbeiten nur gelegentlich in den eigenen vier Wänden, andere dauerhaft. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten mit Home Office schätzen daran, dass sie mehr Arbeit bewältigen können, drei Viertel sagen, dass sie konzentrierter arbeiten.

    Der Trend birgt große Risiken, so die Studie. Das Home Office gefährdet die Gesundheit stärker als ein regulärer Arbeitsplatz, lautet der zentrale Befund. Wie die AOK darlegt, leiden Menschen, die viel von zu Hause aus arbeiten, deutlich häufiger unter psychischen Problemen. Sie sind erschöpfter, frustrierter, unausgeglichener, können sich schlechter konzentrieren und leiden öfter unter Schlafstörungen. Rund 70 Prozent der Home-Office-Beschäftigten klagen etwa über Wut und Verärgerung. Bei den klassischen Büroarbeitern sind es nicht einmal 60 Prozent.

    Zeit zum Abschalten schrumpft

    Helmut Schröder, Mitautor der Studie, sieht den Grund darin, dass sich bei der Tätigkeit von zu Hause „die Trennung zwischen Privat- und Berufssphäre stärker auflöst“. Dienstliche Probleme würden „gedanklich weiterbearbeitet, wenn man zu Hause ist, weil dort die Arbeit jederzeit wieder aufgenommen werden könnte.“ Die durch Digitalisierung ermöglichte Flexibilität könne einerseits für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen oder die Pflege kranker Angehöriger ermöglichen. In vielen Fällen sei aber das Gegenteil der Fall.

    Wenn etwa Anrufe und Mails vom Arbeitgeber zu allen Tages- und Nachtzeiten eintreffen, wie viele Heimarbeiter angeben, komme das Privatleben oft zu kurz. So legen die Telearbeiter häufig Arbeitszeit auf den Abend oder das Wochenende. Laut Schröder schrumpfen in vielen Fällen der private Rückzugsraum und die Zeit zum Abschalten. Home-Office-Beschäftigte können nach Feierabend und im Urlaub schlechter abschalten. Dadurch steigen laut der Studie Stress- und Burn-out-Risiko.

    Die durch die Digitalisierung möglich gewordenen neuen Arbeitsmodelle beschäftigen auch die Politik. So strebt die bayerische Landesregierung flexiblere Arbeitszeiten an. Und zwar für alle Beschäftigten. Dazu will Bayern eine Initiative im Bundesrat starten. Ziel, so die Staatsregierung aus CSU und Freien Wählern, sei eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

    Die Pläne sehen vor, die ununterbrochene Pflichtruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Arbeitstagen und die Höchstarbeitszeit von zehn Stunden pro Arbeitstag zu lockern. Viele Beschäftigten wünschten sich dies. Der Gesundheitsschutz solle dadurch aber nicht beeinträchtigt werden. Längere Arbeits- und kürzere Ruhezeiten müssten stets „zeitnah und adäquat“ ausgeglichen werden.

    SPD warnt vor Problemen

    Kritiker aus Politik und Gewerkschaften warnen, dass dadurch die Probleme, die bisher gehäuft bei Home-Office-Beschäftigten vorkommen, in der gesamten Arbeitswelt zunehmen könnten. Die SPD im Bundestag warnt etwa, dass Flexibilisierung nicht zulasten der Beschäftigten gehen dürfe.

    Der unterfränkische SPD-Abgeordnete Bernd Rützel etwa sagt: „Diese Pläne tragen nicht im Geringsten zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei.“ Darüber hinaus gefährden sie seiner Ansicht nach „die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, denn überlange Arbeitszeiten erhöhen das Risiko von Arbeitsunfällen signifikant.“ Auch auf dem Nachhauseweg, so Rützel weiter, steige die Unfallgefahr deutlich an. Flexiblere Arbeitsmodelle müssten an die Tarifbindung gekoppelt sein, fordert der Politiker aus Gemünden (Lkr. Main-Spessart).

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