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    WÜRZBURG

    Linkshänder müssen kreativ sein

    Annemarie Gräbner ist Ergotherapeutin in Würzburg und eine der wenigen Linkshänderberaterinnen in Unterfranken. Zu ihren Patienten zählen Kinder wie Erwachsene, die selbst aus Aschaffenburg, Nürnberg und Baden-Württemberg kommen. Sie alle eint ein Dilemma: Sie können nicht richtig schreiben und leiden sowohl an physischen als auch psychischen Beeinträchtigungen.

    Frage: Sie sind selbst Linkshänderin. Hat man auch Sie, wie viele andere, versucht, auf rechts umzuschulen?

    Annemarie Gräbner: Ja, in der ersten Klasse. Als Kind hatte ich daher enorme Konzentrationsschwierigkeiten, und es entwickelte sich daraus eine Lese-Rechtsschreibschwäche. Erst über meinen ältesten Sohn, der auch Linkshänder ist, bin ich darauf gekommen, dass mit mir etwas nicht stimmt. So bin ich zu dem Thema eigentlich gekommen.

    Was genau haben Sie unternommen?

    Gräbner: Bei meinen Recherchen bin ich vor etwa 17 Jahren auf die Linkshänderberaterin Johanna-Barbara Sattler gestoßen. Die hat mir nicht nur geholfen, wieder meine linke Hand einzusetzen, sie hat mich auch zwei Jahre lang ausgebildet.

    Wieviel Prozent der Bevölkerung sind denn nun eigentlich Linkshänder?

    Gräbner: Heute geht man davon aus, dass 30 bis gar 50 Prozent der Weltbevölkerung Linkshänder sind.

    Das würde dafür sprechen, dass es vererbt wird und nicht, wie bis vor einigen Jahren noch angenommen, eine reine Erziehungsfrage ist.

    Gräbner: Es ist eindeutig vererbt. Die Händigkeit wird zur Zeit der Zeugung festgelegt. Das belegen mittlerweile nicht nur wissenschaftliche Studien, sondern ich kann dies auch in meinem Praxisalltag häufig beobachten. Erst vergangenes Jahr hatte ich ein Geschwisterpaar in Behandlung, von denen der Jüngere Linkshänder war. Der Ältere schrieb zwar auch mit links, war aber eindeutig Rechtshänder.

    Woran erkennen Sie das?

    Gräbner: An der Sitzposition, wie der Stift gehalten wird, wie das Blatt Papier vor einem liegt. Es gibt viele Anhaltspunkte, die Aufschluss über die Händigkeit eines Menschen geben. Benutzt er die falsche Hand zum Schreiben, muss er viel mehr Druck auf den Stift ausüben. Wenn alles richtig läuft, liegt der Stift locker in der Hand und wird aus drei Fingern (Daumen, Zeige- und Mittelfinger) heraus bewegt. Stimmt dies mit der Händigkeit nicht überein, führt man den Stift mehr aus dem Arm oder gar Schultergelenk heraus, wodurch es zu Verspannungen kommen kann.

    Was ist denn der richtige Stift für alle?

    Gräbner: Das ist eindeutig der Füller. Mit dem Kugelschreiber muss man aufgrund der Tintenkugel mehr Druck ausüben, wodurch sich viele die Schrift versauen.

    Und wie genau sehen die Übungen aus, die Sie mit ihren Patienten machen? Lernen die alle erst mal „richtig" schreiben?

    Gräbner: Im Prinzip: ja. Wir alle haben gelernt, dass das Schulheft gerade vor uns liegt. Das ist aber anatomisch völlig falsch. Es muss schräg liegen. Ich beginne aber meistens damit, meinen Patienten so genannte Plopper zum Üben zu geben, wodurch die drei wesentlichen Schreibfinger geübt, koordiniert und trainiert werden. Dann wird mit Papierkügelchen gebastelt und erst später bekommen sie eine Schablone, auf der das Papier schräg liegt und sie schreiben lernen.

    Worin liegt denn die Krux, richtig zu schreiben?

    Gräbner: In Bayern gibt es drei verschiedene Schriften: die vereinfachte Ausgangsschrift (wird am häufigsten gelehrt), die Schulausgangsschrift (20 bis 30 Prozent) und die Grundschrift (sehr selten). In Baden-Württemberg, woher auch Patienten kommen, wird nur die alte lateinische Schrift gelehrt. Diese Schriften unterscheiden sich ganz massiv darin, wie oft man innerhalb eines Wortes mit dem Stift absetzen beziehungsweise durchschreiben kann. Die vereinfachte Ausgangsschrift kommt dem Linkshänder zugute, weil er oft absetzen kann. Die einzelnen Buchstaben haben kaum Anlaufbögen oder Schleifchen wie beispielsweise die Schrift, die französische Schulkinder lernen müssen. Das ist der Horror für Linkshänder.

    Und ein Linkshänder sollte auch niemals neben einem Rechtshänder sitzen, weil sie ständig mit dem Ellbogen anstoßen. Achten Lehrer darauf eigentlich?

    Gräbner: Leider nur sehr selten. Ohnehin sind Erzieher und Lehrer eine schwierige Klientel. In Fachbüchern für Erzieher steht immer noch, dass sich Rechtshänder leichter tun. Deshalb werden Kindergartenkinder immer noch umgeschult. Und in meinen Gastseminaren an der pädagogischen Hochschule sehe ich viele angehende Lehrer, die den Stift mit der ganzen Hand umklammern. Wie sollen die Kindern das Schreiben beibringen?

    Apropos Hochschule: Dort stehen immer noch die typischen Stuhl-Tischkombinationen, die meistens auf Rechtshänder ausgelegt sind. Gibt es die überhaupt für Linkshänder?

    Gräbner: Aber sicher. Oftmals sind sie nur nicht im Hörsaal vorhanden. Wenn aber ein linkshändiger Student seine Klausur deshalb versemmelt, kann er dagegen klagen. Das ist sein Recht auf Gleichbehandlung.

    Isaac Newton, Napoleon sowie fünf von sieben US-Präsidenten seit 1974, darunter auch Barack Obama, waren beziehungsweise sind Linkshänder. Sind diese intelligenter als Rechtshänder?

    Gräbner: Nein. Aber sie gelten als durchaus kreativ. Denn sie müssen sich unter anderem in einer Welt der Rechtshänder orientieren und auch zurechtfinden. Auch wenn es mittlerweile viele Alltagsgegenstände speziell für Linkshänder gibt.

    Ist unsere Autoindustrie dann nicht besonders Linkshänder-feindlich?

    Gräbner: Na ja, das ist nun einmal so, das ist reine Gewohnheitssache. Damit haben Linkshänder hierzulande am wenigsten Probleme. Womit wir bei Napoleon sind: Robespierre ordnete nach der Französischen Revolution den Rechtsverkehr an. Auch die von Napoleon eroberten Länder stellten auf Rechtsverkehr um.

    Und was macht Linkshändern besonders zu schaffen?

    Gräbner: Neben der elektrischen Brotschneidemaschine ganz sicher die Umschulung auf rechts. Und das heutige Kartenspiel Uno ist ein echtes Ärgernis, denn Linkshänder können die Zahlen überhaupt nicht sehen. Ursprünglich hatte das Spiel in allen vier Ecken die Zahlen und war damit für jeden spielbar. Dann änderte der Spielehersteller das Design. Seitdem ist es nur noch für Rechtshänder geeignet. Zum Glück gibt es aber eine alternative Version.

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